23.11.2018

Fazit Selbstversuch Vegan Ein Leben ohne Käse ist möglich – aber weit weniger schön

Sich einen Monat lang vegan zu ernähren, ist gar nicht so einfach – unsere Redakteurin Olivia Winter hat sich der Herausfordeurng gestellt und sie gemeistert. Hier verrät sie, welches Fazit sie aus der Zeit zieht.

Foto: Pako Cardenas Quijada

Sich einen Monat lang vegan zu ernähren, ist gar nicht so einfach – unsere Redakteurin Olivia Winter hat sich der Herausfordeurng gestellt und sie gemeistert. Hier verrät sie, welches Fazit sie aus der Zeit zieht.

Es ist vollbracht! Unsere Redakteurin hat sich einen Monat lang vegan ernährt und in unserer Serie darüber berichtet. Nun zieht sie ihr Fazit.

Es. Ist. Geschafft. Die Zeiger der Uhr erreichten gnädig endlich beide die 12 – Mitternacht. Ich habe es tatsächlich geschafft und habe einen Monat lang komplett auf Lebensmittel tierischer Herkunft verzichtet. Ich habe mich vier Wochen lang vegan ernährt. Nun steht vor mir auf dem Tisch der kleine Teller, auf dem ich ein wenig Käse und Salami drapiert habe, um mich nach meinem Monat des Entzugs zu belohnen.

Einige Minuten starrte ich die Leckereien an und hatte wirklich Skrupel, mir etwas davon in den Mund zu stecken. Sobald ich es tun würde, wäre es vorbei. Meine Disziplin und Konsequenz wären gebrochen. Ob es sich ähnlich anfühlen wird, wie während einer Diät einen Schokoriegel zu verschlingen?

Vegan ernähren für einen Monat: Was macht es mit mir?

Aber eigentlich wollte ich ja nicht mehr, als diesen einen Monat schaffen... und sehen, was das Ganze bei mir bewirken würde und ob es mir ÜBERHAUPT möglich ist, mich rein vegan zu ernähren. Für eine bessere Auswertung stellte ich mir vor meinem Selbstversuch folgende Fragen:

  • Wird sich etwas an meinem Gewicht verändern?
  • Werde ich mich gesünder fühlen?
  • Wird sich der Verzicht auf tierische Lebensmittel auf meine Stimmung auswirken?
  • Werde ich mehr Geld ausgeben als früher?
  • Wie lässt sich Veganismus im Alltag umsetzen?
  • Und: Werde ich es überhaupt durchhalten?

Letztere Frage hat sich ja bereits von selbst beantwortet. Doch mit dem Rest setze ich mich nun im Folgenden auseinander.

Vegan abnehmen: Geht das?

Wohl der Punkt, von dem ich mir am meisten versprochen habe. Wenn ich mich nicht gerade vegan ernähre, bin ich eigentlich ein großer Fan der Low-Carb-Ernährung – auch, wenn mir die Waage trotzdem stets unbarmherzig mehr oder weniger dasselbe anzeigte. "Vielleicht bin ich einfach nicht der Typ, der ohne Kohlenhydrate abnehmen kann", dachte ich so bei mir und hoffte, dass mir der Verzicht auf tierische Produkte aller Art dabei helfen würde, den Extrapfunden an den Kragen zu gehen.

Nun ja. In den ersten beiden Wochen sah es auch ganz gut aus. Ganze zwei Kilo hatte ich abgenommen – doch so wirklich lange darüber freuen konnte ich mich nicht. Denn als ich nach meinem veganen Monat meinen persönlichen Todfeind (also die Waage) erklomm, zeigte sie wieder 2,5 kg mehr an. Somit habe ich im Vergleich zum Beginn meines Selbstversuches, vegan zu essen, ein halbes Kilo zugelegt.

Ich habe allerdings auch eine Theorie, weshalb das so gelaufen sein könnte: In meinen beiden ersten Wochen war ich in Sachen Vegan ja noch ein echter Laie... und vermutlich habe ich aus blankem Unwissen heraus auch einfach weniger gegessen, um bloß nichts falsch zu machen. Hinzu kam, dass ich in der ersten Zeit gefühlt ständig pappsatt war. Ein Gefühl, das ziemlich genau zur Hälfte meines Selbstversuchs in stetigen Hunger umschlug. Obendrein hatte ich zwischenzeitlich ja auch gelernt, außergewöhnlichere Gerichte zu kochen – oft auch mit "Fleisch-Ersatz" in Form verschiedener Soja- und Seitan-Produkte, die auch nicht wenig Kalorien haben. Durch das permanente Gefühl des Hungers habe ich wohl hier und da auch mal mehr gefuttert, als es nötig gewesen wäre.

Allerdings kann ich mir schon vorstellen, dass vegan abnehmen möglich ist – dann aber indem man Fleisch, Eier und Co nicht durch ähnlich kalorienhaltige Lebensmittel ersetzt. Wer aber dazu übergeht, viel mehr Obst und Gemüse in seinen Speiseplan einzubauen, sollte am Ende auch ein Kaloriendefizit erreichen und allein dadurch abnehmen.

Fühle ich mich nach einem Monat veganer Ernährung gesünder?

In Sachen körperlicher Befindlichkeit fand zur Halbzeit meines Selbstversuchs ebenfalls ein Umschwung statt. Während ich mich (von den latenten Entzugserscheinungen mal abgesehen) in der ersten Zeit körperlich ziemlich gut fühlte, sackte das Gefühl zu Woche 3 bis zum Ende hin eher ab. Ich war irgendwie ganz schön müde.

Was ich allerdings sagen muss, ist, dass mein Stoffwechsel während der gesamten Zeit fleißig am Werkeln war – aber auch mein bereits erwähnter kugelrunder Bauch war ein stetiger Begleiter. Wahrscheinlich dauert es eine gewisse Zeit, bis sich die Verdauung auf rein pflanzliche Kost umgestellt hat. Und was die Müdigkeit angeht: Vielleicht hatte ich all die Nährstoffe, die Veganer durch ihre Ernährung auf anderen Wegen zuführen müssen, nicht ausreichend in meinen Speiseplan eingearbeitet. Aber mal ehrlich: Vielleicht habe ich für einen Monat Komplettumstellung in Sachen Ernährung auch ein bisschen viel von mir erwartet. Oft sind positive Auswirkungen auf den Körper nicht nach nur einem Monat spürbar.

Was macht die vegane Ernährung mit meiner Stimmung?

Wenn ich meine Stimmung selbst beurteilen müsste, dann würde ich sagen: Abgesehen von der Müdigkeit hat sich nicht viel geändert. Aber das ist auch nur meine Meinung – wenn man meine Freunde und Kollegen fragen würde, dann sähen sie das ganz sicher anders. Und so gesehen – ja, womöglich war ich ein bisschen dünnhäutiger, als ich es ohnehin schon bin. Und ja, ich war ganz schön nah am Wasser gebaut und habe aus ziemlich albernen Gründen ganze Sturzbäche an Tränen vergossen – zum Beispiel, als in der vierten Woche des Vegan-leben-Selbstversuchs alle Rührei essen durften, nur ich nicht. Ich würde sagen, wir schieben es einfach mal auf die Entzugserscheinungen. Wer 35 Jahre lang alles gegessen hat, an dem geht ein solcher Verzicht eben nicht spurlos vorbei. Schätze ich.

Ist vegane Ernährung teurer als "normale"?

Also, ich würde mich nicht als geizigen Menschen bezeichnen, aber ich würde nun auch nicht unbedingt Unmengen an Geld ausgeben, wenn es nicht unbedingt sein muss. Und ich kann guten Gewissens sagen, dass mein veganer Monat nicht deutlicher ins Geld gegangen ist, als bei "normaler" Ernährung. Wobei man das auch nicht pauschalisieren kann. Hier meine Erkenntnisse zum Kostenfaktor "Vegan ernähren":

  • Pflanzliche Milchalternativen kosten ein gutes Stück mehr, als normale Kuhmilch, das gilt auch für pflanzliche Alternativen für Wurst und Käse.
  • Fleischersatz-Produkte aus Soja. Seitan und Co sind ebenfalls recht teuer. Aber: Wer beim Kauf von Fleisch auf Bio-Qualität achtet oder zum Metzger des Vertrauens geht, bezahlt mindestens genauso viel, wenn nicht mehr.
  • Der Einkauf im veganen Supermarkt ist recht teuer, aber immerhin muss man sich da um die Auswahl der Lebensmittel nicht erst den Kopf zerbrechen. Die Produkte sind klar ausgewiesen vegetarisch oder vegan. Dieser Kostenfalle kann aber entgehen, wer sich ein gutes Vorwissen angeeignet hat – dann tut es auch der Einkauf beim gewöhnlichen Supermarkt um die Ecke.

Außerdem: Wer nicht versucht, krampfhaft alles Fleisch, allen Käse und alle Wurst durch pflanzliche Alternativen zu ersetzen und stattdessen mehr auf Gemüse und Co setzt, gibt ohnehin weniger aus. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich schon mit einem ganzen Einkaufskorb an frischem Gemüse und Pasta aus einem Laden gegangen bin und mich über den enorm günstigen Einkaufspreis gewundert habe – obwohl ich aus den Zutaten Essen für drei Tage kochen konnte.

Ob man für die vegane Ernährung also – im übertragenen Sinne – sein letztes Hemd gibt oder nicht, kommt einfach auch auf gute Planung an.

Ist Veganismus alltagstauglich?

Kommen wir zu meiner letzten Frage, die ich noch nicht beantwortet habe. Und wenn ich genauer darüber nachdenke, ist die Antwort darauf auch ein hervorragendes Fazit für meinen gesamten Selbstversuch. Denn darum geht es ja eigentlich im Großen und Ganzen, oder? Ob sich eine bestimmte Ernährungsform tatsächlich in den Alltag integrieren lässt.

Ich will es nicht abstreiten – und wer die vorangegangenen Teile meines Selbstversuchs gelesen hat (und wer mich in dieser Zeit live und in Farbe ertragen musste), dem ist es sicherlich auch nicht entgangen: Ich habe ganz schön oft gejammert. Und all das könnte natürlich dafür sprechen, dass Veganismus nicht alltagstauglich ist. Aber ich sehe das anders.

All die Probleme, auf die ich in dieser Zeit gestoßen bin, liegen eher an meiner mäßigen Vorbereitung und unvollendeten Planung, als am Veganismus an sich.

Möglicher Nährstoffmangel, Kopfzerbrechen beim Einkauf, Verdauungsprobleme und Müdigkeit – all das sind einfach Sachen der Gewohnheit. Wer sich entschließt, sich für längere Zeit oder gar für immer vegan zu ernähren, der dürfte mit diesen Sorgen bald umgehen können. Irgendwann achtet manauf die ausreichende Zufuhr der Nährstoffe, die ich im zweiten Teil, "vegan einkaufen" beschrieben habe. Auch weiß man bald, was gut schmeckt und wo man es kaufen kann und auch der Körper gewöhnt sich irgendwann an den neuen Kraftstoff, der ihn nun befeuert.

Am kompliziertesten fand ich aber tatsächlich das Gefühl der Ausgrenzung – und das entsteht zum einen aus einem selbst heraus und zum anderen auch durch das Verhalten und mangelnde Verständnis anderer. Ich bin von der Tendenz her eher ein Mensch, der sich gerne integriert und nicht unbedingt aus der Masse herausstechen will. Das war natürlich etwas schwierig für mich in diesem Monat, denn durch die Begrenzung auf rein pflanzliche Lebensmittel hat man beim gemeinsamen Essen mit Nicht-Veganern (sowohl beim Kochen als auch bei Restaurant-Besuchen) zwangsläufig einfach immer Extra-Wünsche zu äußern. Und natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass man der Nabel der Welt sei und sich jeder einem anpasst.

Aber auch dieses Gefühl, das ich wirklich mehr als unangenehm empfand, kann umgangen werden – indem man einfach richtig plant und die richtigen Strategien an den Tag legt.

  1. Essen vorkochen bzw. vorbereiten und dann einfach mit ins Büro oder zu einer Party nehmen. Schon stellt man sicher, dass man selbst nicht verhungern muss.
  2. Gemeinsam kochen ist ebenfalls möglich: Einfach einige unverfängliche (vegane) Zutaten gemeinsam kaufen und die anderen basteln sich daraus mit Fleisch, Käse oder Sahne ihr eigenes Gericht, während man sich selbst in einem separaten Topf eine pflanzliche Variante zaubert.
  3. Einfach mal vorschlagen, für die anderen zu kochen – vegan, versteht sich. Oft sind andere aufgeschlossener, als man denkt und probieren gern Neues aus.
  4. Wenn alles nicht hilft: Ab ins Restaurant! In Teil 3 meines Selbstversuchs, "vegan kochen", habe ich neben Kochtipps zusammengefasst, in welchen Lokalen man als Veganer mehr Auswahl hat. Bei Verabredungen einfach darauf achten, dass richtige Restaurant bzw. die richtige Küche auszuwählen.

Der Vorteil? Ganz neue Bereiche der Ernährung lassen sich entdecken

Zu den positiven Aspekten meines Selbstversuchs zählt ganz sicher die Auseinandersetzung mit Ernährung an und für sich. Ich fand es gar nicht mal so schlecht, wieder häufiger selbst zu kochen – auch wenn mir oft Zeit und Lust fehlten. Ich bin eigentlich schon eine passionierte Köchin in meiner Freizeit und so fühlte ich mich durch die vegane Ernährung regelrecht herausgefordert, mehr Kreativität in den Kochtopf einfließen zu lassen. Ich hantierte mit Zutaten, mit denen ich noch nie gekocht habe. Ich habe Lebensmittel gegessen, die ich noch nie zuvor probiert hatte.

Insofern kann ich sagen, dass mein kulinarischer Horizont durch diese Zeit wirklich erweitert wurde. Ich hätte nie gedacht, wie großartig eine Gemüsepfanne ganz ohne Fleisch und Käse schmecken kann, was man für köstliche Dinge aus Tofu zaubern kann und wie gut ein Kaffee mit Hafermilch schmeckt.

Immerhin: Das mit dem Umdenken hat geklappt

Doch was auf der einen Seite eben eine Bereicherung ist, bleibt auf der anderen Seite natürlich permanenter Verzicht. Und mit diesem kann ich mich langfristig einfach nicht arrangieren – zumindest im Moment noch nicht. Gerade kann ich mir mein Leben einfach nicht völlig fleisch-, eier- und käselos vorstellen.

Um meine Erfahrungen also tatsächlich als Bereicherung zu begreifen, habe ich beschlossen, fortan als Flexitarier zu leben. Der Selbstversuch hat aus mir zwar keinen Veganer gemacht, aber er hat mich in vielen Punkten zum Umdenken animiert – und allein das hat sich schon gelohnt. Denn was sich in diesem Monat ohne Frage am besten angefühlt hat, war mein Gewissen. Es war ein tolles Gefühl, dass kein Tier für mein Sättigungsgefühl ausgebeutet wurde oder gar sein Leben lassen musste. Und folgende Aspekte haben sich nun einfach bei mir eingebrannt:

  • Fleischkonsum sollte etwas Besonderes sein – und Besonderes hat seinen Preis und sollte nicht inflationär zum Einsatz kommen.
  • Wer weiß, wo tierische Lebensmittel herkommen, kann in der Regel auch nachvollziehen, ob die Tierhaltung artgerecht ist
  • Wer sich mal durch das Sortiment an pflanzlichen Alternativen zu Milch, Sahne und dergleichen probiert hat, findet bestimmt auch Produkte, die schmecken und dauerhaft und konsequent ausgetauscht werden können.
  • Köstliche, vegane Gerichte gibt es zuhauf. Wer schon einen Tag in der Woche vegan is(s)t, trägt dazu bei, dass die Nachfrage an Lebensmitteln tierischer Herkunft zurückgeht und entsprechend weniger Nutztiere gezüchtet werden

Wenn sich alle Menschen doch nur diese Maßstäbe zu Herzen nehmen würden, oder sich zumindest intensiver mit der Thematik auseinandersetzen würden, dann wäre die Welt – zumindest aus meiner Sicht – schon ein viel besserer Ort. Und diese Veränderungen sehe ich nicht als einen radikalen Einschnitt in die eigenen Gewohnheiten, sondern viel mehr als kleine Kompromisse, von denen so viele Lebewesen unter dieser Sonne profitieren könnten. Und das ist das bisschen umdenken und gelegentlich verzichten doch allemal wert, oder nicht?

__________________

Sie wollen es auch mal ausprobieren mit der pflanzlichen Ernährung? Dann finden Sie alle Ratgeber, Artikel und Rezepte rund "Vegan" gibt auf unserer Themenseite.

Seite

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen