08.05.2017

Selbstbestimmung Jungfräulichkeit – Vielmehr Kultur als Natur

Der Geschlechtsverkehr hat für die Frau KEINE anatomischen Konsequenzen. Trotzdem hält sich der Mythos um das Jungfernhäutchen und bringt weitreichende Konsequenzen für die Frauen mit sich.

Foto: iStock/sedmak

Der Geschlechtsverkehr hat für die Frau KEINE anatomischen Konsequenzen. Trotzdem hält sich der Mythos um das Jungfernhäutchen und bringt weitreichende Konsequenzen für die Frauen mit sich.

Das Jungfernhäutchen ist eine Haut, die nur (Jung-)Frauen besitzen? Es kann kaputt gehen? Wir beziehen Stellung zu einem kulturellen Fehlkonstrukt!

Im Dezember 2016 erschien die neu übersetzte Einheitsbibel. Zuletzt wurde diese 1979 überarbeitet. Die neue Übersetzung soll nun näher an den hebräischen Originalquellen sein. Eine der meist diskutierten einhergehenden Änderungen betrifft Jesaja sieben und somit die – Achtung: neuer Begriff! – Schwangerschaft Mariens: Der Prophet Jesaja kündigt im hebräischen Original an, dass eine junge Frau ein Kind empfangen hat – keine Jungfrau! (Die auch entscheidende Vergangenheitsform lasse ich mal unkommentiert.) Zur Jungfrau wurde Maria nur durch die (falsche!) griechische Übersetzung.

Ein Glück wird in dem neuen Bibeltext dieser Fehler nun endlich eingeräumt…in einer Fußnote. Diese Stelle vom Text wird also nicht geändert – zu viel bedeutet die Jungfräulichkeit Mariens vielen Gläubigen.

Doch welchen Stellenwert hat die „Jungfräulichkeit“ heute eigentlich?

Die Antwort ist: einen extrem großen!

Mit der wachsenden Marienverehrung verstärkte sich auch die Erwartung an Jungfräulichkeit – bis heute – und besonderes Augenmerk erhält der „Wächter“ der Unbeflecktheit: das Jungfernhäutchen.

Der „Jungfrauen-Zustand“ – ein wichtiges Gut…

Das Jungfernhäutchen, auch Hymen genannt, stellen sich (erschreckend) viele als eine Haut oder Membran vor, die die Vagina vor dem ersten Geschlechtsverkehr verschließt. Beim ersten Mal wird diese von dem Penis „durchbrochen“ bzw. „zerrissen“. Der Zustand der Jungfräulichkeit wird also durch Sex verloren.

Das, liebe Leserinnen, ist einer der größten Mythen der Menschheit. Nur leider wird dieser irrationalen Vorstellung weiterhin in großem Maße Glauben geschenkt.

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Historisch gesehen stand „Jungfrau“ für eine unverheiratete Frau, diese Bezeichnung gilt heute jedoch als veraltet! Heute ist die „Jungfrau“ die noch nicht „entjungferte“ Frau. Das Präfix „ent-“ drückt aus, dass etwas entfernt wird. Ich könnte es auch umformulieren: Die weibliche „Unschuld“ wird durch den erstmaligen Sex „weggenommen“. Dieses Gedankenkonstrukt gilt weiterhin in vielen Mann-Frau-Beziehungen. Der Mann befindet sich in der Machtposition, den „Zustand Jungfrau“ zu entfernen – ganz nach dem Motto stärkeres gegen schwächeres Geschlecht.

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Mythos ≠ Wahrheit

Das Hymen aka Jungfernhäutchen ist KEIN Häutchen, sondern ein unterschiedlich ausgeprägter, faltiger Gewebesaum, der den Scheideneingang umschließt. Und dieser bleibt ein Leben lang bestehen, er kann nicht durchreißen! Einen geschlossenen Saum, der dem Mythos der Jungfernhaut entsprechen würde, weisen nur etwa 0,02-0,006 % aller Mädchen auf – ein seltenes Krankheitsbild also. Das „Durchbrechen“ einer Haut, die nur Jungfrauen besitzen, ist nichts weiter als ein kulturelles Konzept, das die Annahme verbreitet, der Frauenkörper gehe beim Sex kaputt – und je mehr Sex frau hat, desto kaputter wird sie…

Es gibt KEINE medizinisch nachweisbaren Veränderungen der Vagina nach dem ersten Sex. Wird der Saum, einem Kranz ähnelnd, verletzt, heilt er narbenlos ab.

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Blutige Konsequenzen: Revirgination

Ehrenmorde sind noch immer gegenwärtig. Der berühmte Blutstropfen auf dem Laken nach der Hochzeitsnacht gilt in vielen Kulturen weiterhin als Beweis der Unbeflecktheit der Frau, obwohl weniger als die Hälfte aller Frauen beim ersten Mal bluten (Übrigens: Auch Männer können beim ersten Sex bluten, jedoch wird dies fälschlicherweise den Frauen zugeschrieben). Aus Angst vor der eigenen Familie und dem Ehemann, wollen viele Frauen verzweifelt das (nicht existente) Jungfernhäutchen wiederherstellen lassen, um beim angeblichen ersten Mal unbedingt zu bluten. Dubiose Ärzte machen damit viel Geld. Sie bieten den Frauen an, die „zerrissene“ Haut wieder zusammenzunähen, obwohl das gegen die Natur der Vagina spricht. Solch eine Operation kann in Europa zwischen 500 und 4.000 (!!!) Euro kosten.

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Männer als Jungfrauen?

Wenn also die „Jungfräulichkeit“ auf eine Stufe gestellt wird mit der fehlenden sexuellen Erfahrung, dann sollten doch auch Jungen bzw. Männer „Jungfrauen“ sein... Und hier zeigt sich das gravierende Ungleichgewicht der Geschlechter:

„Jungmann“ gibt es in unserem Sprachgebrauch nicht, dafür aber Junggeselle. Anders als die „Jungfrau“ hat der aber seine eigentliche historische Bedeutung behalten: Der Junggeselle gilt weiterhin als, und ich zitiere Wikipedia, „unverheirateter Mann, unabhängig von seinem Alter.“ Die „Jungfräulichkeit“ wird letztlich nur von Frauen erwartet, ihr Fehlen verurteilt.

Selbstbestimmung

Dass das Konstrukt „Jungfräulichkeit“ weiterhin aufrecht erhalten wird, zeigt erneut, dass die Selbstbestimmung der Frau noch nicht da angekommen ist, wo es wünschenswert wäre, und dass einige, entsprechenden Kulturen angehörige Frauen aufgrund des Mythos bis in den Tod getrieben werden. Bei der „Unschuld“ handelt es sich nicht nur um die Diskussion über einen körperlichen Zustand, sondern auch die sexuelle und emanzipatorische Unfreiheit der Frauen, die von Außen auf einen Aspekt davon, der Jungfräulichkeit, reduziert werden.

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