16.05.2017 - 10:31

Glutenunverträglichkeit Zöliakie – ein Leben voller Verzicht

Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste und Hafer - für Zöliakie-Betroffene ein Tabu.

Foto: iStock/martinwimmer

Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste und Hafer - für Zöliakie-Betroffene ein Tabu.

Wer an Zöliakie leidet, verträgt den Eiweißstoff Gluten nicht. Was das bedeutet, worin Gluten enthalten ist, und wie schwer der Alltag damit ist.

Lebensmittelunverträglichkeiten können das ganze Leben auf den Kopf stellen! Plötzlich kommt der eigene Körper nicht mehr mit Nahrungsmitteln zurecht, die früher kein Problem darstellten. Erst kämpft man gegen die Symptome, dann versucht man sich an einer Ernährungsumstellung, die oft nicht einfach ist. Besonders schwer betroffen sind Menschen, die an Zöliakie leiden – die Autoimmunerkrankung ist auch als Glutenunverträglichkeit bekannt. Denn Gluten ist in sehr vielen Lebensmitteln enthalten, was den Alltag für Betroffene so schwierig gestaltet.

>>Leben mit Fructose-Intoleranz: eine Betroffene berichtet

Rund 200.000 Menschen sind laut GIVE e.V. (Gesellschaft zur Information über Vitalstoffe und Ernährung) in Deutschland von dieser Krankheit betroffen. Zum Welt-Zöliakie-Tag am 16. Mai hat bildderfrau.de mit Frau Dr. Ruth Diebold, Mitglied des internen wissenschaftlichen Ausschusses der GIVE e.V., gesprochen. In der Gesellschaft zur Information über Vitalstoffe und Ernährung (GIVE) e.V. engagieren sich führende Gesundheitsunternehmen für das Ziel einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungssituation mit Mikronährstoffen zu leisten.

Interview mit Frau Dr. Diebold

bildderfrau.de: Frau Dr. Diebold, Zöliakie ist vielen nicht sofort ein Begriff. Bekannter ist Glutenunverträglichkeit. Was genau ist eigentlich Gluten?

Mit Gluten bezeichnet man eine Reihe von Proteinen, also Eiweißstoffen, im Endosperm der heimischen Getreidegattungen Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste und Hafer. Das eigentliche zöliakieauslösende Eiweiß ist dabei nur die alkohollösliche Fraktion des Glutens, das Gliadin.

In welchen Lebensmitteln ist Gluten enthalten?

Gluten, auch Klebereiweiß genannt, kommt in vielen unserer heimischen Getreidesorten wie zum Beispiel Weizen, Dinkel, Roggen, Hafer, Gerste oder auch Grünkern vor und ist so in allen Produkten enthalten, die aus diesen Getreidesorten hergestellt werden.

Harter Einschnitt in den Alltag

Das ist wirklich eine ganze Menge, worauf man verzichten muss. Wie verändert sich dadurch der Alltag?

Die einzige Therapie zur Behandlung der Zöliakie ist der konsequente Verzicht auf alle Lebensmittel, die Gluten enthalten, was eine Ernährungsumstellung notwendig macht. Da auch kleinste Spuren Gluten gemieden werden sollten, müssen Betroffene besonders auf die Zutatenlisten verarbeiteter Produkte achten – denn gerade dort verstecken sich häufig Glutenbeimengungen. In der Zwischenzeit müssen Hersteller auf allen verpackten Lebensmitteln angeben, ob sie Gluten enthalten. So kann die Auswahl geeigneter Lebensmittel zusätzlich erleichtert werden. Um sicherzustellen, dass es durch das Weglassen von glutenhaltigen Produkten nicht zu einer einseitigen Ernährung kommt, wird außerdem dazu geraten, sich von einem/r Ernährungsberater/in beraten zu lassen.

Kann man überhaupt noch auswärts essen oder ein Restaurant besuchen?

Auswärts zu essen, kann für Zöliakie-Patienten in der Tat schwierig sein. Und zwar immer dann, wenn sich nicht mehr genau nachvollziehen lässt, ob glutenhaltige Produkte verarbeitet wurden. Hier sollte entsprechend nachgefragt werden. Meist weiß das Personal in Restaurants und Hotels sehr gut Bescheid und kann entsprechende Alternativen anbieten. Manchmal kann es jedoch auch notwendig sein, sich von zu Hause Essen mitzunehmen.

Sind Sie zufrieden mit der Auswahl an glutenfreien Produkten im Supermarkt?

Die Auswahl glutenfreier Produkte hat sich in den letzten Jahren sehr ins Positive entwickelt, und man erhält glutenfreie Produkte mittlerweile nicht mehr nur in Reformhäusern – auch Discounter und Supermärkte bieten eine immer größer werdende Auswahl an Lebensmitteln an, die glutenfrei sind. Lebensmittel dürfen immer dann als glutenfrei bezeichnen werden, wenn sie weniger als 20 Milligramm pro Kilogramm des Klebereiweißes enthalten. Damit sie auch schnell als solche erkannt werden, ist auf der Verpackung der meisten glutenfreien Produkte ein Symbol abgebildet: Eine durchgestrichene Ähre. Diese Kennzeichnung stellt für Menschen mit Zöliakie eine Erleichterung bei ihren Einkäufen dar. Noch vor zehn Jahren war das deutlich schwieriger.

>> Erdnussbutterkekse mit Schokolade: Vegan, glutenfrei und superlecker

 

Die verschiedenen Symptome der Glutenunverträglichkeit

Wie macht sich eine solche Unverträglichkeit überhaupt bemerkbar? Welche Beschwerden treten auf?

Die Zöliakie ist eine seltene Autoimmunerkrankung: In Deutschland sind aktuellen Zahlen zufolge nur etwa 0,3 % der Bevölkerung – also rund 200.000 Menschen – davon betroffen. Wenn diese Menschen glutenhaltige Nahrungsmittel verzehren, kommt es zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, die sich wiederum nachteilig auf die Nährstoffaufnahme auswirken. Die Symptome sind sehr vielfältig: Bei einem Teil der Patienten treten gastrointestinale Symptome wie Bauchschmerzen sowie Müdigkeit oder Gelenkschmerzen auf; andere sind dagegen komplett symptomlos.

>> Zöliakie: Was sind die Symptome von Glutenunverträglichkeit?

Auf welche Weise wird Zöliakie diagnostiziert?

Besteht der Verdacht auf eine Zöliakie, wenn z.B. eine genetische Veranlagung vorliegt und typische Symptome auftreten, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Von einer Selbstdiagnose, basierend auf Symptomen wie Magen-Darm-Beschwerden und einem daraus abgeleiteten Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel, wird dringend abgeraten. Bei den allermeisten Betroffenen lässt sich über einen Antikörpertest im Blut ein Antikörper gegen Gewebstransglutaminase (tTG) nachweisen. Voraussetzung für diesen Test ist aber, dass zum Zeitpunkt der Blutentnahme noch nicht auf glutenhaltige Nahrungsmittel verzichtet wurde. Konnten in der Blutuntersuchung Antikörper nachgewiesen werden, wird in der Regel noch eine Gewebeprobe aus dem Dünndarm entnommen und auf typische Veränderungen hin untersucht.

Bei Verdacht unbedingt zum Arzt!

Was geschieht, wenn man trotz Beschwerden nicht zum Arzt geht? Welche Langzeitfolgen kann es haben, wenn man die Erkrankung nicht behandelt?

Wird eine Zöliakie nicht erkannt, kann es langfristig zu einer Nährstoffunterversorgung kommen, die gerade im Kindes- und Jugendalter zu Entwicklungsstörungen wie z.B. Kleinwuchs, einer verzögerten Pubertät und Unfruchtbarkeit führt. Auch Eisenmangel und Osteoporose durch eine unzureichende Aufnahme von Kalzium können auftreten. Daneben wird ein erhöhtes Risiko für andere Autoimmunerkrankungen wie z.B. Diabetes mellitus Typ 1 oder eine Autoimmunthyreoiditis diskutiert.

Viele leiden an Hashimoto-Thyreoiditis – einer Erkrankung der Schilddrüse. Es wurde in der Vergangenheit ja gemunkelt, dass Gluten ein Auslöser sein könnte?

Menschen mit Zöliakie haben generell ein erhöhtes Risiko für andere Autoimmunerkrankungen. Dazu zählt zum Beispiel auch die Autoimmunthyreoiditis (Hashimoto-Thyreoditis). Die genauen Ursachen dieser Autoimmunerkrankung sind bis heute nicht sicher bekannt. Diskutiert werden neben einer genetischen Disposition auch Umwelteinflüsse, Geschlechtshormonstatus, vorangegangene virale Infekte, eine Überversorgung mit Jod oder eine hohe Stressbelastung.

Glutenfreie Ernährung bietet keine Vorteile für Nicht-Erkrankte

Gerade in den USA war glutenfreie Ernährung zuweilen ja ein echter Trend. Warum, glauben Sie, war das so? Nimmt man von dieser Form der Ernährung besonders ab?

Trends haben meist nichts mit einem gesundheitsfördernden Verhalten zu tun und unterliegen einem oft willkürlichen und schnellen Wechsel. In den USA trugen vor allem berühmte Persönlichkeiten dazu bei, dass die glutenfreie Ernährung einen Hype erfuhr. Beispiel hierfür ist die Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus, die in den sozialen Medien regelrecht dazu aufrief, auf Gluten zu verzichten. Glaubt man ihren Tweets und Posts, ist eine glutenfreie Ernährung ein Wundermittel für Körper und Geist. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das völlig unbegründet. Denn für Menschen, die nicht an Zöliakie leiden, bringt es keinerlei gesundheitlichen Vorteil, auf glutenhaltige Nahrungsmittel zu verzichten – auch als Diätform zur Gewichtsreduktion kann eine glutenfreie Ernährung nicht empfohlen werden.

>> Nahrungsmittelintoleranz: Sind wir nur eingebildete Kranke?

Ist es denn überhaupt gesund, auf so viele Lebensmittel zu verzichten, wenn man gar nicht an Zöliakie leidet?

Nein, für Menschen, die nicht an einer Zöliakie leiden – die Erkrankung sollte in jedem Fall von einem Arzt diagnostiziert werden –, macht es keinen Sinn, glutenfreie Produkte zu sich zu nehmen, bzw. auf Produkte zu verzichten, die Gluten enthalten. Das ist eine unnötige Einschränkung und hat keinen gesundheitlichen Vorteil. Im Gegenteil: Durch den Verzicht auf eine Reihe von Lebensmitteln kann schnell eine einseitige Ernährung entstehen. So zeigten wissenschaftliche Untersuchungen, dass die Aufnahme verschiedener B-Vitamine und des Mineralstoffs Magnesium bei glutenfreier Ernährung häufig unzureichend ist. Hinzu kommt, dass glutenfreie Snacks und verarbeitete Produkte meist teurer und dabei hinsichtlich ihres Nährstoffgehalts nicht gesünder sind als glutenhaltige.

>>

>>

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen