10.10.2016

KOPFSCHMERZEN Hoffnung für Migräne-Patienten durch Fund neuer Gen-Regionen

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Foto: ©istock svetikd

Mindestens acht Millionen Menschen in Deutschland leiden unter dem Nervengewitter im Kopf. Nur die wenigsten lassen sich richtig behandeln. Dabei können Ärzte die Attacken heute zähmen.

Die einen lassen sich das Amalgam aus den Zähnen entfernen, den Hals einrenken oder die Nasenscheidewand richten. Andere gehen in der Hoffnung auf Hilfe zu Wunderheilern. Oft vergeblich. Das müsste nicht sein. Mediziner haben mittlerweile entschlüsselt, was bei Migräne im Kopf vorgeht und können gezielt helfen.

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In einer neuen Studie wurden fünf neue Gen-Regionen entdeckt, die für Migräne verantwortlich sind. Das macht den Weg frei für neue Behandlungsformen. „Doch auch schon jetzt haben wir äußerst wirksame Therapien zur Verfügung und können gezielt helfen“, sagt Dr. Jan-Peter Jansen vom Schmerzzentrum Berlin.

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Triptane ersetzen körpereigenen Wirkstoff

Wichtig zu wissen: Bei Migräne handelt es sich nicht um ein psychologisches Problem, sondern um eine handfeste Erkrankung. „Viele Migräniker verzichten auf eine Behandlung mit den sogenannten Triptanen, weil das ja Chemie sei“, sagt der Experte. „Dabei steckt in diesen Medikamenten ein dem körpereigenen Serotonin verwandter Wirkstoff.“ Bei einer Attacke baut der Körper diesen Nervenbotenstoff ab.

Das führt zu einer Entzündung in den Hirngefäßen und schließlich zu Kopfschmerzen. Triptane stellen die Regulation der Nervenbotenstoffe wieder her. Sie sind viel besser verträglich als die frei verkäuflichen Kopfschmerzmittel.“ Sieben verschiedene Triptane stehen zur Verfügung. „Und es ist ratsam sie durchzutesten, bis man das richtige Mittel gefunden hat.“

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Antikörper-Therapie im Test

Zu einer hocheffektiven Behandlungsmethode bei chronischer Migräne entwickeln sich sogenannte Antikörper. In der Krebsmedizin oder bei Hautkrankheiten kommen sie bereits erfolgreich zum Einsatz. Derzeit laufen auch vielversprechende Studien zu Migräne. „Die Hauptrolle spielt wieder das Serotonin“, sagt Dr. Jansen. „Dieses Serotonin hat eine spezielle Aminosäure als Chef. Und mit dem Antikörper versuchen wir diesen Chef ruhigzustellen.“

Mit anderen Worten: Er ist nicht mehr in der Lage, Attacke zu rufen. Der Serotoninspiegel bleibt konstant und es kommt nicht zu einem Anfall. Noch sind die Antikörper nicht zugelassen. Chronische Migränepatienten können aber an Studien in Deutschland teilnehmen.

Mit Nervengift gegen den Schmerz

Bei manchen Migräne-Patienten stoßen Triptane an ihre Grenzen, vor allem bei chronisch erkrankten Migränikern“, sagt der Dr. Jansen. „Wenn jemand an mindestens 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen hat, an acht Tagen davon Migräne, rate ich zu einer Botoxbehandlung.“ In Studien konnte das als Faltenglätter bekannte Nervengift überzeugen.

Deshalb ist es zur Behandlung von Migräne auch seit einiger Zeit zugelassen. Die Kassen tragen die Kosten. „Wir injizieren Botox an 31 Stellen im Kopf-, Hals- und Gesichtsbereich“, sagt der Experte. „Das kann an manchen Stellen wehtun, führt aber oft zu einer deutlichen Schmerzlinderung, die drei Monate anhält. Auch Attacken treten viel seltener auf.“ Die Dosierung ist dabei so niedrig, dass es nicht zum mimiklosen Gesichtsausdruck kommt.

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Der Migräne davonlaufen

Betroffene können auch selbst etwas tun, um ihr Leiden zu lindern. Allen voran moderater Ausdauersport wie Joggen, zügiges Walken, Radeln und Inline-Skaten. In einer Studie am Institut für medizinische Psychologie am Uniklinikum Kiel hat sich gezeigt, dass ein regelmäßiges Plus an Bewegung die Migränetage und die Anfallsstärke deutlich lindern. „Schon dreimal die Woche zehn Minuten können dafür ausreichen“, sagt Dr. Jansen. „Ich empfehle das allen meinen Patienten.“

Alternative Heilverfahren

Einige Methoden eignen sich sehr gut als ergänzende Therapie

  • Akupunktur: Eine Studie an der Berliner Charité hat gezeigt, dass die feinen Nadelstiche bei bis zu 90 Prozent aller Patienten zu einer Linderungen der Beschwerden führt.
  • Shiatsu: die spezielle japanische Massagetechnik hat direkte Auswirkungen auf das Nervensystem und kann Migräneanfälle ebenfalls verhindern oder abmildern.
  • Biofeedback: Die computergesteuerte Verhaltenstherapie kann helfen, Attacken vorzubeugen oder, wenn sie doch auftreten, zu lindern. Erfolgsquote laut Studien: 60 Prozent.
  • TENS: Auf den Kopf aufgeklebte Elektroden reizen mit schwachen elektronischen Stößen den dreigeteilten Trigeminusnerv. Eine im Fachblatt Neurology veröffentlichte Studie hat gezeigt, dass dieses Verfahren die Häufigkeit von Migräne-Attacken reduzieren kann.

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INTERVIEW: „Die wenigsten wissen, dass sie betroffen sind“

BILD DER FRAU: Laut Studien nutzen nur zehn Prozent der Migräniker die zur Verfügung stehenden Therapien. Woran liegt das?

Dr. Jansen: Das hat mehrere Gründe. Untersuchungen haben gezeigt, dass nur drei von zehn Migränikern überhaupt wissen, dass sie darunter leiden.

Lässt sich Migräne denn so schwer diagnostizieren?

Nein, anhand der Anamnese gelingt das innerhalb weniger Minuten.

Wie lässt sich die Migräne am besten beschreiben?

Es handelt sich um einen pulsierenden Kopfschmerz, der sich bei körperlicher Aktivität verstärkt. Er kann einhergehen mit Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheu und Geräuschempfindlichkeit. Die Anfälle verlaufen stereotyp, also immer nach dem gleichen Muster. Außerdem tritt die Krankheit familiär gehäuft auf.

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Dieser Artikel erschien zuerst in der BILD der FRAU Nr. 36.

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