04.03.2016 - 10:36

Lebensmittelwende Tobias Sudhoff im Interview zu Ein Herd und eine Seele

Foto: @ Hermann Willers

Tobias Sudhoff gilt seit seinem „unverschämt geilen Kochbuch“ als Begründer der „kulinarischen Belletristik“. Sein neues Buch "Ein Herd und eine Seele" ist noch um einiges geiler geworden! Wir haben Ihn zum Interview getroffen!

Hallo Herr Tobias Sudhoff, es freut uns, dass wir Sie über Ihr neues Kochbuch "Ein Herd und eine Seele", erschienen im Tecklenborg Verlag, löchern dürfen. Machen wir erstmal eine Vorstellungsrunde:

1. Würden Sie sich bitte kurz unseren Leser/innen vorstellen und erzählen, was Sie hauptberuflich machen?

Au weia… Das ist nicht ganz einfach. Wenn man mich fragt, was ich beruflich bin, sage ich immer: Diversionist.

Ich versuch es aber für „Bild der Frau“ mal in der Turboversion: Nach einem mäßig angenehm empfundenen Medizin- und Philosophiestudium wurde ich Musiker – mit Jazz hatte ich mir schon mein Studium finanziert und eh ich mich versah stand ich mit Leuten wie Charlie Mariano, Lee Konitz, Knut Kiesewetter oder Bill Ramsey aber auch Pop-Musikern wie Sydney Youngblood, Peter Fessler oder Max Mutzke auf der Bühne und spiele heute u.a. mit der alten Besetzung des Paul Kuhn Trios – mit dem Helge-Schneider-Drummer Willy Ketzer.

>> Interviews mit Persönlichkeiten aus dem Food-Bereich

Bald kam Musikkabarett mit eigenen Programmen dazu. Einige Leser/innen kennen mich vielleicht auch vom „Rudelsingen“, einem ziemlich erfolgreichen und launigen Mitsing-Format! Parallel dazu habe ich schon immer alles geliebt, was mit Schönheit und Genuss zu tun hatte, nicht nur Musik. Ich sammle z. B. seit meiner Kindheit Orchideen und in meinem Gewächshaus flattern sogar fröhlich tropische Schmetterlinge herum.

Da liegt das Kochen näher als man denkt – als Ästhetik des Gaumens! Immer wieder hatte ich Gäste bei mir, und irgendwann sagte einer davon: Sag mal, hast Du schon mal darüber nachgedacht, ein Kochbuch zu schreiben? Und so kam ein Jahr später mein erstes Kochbuch heraus.

Seitdem schreibe ich für unterschiedliche Zeitungen und Online-Formate auch noch Gastro-Kritiken und bin seit drei Jahren Hochschuldozent für „guten Geschmack“ an der FH in Münster… ein ziemlich wildes Berufsleben, das mir wahnsinnig viel Spaß und Abwechslung bietet. Und ganz ehrlich: Die Menschen sollten froh sein, dass ich nicht Arzt geworden bin…!

2. Was unterscheidet Ihr neues Kochbuch „Ein Herd und eine Seele“ – abgesehen vom amüsanten Titel – von den zahlreichen anderen auf dem Markt?

Mein Buch ist eindeutig auch ein politisches Buch. Das wird schon auf den ersten Seiten klar, auf denen ich u.a. ein Pamphlet verfasst habe gegen den Missbrauch von Nahrungsmitteln, wie wir ihn heute betreiben. Die Beziehung zu unserer Nahrung, zu Geschmack und Qualität ist in unserer Gesellschaft gestört. Die Art, wie wir unser „Essen“ produzieren ist fatal, für unsere Zunge, die Gesundheit, für die Umwelt aber auch sozial.

Kochen ist eine sehr politische Handlung, denn wir haben mehr Einfluss auf die Gesellschaft mit dem was wir kaufen als mit jeder demokratischen Wahl. Nehmen wir ein Beispiel: Der Kakao für fast alle Schokoladensorten, die wir tagtäglich kaufen, wird von Kindersklaven produziert. Das ist bekannt, aber trotzdem kaufen wir weiter diese Schokoladenprodukte.

Ich finde: Ein Riesen-Skandal, der unbedingt auch in ein Kochbuch gehört! Dabei zeige ich, dass es Alternativen gibt. Diese Art, verantwortungsbewusst zu kochen zieht sich durch das komplette Kochbuch. Aber es bringt natürlich gar nix, dabei den moralinsauren Zeigefinger zu heben – genau das ist ja das Schöne am Kochen: Ich kann mit Genuss und Lebensfreude viel besser zeigen, wie man es anders machen kann!

Dieses Kochbuch soll die Lust wecken an Geschmack und guten Produkten. Darum habe ich auch nur dort Mengenangaben gemacht, wo es unbedingt nötig ist – nutzt Eure Zungen und Nasen zum Abschmecken! Wenn ich z. B. Tomaten für eine Sauce einsetze, dann hängt die Menge doch total davon ab, ob ich holländisches Wasser in einer roten Haut kaufe oder frische, pralle, sonnengereifte Cocktailtomaten nehme!

Außerdem zu den Photos von den fertigen Tellern: Bevor da jemand sagt „Oh Gott, wie soll ich das denn hinkriegen!“ kann ich Euch beruhigen: Wenn so ein Typ wie ich das hinkriegt, dann könnt ihr das auch! Ich glaube, da wird schon ziemlich klar, dass dieses Kochbuch anders ist.

Ganz abgesehen davon, dass ich meine kabarettistische Ader beim Schreiben nicht verbergen kann – die Leser/Innen dürfen also auch reichlich lachen… Alles in allem bin ich da sehr froh, mit dem Tecklenborg Verlag zusammen zu arbeiten – die haben mir nämlich vollkommen freie Hand gelassen!

3. In Ihrem Kochbuch machen Sie sich auf die abenteuerliche Reise zu zehn ausgewählten Protagonisten der kulinarischen Szene Europas. Gehört eine leckere, vielseitige Küche und das Reisen für Sie eng zusammen?

Reisen ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, den eigenen Horizont auch in Bezug auf Essen zu vergrößern. Aber man muss nicht viel reisen, um lecker und gesund zu essen. Das ist mir ohnehin sehr wichtig: Auch die 5köpfige Familie eines Normalverdieners, der sich so teure Reisen kaum leisten kann, ist in der Lage, lecker, gesund und mit viel Spaß und ohne schlechtes Gewissen das Essen zu genießen!

4. Sie haben Ihr Buch nach eigener Aussage für „fortgeschrittene Lebensliebhaber/innen“ geschrieben – wie würden Sie solche Menschen beschreiben? Was können wir von solchen Menschen lernen?

Naja, man muss eigentlich nur die Augen aufmachen, die eigenen Sinne nutzen. Die Welt da draußen ist so schön, so spannend und so faszinierend. Heute laufen alle hektisch durch die Straßen und gaffen stupende auf ihr Smartphone. Oder schauen in die Glotze um sich nebenbei die Tiefkühlpizza in den Mund zu schieben, die sie am besten noch in der Mikrowelle warm gemacht haben.

Lebensliebhaber/Innen sind Menschen, die sich die Zeit nehmen, die Welt zu sehen, zu verstehen und mit allen Sinnen zu genießen, das Licht, die Farben, die Gerüche. Mann, das ist doch irre, was man alles erleben kann, wenn man sich mal mit was anderem beschäftigt als mit sich selber und wieviel Likes man bei FB gerade bekommen hat, weil man gerade wieder Belangloses gepostet hat, etwa dass man aufgestanden oder aufs Klo gegangen ist…!

5. Sie sprechen in Ihrem Buch von der „Lebensmittelwende“ – was genau müssen wir uns darunter vorstellen?

Das ist mein kulinarisches Äquivalent zur „Energiewende“. Da hat die Politik irgendwann eingesehen, dass es so nicht mehr weitergeht, dass fossile Brennstoffe einfach nicht mehr zukunftsfähig sind. Die Art, wie wir heutzutage Nahrung produzieren ist ebenfalls nicht mehr zukunftsfähig. Die Massentierhaltung ist moralisch nicht haltbar, auf den Feldern wächst genetischer Einheitsbrei, der in Monokulturen die Böden zerstört, wir bekommen Antibiotika serviert, die uns gar kein Arzt verschrieben hat, die Meere sind überfischt und und und…

In meinem Kochbuch befasse ich mich auch mit diesen Themen. Aber keine Sorge, ich tue das so humorvoll, so dass keinem der Appetit vergeht. Und damit mir keiner sagt, das wäre grünes katastrophenbeschwörendes Gelaber: Alles was ich schreibe ist wissenschaftlich fundiert, ich habe da viel mit meiner Hochschule und meinem Freund Prof. Dr. Guido Ritter zusammen gearbeitet und hinten im Buch sind neben einem Faktencheck auch noch 2 eng bedruckte Seiten mit Quellenangaben für alle, die sich intensiver mit den Themen beschäftigen wollen.

6. Sie gelten seit ihrem ersten Kochbuch („Das unverschämt geile Kochbuch“) als Begründer eines neuen Genres, der „kulinarischen Belletristik“. Was zeichnet für Sie dieses Genre aus?

Ich glaube die Hannoversche hatte damals diesen Begriff erfunden – und es stimmt: Ich bekomme auch für „ein Herd und eine Seele“ etliche Zuschriften, wo mir Menschen erzählen, sie hätten dieses Buch wie einen Roman verschlungen und neben ihrem Bett auf dem Nachttisch als Lektüre liegen statt in der Küche…

7. Vom Titel über die aufschlussreichen Porträts bekannter Köche und Ernährungsexperten, bis hin zu den liebevoll detaillierten Rezepten ist Ihr neues Buch durchzogen von einem besonderen, ironisch-kecken Humor. Warum fällt das für unser Empfinden aus dem Rahmen? Haben wir grundsätzlich vergessen Spaß beim Kochen zu haben?

Wir sind so beschäftigt damit, in einer so komplexen Welt überhaupt den Kopf über Wasser zu halten, dass es einem trotz unseres Reichtums schwer fällt, den Alltag zu genießen. Schau Dir doch den Alltag einer berufstätigen Frau mit sagen wir zwei Kindern an: Das ist wie ein Künstler im Varieté, der auf zig Stäben Teller dreht und immer Angst hat, dass einer der Teller runterfällt…!

Wenn dann ein Kind krank wird bricht das System halb zusammen, ständig Druck, Improvisation und Stress. Der Kollege Tobias Mann hat das neulich schön zusammengefasst – einfach ein Wahnsinn, was wir uns da eigentlich antun. Dann muss die Frau auch noch schön, sexy, Mutti, Liebhaberin, rasiert und doch emanzipiert sein… und bei Männern ist das ja nicht viel anders!

Wir machen uns die eigene Welt so schwer, dass wir uns den ganzen Tag um uns selber drehen. Grauenhaft! Für mich ist Kochen eine grandiose Möglichkeit, aus all dem kurz mal auszutreten. Kleiner Kurzurlaub. Kontemplativ, fast Meditation, wenn man Gemüse schneidet. Fump, der Wein ist entkorkt. Und am Tisch redet man miteinander – und man hört auch zu! Lachen und Humor sind dabei eine Art sozialer Kleber. Und Kochen und Essen sind einfach eine Urform der Erholung und der menschlichen Kultur.

8. Ihr Buch ließe sich aufgrund der hohen Qualität der kulinarischen Fotos auch leicht als Bildband für Foodfans goutieren. Wie und wo sind diese beeindruckenden Bilder entstanden?

Hier gilt mein ganzer Dank dem atemberaubend guten Hermann Willers. Der ist eigentlich eher Industrie- und Landschaftsphotograph gewesen. Er hat ein Auge für das Motiv, wie ich es noch nie erlebt habe. Er hat dabei so ziemlich gegen alle Regeln der Photographie verstoßen – und das voll bewusst! Man muss sich das mal vorstellen: Wir hatten für sämtliche Shootings draußen zwischen 2 und 6 Gäste am Tisch sitzen und ich hab einfach losgekocht.

Unter diesen Live-Bedingungen hat Hermann ALLE Photos geschossen! Kein Foodstylist durfte Hand anlegen, kein Teller wurde besonders schön gemacht – das ist ja Ziel meines Kochbuches gewesen: Alles, was man dort auf den Photos sieht, ist genauso in meiner kleinen, ganz normalen Küche entstanden.

Denn das kennen die Leser der Kochbücher unserer großen Küchenchefs aus der Sternegastronomie doch auch: Natürlich kriegt das keiner so hin, wie es auf den Photos aussieht! Da war nämlich einer mit Haarspray bei den Kartoffeln oder wurde schnell noch Industriefett über die Eiskugel gesprüht damit es glänzt usw. Die meisten Teller, die man in herkömmlichen Kochbüchern sieht, kann man hinterher gar nicht essen, so voller Food-Design-Chemie sind die!

Bei uns ist das komplett anders – manchen Teller konnte Hermann gar nicht mehr vollständig photographieren, weil die hungrigen Gäste einfach angefangen haben, drauf los zu schnabbeln. Übrigens: Genau darum macht unser Buch so viel Spaß – man sieht nämlich genau den Spaß, den wir an solchen Abenden hatten!

9. Seit zwei Jahren haben Sie einen Lehrauftrag für „Naturwissenschaften und Geschmack“ an der Fachhochschule/Bereich Oecotrophologie in Münster. Was lehren Sie dort genau und was können wir noch alles über Geschmack lernen?

Mein Kurs heißt „Iss was…?“ und ich bringe meinen Studenten bei, wie Geschmack und Mundgefühl in der Küche erreicht werden und was die naturwissenschaftlichen Grundlagen sind. In der ersten Stunde machen wir die Theorie, sei es die molekularen Grundlagen zur Maillard-Reaktion oder Faltstrukturen von Eiweißen, Phasenübergänge bei Schäumen und Grenzflächenaktivitäten, aber auch die Rezeptionsphysiologie z.B. beim retronasalen Schmecken oder die biologischen Besonderheiten bestimmter Essensbestandteile etc…

Dann geht´s an den Herd und wir kochen zusammen zu genau den Themen, die wir besprochen haben. Und am Ende jedes Seminartages sitzen wir dann zusammen und genießen das Essen, das wir gekocht haben. Unser Dekan Prof. Dr. Titgemeyer hat sogar extra für meinen Kurs eine Ausnahmeregelung erwirkt: Wir dürfen dabei Wein trinken!!

10. Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen, an wen richtet sich das Buch?

Einfache und klare Antwort: An jeden, der eine Nase, eine Zunge und einen gesunden Verstand hat!

Vielen Dank für Ihre Antworten, Herr Sudhoff!

---

Achtung, Verlosung: Gewinnen Sie zwei Exemplare von "Ein Herd und eine Seele" von Tobias Sudhoff

Wir waren so begeistert von Tobias Sudhoffs neuem Kochbuch, dass wir zwei Exemplare an unsere Leserinnen verlosen!

Verraten Sie uns bis zum 11. März in den Kommentaren, was das Kochen für Sie persönlich bedeutet. Mit ein wenig Glück wird Ihr Name gezogen und Sie bekommen eins der begehrten Exemplare zugeschickt.

Teilnahmebedingungen: Zugelassen sind Personen ab 18 Jahre. Der Gewinn ist pro Gewinner ein Kochbuch. Die Teilnahme erfolgt über einen Kommentar unter dem Artikel oder dem Facebook-Post. Das Gewinnspiel endet am 11. März um 23:59 Uhr. Das Los entscheidet. Es werden lediglich die Kontaktdaten der Gewinner erfragt zur Zusendung des Gewinns, diese werden zu keinem Zeitpunkt gespeichert geschweige denn weiterverarbeitet.

Halloween alles rund um das Gruselfest

Halloween alles rund um das Gruselfest

Beschreibung anzeigen
Eine Marke der FUNKE Mediengruppe