05.06.2020 - 14:47

Bereichernd oder bedrohend? In der "Paarantäne": Was Corona mit Beziehungen macht

Was macht die Corona-Krise mit Beziehungen? Wie wirkt sich die "Paarantäne" auf sie aus? Ein Experte über Gefahren und Möglichkeiten der Krise für die Partnerschaft.

Foto: iStock.com/Wavebreakmedia

Was macht die Corona-Krise mit Beziehungen? Wie wirkt sich die "Paarantäne" auf sie aus? Ein Experte über Gefahren und Möglichkeiten der Krise für die Partnerschaft.

Die Liebe in den Zeiten von Corona – was die "Paarantäne" für Beziehungen bedeutet, wie Partner mit der plötzlichen Nähe umgehen, wo Vorsicht geboten ist: Ein Experte erläutert die wichtigsten Fragen.

Das Coronavirus und alle seine Folgen ist für so ziemlich jeden von uns eine Belastungsprobe. Ob Beruf, Freizeit, Familie: Die Einschränkungen haben in nahezu jedem Bereich unseres Alltags Einzug gehalten. Auch für viele Beziehungen ist die "Paarantäne", die die Corona-Krise ihnen notgedrungen verabreicht hat, eine riesige Herausforderung. Denn mit der plötzlichen Rund-um-die-Uhr-Nähe müssen Partner schließlich auch zurechtkommen. Das ist nicht für alle so einfach.

Kein Wunder, dass der Ausnahmezustand einerseits reichlich Konfliktpotenzial birgt – andererseits hat er durchaus das Zeug dazu, Paare enger zusammenwachsen zu lassen. BILD der FRAU hat mit Eric Hegmann über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten für Paare in der Krise gesprochen. Der Paarberater und Parship-Coach ist mit dem Thema vertraut, in seiner Modern Love School bietet er zudem viele Online-Kurse rund um Beziehungsthemen an.

"Paarantäne": Ist Corona für Beziehungen eine Bereicherung oder eine Bedrohung?

Diese Frage verdient eine "sowohl als auch"-Antwort: Einerseits tun sich Menschen als Paar zusammen, weil sie eben auch in den schlechten Zeiten als Team zusammenstehen möchten und sich aufeinander verlassen können wollen. Andererseits haben Paare, die sowieso von offenen Konflikten geplagt werden, den Druck, diese Konflikte zu lösen – und stellen vielleicht fest: die sind nicht lösbar. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit kann ganz klar für eine stärkere Bindung, für mehr Vertrauen sorgen – und sobald diese Krise durchgestanden ist für das gute Gefühl: Wir haben das gemeinsam durchgestanden.

Gleichzeitig reagieren Menschen auf Bedrohungen – und dazu gehört auch ein Konflikt mit dem Partner – evolutionär nur mit drei Verhaltensweisen:

  • Flucht,
  • Schockstarre und
  • Gegenangriff.

Flucht ist nun in der Paarantäne schwerer möglich – das kann dazu führen, dass ein Streit nicht mehr so leicht zu beschwichtigen ist und eskaliert. In Zahlen einer repräsentativen Studie von Parship sagten 52 Prozent der befragten Paare, sie würden ohne Probleme die Krise gemeinsam meistern können, ein Drittel jedoch, davon überwiegend junge Paare, äußerten Zweifel, ob ihre Beziehung die Herausforderung bestehen würde.

Was sind die Stressfaktoren für eine Beziehung in dieser Krise?

Ganz offensichtlich ist es das Aufeinanderhocken ohne oder mit wenigen Rückzugsmöglichkeiten. Immer noch sind die Freizeitmöglichkeiten eingeschränkt, keine Club-Tour mit Freunden, keine Konzerte, wenig Fitnessstudios ... Das macht reizbar. Jetzt stellen Partner fest: Bei allem, was sie verbindet, sind sie dennoch Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu unterschiedlichen Zeiten. Das fällt natürlich weniger auf, wenn beide tagsüber an ihren Arbeitsstätten sind, als wenn beide zu Hause arbeiten oder jeden Abend gemeinsam verbringen.

Ganz wichtig ist das Thema Angst und Sorge. Wenn beide Partner ähnlich, also ähnlich entspannt oder besorgt, auf die Entwicklung schauen, ergänzen sie sich einfach. Ist einer aber ängstlicher als der andere, wird einer möglicherweise den Eindruck gewinnen: "Mein Partner nimmt meine Ängste nicht ernst." Damit wird eine der wichtigsten Fragen in einer Beziehung: "Ist mein Partner für mich da, wenn ich ihn brauche?" mit Nein beantwortet. Das kann für Panik sorgen, denn zusätzlich zur Angst in Bezug auf Corona kommt noch die Angst vor dem Verlust der Bindung hinzu: "Ich bin nicht wichtig für meinen Partner!"

Verstärkt wird dieser Eindruck, wenn die Situation und das Umfeld bereits Sorgen bereiten und Angst machen. Dann ist alles auf Alarmbereitschaft, hört noch genauer hin, weil alle Gedanken den Körper schon auf etwas Schlimmes und Bedrohliches vorbereiten. Und weil Paare und Familien nun auch auf engem Raum zusammen mehr oder minder eingeschlossen sind, Flucht unmöglich erscheint, bleiben nur noch der Gegenangriff und die Starre als Konfliktstrategien, wenn man sich bedroht fühlt.

Das kann sich im Alltag in vielen Anlässen zeigen und entladen: Wenn ein Partner aus dem Haus will, um Freunde zu treffen, und der andere das nicht möchte. Oder einer ohne Maske und Handschuhe zum Einkaufen geht.

So entsteht leicht eine Dynamik, die sich gegenseitig befeuert: Ein Partner fordert, der andere zieht sich immer zurück. Aus diesem Kreislauf gibt es keinen Ausweg, wenn die Partner nicht beide bereit sind, ihn zu durchbrechen – und das heißt, beide müssen ihre Verhaltensweisen ändern. Meist erwartet jedoch immer nur ein Partner, dass der andere sich ändern solle.

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Wovon hängt es ab, ob eine Krise ein Paar eher trennt oder wieder näher zusammenrücken lässt?

Alle Paare – in Studien wie auch in der Paartherapie – klagen, sie würden zu wenig Zeit mit ihrem Partner verbringen können. Nun ist sie da, diese Möglichkeit. Leider nicht freiwillig, das nimmt ihr natürlich viel Freude, aber sie ist da und sie geht auch nicht so schnell weg. Ein wichtiger und hilfreicher Gedanke kann deshalb sein: Ich bin mit meinen Sorgen und mit meiner Angst nicht allein!

So findet man hoffentlich auch im Schrecklichen etwas Gutes: Da ist jemand, an den man sich wenden kann, der einem Halt geben kann, der einen beruhigen kann – oder auch: den man selbst mal beruhigen muss. Ein solcher Perspektivwechsel kann ungemein beruhigen, weil man dann für die andere Seite, die nicht panische Seite, Argumente finden muss und meist dann auch findet.

Liefert die Corona-Krise Gewissheit, ob man mit dem "richtigen" Partner zusammen ist?

Wohl eher, ob man es schafft, richtig mit einer solchen Situation umzugehen. Man kann nie vorhersagen, wie jemand in existentiellen Krisen reagieren wird, wenn man diese nicht erlebt. Früher galt als ultimativer Beziehungstest der Einkauf am Wochenende in einem Möbelhaus. Das wirkt aus heutiger Sicht eher lächerlich.

Ich bin überzeugt: Die meisten Paare müssen nur die richtige Art und Weise finden, füreinander da zu sein in dieser Krise, um festzustellen, dass sie ganz hervorragend zusammenpassen.

Inwiefern wirkt sich die Corona-Krise auf frisch Verliebte aus – im Unterschied zu Langzeitpaaren?

Da kann ich auch nur mutmaßen, denn diese Erfahrung ist ja ganz frisch. Ich kann mir vorstellen, dass frisch Verliebte jetzt schnell emotionale Nähe finden und sie festigen durch das Teilen dieser angstvollen Erfahrung. Extremsituationen lassen Menschen über sich hinauswachsen, das sorgt für eine tiefe Bindung, wenn man das dann gemeinsam überstanden hat.

Langzeitpaare, die vielleicht schon einmal die Erfahrung gemacht haben, dass der Partner nicht für sie da war in einer Notsituation, erleben jetzt hoffentlich, dass ihr Partner nun an ihrer Seite steht – das repariert verlorenes Vertrauen. Aber es kann natürlich auch die Sorge verstärken, wenn der Partner erneut nicht erreichbar ist. Dann kann ich mir vorstellen, dass dies nachhaltig die Beziehung auch bis nach Ende der Krise belasten wird.

Sind ältere Menschen in der Corona-Krise anders im Umgang als jüngere Menschen?

Das scheint mir mehr eine Typfrage zu sein. Es gibt sehr besorgte und sehr engagierte jüngere Menschen ebenso wie sehr leichtsinnige und egoistische. Und auch manche älteren Menschen gehen recht sorglos einkaufen und schützen ihre Partner und sich zu wenig vor dem Coronavirus .

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Beziehungsprobleme lösen
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Bleiben Paare auch unabhängig von der Corona-Krise zusammen oder nicht? Gute Frage – doch die Dauer einer Beziehung lässt sich tatsächlich voraussagen. Zumindest ein gutes Stück weit, heißt es in einer aktuellen Studie.

Was ist der Schlüssel für eine lange, glückliche Beziehung? Die Pillers müssen es wissen: sie sind seit 80 Jahren verheiratet – ihre Liebe zueinander haben sich die beiden über all die Jahre bewahrt. Wie das geht...

Auch Fotograf und Autor Ari Seth Cohen ist dieser Frage nachgegangen – und hat die Antworten vieler in die Jahre gekommenen Paare in einem wunderbaren Bildband gesammelt. Drei stellen wir Ihnen daraus vor.

Eine Studie hat außerdem untersucht, worauf es in der Partnerschaft wirklich ankommt. Lesen Sie auch, woran die meisten Beziehungen scheitern.

Weitere interessante Artikel rund um die Partnerschaft finden Sie auf unserer Themenseite Beziehungstipps.

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