06.05.2016

Gesunde Ernährung Sonja Reifenhäuser: Vegan und bio muss nicht teuer sein

Foto: Sonja Reifenhäuser

Aktuell findet ein Bewusstseinswandel statt: Gesund und fit, statt Fast Food und faul. Ernährungscoach Sonja Reifenhäuser kennt die Tricks für gesunde Ernährung ohne hohe Preise.

Sonja Reifenhäuser ist Ernährungscoach. Wie schon ihr Berufstitel nahelegt, dreht sich für sie alles um das Thema Ernährung und was diese mit unserem Körper tut, im positiven, wie im negativen. Besonderen Fokus legt sie seit Jahren auf vegane Ernährung, jedoch ohne dogmatische Ansichten zu vertreten. Ihr Wissen hat sie nicht nur im Buch "Vegane Lebensmittel" festgehalten, sondern gibt es in Rahmen von Workshops, Konferenzen, persönlicher Ernährungsberatung und dem Blog "Deutschland is(s)t vegan" weiter.

Du hast auf Deinem Facebook-Account geschrieben: „Es tut sich etwas im Bereich Gesundheit und Ernährung. Frauen und Männer übernehmen wieder Verantwortung für ihren Körper, ihre Seele und ihren Geist.“ Was glaubst Du, woher kommt dieser Wandel? Sind wir nur vom Schönheitswahn getrieben, immer jung und attraktiv auszusehen oder steckt mehr dahinter?

Jung und attraktiv aussehen, das ist immer noch ein Wunsch vieler. Alleine durch das entstandene Überangebot an Werbung und Vorgaben um uns herum, ist diesem scheinbaren „Ideal“ leider kaum mehr zu entkommen. Dennoch entsteht parallel ein ganz anderer und meiner Meinung nach auch viel gesünderer Trend, nämlich der des „Gesunden und bewussten Lebens“. Haben wir in den letzten Jahrzehnten unsere Verantwortung noch gerne bequem nach Aussen abgegeben, sprich Lösungen von Trainern, Coaches oder Beratern erwartet und angenommen, bemerken wir mittlerweile wieder mehr und mehr, dass nur wir selbst uns von Innen die richtigen Antworten auf unsere Fragen geben können. Bei all den Ernährungskonzepten von Vegan, Vegetarisch, Paleo, Clean Eating oder Low Carb verlieren wir uns doch oft eher selbst im Angebot des Optimierungsdschungels. Die Veränderung, oder ich nenne es eher Rückbesinnung, auf unsere eigene Verantwortung zu den Bedürfnisse unseres Körpers, sind Resultat der letzten Jahrzehnte und dringend notwendig. Und ich freue mich, nun immer mehr so arbeiten zu dürfen, wie ich es schon seit Jahren tue: Als Begleiterin und Unterstützerin bei einer Umstellung auf eine bewusste und selbstbestimmte freie Ernährung, die individuell von jedem selbst mitgestaltet wird.

Vegane und Bio-Ernährung ist teuer und für viele Familien nur schwer zu leisten. Hast Du Tipps, wie man sich auch als Familie gesund und erschwinglich ernähren kann?

Vegan, vegetarisch oder bio muss nicht zwangsläufig teurer sein. Gerade bei einer veganen Ernährung fallen die teuersten Produkte im Bioladen weg: Fleisch, Fisch, Eier, Käse und Wurst. Wird zusätzlich noch auf Regionalität und Saisonalität geachtet, kann noch mehr am Preis geschraubt werden, denn tendenziell sind Produkte aus der Region orientiert an der Saison nicht nur günstiger, sondern auch ökologischer und gesünder. Sie haben keine weiten Lieferwege, werden lokal von den umliegenden Bauern angebaut und verarbeitet und bieten von Natur aus das, was wir brauchen. Eine ebenfalls schöne Idee ist es, sich mit Freunden oder Nachbarn zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammen zu tun. Im Großhandel sind Produkte oft bis zu 30-40% günstiger und so kann gerade bei regelmäßig gebrauchten Grundnahrungsmitteln eingespart werden. Auch Discounter haben sich in den letzten Jahren am Trend orientiert und bieten viele Bioprodukte in ihrem Sortiment an. Da der Begriff „Bio“ in Deutschland geschützt ist, darf man zumindest von einer Tendenz zur Einhaltung der Standards ausgehen, auch wenn die Kontrollen leider immer noch zu wenig durchgeführt werden.

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Der vegane Markt ist immer noch im Aufbau, vieles noch unbekannt und Rezepte sind nicht zu allen Lebensmitteln erhältlich. Du entwickelst selbst Rezepte, aber woher nimmst du die Inspiration?

Ich beschäftige mich schon mehr als zwei Jahrzehnte mit unserer Ernährung in all ihren Facetten. Ich habe früh angefangen selber zu kochen und war immer fasziniert von neuen Geschmacksrichtungen und Lebensmittelkombinationen. Essen bedeutet für mich Leidenschaft und Genuss und ist eines der schönsten und geselligsten Hauptsächlichkeiten, die wir am Tag (er)leben dürfen. Mehrmals im Jahr reise ich, gerne in Deutschland oder Europa, und das meistens sehr einfach mit und in der Natur. So sammel und ernte ich das, was um mich herum wächst und gerade Saison hat und kreiere so immer etwas aus dem, was gerade da ist. Mit all den Jahren ist ein umfassendes Verständnis und eine Liebe zu Lebensmitteln und Heilkräutern gewachsen und ich bin immer noch täglich begeistert von all dem Reichtum, den uns die Natur schenkt.

Ist dir eine Rezeptkreation schon einmal richtig in die Hose gegangen?

Ich müsste überlegen – richtig in die Hose irgendwie nicht. Schmeckt etwas nicht, versuche ich zu verbessern. Dies aber Schritt für Schritt, eine Zutat nach der anderen. 'Viel hilft viel!' ist hier nicht immer richtig. Ist das Ergebnis dennoch nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, versuche ich die Konsistenz zu verändern, bevor ich das gemachte Essen wegwerfe. Letztens habe ich zum Beispiel aus einer mich nicht überzeugenden Grünkernpaste mit zuvor gekochter Hirse und weiteren Zutaten wunderbare Bratlinge hergestellt – und die waren dann richtig lecker.

Wo siehst du unsere Ernährung in 10 Jahren? Werden wir alle Veganer?

Der Trend des Veganismus war und ist wichtig. Ich sehe ihn als logische Gegenbewegung zu all dem Überfluss und der Massenverarbeitung der letzten Jahrzehnte seit der Industrialisierung. Um eine Veränderung gesellschaftlich Raum geben zu können, muss das Pendel vorerst in die gegengesetzte Richtung ausschlagen, bis es sich beruhigt und schließlich die breite Masse in Bewegung setzt. Ich denke somit nicht, dass wir uns in 10 Jahren alle vegan ernähren. Vielleicht eher vegetarisch, dies wäre zu wünschen. Ich denke aber sehr wohl, dass wir gerade beginnen, ein anderes Bewusstsein unserem Essen und unserer Ernährung gegenüber zu entwickeln. Ich wünsche mir ein klares Verständnis, wo welches Lebensmittel herkommt, wie es sich auf unseren Körper auswirkt und wie viel wir eigentlich wirklich brauchen, um uns gesund und fit zu fühlen. Ich wünsche mir, dass weniger unachtsam „in sich reingeschaufelt“ wird und wir wieder Respekt den Produkten und den Produzenten gegenüber entwickeln. Aufklärung in Kitas und Schulen ist bei diesem Ansatz besonders wichtig. Denn unsere Kinder sind unsere Zukunft. Wenn sie verstehen, dann verändern sie nachhaltig etwas am Angebot der Supermärkte und Bioläden. Und dafür setze ich mich in Berlin seit Jahren in der Jugendhilfe ein. „Eine kleine Ernährungsrevolution auf dem Teller“ - so nenne ich es und freue mich über immer mehr Interesse daran.

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Nach Superfoods und Smoothies, was wird Deiner Meinung nach der nächste größte Ernährungstrend?

Ich sehe einen ganz deutlichen Trend in Richtung „Clean Eating“. „Clean Eating“, also reines Essen, bedeutet im Groben, naturbelassene und unverarbeitete Lebensmittel frisch und schonend zubereitet. Der Verzicht auf Industriezucker, synthetische Zusatzstoffe, Aromen, Konservierungsstoffe und meist auch auf Gluten und ungesunde Fette steht hier im Vordergrund. Außerdem liegt der Fokus auf der richtigen Kombination von Nährstoffen auf dem Teller. In Berlin gibt es das wunderbare „The Bowl“, das erste Clean-EatingRestaurant Deutschlands, in dem man diese Art der Ernährung perfektioniert hat. Mein „Conscious Food Concept“ (CFC), welches ich selbst entwickelt habe und mit dem ich in meinen Workshops und Einzelsitzungen arbeite, wird hoffentlich ein weiterer Trend werden. Hierbei lernen meine Klienten, durch kombinierte Elemente aus Ernährungsberatung, Körpertherapie und Bewusstseinscoaching, die eigene Stimme ihres Körpers zu hören, um wieder selbst entscheiden zu können, auf was sie Hunger haben und was ihnen gerade gut tut. Denn nur durch die zurückgewonnene Eigenverantwortung mit Bauchgefühl und Herz kann eine befreite und bewusste Ernährung ohne vorgegebenen Plan gewährleistet werden.

Was ist dein Lieblingsrezept, um dich rundum wohl zu fühlen?

Ich habe tatsächlich kein Lieblingsrezept, da ich mich jeden Tag anders ernähre und auf meinen Körper höre. Ich kaufe intuitiv das, was ich gerade brauche, orientiere mich aber auch an dem, was um mich rum wächst bzw. mir begegnet und probiere dann dementsprechend aus. Meine Umgebung gibt mir also oftmals vor, was gegessen wird. Eine freie und bewusste Ernährung ist das, was ich nicht nur in meinen Workshops vermitteln, sondern auch selbst leben möchte.

Wo werden wir in Zukunft von Dir hören?

Zur Zeit baue ich mit einem der größten sozialen Träger in Berlin ein Arbeits- und Coachingprojekt mit dem Namen „project:deli“ für Jugendliche in besonderen Lebenslagen auf. Hierbei werden wir vom Senat Berlin, sowie dem Europäischen Sozialfonds (ESF) unterstützt. Ziel ist es, den jungen Menschen innerhalb eines Jahres eine Perspektive für ein selbstbestimmtes und glückliches Leben zu geben, und so werden Nachhaltigkeit und gesunde Ernährung theoretisch und praktisch vermittelt. Bei uns lernen sie Lebensmittelkunde, den bewussten Umgang mit regionalen und saisonalen Produkten und deren Zubereitung, Pflanzenheilkunde und die Wirkung der einzelnen Nahrungsmittel auf unseren Körper. Aber auch die Verarbeitung, Produktion und der Verkauf und Vertrieb unseres project:deli Sortiments stehen auf unserer Liste. Viele Kooperationspartner und Freunde unterstützen diese tolle Idee bereits in Berlin und so gibt es unsere Brotaufstriche, Pasten und Pesti in Bioläden, veganen Supermärkten oder Cafes zu kaufen oder zu verzehren. Zusätzlich stehen wir mit unserem Stand auf Märkten und bieten Caterings an. So lernen die jungen Menschen mit Begeisterung und Engagement selbst etwas zu erschaffen. Nach diesem Jahr können sie sich mit den gewonnen Erfahrungen und Zertifikaten aus spannenden Praktika auf dem aktuellen Arbeitsmarkt bewerben – denn auch das Jobcenter Berlin ist begeistert von unserem Konzept und unterstützt uns.


Wir bedanken uns herzlich für das angenehme Interview und sind gespannt, wo uns die Ernährungstrends als nächstes hintragen.

Weiterführende Informationen zu Sonja Reifenhäuser finden Sie auf ihrer Webseite: http://www.food-coach.org/


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