25.08.2017

Interview zu Sex, Tabus, Moral „Das größte Problem ist das Nicht-Reden über Sex“

7 Fakten über Sex, die Sie sicher noch nicht wussten
Mi, 18.07.2018, 12.31 Uhr

7 Sex_Fakten

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Warum ist es oft so schwer, über sexuelle Unsicherheiten zu sprechen? Und weshalb ist es so wichtig, dieses Schweigen zu durchbrechen? Eine Expertin klärt auf.

In der heutigen Gesellschaft ist Wissen häufig eine Frage der richtigen Suche im Internet – bei angewandtem Wissen wird das allerdings schwierig. Vielleicht versteckt sich sexuelle Unsicherheit auch deshalb weiterhin hartnäckig hinter einer Wand aus Schweigen. Dabei ist die eigene Sexualität ein lebenslanger Lernprozess, der nur durch Austausch angeregt werden kann. Wie man seine eigene Sexualität und die des Partners besser verstehen und erkunden kann, erklärt Sexologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning im Interview.

Über Sex wird geschwiegen

bildderfrau.de: Als Sexologin wollen Sie gesellschaftliche Tabus in Sex-Fragen durchbrechen. Was für Tabus sind das?

Ann-Marlene Henning: Ich nenne lieber kein spezielles Tabu, sondern gleich das größte Problem: das "Nicht-Reden über Sex". Damit wird generell alles unter Verschluss gehalten, was besprochen werden sollte. Das hält alle Tabus am Leben.

Warum besteht dieses Schweigen über Sex in einer doch so offen erscheinenden Gesellschaft?

Mal abgesehen von der natürlichen Scham, die ich richtig und wichtig finde, liegt das vor allem an der berühmten alten "Verbotsmoral". Es ist etwas sehr Altes, was uns stoppt, etwas Anerzogenes, das in den meisten Fällen total überzogen ist. In der Kindheit lernen wir, dass wir ausgelacht werden könnten. Diese Erfahrung in Kombination mit der sexuellen Intimität bringt uns zu diesem berühmten Schweigen über Bedürfnisse und Gelüste.

Sexualität ist etwas Intimes, und das ist gut so, darüber soll nicht jeder reden, aber wenn es Probleme gibt oder jemand etwas dazulernen könnte und möchte, wäre Reden einfach besser.

Eine der Hauptthesen Ihrer Ratgeber ist, dass Erregung angeboren ist, gute Sexualität aber nicht. Was verstehen Sie unter guter Sexualität? Und wie erreicht bzw. lernt man diese?

"Gute" Sexualität ist für jeden etwas anderes. Es geht ja nicht nur darum, einfach Geschlechtsverkehr "durchzuführen" oder Kinder zu bekommen. Weil alles erlaubt ist und dem Sex (und der Lust) solch große Bedeutung zugeschrieben wird, will jeder, dass der Akt phänomenal und perfekt wird. Das geht aber nicht immer und erzeugt außerdem sehr viel Druck. Ich sage daher meist: Guter Sex ist, wenn beide etwas Gutes spüren und Spaß hatten! Eine gute Sexualität wiederum erreicht man eher, wenn man das Tempo und die Perfektion rausnimmt und sich mehr dem Spüren zuwendet.

Siehe auch: Kamasutra

Kann man besseren Sex lernen?

Welche Funktionsstörungen behandeln Sie am meisten und woher können diese Barrieren kommen?

Hier ist die typische Liste:

  • keine Lust,
  • Schwierigkeiten damit, einen Orgasmus zu bekommen,
  • zu früh kommen,
  • Schmerzen beim Sex,
  • Erektionsstörungen und jede Menge weitere Paarprobleme.

Ich sage jedoch, dass das keine Barrieren, sondern fehlende körperliche Fähigkeiten sind, die in fast allen Fällen gelernt werden können. In jedem anderen "Fach" gibt es Nachhilfe – oder sollte ich sagen, überhaupt erst eine Einführung ins Thema. Das fehlt beim Sex!

>> Warum tun sich Frauen mit dem Orgasmus so schwer?

Wie versuchen Sie diese sexuellen Unsicherheiten zu durchbrechen?

Der Mensch ist unsicher, wenn er zu wenig weiß. Ich arbeite also mit Unterricht. Ich erkläre Zusammenhänge, bespreche sehr oft die Anatomie und Funktion des Körpers, löse Klischees und Missverständnisse auf. All dies wird mit körperlichen Übungen verbunden, die einen Aha-Effekt auslösen. So bekommen meine Klienten selber die "Werkzeuge" in die Hand, mit denen die Erregung aufgebaut und gesteuert werden kann.

>> 5 Tipps zu Sorgen und Ängsten beim Sex

Meine Bücher klären ebenfalls auf, auch über meine Arbeit mit Klienten. Ich bin der Meinung, dass es vielen Menschen helfen kann, zu lesen, wie es anderen geht. Der Druck lässt nach, wenn man sich nicht mehr so alleine fühlt.

Sie würden sexuelle Aufklärung also als einen lebenslangen Prozess beschreiben?

Genau. In den Wechseljahren zeigt sich deutlich, dass Frauen, die mehr wissen oder dazu lernen, besser mit den Umstellungen umgehen können und mehr Spaß haben.

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