Aktualisiert: 04.09.2020 - 12:28

Sex nicht nur mit dem Partner Eine offene Beziehung führen: Kann das gut gehen?

Wenn Paare aus der trauten Zweisamkeit ausbrechen, um eine offene Beziehung zu führen, birgt das eine Menge Zündstoff. Ein Experte erklärt Freud und Leid dieses Modells.

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Wenn Paare aus der trauten Zweisamkeit ausbrechen, um eine offene Beziehung zu führen, birgt das eine Menge Zündstoff. Ein Experte erklärt Freud und Leid dieses Modells.

Wer eine offene Beziehung und/oder Ehe führt, hat zuweilen auch Sex mit anderen. Klingt locker, aber viele können in der Praxis nicht gut mit dem Modell leben. Ein Experte erklärt, wo die Risiken einer offenen Beziehung liegen – und was durchaus auch dafür sprechen kann.

Verheiratet oder in einer festen Partnerschaft – und dennoch offen für anderweitige Liebeleien sein: Kann das gut gehen? Manche Paare führen eine offene Beziehung bzw. eine offene Ehe und haben dementsprechend auch Sex mit anderen. Ein solches Modell kann im Zweifel sicher stimulierend sein – doch es birgt auch jede Menge Konfliktpotential. BILD der FRAU hat einen Experten gefragt, was es heißt, eine offene Beziehung zu führen.

Offene Beziehung: Mit diesen vier Regeln kann es funktionieren
Offene Beziehung: Mit diesen vier Regeln kann es funktionieren

Experten-Interview zum Thema "offene Beziehung führen"

Paarberater und Parship-Coach Eric Hegmann bietet in seiner Modern Love School viele Online-Kurse rund um Beziehungsthemen an. Im Laufe seiner langen beruflichen Tätigkeit hat er auch Erfahrung mit Paaren gemacht, die das Modell offene Beziehung leben oder leben wollen. Mit BILD der FRAU hat der Beziehungsexperte über Sinn und Risiken dieser Partnerschafts-Form gesprochen – und welche große Gefahr er dabei sieht.

Herr Hegmann, eine offene Beziehung führen: Was genau bedeutet das?

Jedes Paar definiert durch die individuellen Absprachen die eigene Beziehungsform. Hierzu gehören auch die "unausgesprochenen" Absprachen, denn nach Umfragen gehen bis zu ein Drittel der Menschen in Beziehungen fremd, sie öffnen also einseitig die Beziehung, was ganz klar unehrlich und unfair ist, dennoch führen sie dadurch eine Variante der "offenen" Beziehung.

Eine offene Beziehung auf Augenhöhe funktioniert auf der Basis gegenseitiger sexueller Freiheit. Das kann sehr erfolgreich sein, wenn tatsächlich beide Partner diese Form wünschen. In der Praxis erlebe ich es allerdings häufig, dass nur ein Partner dies wünscht und der andere zustimmt, um die Beziehung nicht zu gefährden. Solche Formen führen jedoch ganz sicher zum Beziehungsende.

Verschiedene Gründe, warum manche eine offene Beziehung führen

Warum wählen Menschen diese Form von Beziehung?

Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Häufig begegnen mir Paare, die ihre Beziehung geöffnet haben, weil ein Partner keinen oder nur noch deutlich weniger Sex wünscht als der andere. Das kann die Folge einer Erkrankung sein, aber auch einfach nur nachlassende Libido.
  • Dann gibt es Paare, die ihre Beziehung öffnen, um ganz bewusst neue Impulse für ihre Beziehung zu erfahren. Sie erhoffen sich, aus lustvollen Begegnungen außerhalb der Beziehung mehr Leidenschaft ins eigene Schlafzimmer zu tragen.
  • Ich kenne auch Paare in Fernbeziehungen, die sich sexuelle Kontakte erlauben, ebenso Paare, die sich einmal im Jahr getrennten Urlaub zugestehen, in dem dann auch eine Affäre okay ist.
  • Und dann gibt es noch Paare, die gemeinsam sexuelle Fantasien wie in Swinger Clubs oder auf Fetisch-Partys ausleben und dort andere Paare oder Personen einbezogen werden.

Es gibt also nicht "die" offene Beziehung. Jede ist anders, denn sie wird individuell verhandelt. Teilweise bis in kleine Details – ob es beispielsweise in Ordnung ist, über Nacht zu bleiben, oder tabu ist, mit einer Person ein zweites Mal Sex zu haben.

Kann eine einseitige offene Beziehung funktionieren?

Ja. Alles kann funktionieren, wenn es gut verhandelt wird von den Partnern. Ich habe beispielsweise ein Paar erlebt, da war er froh, dass seine Partnerin sexuelle Erfüllung mit anderen erlebte, weil er selbst an Intimität keine Freude hatte. So erhielten sie ihre Beziehung dennoch. Das funktionierte bereits seit über zehn Jahren so. Manchmal hat ein Partner die Freude am Sex verloren hat, vielleicht durch eine Krankheit, vielleicht nach einem Schicksalsschlag.

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Die meisten Partner wollen die Nr. eins in der Beziehung sein – und keine Option

Aber die Mehrheit der einseitig offenen Beziehungen scheitert nach meiner Erfahrung, weil unterschiedliche Vorstellungen über sexuelle Treue eine solch grundlegende andersartige Wertevorstellung bedeuten, dass die Partner sich gegenseitig verletzt fühlen. Letztlich erlaubt ein solches Beziehungsmodell geduldete Affären. Doch kaum jemand möchte nur eine Option des Partners sein, sondern dessen Priorität.

Wie ist das, wenn Kinder mit zu Hause leben – sollen sie das wissen?

Das ist abhängig vom Beziehungsmodell und den Kindern selbst. Grundsätzlich erlebe ich aber eher nicht, dass Kinder so genau mitbekommen könnten, was ihre Eltern in ihrem Schlafzimmer machen. Die wollen das auch nicht wissen.

Welche Rolle spielt Eifersucht?

Das wichtigste Gefühl, mit dem Partner in offenen Beziehungen konfrontiert werden, ist sicherlich Eifersucht. Aber wer unter starker Verlustangst leidet, wird seine Beziehung nicht öffnen, das wäre selbstquälerisch. Eine offene Beziehung ist gewiss ehrlicher als eine Affäre, doch es müssen beide Partner dazu bereit sein.

Schwierig, wenn ein Partner die offene Beziehung nur duldet

Mein Eindruck ist, dass die offene Beziehung genau dann zum Problem wird, wenn eigentlich ein Partner die Erlaubnis zu einer Außenbeziehung oder Affären sucht und der andere Partner sich dem Wunsch nicht widersetzen kann, aus Furcht, den Partner ganz zu verlieren. Das ist eher emotionale Abhängigkeit als eine Beziehung auf Augenhöhe.

Paare, die mit offenen Beziehungen glücklich werden, haben nach meiner Erfahrung dieses Beziehungsmodell bereits von Anfang an gelebt oder zumindest abgesprochen. Nachträglich wird der Vorschlag für eine offene Beziehung doch für die meisten Menschen sehr verletzend sein. Wer also eine offene Beziehung führen möchte, der sollte bei der Partnerwahl das bereits unbedingt berücksichtigen.

Kann die offene Beziehung tatsächlich Vorteile haben im Vergleich zur monogamen Beziehung?

Ja, das kann sie. Allerdings habe ich es berufsbedingt mehr mit Paaren zu tun, die Konflikte haben und sie lösen wollen. Mir scheint unerlässlich, dass wirklich beide Partner das gleiche wollen und nicht einer seine Wünsche zurücksteckt. Dauerhaft hält das keine Beziehung aus.

Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil einer Beziehung. Aber Sexualität verändert sich. Die Leidenschaft weicht der Intimität. Angekommen zu sein, zu Hause zu sein, Vertrautheit und Geborgenheit lassen Sex sehr intensiv und befriedigend erleben. Doch die Sehnsucht nach dem Kribbeln des Unbekannten verschwindet dadurch nicht.

Wer eine offene Beziehung führen will, muss ehrlich sein und ehrlich verhandeln

Die offene Beziehung versucht, diese beide Seiten des Sex erlebbar zu machen. Sind die Partner in der Lage, ihre Wünsche und Fantasien zu besprechen und die Regeln, mit denen sie sich wohlfühlen, zu verhandeln, kann eine offene Beziehung auch stabiler sein als eine, in der unerfüllte Wünsche für Frustration und gegenseitige Abwertung sorgen.

Aber Sie müssen dazu verhandeln: Wollen Sie vorher oder nachher wissen, was Ihr Partner gemacht hat? Wie genau wollen Sie es wissen? Wollen Sie ein Veto-Recht? Wollen Sie dabei sein? Ist küssen okay? Oder ein zweites Treffen? Zu Hause oder im Hotel? Wollen Sie die Partner Ihres Partners kennen? Wollen Sie danach Sex mit Ihrem Partner? Es gibt so viel zu klären und besprechen – das ist wohl auch der Grund, weshalb die meisten Paare die geheime Affäre vorziehen, also Unehrlichkeit und Betrug, um der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.

Bei ihr scheint's zu funktionieren: "Rote Rosen"-Star Cheryl Shepard hat in einem Interview über ihre offene Ehe gesprochen und darüber berichtet, dass sie Sex mit mehreren Männern hat.

Wo sehen Sie die größte Gefahr, wenn Paare eine offene Beziehung führen?

Die offene Beziehung birgt immer das Risiko, dass sich ein Partner beim Sex verliebt. So selten ist das ja nun nicht. Diese Gefahr ist immens groß. Solche Konsequenzen müssen bedacht werden. Vielleicht ist dann nämlich doch eine saubere Trennung und ein Neubeginn die weniger schmerzhafte Strategie.

Paare, die Sex einschlafen lassen, sind gefährdet, wenn die Leidenschaft neu erwacht

In einer offenen Beziehung kann ganz sicher viel Leid stecken, doch aus der Distanz betrachtet ist das so viel oder wenig Leid wie in jeder anderen Beziehung, wenn die Partner unehrlich sind miteinander. Paare, die lange zusammen sind, leiden häufig unter unerfüllten Wünschen und Fantasien. Es gibt nicht wenige Beziehungen, die am Anspruch an die Treue gescheitert sind. Viele Paare lassen den Sex einschlafen, beide sagen, das sei ihnen nicht mehr so wichtig – und in der Phase empfinden sie auch so.

Doch dann kommt womöglich eine neue Kollegin oder neuer Kollege, bei dem die sexuelle Anziehungskraft so stark ist, dass der Wunsch nach Sexualität neu erwacht – mit gewaltiger Energie. In solchen Situationen sprechen dann die Partner oft davon, ihren Seelenverwandten gefunden zu haben, dabei ist vielleicht nur die Leidenschaft neu erwacht. Ob es dann besser ist, einmal diese Leidenschaft auszuleben (und festzustellen, dass das Gras doch nicht grüner ist woanders) oder die langjährige Partnerschaft aufzugeben, ist oft eine Frage in der Paarberatung.

➔ Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann finden Sie hier, und hier geht's zur Modern Love School. Dort finden Sie auch passende Online-Kurse zum Thema, etwa "Wie finde ich den richtigen Partner? – Der Online-Kurs für Singles" oder "Warum bin ich Single? – Bin ich beziehungsunfähig?".

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Eine offene Beziehung zu führen ist eher nichts für Sie? Haben Sie sich schon einmal mit Freundschaft Plus, also einer Freundschaft mit Sex ohne Bindung beschäftigt?

Wenn Sie lieber auf andere Weise etwas für Ihre Partnerschaft tun wollen: Jede Menge Beziehungstipps haben wir hier für Sie auf Lager.

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