16.10.2019

Wegen Lieferengpässen Ibuprofen und Co: Medikamente werden immer knapper!

Foto: iStock/RossHelen

"Ist zurzeit nicht lieferbar" – so oder so ähnlich werden Apotheken-Kunden derzeit häufiger enttäuscht. Hunderte Medikamente sind aktuell nicht oder nur schwer erhältlich. Der Grund: Lieferengpässe. Wo die herkommen und welche Arzneimittel besonders betroffen sind.

Seit Jahresbeginn 2019 haben deutsche Apotheken immer mehr mit Lieferengpässen bei Medikamenten zu kämpfen. Nicht nur spezielle Arzneimittel sind betroffen, sondern auch solche, die häufig verschrieben werden oder in der Hausapotheke zu finden sind. Besonders kritisch wird's bei Mitteln, auf die Patienten angewiesen sind. Betroffen sind vor allem gängige Medikamente gegen Bluthochdruck oder Antidepressiva, bis hin zum Schmerzmittel Ibuprofen. Patienten müssen teilweise mehrere Wochen, sogar Monate auf ihre Arzneimittel warten.

Lieferengpässe bei Medikamenten: Weil Wirkstoffe nicht lieferbar sind

Seit Jahresbeginn waren rund 220 Medikamente betroffen, heißt es seitens Pharmafirmen. Die müssen den Grund dafür aber vor allem bei sich selbst suchen. Denn einer der Hauptgründe sind zu schmale Lieferketten im Ausland.

Aus Kostengründen lassen viele Pharmaunternehmen Wirkstoffe für ihre Medikamente nämlich mittlerweile im Ausland produzieren, etwa in China und Indien.

Engpässe gibt es beispielsweise beim Blutdrucksenker Valsartan. Der war in den vergangenen Monaten mehrmals ins negative Licht gerückt worden, da Verunreinigungen gefunden worden waren – und die wiederum waren zurückzuführen auf Probleme bei einem chinesischen Hersteller des Wirstoffes. Und daraus resultieren dann natürlich auch: Genau! Lieferengpässe.

Pharmaunternehmen sind nämlich aufgrund der Auslagerung der Wirkstoffproduktion oft nur von einem Lieferanten bzw. Wirkstoffproduzenten abhängig. Läuft dort etwas schief, kann eine Lieferung schnell über Wochen und Monate hinweg ausfallen.

Und Fehlerquellen gibt es viele, nicht nur Qualitätsmängel in der Produktion. Zusätzlich bekommen die Lieferanten und damit die Pharmaunternehmen Probleme, wenn etwa eine Maschine ausfällt oder es zu Lieferengpässen bei Rohstoffen kommt. Einen Notlieferweg gibt es oft nicht, Reserven kaum vorhanden.

Rabattverträge schüren Engpässe weiter

So einfach lässt sich das aber dennoch nicht erklären. Dem Sender RTL hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mitgeteilt: "Ein Lieferengpass muss nicht gleichzeitig ein Versorgungsengpass sein, da oftmals alternative Arzneimittel zur Verfügung stehen, durch die die Versorgung der Patientinnen und Patienten weiter sichergestellt werden kann." Wird ein Lieferengpass gemeldet, prüft das BfArM die Verfügbarkeit von Alternativpräparaten. Die gibt es meist, daher sind Versorgungsengpässe selten.

Hier setzt aber ein anderes Problem an: Rabattverträge von Krankenkassen mit Herstellern – ein Vorwurf, den die Pharmaunternehmen den Krankenkassen wiederum machen. Indem Krankenkassen sich mit einzelnen Herstellern zusammenschließen und garantieren, dass ihre Patienten normalerweise ausschließlich die Medikamente dieser Hersteller ausgehändigt bekommen, sparen sie Beträge bis hin zu Milliarden ein.

Doch viele Hersteller produzieren nur die mit den Kassen ausgehandelten Mengen. Wenn nun aber der Bedarf steigt – etwa weil ein anderer Hersteller Lieferengpässe hat, kann es schneller zu einem Versorgungsengpass kommen.

Medikamente im Test: Sehen Sie im Video, was die Stiftung Warentest dazu sagt:

Stiftung Warentest: Medikamente im Test

Neue Gesetze müssen her: Ärzte fordern Mindestvorräte

Um diesem Problem Herr zu werden, fordern Ärzte und Apotheker bundesweit neue Gesetze, die Pharmaunternehmen dazu verpflichten sollen, einen Mindestvorrat für ebensolche versorgungsrelevanten Medikamente wie Blutdruckmittel oder eben Ibuprofen anzulegen. Zudem sollen Pharmafirmen härter bestraft werden, sobald es zu Lieferengpässen kommt.

Auch die Politik, allen voran die SPD, stellt Forderungen an Pharmaunternehmen: Diese sollten per Gesetz dazu verpflichtet werden, wichtige Medikamente eben nicht im Ausland, sondern wieder in Deutschland herzustellen.

Die Probleme bestehen übrigens schon länger, immer mal wieder kommt es zu Problemen, meist bekommt der Verbraucher aber wenig davon mit. 2016 war es aber schon einmal zu einem Engpass beim Antibiotikum Piperacillin, das vor allem für Krebspatienten lebensnotwendig sein kann. Damals mussten Empfehlungen für alternative Behandlungsmethoden ausgegeben werden. Grund war ein Betriebsunfall im größten Herstellungswerk in China.

Damals listete das BfArM zur betreffenden Zeit 22 Medikamente mit Engpässen auf. Heute sind es über 200. Zeit zu handeln. Ibuprofen sei übrigens bereits seit über einem Jahr sehr knapp, wie Thomas Preis vom Apothekerverband Nordrhein bereits Ende Mai 2019 gegenüber dem WDR erklärte. Produktionsstätten für den Wirkstoff sind vom Netz gegangen uns müssten neu gebaut werden.

Selbst Medikamente aufbewahren will übrigens auch gelernt sein. Denn abgelaufene Medikamente sollten Sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr einnehmen. Und die Stiftung Warentest hat rezeptfreie Medikamente getestet – mit ernüchterndem Ergebnis.

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