13.07.2018

Der Sex-Experte antwortet Schmerzen beim Sex: Welche Ursachen kann das haben?

Wenn beim Sex Schmerzen entstehen, sollte die Ursache immer von einem Experten abgeklärt werden lassen.

Foto: iStock/nd3000

Wenn beim Sex Schmerzen entstehen, sollte die Ursache immer von einem Experten abgeklärt werden lassen.

Was tun, wenn die Frau Schmerzen beim Sex hat? Und welche Ursachen können dahinter stecken? Ein Experte beantwortet diese Fragen.

Für eine gute Beziehung ist Sex wichtig. Die Bindung zwischen beiden Partnern wird dadurch gestärkt. Aber Sex ist nicht immer gleichbedeutend mit Spaß, denn beim Liebesspiel können Probleme auftreten. Nicht selten kommt es vor, dass die Frau Schmerzen beim Sex hat. bildderfrau.de hat mit Sexualmediziner und Buch-Autor Dr. med. Axel-Jürg Potempa darüber gesprochen.

Haben viele Frauen Schmerzen beim Sex?

Dr. Axel-Jürg Potempa: Das kommt nicht selten vor. Fast jede dritte Frau hat selten Lust auf Sex, weil sie an Dyspareunie, also an Schmerzen beim Verkehr, leidet. Bei den 20- bis 40-jährigen sind es sogar zwei Drittel der Frauen, die beim Geschlechtsverkehr gewisse Probleme haben.

Was können die Ursachen sein?

Es gibt verschiedene Ursachen. Eines ist aber immer gleich: Wenn die Frau von Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs berichtet, sollte das immer ernst genommen werden – vom Partner und vom Arzt. Denn da kann viel dahinter stecken. Die Ursache sollte auf jeden Fall von einem Experten abgeklärt werden.

Welche Art von Schmerz kommt besonders häufig vor?

Viele Frauen leiden unter Kohabitationsschmerzen, es treten also Schmerzen während des Akts auf. Diese können beispielsweise brennend oder krampfartig sein. Sie verursachen einen enormen Leidensdruck, weil die Frauen sehr selten zum Orgasmus kommen, denn unter Schmerzen ist das fast nicht möglich. Der Schmerz dominiert dann den Sex, die Frauen können sich nicht auf den Partner einlassen und wollen sich am liebsten so schnell wie möglich dem Sex entziehen.

Was kann die Schmerzen auslösen?

Die Gründe können ganz unterschiedlich sein. Hier ein paar Beispiele:

  • Bei vielen Frauen bleibt die Feuchtigkeit im Scheidenbereich, die sogenannte Lubrikation, aus. Grund hierfür kann zum Beispiel sein, dass die Frau eine Infektion hat (zum Beispiel eine Scheidenentzündung, eine sogenannte Kolpitis). Dabei kann es zu Schwellungen und Rötungen im Scheidenbereich, oder Verspannungen in der Beckenmuskulatur kommen. Wenn der Partner den Bereich berührt, kann es bereits zu Schmerzen kommen. Ist das der Fall, sollte die Frau idealerweise den Sex verweigern und der Mann darauf Rücksicht nehmen.
  • Auch in der Menopause kann es vermehrt zu Schmerzen während des Liebesspiels kommen, wenn das Zusammenspiel zwischen Östrogen, Testosteron und Progesteron nicht mehr funktioniert. Diese Hormonumstellung kann eine verminderte Durchblutung und verminderte Infektionsabwehr im Scheidenbereich zur Folge haben. Auch Verspannungen in der Muskulatur, die sogar das Eindringen des Penisses unmöglich machen, können auftreten.
  • Es kann auch sein, dass keine körperliche Ursache dahintersteckt, sondern dass die Beziehung Auslöser für die Schmerzen ist. Wenn beispielsweise keine Appetenz mehr zum Partner besteht. Und auch ein Streit, der noch nicht beigelegt ist, kann körperliche Schmerzen verursachen.
  • Schmerzen beim Sex können auch durch traumatische Erlebnisse hervorgerufen werden, zum Beispiel nach einem Missbrauch oder nach einer Vergewaltigung. Frauen, denen so etwas geschehen ist, haben häufig Probleme mit "normalem“ Verkehr. Diese traumatischen Erlebnisse hinterlassen Spuren, nicht nur psychisch sondern auch körperlich. Betroffene Frauen haben häufig lange Zeit Probleme beim Sex, weil eine massive Abwehrhaltung gegen den Penis, der als Bedrohung gesehen wird, vorliegt. Es können dadurch Schmerzen auftreten, die auch den Sex mit dem geliebten Partner unmöglich machen.
  • Zysten im Eierstockbereich können ebenfalls Schmerzen verursachen. Vor allem, wenn der Penis beim Geschlechtsverkehr im hinteren Scheidenbereich Richtung Eierstöcke anstößt. Der Schmerz kann so schlimm sein, dass Sex für die Frau unmöglich ist. Das gleiche gilt für Endometriose und Myome.
  • Nach gynäkologischen Operationen können sogenannte Adhäsionen (Verwachsungen) auftreten, die im Unterbauch für Schmerzen sorgen können. Dabei tritt ein Kohabitationsschmerz vor allem im hinteren Scheidenbereich auf.
  • Eine Schwangerschaft kann später ebenfalls ein Auslöser für Schmerzen beim Sex sein. Bei der Geburt kann es zu Einrissen im Scheidenbereich kommen. Solche Geburtsgangsverletzungen brauchen einfach eine Zeit, bis sie wieder verheilen. Erst danach ist der Verkehr wieder angenehm für die Frau. Generell gilt, dass der Sex die ersten vier bis sechs Monate nach der Geburt immer nur von der Frau ausgehen sollte. Nur sie weiß am besten, ob sich die hormonellen Veränderungen wieder normalisiert haben und sie wieder Lust auf körperliche Sexualität hat.

Wie sollten sich Frauen verhalten, wenn sie Schmerzen beim Sex haben?

An erster Stelle steht die Kommunikation. Die Frau sollte den Sex sofort beenden, wenn sie Schmerzen hat und dieses Problem gleich offen ansprechen. Dabei macht es in den meisten Fällen Sinn, einen Experten zur Abklärung hinzuzuziehen.

Frauen sollten grundsätzlich viel öfter betonen, was sie wollen und ihre gleichberechtigte Stellung in der Beziehung einfordern. Das gilt auch für den Sex. Die Männer müssen sich von dem Gedanken verabschieden, dass alles mit Sex lösbar ist. Auch wenn die Frau während es Liebesspiels loslassen kann, ist nicht alles mit Sex regelbar. Miteinander sprechen und das Verständnis für den Partner, sind zwei wichtige Komponenten in einer Beziehung.

Frauen sollten mindestens einmal pro Jahr einen Frauenarzt zur Vorsorge aufsuchen. Auf diese Weise können Infektionen oder andere Veränderungen im Genitalbereich, wie zum Beispiel versteckte Feigwarzen (Kondylome), frühzeitig entdeckt und behandelt werden, so dass der Schmerz beim Sex erst gar nicht entsteht.

Frauen und der Orgasmus – das ist manchmal ein kompliziertes Thema. Erfahren Sie hier, warum sich Frauen mit dem Orgasmus so schwer tun.

Was hilft, wenn die Scheide nicht feucht genug wird?

Zunächst sollte das Problem mit einem Experten besprochen werden. Stecken keine körperlichen Erkrankungen hinter der Lubrikationsstörung, kann Gleitgel helfen. Es kann die Sexualität wieder ankurbeln und dadurch das sexuelle Wohlbefinden und die erforderliche natürliche Scheidenfeuchtigkeit verbessern.

Auch Viagra, Spedra und Co. können Frauen helfen, wenn die Scheide zu trocken ist. Bei mindestens 30 Prozent wirkt das Potenzmittel lubrikationsfördernd, die Feuchtigkeit nimmt wieder zu. Ich empfehle es nach genauer Aufklärung off-label-used in meiner Praxis, denn es ist meistens einen Versuch wert.

Was kann bei hormonellen Störungen helfen?

Besteht der Verdacht, dass die Hormone nicht im Gleichgewicht sind, sollte der Arzt die Werte überprüfen. Mit dem Laborbefund kann er genau feststellen, welche Hormone nicht ausreichend vorhanden sind und eine entsprechende Medikation empfehlen. Aber: Hormone sollten nie ohne klare Indikation verschrieben werden, weil sie einige Nachteile haben. Sie können im weiblichen Körper zum Beispiel Tumore entstehen oder wachsen lassen. Regelmäßige Kontrollen durch den Arzt sind unerlässlich.

Gibt es auch Schmerzen, die gut sind beim Sex?

Ja, durchaus. Es gibt sogar Schmerzen, die einen Orgasmus hervorrufen können. Aber das sind in der Regel Schmerzen, die gezielt ausgelöst und gesteuert werden können, und die normalerweise nicht im Vaginalbereich auftreten. Dabei muss jede Frau für sich herausfinden, welche Art von Schmerz für sie lustfördernd ist. Ein Beispiel für guten Schmerz: Wenn der Partner die Brustwarzen massiert oder sanfte Klapse auf ihre Pobacken gibt. Dabei kann ein Schmerz entstehen, der die Lust verstärkt und orgasmusfördernd ist.

Fazit des Experten

Sex unter Schmerzen ist kein guter Sex. Das Liebesspiel sollte Spaß machen und nie erzwungen sein. Hat eine Frau Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs, sollte dieser sofort beendet werden. Der Partner sollte auf jeden Fall Verständnis dafür haben. In einer guten Beziehung können beide Partner über Probleme jeder Art sprechen. Danach sollte die Frau zusätzlich einen Experten kontaktieren, um die Ursache für die Schmerzen abklären und behandeln zu lassen.

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Dr. Axel-Jürg Potempa arbeitet als Urologe, Androloge, Sexual-, Partnerschaftsmediziner und als Buchautor in München. Mehr Informationen über ihn finden Sie auf seiner Website: www.dr-potempa.jimdo.com/ und auf seiner Facebook-Seite: www.facebook.com/Dr.Potempa

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