Aktualisiert: 26.03.2021 - 16:45

Weder eindeutig Junge noch Mädchen? Beschlossen: Keine geschlechtsangleichenden Eingriffe mehr bei Kindern!

Endlich: Im Bundestag wurde ein Gesetz verabschiedet, das geschlechtsangleichende Eingriffe bei Kindern untersagt. Viel zu häufig wurde falsch entschieden, Betroffene dadurch schwer psychisch und physisch geschädigt

Foto: Getty Images / LemonTreeImages

Endlich: Im Bundestag wurde ein Gesetz verabschiedet, das geschlechtsangleichende Eingriffe bei Kindern untersagt. Viel zu häufig wurde falsch entschieden, Betroffene dadurch schwer psychisch und physisch geschädigt

Junge? Mädchen? Nicht immer ist das bei Neugeborenen eindeutig. Bislang wurden intersexuelle Kinder deshalb geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen. Das ist künftig verboten.

Es wurde höchste Zeit: Im Bundestag ist jetzt ein Gesetz verabschiedet worden, das ab sofort geschlechtsangleichende Operationen bei Kindern verbietet. Denn nicht immer ist es möglich, den Nachwuchs der binären Geschlechteraufteilung männlich oder weiblich zuzuordnen. Bislang wurde das häufig operativ geregelt – was für Betroffene oft schreckliche Folgen hat, wenn Eltern oder Ärzt*innen sich für das falsche Geschlecht entschieden hatten.

Bundestag: Geschlechtsangleichende Operationen bei Kindern verboten

Die Abgeordneten des Bundestages haben nun also ein Gesetz beschlossen, das es Eltern künftig verbietet, an intersexuellen Kindern geschlechtsangleichende Operationen vornehmen zu lassen. Ausnahmen sollen nur dann erlaubt sein, wenn "der Eingriff medizinisch nicht aufschiebbar ist und von einer interdisziplinären Kommission befürwortet wird", heißt es.

Was heißt das eigentlich genau, wenn Kinder intersexuell oder intergeschlechtlich sind? Kinder werden nach der Geburt anhand ihrer Genitalien einem Geschlecht zugeordnet. Manchmal ist das aber eben nicht so eindeutig. Möglichkeiten gibt es viele: So können äußere Geschlechtsmerkmale wie Penis oder Vulva verkümmert oder sogar beide vorhanden, Hoden äußerlich nicht sichtbar im Bauchraum sein. Äußere Geschlechtsorgane können auch weiblich erscheinen, aber Gebärmutter und Eileiter fehlen.

Nach Schätzungen von Selbsthilfeverbänden leben 160.000 solcher Menschen zwischen den Geschlechtern, die auch als Zwitter oder Hermaphroditen bezeichnet werden, in Deutschland – es sind vorsichtige Schätzungen, denn viele Betroffene wissen nicht einmal von ihrem Schicksal.

Zwangsoperationen und ihre schwerwiegenden Folgen

Früher wurde auch bei uneindeutiger Lage direkt nach der Geburt ein Geschlecht festgelegt, das man in Form einer Operation und häufig durch die Einnahme von Hormonen untermauerte. Stellte sich das im Laufe der Jahre als "falsch" heraus, etwa weil einem Jungen in der Pubertät plötzlich Brüste wuchsen oder ein Mädchen in den Stimmbruch kam, hatte das für die betroffenen Kinder schwere psychische Probleme zur Folge: Viele haben mit Traumatisierung oder Depressionen ein Leben lang zu kämpfen haben. Auch physische Schwierigkeiten beim Sex oder Urinieren können hinzukommen – ganz zu schweigen davon, dass der Kinderwunsch oft nicht realisierbar ist.

Schon 2012 hatte der Deutsche Ethikrat im Auftrag der Bundesregierung eine Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen in Deutschland veröffentlicht, in der solche unumkehrbaren medizinischen Maßnahmen zur Geschlechtszuweisung als "Eingriff[e] in das Recht auf körperliche Unversehrtheit, [die] Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität und das Recht auf eine offene Zukunft und oft auch […] auf Fortpflanzungsfreiheit" gewertet wurden.

Das falsche Geschlecht zugewiesen bekommen: drei Schicksale

Lucie Veith wuchs als Mädchen auf und erfuhr erst mit 23 Jahren, dass sie intersexuell ist. Da war sie schon verheiratet: "Man hat mir gesagt, ich hätte das falsche Geschlecht, ich wäre eigentlich ein Mann. Ich hätte Hoden, die aber im Inneren meines Körpers lägen", sagt sie im Interview mit dem Magazin Emma. Die Hoden wurden ihr daraufhin entfernt, was zur Folge hatte, dass Lucie Veith wegen des plötzlich fehlenden Testosterons Östrogene zu sich nehmen musste – die bräuchte sie doch jetzt als Frau, wurde ihr gesagt. "Damit wurde aber mein ganzer Fett- und Zuckerstoffwechsel gestört. Mir ging es immer schlechter. Ich wurde immer dicker, ich bekam eine Depression und einen leichten Diabetes, Harnwegsentzündungen, das volle Programm. Dabei haben sie mich nicht über die Folgen der OP und der Hormongaben informiert," erzählt sie. Heute prangert sie an, dass "die Medizin mit ihren 'Behandlungsmethoden' völlig falsch liegt" und fordert seit geraumer Zeit ein gesetzliches Verbot geschlechtsangleichenden OPs bis zum 18. Lebensjahr – wie es jetzt eingetreten ist.

Christian erzählt in einer WDR-Doku von seinem Schicksal: Dass er intersexuell ist, stand nach der Geburt zwar fest. Genetisch eher ein Mann, mit einem unterentwickelten Penis und Hoden im Bauchraum. Dennoch wird den Eltern zu einer "angleichenden OP" geraten, der Penis entfernt und eine Vulva geformt. So lebte Christian als Mädchen in einem ihm fremden Körper, wie er sagt. Irgendwann weiß er, dass er lieber ein Mann sein will. In der Doku sagt er: "Ich hätte sehr gern eine richtige Familie, mit Kindern und Enkeln. Das geht aber alles nicht, wegen der OP damals. Mich macht wütend, dass man mir das Leben so versaut hat." Er dürfte das neue Gesetz begrüßen, das seinen Ansatz unterstreicht, Kinder später selbst entscheiden zu lassen, statt Leid zu erzeugen und Körper unnötig zu verstümmeln.

Ausgrenzung, weil ein Leben zwischen den Geschlechtern in unserer Gesellschaft noch längst nicht akzeptiert wird – das kennt auch Alex Hölzl: Als nichtbinäre Person wurde sie schon "genderverwirrter Idiot" genannt, wie sie BILD der FRAU im Interview erzählt. "Nicht nur mein Geist, auch mein Körper hat sich immer gegen das Leben als Mann gewehrt", sagt sie – zur Welt kam sie mit Attributen beider Geschlechter. "Ich bin eine weibliche Seele, die in einem männlichen Körper zur Welt kam und der man durch Erziehung, Kindergarten, Schule und Pubertät eine Rolle aufzwingen wollte, die ich dauerhaft nicht erfüllen konnte", so Alex Hölzl. Wie sie heute lebt, wie ihr Umfeld damit umgeht, was ihre Familie sagt, lesen Sie im Artikel.

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