12.09.2018 - 15:27

Aus der Krise wird eine Chance Fremdgehen verzeihen ist möglich

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Die grundsätzliche Bereitschaft das Fremdgehen zu verzeihen sowie viele Gespräche sind notwendig, um wieder Vertrauen fassen zu können und die Beziehung gemeinsam neu zu definieren.

Foto: imago/Westend61

Die grundsätzliche Bereitschaft das Fremdgehen zu verzeihen sowie viele Gespräche sind notwendig, um wieder Vertrauen fassen zu können und die Beziehung gemeinsam neu zu definieren.

Zu erfahren, dass der Partner eine Affäre hat, ist demütigend. Das Fremdgehen zu verzeihen, daran ist im ersten Moment nicht zu denken. Mit etwas Abstand ist es aber möglich.

Fremdgehen zu verzeihen, ist ein Prozess. Der Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clemens ist sich sicher, dass seelische Wunden Selbstheilungspotential haben. Schafft es der betrogene Partner, das Fremdgehen zu verzeihen, kann das für das Paar auch der Anfang von etwas Neuem sein, das der Realität und den Bedürfnissen der Partner besser entspricht.

Fremdgehen verzeihen: Vorwurf – Gegenvorwurf

Schlafstörungen, Albträume, Entwertungsgefühle und Wutausbräuche – für den betrogenen Partner bricht eine Welt zusammen, wenn er erfährt, dass sein Vertrauen missbraucht und der Treueschwur gebrochen wurde. Das Fremdgehen zu verzeihen, ist in diesem Gefühlschaos nicht möglich.

Eine häufige Reaktion auf das Geschehen sind Vorwürfe. Schließlich fühlt sich der Betrogene als Opfer, dem Unrecht getan wurde. Aber auch der untreue Partner versucht unter Umständen geltend zu machen, dass er abgeleht und in fremde Arme getrieben wurde. Vorwurf auf Gegenvorwurf wechseln sich ab.

Ulrich Clement: "Wie berechtigt die Vorwürfe auch sein mögen – wenn sich ein Partner auf Vorwürfe festlegt und nichts anderes zulässt, verwährt er den Blick auf die Zukunft." Denn Vorwürfe sind immer vergangenheitsorientiert. Mit diesem Verhalten ist es unmöglich, das Fremdgehen zu verzeihen.

Abenteuer oder Sicherheit?

Eine Affäre erschüttert eine Beziehung in ihren Grundfesten. Manche Paare stehen unter Umständen vor dem Dilemma, dass ihre Beziehung nicht alles gleichzeitig leisten kann: Sicherheit und Geborgenheit auf der einen, Abenteuer und Aufregung auf der anderen Seite.

Mit diesem Widerspruch sind übrigens beide Partner konfrontiert. Paartherapeuten nennen das auch die "Monogamie-Falle". Häufig geht Sicherheit vor Abenteuer. Ist der Preis für die Sicherheit und die damit gehaltene Treue jedoch zu hoch, kann es zum Seitensprung kommen, ob mit jemandem aus dem Kollegenkreis, beim Feiern oder auch im Urlaub, und dann manchmal auch zum Ende der Beziehung.

Nach dem Fremdgehen: Hat die Beziehung noch eine Chance?

Fakt ist, der unschuldige Zustand vor der Tat kann nicht wiederhergestellt werden. Der Schritt in die Zukunft braucht Mut. Die Entscheidung, ob das Fremdgehen verziehen und der Beziehung eine neue Chance gegeben werden kann, setzt voraus, dass die Partner ihre Situation reflektieren. Dazu können sie sich folgende Fragen stellen:

  • Was finde ich an meinem Partner heute attraktiv?
  • Würde ich ihn heute noch einmal heiraten?
  • Von welchen überholten, schlechten Gewohnheiten sollten wir uns trennen?
  • Welche Art Beziehung möchte ich mit ihm?
  • Welchen Alltag will ich?
  • Welche neuen Verabredungen wollen wir treffen?

"Um zu sehen, ob sich aus der Krise eine Chance machen lässt, braucht es ein Verständnis des Übergangs vom quälenden alten Zustand zum neuen erfreulicheren und zukunftsfähigen Zustand", erklärt Ulrich Clement.

Ganz wichtig: Vertrauen aufbauen, aber langsam

Wer überlegt, ob er das Fremdgehen verzeihen kann, stellt sich möglicherweise auch die Fragen: Wie soll ich dir nach all dem noch vertrauen? Wie kann ich jemals wieder sicher sein? Wie lässt sich verlorenes Vertrauen wiedergewinnen?

Vertrauensbildenden Maßnahmen, die das Handeln des untreuen Partners transparent machen, steht Ulrich Clement skeptisch gegenüber. Seiner Ansicht nach kann Vertrauen nur teilweise erworben werden. Vertrauen wird in erster Linie gegeben und ist damit zukunftsorientiert.

"Wenn ich völlige Transparenz erwarte, wenn ich meinem Partner erst dann vertraue, wenn ich alles von ihm weiß, ist Vertrauen überflüssig", erklärt der Experte. "Wenn ich einer Person vertraue, muss ich damit leben, dass ich einiges, womöglich relevantes Wissen nicht habe."

Ein Treuetest für den Drang nach Gewissheit kann so nämlich auch nach hinten losgehen.

Fremdgehen verzeihen: viele Gespräche führen

Der betrogene Partner entscheidet nicht nur, ob er bereit ist, wieder Vertrauen zu geben, er ist auch in der stärkeren Position, weil er die Moral auf seiner Seite hat. Der untreue Partner hat gegen eine – möglicherweise auch unausgesprochene – Treue-Regel verstoßen. Es ist die Entscheidung des betrogenen Partners, ihn aus der "Schuld" zu entlassen oder nicht.

Damit das Verzeihen des Fremdgehens wirklich funktioniert und die Beziehung eine neue Chance erhält, darf der betrogene Partner nicht in seiner Kränkung steckenbleiben. Ulrich Clement: "Der Schreck kann heilsam sein. Und manche Affären können die Beziehung sogar vitalisieren."

Paarcoach Melanie Mittermaier erklärt uns dazu im Interview, wie eine Affäre Ihre Beziehung retten kann.

Die Arbeitspraxis des Paartherapeuten zeigt: "Es gibt keine einfachen Antworten. Schon gar keine, die für jeden Fall passen würden."

Die Beziehungsarbeit ist mit vielen Gesprächen verbunden und aufwendig – aber sie lohnt sich. Partner, die es geschafft haben, das Fremdgehen zu verzeihen und die Beziehung neu zu definieren, sprechen im Rückblick nicht selten von einem Weckruf und können mit etwas Abstand sogar dankbar für die Affäre sein.

Trennungsgründe gibt es viele. Aber an den meisten lässt sich arbeiten. Sie wollen Ihre Beziehung nicht einfach aufgeben? Auf unserer Themenseite Beziehungstipps finden Sie weitere Beiträge rund um das Thema Partnerschaft.

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