26.10.2016

Zuckerfreiheit Anastasia Zampounidis: "Zuckerfrei fühle ich mich ausgeglichen"

Zuckerfrei zu leben scheint für viele eine nicht machbare Herausforderung zu sein. Anastasia Zampounidis zeigt, dass es sich lohnt.

Foto: Svenja Goebel

Zuckerfrei zu leben scheint für viele eine nicht machbare Herausforderung zu sein. Anastasia Zampounidis zeigt, dass es sich lohnt.

Anastasia Zampounidis sorgt für Gesprächsstoff mit ihrem Geständnis: Ich esse keinen Zucker. Aber wie sieht das in der Praxis aus und was war der Auslöser?

Oft verstehen wir unter zuckerfreier Ernährung eine Lebensweise mit Light-Produkten und zuckerfreien Kaugummis, vor allem der Figur und den Zähnen zuliebe. Was aber, wenn wir bewusst auf eine wirklich zuckerfreie Ernährung umstellen wollen und feststellen, dass selbst in Tomatensaucen, Fischkonserven und Aufschnitt Zucker enthalten ist?

So ging es Moderatorin Anastasia Zampounidis vor zehn Jahren, als sie dem Zucker abschwören wollte. Sie nahm die Herausforderung an und hat viele Erfahrungen gesammelt. Wir haben sie getroffen und alle Fragen gestellt, die uns unter den Nägeln brannten.

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bildderfrau.de: Sie haben in den vergangenen Wochen ganz schön für Furore gesorgt, nicht zuletzt aufgrund Ihres jungen Aussehens, aber besonders, weil sie ohne die Lieblingsdroge der Menschen, Zucker auskommen. Warum, glauben Sie, wirbelt diese Tatsache so viel auf und sorgt für so ein hohes Interesse?

Anastasia Zampounidis: Jedes Thema hat ein stückweit seine Zeit, das wissen wir und das wissen Journalisten. Ich erzähle bereits seit zehn Jahren in Interviews, wenn ich gefragt werde, warum ich so jung und fit aussehe, dass ich auf Zucker verzichte. Bis vor Kurzem hat niemand darüber berichtet.

Zwei Journalistinnen, die ich schon lange kenne, haben sich das, was ich erzählte über zuckerfreie Ernährung, angeeignet, aber ebenfalls nicht darüber geschrieben. Als ich sie etwa ein halbes Jahr später wiedertraf, hatte die eine sieben, die andere 18 Kilo abgenommen. Als ich nachfragte, wie sie das angestellt haben, drucksten sie etwas herum und erzählten schließlich, dass sie unabhängig voneinander unter anderem den Zucker weglassen.

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Aber keine der beiden schrieb darüber, weil sie wussten, dass es niemanden interessiert. Es war wahrscheinlich zu früh. So, wie die vegane Ernährung vor zwei Jahren durch die Decke ging oder jetzt Superfoods und Rohkost: es gibt immer Themen und das richtige Timing dafür. Jetzt ist anscheinend die Zuckerzeit und die Menschen sind bereit dafür. Mich freut es!

Ich freue mich generell in was für einer Zeit ich leben darf. Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass mein Leben leichter wird. Es war immer anstrengend "zuckerfrei" durchzuziehen. Mittlerweile kann ich in Cafés gehen und nachfragen, ob Zucker im Saft ist und man kann mir die Auskunft erteilen. Vor zehn Jahren hätte sich der Kellner erst einmal schlau machen müssen. Eine Umstellung auf zuckerfrei ist jetzt also deutlich leichter.

Junges Aussehen ist mit Sicherheit nicht alles, aber man möchte ja am besten so jung aussehen, wie man sich fühlt. Was war bei Ihnen der Auslöser sich zuckerfrei zu ernähren? Gab es konkrete Beschwerden?

Der Auslöser war nicht das Aussehen, denn das wusste ich damals schlichtweg nicht. Die Auswirkungen der zuckerfreien Ernährung kannte ich am Anfang nicht, denn ich habe mich erst vor ein oder zwei Jahren hingesetzt und mir Studien angeschaut zum Thema Anti-Aging und Zucker: Alle bösen Zellen lieben Zucker, allen voran die Krebszellen.

Die stürzen sich direkt auf den Zucker, auch auf den Fruchtzucker. Natürlich bin ich auch eitel und Kosmetik spielt auch eine Rolle, aber mein Aussehen wird mich niemals so diszipliniert werden lassen wie mein Wohlbefinden. Das wirkliche Zufriedensein funktioniert nicht über den Spiegel. Die Frage "wie fühle ich mich" entscheidet mehr, als das Aussehen. Das hat mich die Umstellung auch diszipliniert durchhalten lassen.

Was waren denn die unmittelbaren Auswirkungen der Umstellung?

Ich fühlte mich fitter und hatte keinen Heißhunger mehr, der mich oft wie fremdgesteuert lenkte. Mir hat sich eine ganz neue Welt eröffnet. Auch das Gefühl der Abgeschlagenheit war weg und die damit einhergehenden Stimmungsschwankungen.

Außerdem hat sich mein Geschmackserlebnis verändert. Plötzlich haben Lebensmittel angefangen süß zu schmecken, wie zum Beispiel Karotten, Lauch, Zwiebeln, Rote Beete, rote Paprika, Kürbisbrei. Ansonsten hatte ich den Eindruck, als würde ich mich mental klarer fühlen, nicht zuletzt auch aufgrund des Wissens, dass hinter dem Zucker eine ganze Industrie steckt, die die Verbraucher im Prinzip für dumm verkauft.

In meinem leckeren Putenaufschnitt, der schön fettarm ist, steckt Sirup. Warum? Weil süß immer leckerer ist, weil wir ab Kindesbeinen darauf konditioniert werden. Dieser Geschmack wird uns als Status Quo antrainiert, als Maßstab, dass Lebensmittel so zu schmecken haben. Das Gute ist aber, dass jede Konditionierung rückgängig gemacht werden kann.

Was war nun der tatsächliche Auslöser auf zuckerfrei umzustellen?

Im Prinzip wusste ich ja gar nicht, was für Symptome mit dem Zuckerkonsum zusammenhängen, denn ich hatte keinen Vergleich wie es ohne Zucker ist. Der Auslöser war der Besuch bei einer TCM-Ärztin (Anm. d. Red.: traditionelle chinesische Medizin), aufgrund von Nackenverspannungen. Aufgrund alternativer Schmerztherapien bin ich bei der chinesischen Medizin gelandet.

Im Verlauf des Gesprächs merkte die Ärztin, dass ich mich für Ernährung interessiere. Damals habe ich mich mediterran ernährt, vorrangig griechisch. Ich habe schon kein Fast Food mehr gegessen und keine Fertigprodukte, aber Zucker. Der Verzicht ist mir vorher nie gelungen, ich bin immer wieder rückfällig geworden, da ich ja nicht wusste, dass ich weiterhin die ganze Zeit Zucker esse.

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Das ist so wie mit dem Alkohol: Man kann nicht auf Alkohol verzichten, wenn im täglichen Saft immer ein Schuss Vodka steckt. Diese Ärztin hat mir dann empfohlen den Zucker wegzulassen. Natürlich hatte ich meine Zweifel, aber habe ihr vertraut. Dann fing ich an, wirklich darauf zu achten, was ich eigentlich esse.

Ich fiel aus allen Wolken: Senf, Käse, Aufschnitt, Tomatensauce, Brot, Sojasauce, Sojamilch - alles ist verarbeitet und alles ist voller Zucker. Selbst die Erbsen und Möhren im Glas. Ich habe mich geärgert, aber es gleichzeitig sportlich genommen und die Herausforderung angenommen.

Ein paar Wochen später habe ich meine Ärztin gefragt, wie es denn mit Honig und Agavendicksaft aussieht. Sie riet mir, wenn es gar nicht anders ginge, solle ich lieber dazu greifen, aber letztlich macht es für den Körper keinen Unterschied, es ist Zucker. Also hieß es für mich: ganz oder gar nicht!

Sie haben von den entzündlichen Wirkungen von Zucker erfahren und danach ziemlich drastisch ihre Ernährung auf zuckerfrei umgestellt. Wie liefen die ersten Tage? Haben Sie Entzugserscheinungen gespürt?

An die ersten Tag kann ich mich nicht mehr erinnern, ich denke aber, dass ich nicht besonders abwechslungsreich gegessen habe. (lacht) Ich habe mich jeden Tag mit Essen beschäftigt und es wurde zu einer Leidenschaft, einem Hobby.

Ich habe akribisch recherchiert, bin mit Lupe, Zettel und Stift einkaufen gegangen, habe Labels abfotografiert und zuhause weiter recherchiert, ich habe Medizinstudenten befragt, da ich ja auch nicht alles wissen konnte, habe in Cafés immer nachgefragt, was in der Sojamilch ist.

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Nach drei Wochen setzten die ersten Effekte ein, nach sechs bis acht Wochen war die Sucht auch weg. Selbst der Dalai Lama sagt, dass das Gehirn sechs Wochen braucht, bis es alte Verhaltensmuster durchbricht und neue annimmt. Dann hat man es das erste Mal geschafft. Es stellte sich tatsächlicher Hunger und nicht der Heißhunger ein.

Die Gemütsschwankungen waren weg. Effekte an der Haut habe ich da noch gar nicht gesehen. Es eröffneten sich neue, bunte Essenswelten. Ich habe Gemüsesorten für mich entdeckt, die ich vorher nicht gegessen habe, wie Grünkohl. Wir haben in Deutschland so tolle Gemüsesorten, Kohl, Pilze, es ist so toll.

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Haben Sie Ihr Umfeld eingeweiht?

Meinem Umfeld habe ich es natürlich erzählt und es fiel auf, weil ich bei Geburtstagen keinen Kuchen mehr gegessen habe und bei Dinnerabenden nachfragte, was in den Gerichten drin ist.

Ich habe ganz entzückende Leute um mich, die zum Beispiel für einen Dinnerabend eine Portion Kürbis-Karotten-Suppe für mich bereit stellten, die keinen Honig enthielt, denn das normale Rezept enthielt Honig. Das hat mich echt gerührt. Oder beim Geburtstag aßen alle Kuchen und ich bekam eine riesige Schale Kirschen hingestellt. Ich gehe auch nie hungrig weg, weder zu Events, noch zu Abendverabredungen.

Ich habe immer etwas dabei, wie Nüsse, geröstete Kerne, Trockenobst oder meinen Kürbisbrei im Glas. Es geht! Ich gehe nicht mehr so oft essen wie früher, aber es gibt Restaurants, die genau wissen, was in ihren Gerichten steckt, wo es auch in Ordnung ist nachzufragen.

Spontanes Essen gehen oder Treffen mit Freunden, klappt das denn noch?

Es ist schwierig, aber Restaurants bieten Beilagen an, die zum Beispiel nur gedünstet sind. Manchmal gibt es zwar komische Blicke, aber meistens klappt es doch. Man muss aufpassen, denn in so gut wie allen Salatsoßen und Dressings ist Zucker.

Viele asiatische Restaurants kochen mit Zucker, mit Ausnahme der japanischen Küche, die an sich schon sehr puristisch ist. Alles wird einzeln für sich gekocht und serviert. Bei der japanischen Küche muss man nur bei der Sojasauce aufpassen.

Im Urlaub hat man ja eher selten die Tupperbox dabei, wie schaffen Sie es da auf Ihre Ernährung zu achten und weiterhin zuckerfrei zu bleiben?

Vielleicht bin ich in den letzten Jahren auch alt geworden, aber ich fahre immer nach Griechenland. (lacht) Da ist das kein Problem. Die griechische Küche verwendet keinen Zucker. Frisches Gemüse, Käse, Milchprodukte, Hülsenfrüchte, alles ohne Zucker. Aber ich packe mir immer zuckerfreie Sojamilch ein, denn die bekomme ist nicht ohne Weiteres.

Nun gibt es ja das Konzept der intuitiven Ernährung, aber bei all dem Zucker, den wir zu uns nehmen, kann das Bauchgefühl einen auch falsch lenken, Richtung süß. Wie kann man dahin kommen, dass man Lust auf die richtigen Lebensmittel hat?

Man kann sich sich nur intuitiv ernähren, wenn man sich wie ich intensiv mit Ernährung auseinandersetzt, weil man seine Geschmacksrezeptoren resetten muss. Wir sind ja nicht nur durch Zucker, sondern auch durch Geschmacksverstärker, Aromen, Farbstoffe und Konservierungsstoffe versaut. Damit haben wir den Kontakt zu unserem Körper verloren, wir sind gegenüber unserem Körper taub geworden und hören nicht mehr, was er braucht.

Ich habe nach wie vor jeden Tag Lust auf etwas Süßes. Heute morgen habe ich eine süße Mango aus Spanien gegessen, die mir förmlich im Mund explodierte, so süß war sie. Diese Süße wollte ich, die wollte ich wirklich, ganz im Vergleich zur Schokolade.

Ich glaube das Intuitive ist die Zukunft, aber vorher brauchen wir einen Detox von allen anderen Inhaltsstoffen. Es wäre toll, wenn sich dieses Konzept weiter verbreitet, weil sich dann auch die Industrie nach uns richten müsste.

Wir haben die Macht! Die ganzen Veränderungen der letzten zehn Jahre, die die Vorreiter, die Ökos, die Grünen gebracht haben, funktionieren und die Industrie muss nachziehen. Hauptsache wir behalten den richtigen Kurs bei und machen keine Rückschritte, wie bei den Plastiktüten und den Kaffeekapseln. Alles hat seine Zeit und genau deswegen reden wir jetzt darüber.

Was hat doich in den vergangenen Wochen der Diskussion um zuckerfreie Ernährung besonders berührt?

Meine letzten Auftritte haben mir so viele Nachrichten von Frauen beschert, die meinem Beispiel folgen... wohlgemerkt Frauen! (lacht) Mich freut jede einzelne Person, die meinem Beispiel folgt und es zumindest einmal ausprobiert. Deswegen arbeite ich auch an einem Buch, das aber noch etwas auf sich warten lässt.

Jedes Jahr wird ein neuer Foodtrend propagiert, ohne den man scheinbar kaum bis zum Ende des Jahres überlebt, Stichwort Clean Eating oder Superfoods. Wie stehen Sie dazu?

Ich denke, dass einiges hängen bleiben wird und ein Kern bleibt ja doch immer übrig. Nichtsdestotrotz verändert sich das Bewusstsein. Nehmen wir mal an, man hat sich zwei Jahre lang vegan ernährt und bricht es ab, weil man es nicht durchhält. Man wird danach nicht so viel Fleisch konsumieren wie vorher. Das liegt an der bewussten Auseinandersetzung mit der Massentierhaltung, mit den Hormonen und Inhaltsstoffen - da setzt der nachhaltige Wandel an.

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Superfoods sind ok, gerade für Leute, die sonst wenig Obst und Gemüse zu sich nehmen. Sollen sie ruhig ihren Smoothie mit Superfoods trinken, bevor sie kaum Vitamine zu sich nehmen. Es gibt deutsche Alternativen zu Gojibeeren und Co, wie unsere Heidelbeeren und Leinsamen, denn dann tut man noch etwas für die Ökobilanz.

Stichwort Superfoods: Gerade bei Gojibeeren tappt man leider in eine Zuckerfalle. Bei welchen sogenannten Superfoods können Sie nur noch den Kopf schütteln?

Die Gojis sind da schon weit vorne, aber bei den Chiasamen kann ich das nicht, denn sie sind einfach der Hammer. Ich versuche sie selten zu mir zu nehmen, aber ich möchte auch nicht darauf verzichten. Klar, sie haben einen langen Weg hinter sich, setzen aber Leinsamen in Bezug auf die Inhaltsstoffe doch nochmal einen drauf.

Auch die Konsistenz ist unschlagbar. Ich esse täglich Leinsamen, aber ab und zu möchte ich schon diese kleinen, glitschigen Samen als Pudding essen. Man darf auch nicht zu dogmatisch und streng sein. Ich muss ab und zu auch mal etwas falsch machen, damit ich locker bleibe. Wir Steinböcke tendieren ja dazu, dass wenn wir uns etwas in den Kopf setzen, es zu 150 Prozent durchziehen. Das ist aber nicht immer gut für die Seele, die den Ausgleich braucht.

Tropical Chia-Samen-Pudding mit Mango

Manchmal brauche ich das ganz bewusste Fehlermachen, wobei allein das schon wieder richtig nach einem Steinbock klingt. (lacht) Möchte ich mich bewusst falsch verhalten gehe ich los in den Supermarkt, hole mir Chiasamen und eine Mango, die nicht aus Spanien, sondern aus Südamerika kommt und packe mein Einkäufe in eine kleine Obsttüte. Manchmal muss das einfach sein und davon geht die Welt nicht unter. Bei einer Sache werde ich aber immer konsequent bleiben: Das ist der Zucker.

Wenn wir schon von Sünden sprechen: Was ist ihr absolutes Lieblingsrezept, um sich gut zu fühlen?

Das sind meine Medjool-Datteln mit einer Walnuss obendrauf, von denen ich gut fünf esse, bis mir übel ist. Das sind meine Pralinen.

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