Aktualisiert: 07.07.2021 - 19:24

Schatz, ich hab' doch nur... Micro-Cheating: Wo fängt der Mini-Betrug an, wann wird mehr draus?

"Nur" intime Nachrichten schicken – ist das schon Betrug? Man könnte es als Micro-Cheating bezeichnen. Was es damit auf sich hat, erklären wir Ihnen.

Foto: Getty Images / Cp 360 lifestyle

"Nur" intime Nachrichten schicken – ist das schon Betrug? Man könnte es als Micro-Cheating bezeichnen. Was es damit auf sich hat, erklären wir Ihnen.

Niemand wird gerne betrogen, so viel steht fest. Aber ein kleines bisschen zu betrügen, eben nicht so richtig – ist das besser? Was es mit Micro-Cheating auf sich hat, was ein Experte dazu sagt.

Was ist Betrug? Wo fängt er an, wo hört er auf? Das zu definieren, ist gar nicht so einfach, denn während es manche schon kaum ertragen, dass die/der PartnerIn noch Kontakt zur/m Ex hat, können andere sogar über einen Seitensprung hinwegsehen. Es ist also eine große Bandbreite. Irgendwo dazwischen liegt Micro-Cheating, das Betrügchen sozusagen. Wo kommt der Begriff her, was genau hat es damit auf sich, was sagt ein Beziehungsexperte dazu? Wir klären Sie auf!

Micro-Cheating: Das wird mit dem Ausdruck umrissen

Die australische Paartherapeutin Melanie Schilling hat den Begriff Micro-Cheating schon vor einiger Zeit ins Gespräche gebracht. Mit dem Mini-Betrug wollte sie allerdings nicht Art und Umfang von Zärtlichkeiten definieren – es soll also nicht bedeuten, dass etwa ein Kuss Micro-Cheating und Geschlechtsverkehr handfester Betrug ist. Gemeint ist damit eher, eine sehr vertraute Enge zu einer Person aufzubauen, die erst einmal nicht unbedingt physische Nähe braucht. Es schließt auch den digitalen Betrug ein, der Berührungen zwar ausschließt, nicht aber Worte, Gedanken – und Fotos.

Im Interview mit Huffington Post erläuterte Melanie Schilling den von ihr geprägten Begriff so: Indizien, die darauf deuten, dass jemand einen physischen oder emotionalen Fokus außerhalb der Beziehung hat. Sie nennt Beispiele: "Wenn Ihr/e PartnerIn private Gespräche oder Online-Chats führt, die er/sie beim Betreten des Raums schnell beendet; wenn er/sie ein Jubiläum oder wichtiges gemeinsames, sehr persönliches Event mit der/m Ex feiert; vielleicht verteilt sie/er Komplimente an andere Personen, die Sie nicht zu hören kriegen; oder es findet ein angebliches Geschäftstreffen statt, das sich als eher privat herausstellt."

Macht es das besser, lässt das einen Betrug harmloser werden? Es ist eine Definitionsfrage. Eine heiße Nacht, die keine Rolle für die Beziehung spielt, kann durchaus weniger dramatische Folgen haben als eine Facebook-Bekanntschaft, die sich zum Flirt ausweitet. Zumal, wenn der Seitensprung nicht gebeichtet wird. Was sinnvoll sein kann, wie Beziehungsexperte Eric Hegmann verrät.

"Nur" Micro-Cheating oder schon mehr: Woran erkennt man das?

Wo beginnt Micro-Cheating und wo die emotionale Affäre? "Es ist individuell, ab wann sich jemand bedroht fühlt, es hängt auch von der Situation und der Paar-Dynamik ab", antwortet Eric Hegmann BILD der FRAU gegenüber. "Stark verallgemeinert lässt es sich immer auf den Selbstwert herunterbrechen: Ist er niedrig, habe ich Angst, ausgetauscht zu werden. Dann kann sich tatsächlich das Kommentieren der Fotos von der Ex auf Instagram für die neue Partnerin wie Betrug anfühlen. Nur ist Angst kein guter Ratgeber. Hier jetzt in Micro-Cheating sofort den Betrugsversuch zu sehen, wird die Beziehung belasten und möglicherweise den Partner erst recht in die Arme einer anderen Person treiben, weil der sich nicht kontrollieren und überwachen lassen möchte. Es klingt nach Kalenderweisheit, aber nur wer freiwillig bleibt und zurückkommt, ist ein guter Beziehungspartner."

Kann Micro-Cheating Beziehungen gefährden?

"Keine Frage, Untreue ist ein Beziehungsrisiko", so Eric Hegmann. "Aus der Beratung weiß ich, dass es nicht die einmaligen Seitensprünge sind, die Beziehungen zerbrechen lassen, es sind die über einen längeren Zeitraum geführten Affären, denn die gehen mit Vertrauensverlust, Betrug und Lügen einher. Vor diesem Hintergrund fällt es mir schwer, Micro-Cheating nicht vor allem als ein Zeichen von Verlustangst zu bewerten."

Doch das Techteln im Kleinen, ob digital oder echt, kann eben der Anfang von mehr sein. Eric Hegmann: "Ich sehe durchaus die Gefahr, dass jede exklusive Beziehung außerhalb der Partnerschaft ein Risiko darstellt: die Kollegin, mit der er sich über Themen unterhalten kann, die zu Hause mit der Partnerin tabu sind; die Ex, mit der er weiterhin einmal die Woche joggen geht, weil die neue Partnerin diesen Sport nicht teilt ... Aus solchen Außenbeziehungen werden oft Affären. Micro-Cheating kann die Beziehung gefährden, aber vor allem dann, wenn bereits Kontrollversuche und Misstrauen durch einen Partner mit großer Verlustangst bestehen."

Der Glaube an Micro-Cheating schürt Angst und Eifersucht und schmälert das Vertrauen

Doch wie sollen Betroffene reagieren, die die Beziehung durch die Umtriebigkeit der/s Partnerin/Partners am digitalen Gerät gefährdet sehen? "Ich denke, man sollte sehr wohl kommunizieren, wenn man sich bedroht fühlt durch Verhaltensweisen des Partners", rät Eric Hegmann. "'Du spielst schon sehr viel auf Tinder', das darf man natürlich sagen. Die Erwartungshaltung, dass der Partner dann sofort die App löscht und stattdessen einmal wöchentlich Date Night in den Kalender einträgt, reicht jedoch zu weit, Eifersucht und Misstrauen führen in eine Abwärtsspirale."

Was also ist die Alternative? Welche Beziehungstipps kann der Experte geben? "Besser ist, an der eigenen Beziehung zu arbeiten, mehr Zeit miteinander zu verbringen, sich deutlicher wahrnehmen, einander zeigen, wie man sich nicht für selbstverständlich nimmt, den Partner loben, Dankbarkeit entwickeln – das sind die Mittel, die gegen Untreue funktionieren."

➔ Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann finden Sie hier, und hier geht's zur Modern Love School. Dort finden Sie auch passende Online-Kurse zum hier besprochenen Thema.

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