10.10.2016

Selbstversuch So besiegte ich meine Angst vor Spinnen

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Eine Spinnenzeichnung ist der erste Schritt im Seminar, um sich dem Angstobjekt ganz behutsam zu nähern.

Foto: Ulrike Schacht

Eine Spinnenzeichnung ist der erste Schritt im Seminar, um sich dem Angstobjekt ganz behutsam zu nähern.

Das Fahrrad aus dem Schuppen holen - für Spinnenphobiker können Alltagsmomente zur Herausforderung werden. Unsere Kollegin Sarah Eden erzählt hier, wie sie ihre Angst mit der Hilfe eines Profis Schritt für Schritt überwunden hat.

„Reiß dich zusammen, die tun doch nichts!“

„Die haben viel mehr Angst vor dir als du vor ihnen!“

Solche Sätze höre ich seit meiner Kindheit. Ich werde belächelt und aufgezogen - weil ich panische Angst vor Spinnen habe.

Mir ist klar, dass dieses Gefühl rational nicht zu erklären ist. Aber wenn ich die kleinen Tiere mit acht Beinen sehe, setzt mein Verstand aus - und mein Körper macht, was er will. Ich zittere, weine, schwitze. Meine Kehle schnürt sich zu, ich bin verängstigt, fühle mich gelähmt, bedroht.

Da hilft kein kluger Spruch, kein guter Rat. Ich kann nichts dagegen tun.

>> Arachnophobie: Schon Babys haben Angst vor Spinnen!

Ich stelle vor: Holger Kirk, der Spinnenmeister

Einer, der es kann, ist Holger Kirk. Der Biologe und Leiter der FilmTierZentrale bietet im schleswig-holsteinischen Güster seit über 15 Jahren zwei- bis vierstündige Seminare gegen Spinnenangst an (ab 70 Euro/Stunde). Ihn habe ich angerufen, nachdem ich mal wieder wie versteinert zu Hause saß und mich ewig nicht rühren konnte, weil eine Spinne durchs Zimmer krabbelte.

Ich wollte diese Momente nicht mehr hilflos erleben müssen. Holger verspricht: „Obwohl es anfangs keiner glaubt, schafft es jeder, eine Vogelspinne anzufassen.“ Stimmt, ich glaube ihm zunächst nicht. Aber ich möchte es versuchen!

Der erste Schritt zum Ziel ist ein Blatt Papier. Ich soll eine Spinne zeichnen und finde das anfangs albern. Doch dann nimmt Holger mein Bild, zeichnet nach, gestaltet es realistischer. Ich merke, wie mir Tränen in die Augen steigen. Natürlich fürchte ich mich nicht vor einer Zeichnung. Aber mir wird plötzlich klar, worauf ich mich eingelassen habe. Holger wartet geduldig ab und gibt mir Zeit, mich zu beruhigen.

Am Ende bin ich müde, aufgewühlt - aber auch richtig stolz

Von ihm erfahre ich auch, dass Spinnenphobie die häufigste Tierphobie ist. Ich bin nicht allein mit meiner Angst! „Die gute Nachricht: Diese Art von Phobien lässt sich gut behandeln“, sagt er.

Dann blättern wir durch ein Buch mit Spinnenzeichnungen und werfen uns Plüsch- und Plastikspinnen zu. Der Experte erläutert mir dabei Verhalten und Biologie der Tiere: „Du musst deinen Feind kennen, um mit ihm umgehen zu können.“

Wir wiederholen die Übungen, bis es auch bei mir problemlos klappt. „Das ist keine Schocktherapie. Jeder darf sein Tempo selbst bestimmen“, erklärt der Trainer.

Trotzdem gehören auch ein paar schlimme Situationen zur Therapie. „Es geht nicht darum, keine Furcht mehr zu haben, sondern mit ihr umgehen zu können. Besonders wichtig ist die Erfahrung, dass die Schreckmomente einen nicht umbringen.“

Einer dieser Schreckmomente steht auch mir bevor. Denn jetzt liegen abgelegte Spinnenhäute vor mir. In dieser Sekunde hat wieder mein Körper das Sagen: Flucht! Ich verlasse aufgebracht den Raum, meine Grenze ist erreicht. Ich brauche sehr lange, um mich zu fangen und überlege abzubrechen, doch mein Stolz siegt. Schritt für Schritt taste ich mich an die Häute heran, bis ich sie mit einem Stift bewegen, sie sogar in die Hand nehmen kann.

Echte Spinnen auf meiner Hand!

Was jetzt noch fehlt, ist klar: echte Spinnen. Holger bringt „Kosima“ und „Spinni“ herein. „Ihnen Namen zu geben macht sie weniger bedrohlich“, sagt er. Wieder gehen wir ganz langsam vor. Ich breche mehrfach ab, es fließen erneut Tränen, mein Herz schlägt wie wild.

Doch dann gelingt das Unglaubliche: Ich lasse eine echte Vogelspinne über meine Hand laufen - und muss zu meiner eigenen Überraschung vor Erleichterung laut lachen. Je länger ich die großen Spinnen beobachte, desto mehr verlieren sie an Schrecken. Sie sind langsam, vorhersehbar und, wie Holger mir verrät, nicht lebensgefährlich giftig.

Dann die letzte Übung, die mir noch einmal alles abfordert. Nach „Spinni“ und „Kosima“, treffe ich „Klara“, eine dicke schwarze Kellerspinne. Holger erläutert: „Diese Übung ist sehr wichtig. Diese Spinnen können dir tatsächlich begegnen. Die Vogelspinnen dienen nur als Überbrückung.“

Als es mir endlich gelingt, „Klara“ mit einem Glas zu fangen, ist es geschafft. Ich bin müde und aufgewühlt, aber auch stolz und glücklich. Ich lebe noch!

Für den Alltag gibt Holger mir noch Tipps (siehe unten im Interview), die helfen, die Angst dauerhaft loszuwerden. Und ich gehe mit dem Gefühl, dass das tatsächlich klappen kann.

Ob Spinnen jetzt meine Lieblingstiere werden? Wohl kaum. Aber ich glaube, mit etwas Übung sind wir uns irgendwann auch nicht mehr spinnefeind.

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Woher kommt die Spinnen-Angst, Herr Kirk?

Holger Kirk: Jeder Mensch hat Urinstinkte. Das Schlängeln einer Schlange, das Brüllen eines Löwen oder eben auch eine flitzende Spinne wecken unsere Schutzängste. Das ist im Grunde gut. Theoretisch kann Gefahr von diesen Tieren ausgehen, wenn auch nicht in unseren Breiten. Werden die Ängste übersteigert, spricht man von einer Phobie. Warum gerade die Spinnenphobie so häufig vorkommt, ist nicht eindeutig geklärt.

Welche Rolle spielt die Erziehung?

Es ist nur die halbe Erklärung, dass Kinder diese Angst von ihren Eltern „eingetrichtert“ bekommen. Sie kann eine Rolle spielen, muss aber nicht unbedingt die Ursache sein.

Was hilft gegen die Panik?

Der einzige Weg ist Konfrontation. Der Vorgang muss aber langsam und kontrolliert ablaufen. Das ist für die Betroffenen sehr anstrengend, aber zur Belohnung gibt es ein großes Glücksgefühl!

Welche Tipps haben Sie noch?

Es hilft oft schon, sich „Werkzeug“ bereitzulegen. Zum Beispiel ein Spinnen-Fang-Set aus einem Handschuh, einem Glas und einer Postkarte. So fühlt man sich allzeit vorbereitet, falls eine Spinne auftaucht. Durch den Handschuh haben die Betroffenen weniger Angst, mit ihr in Berührung zu kommen. Ich empfehle auch, das Fangen im Freien zu üben. Dort können sie schnell aus der Situation „entkommen“, wenn es zu viel wird.

Mehr Infos unter: www.spinnen-angst.de

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Dieser Artikel erschien zuerst in der BILD der FRAU Nr. 36.

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