21.02.2018

Die „neue“ Angst vor Bindung Warnzeichen in Beziehungsphasen – Teil 6: Experten-Interview

Bei ersten Warnzeichen in Beziehungsphasen sollten Betroffene reagieren – welche es gibt, welche Ängste zugrunde liegen, und welche Rolle Vertrauen spielt, erklärt ein Experte.

Foto: iStock/LuckyBusiness

Bei ersten Warnzeichen in Beziehungsphasen sollten Betroffene reagieren – welche es gibt, welche Ängste zugrunde liegen, und welche Rolle Vertrauen spielt, erklärt ein Experte.

Immer mehr Menschen leiden an Symptomen von Bindungs- und Verlustangst – eine Folge unserer heutigen Gesellschaft. Woran sich dieses ängstliche Bindungsverhalten festmacht, woher die Angst kommt, und ob Vertrauen (wieder) erlernbar ist, erläutert zum Abschluss der Serie ein Experte im Interview.

Eine Beziehung eingehen, den richtigen Partner finden: In unserer Gesellschaft gab es noch nie so viele Freiheiten wie heutzutage – und gleichzeitig so viele Menschen mit Symptomen von Bindungs- und Verlustangst. Dadurch entstehen neue Arten des Verhaltens innerhalb einer Partnerschaft, die aber nicht immer leicht zu durchschauen sind – auf diese Warnzeichen in Beziehungsphasen sollten vor allem Betroffene genau achten.

Paarberater und Parship-Coach Eric Hegmann kennt sich mit der Thematik bestens aus. Im letzten Teil der Serie zum Thema Warnzeichen in Beziehungsphasen erläutert der Experte im Interview mit bildderfrau.de, welche Menschen zu Bindungsangst-Symptomen neigen, welche sich als Partner darauf einlassen – und wie sie sich schützen können.

Warnzeichen in Beziehungsphasen: Interview mit einem Experten

Wovor genau haben Singles heute so viel Angst? Vor Nähe, davor zu scheitern, etwas zu verpassen?

Bereits der deutsche Analytiker und Therapeut Fritz Riemann legte mit "Grundformen der Angst" im vergangenen Jahrhundert ein Modell vor, das aufzeigte, wie alle unsere Glaubenssätze aus Angst entstehen und unsere Verhaltensweisen Schutzstrategien darstellen, um gefährliche Situationen, vor denen wir uns fürchten, zu vermeiden. Viel Angst bedeutet hohe Vermeidung. Bei Ghosting oder Benching, zwei der in der Serie erklärten Warnzeichen in Beziehungsphasen, steht die Furcht vor dem direkten Konflikt im Vordergrund. Der Partner mit dem geringeren Interesse will sich einfach nicht mit den Reaktionen des anderen direkt auseinandersetzen müssen. Er taucht lieber ab.

Singles müssen immer weniger Angst vor Zurückweisung haben – sie verlernen dabei aber auch, mit Zurückweisung umzugehen. Einige schreiben dann Bücher über die schlimmsten Dates ihres Lebens, die ganz offensichtlich wie traumatische Erfahrungen waren. Wenn Sie sich diese schlimmen Erfahrungsberichte ansehen, gewinnen Sie den Eindruck, Partnersuche ist Krieg. Einige Singles stürzen sich deshalb in Selbstoptimierung. Sie versuchen einen Korb zu vermeiden, indem sie sich zu dem vermeintlichen Traumpartner verwandeln, den sie sich selbst wünschen: mehr Sport, mehr außergewöhnliche Freizeit-Aktivitäten, mehr Anerkennung ...

Gefährdet sind vor allem verletzte Singles

Dahinter verbirgt sich jedoch eine riesige Unsicherheit, die aber nicht angegangen, sondern nur überstrichen und verdrängt wird. Das macht Singles dann so empfänglich für Phänomene wie Love Bombing, ebenfalls ein Warnzeichen in Beziehungsphasen: Wenn ein ebenso unsicherer Mensch, meist mit starken narzisstischen Persönlichkeitsanteilen, sich so sehr um sie bemüht, dass sie endlich einen Moment ihre Angst vergessen können. Geht die Beziehung dann schief, ist die Verletzung umso tiefer, je euphorischer der Auftakt erschien. Es sind die verletzten Singles, die dann die Schutzstrategien entwickeln, die wir heute als vornehmlich neue Dating-Phänomene kennenlernen.

Woher kommt diese Angst?

Bindungsangst ebenso wie Verlustangst nährt sich durch einen verletzten Selbstwert. Und der begründet sich aus Glaubenssätzen und Überzeugungen wie "ich bin nicht wichtig", "ich schaffe das nicht" oder "ich falle zur Last". Solche Glaubenssätze entstehen in der frühen Kindheit in der Beziehung zu den Eltern oder Bezugspersonen, sie werden aber auch beeinflusst durch die Erfahrungen in Liebesbeziehungen, also der eigenen Beziehungshistorie. Wer einmal schmerzhaft erlebt hat, betrogen worden zu sein – ohne Vorwarnung, aus heiterem Himmel –, stellt alles in Frage: "Wie konnte ich das nicht bemerken? Was stimmt nicht mit mir?" Der Selbstwert leidet, das eigene Empfinden auch, der Wahrnehmung wird nicht mehr vertraut.

Schutzstrategien sollen gleiche Fehler ein weiteres Mal vermeiden

Überhaupt kein Wunder, dass Menschen danach nun – bewusst und unbewusst – alle möglichen Schutzstrategien entwickeln, um eine solche Verletzung zu vermeiden. Die einen geben sich nun extra Mühe und wollen beweisen, dass sie liebenswürdig sind – und geben sich dabei auf. Die anderen tun alles, damit ihnen niemand mehr so nahekommen kann, der sie dann verletzen könnte. Unerreichbare Partner, maßlos überhöhte Ansprüche sind beispielsweise effektvolle Vermeidungsstrategien, derer sich die Betroffenen selten bewusst sind. Im Gegenteil scheint sich die Welt gegen sie verschworen zu haben, sie wünschen sich ja so sehr Nähe und Liebe – nur weiß das niemand zu würdigen, so scheint es ihnen.

In Wirklichkeit ziehen sie aus dieser Position der Schwäche nur Personen an, die ebenfalls einen verletzten Selbstwert haben und ihre Kraft aus den Bemühungen anderer ziehen. Die Folge ist jene unglückliche Paar-Dynamik, in der einer den anderen auf Distanz hält und bei jedem Rückzug den Partner animiert, noch mehr zu investieren. Irgendwann hält das Paar das nicht mehr aus, und die Beziehung zerbricht oder das Kennenlernen wird abgebrochen. Jeder fühlt sich bestätigt, dass Partnersuche anstrengend und verletzend ist. Man stellt die Fähigkeit zur Verbindlichkeit in Frage – und der Kreislauf aus Schutzstrategien beginnt erneut. Allerdings machen die alles nur schlimmer, nicht besser. Sie festigen die Muster sogar.

Welchen Einfluss haben die Medien, die neuen Kommunikationswege, Anteil an diesen Phänomenen?

„Beziehungsunfähig“ ist Unsinn

Ich kann dazu keine repräsentative Studie nennen und meine Klienten sind nicht repräsentativ, da sie ja wegen eines Problems bei mir sind, die anderen kommen ja nicht – aber mein Eindruck ist durchaus, dass viele Singles heute Verlust- und Bindungsangst stärker beschäftigt als noch vor zehn Jahren. Aber ich erfahre von Betroffenen auch außerhalb der Praxis in hoher Fallzahl über das Internet durch tägliche Zuschriften. Die überwältigende Mehrheit handelt von Vertrauensverlust und den Problemen, erneut wieder Vertrauen fassen zu können.

Ich halte den Begriff "beziehungsunfähig" für ziemlichen Unsinn. Es gibt sicher Menschen mit nicht allzu großem Beziehungspotential, aber wir sprechen ja nicht von aggressiven Schlägern und Betrügern, sondern von Personen, deren Selbstwert in seiner Angst vor neuerlichen Verletzungen das Liebesglück sabotiert. Und dieser Selbstwert, das ist nun durch mehrere Studien belegt, wird durch soziale Medien gerade nicht gestärkt. Nehmen Sie diese glücklichen Paare auf Instagram, die Händchen haltend die schönsten Strände und Plätze der Erde bereisen und Hunderttausende Follower haben. Die sitzen gerade irgendwo, wollen sich kurz ablenken von ihrem Alltag, der sie stresst und auf andere Gedanken kommen und sind also nicht in der Verfassung, anderen Menschen alles Glück der Welt zu wünschen, sondern sie wünschen sich selbst ein Stück dieses Glücks. Das kann nur frustrieren, denn natürlich flüstert da eine Stimme: "Warum habe ich nicht, was die haben?" Und das Selbstwertgefühl erhält einen neuen Tritt.

„Disneyfizierung der Liebe“

Bücher, Filme und Serien sind heute so auf Erfolg gescriptet, dass Liebesbeziehungen keine Sekunde mehr realistisch dargestellt werden. Jede Szene muss dramaturgische Zwecke erfüllen. Da gibt es nicht das Schweigen nebeneinander auf dem Sofa nach einem langen Tag, nicht die Stunden Warten auf die nächste Textnachricht – kein Zuschauer würde dafür bezahlen. Diesen Effekt, die eigene Liebesbeziehung nach unrealistischen Vorbildern ausrichten zu wollen – und an dem Anspruch zu scheitern –, nenne ich die "Disneyfizierung der Liebe".

Zur Liebe gehört Mut, Vertrauen ist wieder erlernbar

Viele Singles wünschen sich den Partner, mit dem all das Glück der Pinterest-Paare erlebbar wäre – am liebsten ein Leben lang. Eine falsche Partnerwahl ruiniert dieses Ziel. Kein Wunder, dass die Angst vor der falschen Partnerwahl immer größer wird. Besonders wenn die Erfahrungen die Furcht noch weiter bestätigen. Zur Liebe gehört Mut. Genau das Gegenteil von Angst.

Kann man Vertrauen lernen?

Ganz viele meiner Beratungsanfragen entstammen einer Form von traumatisch erlebten Beziehungserfahrungen. "Ich kann nie wieder vertrauen" ist ein Satz, den viele Betroffene wie unveränderliches Schicksal verwenden. Doch das ist nicht richtig. Das lässt sich heilen!

Es gibt zahlreiche bewährte Methoden, sogar mit traumatischen Erlebnissen neu umgehen zu lernen und neue Glaubenssätze zu entwickeln. Beispielsweise ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie) oder auch Ressourcenaktivierung mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) zeigen viel versprechende Erfolge. Wenn Sie für sich erleben, dass Sie kein Vertrauen mehr entwickeln können, lassen Sie sich helfen. Warten Sie nicht, dass es von alleine besser wird – das wird es nicht! Und das Leben ist zu kurz, um es dabei zu belassen.

Fünf Indikatoren, dass eine Beziehung funktionieren wird

  • Freundschaft: Glückliche Paare sind beste Freunde, freuen sich über Gemeinsamkeiten, aber sie halten auch Unterschiede aus, erleben sie als Ergänzungen und fühlen sich durch die Andersartigkeit des Partners nicht bedroht.
  • Umgang mit unlösbaren Konflikten: Etwa zwei Drittel aller Paarkonflikte lassen sich nicht durch einen Kompromiss lösen, der beide Partner befriedigt. Jeder Wunsch ist ja zunächst gleichberechtigt. Es benötigt Respekt voreinander, um die eigenen Bedürfnisse nicht als wichtiger zu nehmen.
  • Streitkultur: Angst vor Auseinandersetzung lähmt viele Partner, dabei würde Offenheit viel mehr bringen. Um nichts zu riskieren, meiden viele Paare die Streitthemen, auf die es wirklich ankäme und entfremden sich so immer mehr.
  • Umgang auf Augenhöhe: Einer der apokalyptischen Reiter der Liebe ist die Abwertung. Geraten Paare in die Spirale gegenseitiger Verletzungen, kommen sie schlecht wieder raus. Augenhöhe bedeutet aber auch, nicht einen vermeintlich starken Partner meine Probleme lösen zu lassen.
  • Mehr Intimität: Geschenke, gegenseitige Anerkennung, Lob, Achtsamkeit und Dankbarkeit füreinander sind wichtige Sprachen der Liebe, die Nähe und Bindung herstellen und damit auch Intimität. Alles in der Beziehung ist nämlich Vorspiel.

Mehr Infos zu unserem Experten Eric Hegmann finden Sie hier.

Hier geht's zu

Teil 1 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Love Bombing  
Teil 2 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Fast Forwarding  
Teil 3 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Gaslighting
Teil 4 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Flying Monkeys  
Teil 5 der Serie: Warnzeichen in Beziehungsphasen – Hoovering  

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Kommt Ihnen das ein oder andere Warnzeichen in Beziehungsphasen bekannt vor? Holen Sie sich Rat: Noch mehr Beziehungstipps finden Sie auf unserer Themensreite.

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