Aktualisiert: 20.06.2021 - 22:05

Wie ist das mit der beruflichen Liebe? Aus dem Leben von Sexarbeiterinnen: "Schuld am Stigma ist die Doppelmoral der Menschen"

Aus dem Leben von Sexarbeiterinnen: Hier reden einige über ihren Job, dessen Stigmatisierung und die Vereinbarkeit mit dem Privatleben.

Foto: Getty Images / adamico70

Aus dem Leben von Sexarbeiterinnen: Hier reden einige über ihren Job, dessen Stigmatisierung und die Vereinbarkeit mit dem Privatleben.

Sex gegen Bezahlung haftet bis heute etwas Schmuddeliges an. Kein Wunder, dass sich Frauen in diesem Job dagegen wehren. Was Sexarbeiterinnen über ihren Job, ihr Privatleben und das ewig anhaftende Stigma sagen.

Mit der käuflichen Liebe ist das so eine Sache: Kaum jemand bekennt sich dazu – und doch boomt das Geschäft mit ihr, und zwar seit Urzeiten. Eine, die in diesem Bereich arbeitet, ist Lady Susan aus Berlin. Sie sagt: "Ich glaube, dass immer noch viele Menschen ein falsches Bild von meiner Arbeit haben. Sexarbeit gilt immer noch als schmutzig und hat den Ruf, dass die Frauen das nicht freiwillig machen." Sehen das andere Frauen aus ihrer Branche auch so? Was Sexarbeiterinnen über ihren Job, dessen Stigmatisierung und Vereinbarkeit mit dem Privatleben denken.

Sexarbeiterinnen über ihre Arbeit und das Ansehen

Das erotische Kleinanzeigenportal Erobella wollte von selbstständigen Sexarbeiterinnen wissen, wie sie berufliche und private Beziehungen vereinbaren, wie sie mit dem Stigma Sexarbeit umgehen und was sie sich für ihre Arbeit wünschen.

Carla (53) aus Hameln pflichtet Kollegin Lady Susan bei, was die Stigmatisierung des Jobs angeht: "Menschen sehen Sexarbeit als etwas Schmutziges." Mitunter sei der Gedanke leider auch gerechtfertigt, fügt sie allerdings hinzu, denn "es gibt viele Milieus, in denen die Rechte der Arbeiterinnen nicht respektiert werden, sie zur Prostitution gezwungen und Tätigkeiten gegen das Gesetz ausgeübt werden." Dabei gebe es doch auch die freiwillige und bewusste Prostitution, "die aber nicht der erste Gedanke ist, wenn man an Sexarbeit denkt."

Genau dieser Punkt ist Lady Susan auch sehr wichtig, nicht alle Sexarbeiterinen in einen Topf zu werfen: "Es ist etwas völlig anderes, wenn jemand auf der Straße arbeitet bzw. arbeiten muss oder diese Arbeit in einem geschützten Rahmen wie z. B. einem Bordell oder einem Dominastudio ausüben kann. Prostituierte sind nicht zwangsläufig Opfer. Sie sind in den meisten Fällen starke, selbstbestimmte Persönlichkeiten."

Die 46-jährige Lily aus Leipzig bringt es auf den Punkt: "Schuld am Stigma ist die Doppelmoral der Menschen. Es ist hinreichend bekannt, dass fast jeder dritte Mann von unserer Tätigkeit und unseren Angeboten profitiert." Erleichterung verschaffen Sexarbeiterinnen ihnen, "aber zugeben will es keiner. Niemand steht für uns ein, obwohl die Prostituion das älteste Gewerbe der Welt ist."

Mehr Aufklärung wünscht sich Melanie (50) aus Hannover, was ihre Arbeit angeht. Denn die sei mangelhaft: "Das liegt auch daran, dass Sexarbeiterinnen in der Öffentlichkeit unsichtbar sind. Aus diesem Grund haben Menschen keinen Zugang zu den Frauen und auch nicht zu der Tätigkeit, die sie ausüben."

So ist das mit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

Sich mit dem Beruf zu arrangieren, ist das eine. Ihn mit einer privaten Beziehung in Einklang zu bringen, noch einmal etwas ganz anderes. Ist das wirklich machbar? Carmina (31) aus Düsseldorf sagt dazu: "Der Job und die Liebe, das passt auf jeden Fall zusammen, unter der Bedingung, dass man ehrlich miteinander ist. Wenn ich an jemandem interessiert bin und ihm näher kommen möchte, offenbare ich mich, bevor etwas passiert. Das heißt, ich erzähle von meinem Job und dass es mit mir keine Exklusivität gibt. Das ist mir absolut wichtig und eine Konsequenz aus ein paar negativen Erfahrungen, die ich gemacht habe, in denen mein Lebensmodell im Nachhinein nicht gut aufgefasst worden ist."

Vicky, eine 35 Jahre alte Trans-Frau aus Hamm, sieht es so: "Es ist schwierig, mein Leben als Sexarbeiterin mit einer Beziehung zu vereinbaren, aber nicht unmöglich." Das Problem sei weniger ihr Beruf, sondern die unsteten Arbeitszeiten: "Ich bin sehr viel unterwegs. Manchmal auch mehrere Wochen. Mein Ex-Partner hat meinen Job und alles drum herum immer akzeptiert und mich unterstützt, der Zeitmangel hat unsere Beziehung schlussendlich kaputt gemacht."

Renata (27) aus Dortmund findet den Gedanken hingegen schwierig, eine Liebesbeziehung zu führen und gleichzeitig im Job zu bleiben: "Denn ich würde auch einem Partner lieber nichts über mein Berufsleben erzählen." Seit sie in der Branche arbeitet, sagt sie, ist sie keine Beziehung mehr eingegangen: " Meiner Meinung nach sind dieser Job und die große Liebe einfach nicht vereinbar. Entweder man arbeitet als Sexworkerin oder man führt man eine feste Beziehung mit jemandem. Beides zusammen kann nicht existieren." Und wie soll es dann weitergehen? "Ich hoffe, dass ich in der Zukunft einen Mann kennenlernen werde, den ich so sehr liebe, dass ich meinen Job an den Nagel hängen kann. Ich würde gerne irgendwann heiraten, aber erst einmal konzentriere ich mich auf meinen Job," so die 27-Jährige.

... und so mit dem Umgang Freunden und Familie gegenüber

Vicky will offen mit ihrem Job umgehen, was eine Partnerschaft angeht: "Wenn ich jemanden ernsthaft kennenlerne, dann erzähle ich direkt, womit ich mein Geld verdiene. Ich will keine Lügen und Geheimnisse in einer Beziehung. Dann ist die Chance ungefähr 50/50." Während manche Männer ihren Job nämlich überhaupt nicht akzeptieren, erzählt sie, würden andere sagen, dass sie damit klar kommen.

Ähnlich sieht das Carmina, allerdings mit Einschränkungen: "Ich gehe offen mit meiner Arbeit um, aber ich wähle auch sorgfältig aus, wem ich etwas erzähle und wann ich es erzähle. Konservative Verwandte zum Beispiel müssen es nicht unbedingt erfahren. Ich weiß, wie sie darüber denken und dass sie das nicht gutheißen. Die Diskussionen mit ihnen dazu möchte ich mir ersparen."

Doch nicht alle schätzen den offenen Umgang – Renata hütet ihre Sexarbeit wie eine strenges Geheimnis: "Über meinen Job als Sexarbeiterin weiß niemand Bescheid. Ich habe mich entschieden, diesen Teil von mir sehr privat zu halten. Auch Freunde und Familie wissen nichts davon."

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