Aktualisiert: 13.12.2020 - 22:01

Zerbricht die Beziehung daran? "Ich will ins Ausland": Wenn wichtige Lebensentscheidungen zum Konflikt werden

Er will Karriere machen und viel arbeiten, im Ausland leben oder die Oma einziehen lassen? Wichtige Lebensentscheidungen bergen reichlich Konfliktpotential für Beziehungen. Wie Sie damit umgehen.

Foto: Getty Images/Westend61

Er will Karriere machen und viel arbeiten, im Ausland leben oder die Oma einziehen lassen? Wichtige Lebensentscheidungen bergen reichlich Konfliktpotential für Beziehungen. Wie Sie damit umgehen.

Paare ziehen in der Regel an einem Strang. Doch wenn bei einem Partner wichtige Lebensentscheidungen anstehen, etwa die ehrgeizige Karriereplanung, ein Ortswechsel, der Einzug der Oma, ist ein Konflikt vorprogrammiert. Wie geht man damit am besten um?

Eigentlich waren Ihr Partner und Sie immer einer Meinung, was die großen, wichtigen Dinge im Leben angeht. Doch plötzlich will er Karriere machen und rund um die Uhr arbeiten, möchte woanders leben, womöglich im Ausland, oder die Oma soll einziehen.

"Das habe ich mir anders mit uns vorgestellt": Wenn dieser Satz bei einem Paar fällt, ist es höchste Zeit zu handeln – denn wichtige Lebensentscheidungen bergen reichlich Konfliktpotential und können eine Beziehung, gelinde gesagt, ins Straucheln bringen. Eric Hegmann ist Paarberater und Parship-Coach. In seiner Modern Love School bietet er Online-Kurse rund um Beziehungsthemen und -krisen wie diese hier an. Im Interview mit BILD der FRAU spricht er darüber.

Wichtige Lebensentscheidungen bergen Konfliktpotential – Interview mit einem Beziehungsexperten

BILD der FRAU: Welche gravierenden Veränderungen im Leben eines Paares können denn Angst machen?

Eric Hegmann: Auf jede Beziehung wirken Veränderungen ein, von innen und außen. Ein Partner will auswandern oder nur noch minimalistisch leben und allen Besitz wegwerfen, ein Partner statt Familiengründung noch zehn Jahre Karriere machen, ein Elternteil benötigt Pflege und soll beim Paar einziehen ... Es gibt Lebensentscheidungen, die alles umwerfen.

Und dann stellt sich die Frage, wie Partner nun eine gemeinsame Entscheidung finden, die beide tragen können für viele Jahre, vielleicht sogar für den Rest ihres Lebens.

Stellen Veränderungen dieser Art also oft den Status quo in Frage?

Ja, größere Veränderungswünsche eines Partners führen nahezu immer zu Irritationen in einer Beziehung. "Wo bleibe ich? Bin ich noch wichtig? Was ist mit meinen Bedürfnissen? Liebt er/sie mich überhaupt noch?"

Die Klärung solcher Konflikte wird meist dadurch belastet, dass die Partner einander mit Argumenten überzeugen wollen – dabei spielen oft vor allem emotionale Themen eine Rolle.

Der eigentliche Konflikt ist der Gedanke oder die geheime Überzeugung: "Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann wärst du doch meiner Meinung!" Hier wird die unterschiedliche Haltung als Bedrohung wahrgenommen. Die Situation wirft die Frage auf: "Bin ich mit der richtigen Person zusammen, wenn die so ganz anders entscheiden würde als ich? Müssten wir nicht in diesem Punkt an einem Strang ziehen?"

Stattdessen werden aber mit großem Energieaufwand Argumente ausgetauscht, Studienergebnisse, Expertenmeinungen, Beispiele aus dem sozialen Umfeld herangezogen. Die Partner werten sich in der Folge gegenseitig ab, weil sie nicht einsichtig sind oder die Argumente nicht nachvollziehen können.

Bei Konflikten geht es in erster Linie um Emotionen

Was macht das Reden miteinander in einer solchen Situation so schwierig?

Auch bei kleinen Konflikten stehen oft die Emotionen im Vordergrund. Es ist nie die Zahnpastatube, es sind nie die nicht aufgeräumten Socken. Es ist das, was es mit dem Partner macht, der den Eindruck hat, hinterherputzen zu müssen. Die Frage nach dem Respekt, danach, ob der andere überhaupt wahrnimmt, dass man selbst Wünsche und Bedürfnisse hat und nicht nur gedankenlos oder egoistisch die eigenen Belange über die des anderen stellt.

Beispiel: Ein Partner hat ein Jobangebot im Ausland erhalten. Das würde den bisherigen Plan von Hausbau und Familiengründung erst einmal für einige Jahre auf Eis legen. Das würde Sprachkurse bedeuten, die Aufgabe des Freundeskreises, große Distanz zu anderen Familienmitgliedern, Jobsuche des anderen Partners ... Natürlich ist auch hier die große Frage eine emotionale: "Bleiben wir zusammen oder trennen wir uns nun?" Die Angst vor dem Verlust des Partners beeinflusst selbstverständlich die Art, wie die Diskussion ausgetragen wird, doch weil die Fortführung der Beziehung der eigentlichen Entscheidung nachgelagert scheint, stehen die Argumente vermeintlich zunächst einmal im Vordergrund.

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Bei Lebensentscheidungen geht es um geteilte Träume

Wie können Paare vorgehen, wenn eine wichtige Entscheidung ansteht?

Von Professor John Gottman gibt es eine Intervention, die in einem solchen Konflikt helfen kann: Träume innerhalb eines Konfliktes. Wie der Name bereits sagt, liegt hier der Schwerpunkt darauf, die Träume des Partners besser zu verstehen, die dem Problem zugrunde liegen. Das erfolgt in unterschiedlichen Rollen, dem Traumerzähler und dem Traumfänger (dem Zuhörer).

Schritt 1: Den Traum erzählen

Die Aufgabe des Traumerzählers ist es, ehrlich über seine Gefühle und Überzeugungen hinsichtlich seiner Position zu diesem Thema zu sprechen: herausfinden und erläutern, was die Position bedeutet, welcher Traum ihr zugrunde liegt. Erzählen, woher dieser Traum oder diese Überzeugung kommt und was er/sie symbolisiert. Dabei unbedingt klar und ehrlich sein: Was will man wirklich in dieser Frage? Warum ist das Thema wichtig? Die Position so erläutern, dass der Partner sie versteht.

Dabei soll der Traumerzähler keine (!) Argumente für den Standpunkt vorbringen und nicht versuchen, den Partner vom eigenen Standpunkt zu überzeugen. Er soll einfach erläutern, wie er die Dinge sieht.

Die Aufgabe des Traumfängers ist es, zuzuhören, dem Partner ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Der Traumerzähler soll sich sicher genug fühlen, seine Position in dieser Frage zu erläutern und von seinen Überzeugungen, Träumen oder Geschichten zu erzählen. Deshalb soll der Traumfänger so zuhören, wie ein Freund zuhören würde. Er soll nicht versuchen, das Problem zu lösen. Dafür ist es viel zu früh. Zuerst muss der Gegensatz der Träume beendet, Partner wieder Freunde und die feindlichen Positionen aufgegeben werden. Der Traumfänger soll sich bemühen, die Bedeutung des Traums zu verstehen, den er erzählt bekommen hat. Er soll Interesse zeigen.

Schritt 2: Den Traum verstehen

Es geht an dieser Stelle nicht um die Problemlösung. Ziel ist es vielmehr, vom Stillstand zum Dialog überzugehen und die Position des Partners zu verstehen. Dazu stellt der Zuhörer Fragen wie diese:

  • Hast du irgendwelche Grundüberzeugungen, ethische oder sonstige Werte, die für deine Position in dieser Frage eine Rolle spielen?
  • Steckt eine Geschichte dahinter oder gibt es in irgendeiner Weise einen Bezug zu deiner Herkunft oder deinen Kindheitserfahrungen?
  • Sag mir, warum dir das so wichtig ist.
  • Welche Gefühle hast du zu diesem Thema?
  • Was erträumst du dir diesbezüglich?
  • Liegt darin ein tieferer Sinn oder Zweck für dich?
  • Was wünschst du dir?
  • Was brauchst du?
  • Gibt es eine Angst oder Katastrophenvorstellungen, wenn sich dieser Traum nicht erfüllt?

Als Erleichterung für die Beantwortung durch den Traumerzähler haben sich folgende Beispielträume erwiesen:

Mir geht es bei der Erfüllung dieses Traums um

  • ... mein Gefühl von Freiheit
  • ... meine Erfahrung von Frieden
  • ... Einheit mit der Natur
  • ... Erkunden meines eigenen Ichs
  • ... Versöhnung mit meiner Vergangenheit
  • ... Heilung alter Wunden
  • ... alles zu werden, was ich sein kann
  • ... ein Machtgefühl zu erleben
  • ... meinen Umgang mit dem Altern und meiner Sterblichkeit
  • ... meine kreative Seite
  • ... stärker zu werden
  • ... ein neues Kapitel meines Lebens zu beginnen
  • ... ein altes Kapitel meines Lebens abzuschließen

Schritt 3: Die Verhandlung

Haben Partnerin und Partner, am besten nacheinander mit vertauschten Rollen, ihre Träume in den oben genannten Schritten erläutert, geht es anschließend um die Verhandlung. Die sollte nach diesem Austausch erheblich leichter fallen. Wichtig ist, dabei immer an diese beiden Aspekte zu denken:

Es geht nicht darum, zu gewinnen und die Beziehung so zu beeinflussen, dass der Traum des Partners zerstört wird. Beide sollten die Träume des anderen unterstützen. Können sie kombiniert werden: umso besser.

Verhandeln Sie miteinander wie Partner, die sich lieben. Bleiben Sie bei allen Unterschieden Partner, die gemeinsam eine Lösung finden wollen – werden Sie nicht zu Gegnern! (Quelle: Gottman Institute)

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Beziehungsprobleme lösen
Beziehungsprobleme lösen

Sich nicht immer einig zu sein, ist ganz normal und auch wünschenswert. Aber wenn Partner unterschiedlicher Meinung in Sachen Pandemie sind, kann bei einem Beziehungsstreit aus der Corona-Krise ganz schnell eine Paar-Krise werden. Dabei geht es selten um die Sache an sich...

Das Coronavirus zwingt Partnerschaften in die "Paarantäne": Was die Pandemie mit Beziehungen macht, erläutert unser Beziehungsexperte.

Bleiben Paare auch unabhängig von der Corona-Krise zusammen oder nicht? Gute Frage – doch die Dauer einer Beziehung lässt sich tatsächlich voraussagen. Zumindest ein gutes Stück weit, heißt es in einer Studie.

Eine Studie hat außerdem untersucht, worauf es in der Partnerschaft wirklich ankommt. Lesen Sie auch, woran die meisten Beziehungen scheitern.

Weitere interessante Artikel rund um die Partnerschaft finden Sie auf unserer Themenseite Beziehungstipps.

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