Aktualisiert: 17.05.2021 - 17:55

Hashimoto Thyreoiditis Mit "Happy Hashimoto" schlemmen trotz Autoimmunkrankheit

Von Franziska Peter

Kulinarisch genießen auch mit einer Autoimmunerkrankung? Im Kochbuch "Happy Hashimoto" finden Betroffene heraus, wie das funktioniert.

Foto: Westend61

Kulinarisch genießen auch mit einer Autoimmunerkrankung? Im Kochbuch "Happy Hashimoto" finden Betroffene heraus, wie das funktioniert.

Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Gewichtszunahme: Die Symptome der Autoimmunkrankheit Hashimoto Thyreoiditis sind vielfältig und Betroffene sehen sich zunächst oft mit einem Leben voll Disziplin und Verzicht konfrontiert. Dass der Alltag als Hashimoto-Erkrankte(r) aber genussvoll und fröhlich sein kann, zeigt das neue Kochbuch "Happy Hashimoto". Wir haben mit den zwei Autorinnen gesprochen.

Wenn der Körper nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann: Zwischen sieben und zehn Prozent der deutschen Bevölkerung sind von der Krankheit Hashimoto Thyreoiditis betroffen. Die Schilddrüse wird vom eigenen Körper angegriffen, sodass diese nicht mehr ausreichend Schilddrüsen-Hormone produziert.

So eine Krankheit lässt sich nicht heilen, aber es gibt Therapie-Ansätze, dank derer Betroffene weder auf Lebensqualität noch auf Genuss verzichten müssen. Mit ihrem Kochbuch "Happy Hashimoto" möchten die Autorinnen Yavi Hameister und Dr. Simone Koch, die selbst an Hashimoto erkrankt sind, genau das beweisen. Die 75 bunten Rezepte machen Lust aufs Ausprobieren, Nachkochen und Schlemmen – und zeigen, wie genussvoll ein Leben mit der Krankheit sein kann. Wir haben mit den Frauen über das Kochbuch und Tipps für einen sorgenfreien Alltag trotz Autoimmunerkrankung gesprochen.

Kochbuch "Happy Hashimoto": Die Autorinnen im Interview

BILD der FRAU: Diäten und Unverträglichkeiten verbindet man schnell mit Verzicht. Das Kochbuch und auch sein Titel erwecken aber einen ganz anderen Eindruck. Warum haben Sie das Kochbuch geschrieben?

Dr. Simone Koch: Es gibt schon eine ganze Reihe Ratgeber zu dem Thema. Viele davon wurden aber mit erhobenem Zeigefinger geschrieben, man bekommt schnell das Gefühl, man müsse sich von Genuss und Lebensfreude verabschieden, um die Krankheit erfolgreich zu bekämpfen. Yavi und ich möchten zeigen: Es muss weder sein, dass man ein Leben lang unter Beschwerden leidet, noch dass man sich so stark einschränken muss, dass die Freude am Leben verloren geht. Wir sind beide selbst an Hashimoto erkrankt, aber große Genussmenschen. Darum wollten wir einen alternativen Ratgeber schreiben, der hilft, beschwerdefrei zu werden, aber dabei den Genuss nicht vergisst.

Yavi Hameister: Nach der Diagnose und dem Beginn der Therapie bei meiner Ärztin und Co-Autorin bekam ich einen super restriktiven Ernährungsplan und bin komplett daran gescheitert. Ich stand vor dieser riesigen Aufgabe, alles umzukrempeln. Da ich früher an einer Essstörung litt, habe ich gesagt: Das geht nicht, ich falle aufgrund der vielen Verbote in alte Muster zurück. Was wir bei Hashimoto vermeiden wollen, ist Stress, aber eine einschränkende Ernährung kann genau das auslösen. Also habe ich überlegt, wie ich meine Therapie so anpassen kann, dass ich die wichtigsten Grundregeln beherrsche, aber mich nicht mit allem total verrückt mache. Ich habe mich Schritt für Schritt herangetastet: Wie ist es, wenn ich zwischendurch mal ein Gläschen Wein trinke oder hier und da mal Zucker esse? Das hat funktioniert. Deshalb kam ich damals auf den Titel "Happy Hashimoto": Für mich war es eine Chance, ich habe innerhalb kürzester Zeit so viel Lebensqualität gewonnen.

Welchen Effekt hat eine bestimmte Ernährung auf die Krankheit?

S. Koch: Eine der Säulen bei der Behandlung von Hashimoto ist die Ernährung. Bei einigen Erkrankten spielt sie eine größere, bei anderen eine kleinere oder gar keine Rolle. Hier muss jede und jeder herausfinden, was ihnen guttut. Es macht keinen Sinn, Verbote zu befolgen, wenn drei Viertel davon für mich gar nicht relevant sind. Yavi hat zum Beispiel eine komplett andere Art der Ernährung gefunden als ich. Mit dem Kochbuch wollen wir Ideen aufzeigen, wie die Ernährung aussehen könnte, sodass man für sich einen Weg findet, der funktioniert. Wenn bei einem Hashimoto-Patienten Ernährung einer der Haupt-Auslöser ist, kann man es beispielsweise schaffen, mit einer Ernährungsumstellung den TSH-Wert zu neutralisieren und in eine Remission zu kommen, die Krankheit also "stilllegen".

Kann man mit den Rezepten aus Ihrem Kochbuch Gewichtsprobleme, die durch Hashimoto und eine daraus resultierende Schilddrüsenunterfunktion ausgelöst werden, regulieren?

S. Koch: Es sind viele Rezepte dabei, die bei der Gewichtsabnahme helfen können. Es sind aber auch andere dabei, die sind dafür nicht ganz so gut geeignet (lacht). Dafür ist bei jedem Rezept aufgelistet, wie viel Energie drinsteckt. Orientiert man sich an dem Kochbuch, beachtet aber sonst nichts, wird man davon allein nicht abnehmen.

Gibt es Zutaten und Lebensmittel, die gar nicht im Kochbuch vorkommen?

S. Koch: Was unsere Rezepte alle gemein haben, ist, dass sie clean sind, also keine verarbeiteten Produkte enthalten. Worauf man nicht hoffen darf ist Getreide, weil Gluten bei vielen Erkrankten ein Auslöser ist. Außerdem ist etwa die Hälfte unserer Rezepte vegan und sojafrei. Aber das ist es eigentlich schon, da wir keine Freunde absoluter Verbote sind. Stattdessen haben wir im Kochbuch beschrieben, woran man erkennt, ob man ein Lebensmittel nicht verträgt, und auch erklärt, warum zum Beispiel Schaf- und Ziegenmilch besser verträglich sind als die von der Kuh.

"Happy Hashimoto" richtet sich nicht nur an Betroffene

Ihre Rezepte sind sehr kreativ. Muss man dafür ein Kochprofi sein oder kommt man auch als Anfänger auf seine Kosten?

S. Koch: Wir sind beide keine 5-Sterne-Köchinnen, sondern berufstätige, alleinerziehende Mütter, und das ist auch unsere Zielgruppe. Nicht jemand, der den ganzen Tag Zeit hat, sondern jemand, der eine gesunde Kost im normalen Alltag integrieren muss und nicht stundenlang in der Küche stehen möchte. Die Rezepte sind daher schnell und einfach zu kochen – bis auf wenige Ausnahmen. Außerdem bekommt man alle Zutaten in einem ganz normalen Supermarkt.

Y. Hameister: Im Vorwort sagen wir sogar, dass es keine große Kunst sein soll! Wir beeindrucken nicht mit aufwendigen Gerichten, man benötigt weder irgendwelche faszinierenden Fähigkeiten noch exotische Zutaten. Meine Rezepte lassen sich alle in gefühlt 15 Minuten zubereiten. Ich verbringe selbst nicht so viel Zeit in der Küche, weil ich sie nicht habe und weil mir andere Dinge wichtiger sind. Aber ich möchte eben trotzdem gut essen.

Übrigens: Hier lesen Sie alles zur Autoimmunerkrankung Hashimoto Thyreoiditis.

Wie lässt sich denn in einem ohnehin schon vollgepackten Alltag überhaupt eine gesunde Küche unterbringen?

S. Koch: Mit kleinen Helfern wie einem programmierbaren Slow Cooker: Man wirft morgens einfach alle Zutaten hinein und wenn man abends nach Hause kommt, ist das Essen bereits fertig. Genauso gut sind Rohkostsalate, die man im Food Processor zubereiten kann: Das Schnippeln entfällt und die Zubereitungszeit beläuft sich auf wenige Minuten.

Y. Hameister: Am besten löst man sich erst mal von dem Gedanken, jeden Tag müsse etwas anderes auf den Teller kommen. Außerdem gibt es eine Handvoll Zutaten, die ich immer im Haus habe und die schnell zubereitet sind. Das kann schon eine Maiswaffel mit Gemüse, einem leckeren veganen Aufstrich und vielleicht noch einem Ei sein. Überlegen Sie, was Ihre Lieblingsproteinquellen sind und von welchem Gemüse Sie oft und viel essen können – das sollte dann im Kühlschrank griffbereit sein. Freunden Sie sich auch mit dem Vorkochen, also Meal Prep, an: Sie kochen einen Eintopf, frieren die Hälfte davon ein und bewahren zwei Portionen für die nächsten Tage im Kühlschrank auf.

Ist das Kochbuch nur für Hashimoto-Erkrankte gedacht?

Y. Hameister: Überhaupt nicht, das Kochbuch richtet sich wirklich an jeden. Was für uns gut ist, ist genauso gut für gesunde Menschen. Wir essen entzündungsarm, es gibt also wenig Zucker, Gluten und Zutaten wie Soja, die Entzündungen fördern. Man kann nichts falsch machen mit einer Ernährung, die ganz viel Gemüse, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente beinhaltet. Davon kann wirklich jeder profitieren, dafür muss man kein Hashimoto haben.

Wie sind Sie auf die teils außergewöhnlichen Kombinationen wie das Blumenkohl-Mousse oder die Rote-Bete-Brownies gekommen?

S. Koch: Das ist ein bisschen der Tatsache geschuldet, dass wir beide zwei Söhne haben und Nahrungsmittel so lecker und gesund wie möglich gestalten möchten. Um Blumenkohl oder Rote Bete ins Kind zu bekommen, muss man manchmal eben ein bisschen experimentierfreudig sein. Selbst die Zucchini Oats erinnern gar nicht an Gemüse.

Y. Hameister: Ich schmuggele typischerweise immer viel Gemüse in Speisen, vor allem Süßspeisen, weil ich es selbst gar nicht so gerne mag. Der Kudding, also Pudding aus Kürbis, schmeckt wirklich wie Pudding. Das mag ich an diesen Kombinationen: Ich versorge meinen Körper mit allem, was gut ist, aber habe nicht das Gefühl, den ganzen Tag Gemüse zu essen. Und genauso jubele ich auch meinen Kindern Gemüse unter (lacht).

Was ist Ihr Lieblingsrezept im Kochbuch "Happy Hashimoto"?

S. Koch: Das ist die geschmorte Hochrippe. Die Vorbereitung selbst ist super schnell erledigt. Dann muss es zwar für einige Zeit in den Ofen, macht sich aber sozusagen selbst. Ansonsten liebe ich die Arepas, das sind kolumbianische Teigfladen aus Mais. Weil Hashimoto-Erkrankte kein Brot essen sollten, sind Arepas eine tolle Alternative, die knusprig ist und die man sich belegen kann, wie man möchte. Das Rezept habe ich von der Oma einer kolumbianischen Freundin. Es ist außergewöhnlich, aber ganz simpel zuzubereiten.

Y. Hameister: Mein Lieblingsrezept sind auf jeden Fall die Zoats, also Oats aus Zucchini! Sie sättigen sehr lang und halten den Blutzucker konstant. Zoats können etwa drei Tage im Kühlschrank aufbewahrt und jeden Tag variiert werden: mal mit Chiasamen, Erdnuss- oder Mandelmus und allerlei Obst. Außerdem mag ich das Kürbiscurry, das ich einmal die Woche koche. Es lässt sich genauso vielseitig kombinieren wie die Zoats: entweder mit Fisch, Fleisch oder vegan, mit Kartoffeln, Reis oder ohne Kohlenhydrate – ein echter Allrounder.

Haben Sie Tipps, die dabei helfen, die eigene Ernährung umzustellen?

S. Koch: Seien Sie immer nett zu sich selbst, denn es muss nicht perfekt sein! Man startet mit ein paar Sachen, lässt beispielsweise Gluten weg, indem man zunächst auf einige Produkte verzichtet. Wenn das funktioniert, kommt mehr dazu. Am Anfang stehen Sie vielleicht in der Küche und haben das Gefühl, es ist kaum zu bewältigen. An vieles muss man sich aber einfach nur gewöhnen. Es ist außerdem immer hilfreich, sich Hilfe zu suchen. Das kann ein Ernährungsberater oder Therapeut sein, aber auch Menschen, die einen ähnlichen Lebensstil führen.

Y. Hameister: Über bestimmte Nahrungsmittel dachte ich, ich könnte nicht ohne. Aber es funktioniert, und das hat ganz viel mit der Einstellung zu tun. Es geht damit los, dass wir uns erstmal überlegen müssen: Was will ich und wie komme ich dahin? Hilft das, was ich gerade mache, um mich ans Ziel zu bringen? Am besten einfach mal aufschreiben und illustrieren, was die eigene Motivation ist. Im nächsten Schritt können Sie sich eine Strategie überlegen: Wie gestalte ich den Übergang so angenehm wie möglich? Der Verzicht hört in dem Moment auf, wenn wir merken, dass es genügend Alternativen gibt. Die ersten ein bis drei Wochen sind immer die schwierigsten, man denkt, vor einem liegt noch so eine lange Reise. Wenn aber die ersten Erfolge kommen, etwa besserer Schlaf und Verdauung, mehr Energie, dann bleibt man dran.

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Yavi Hameister ist schon seit vielen Jahren erfolgreiche Bloggerin und zeigt sowohl auf ihrem Blog "mama moves" als auch auf ihrem Instagram-Kanal, wie sie ihre große Leidenschaft für ihre Kinder, Sport und Fitness sowie Ernährung gekonnt in ihrem Alltag vereint. Auch über Hashimoto spricht sie mit ihren Followern.

Ihre Co-Autorin Dr. Simone Koch hat sich in ihrer eigenen Praxis auf Ernährungs- und funktionelle Medizin spezialisiert und hilft darüber hinaus auf dem Portal "Autoimmunhilfe" Patienten mit Autoimmunerkrankungen, den Weg in ein sorgenfreieres Leben zu finden.

Ihr Kochbuch "Happy Hashimoto" mit 75 Rezepten und Tipps für ein Leben mit der Autoimmunkrankheit erscheint am 18. Mai 2021 im riva Verlag.

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