18.12.2018

Mythos Verdauungsschnaps Ein Schnaps nach dem Essen – gut für die Verdauung?

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Der Verdauungsschnaps ist in vielen Familien echte Tradition. Aber bringt Hochprozentiges nach dem Essen überhaupt etwas, oder schadet es sogar?

Foto: iStock/Instants

Der Verdauungsschnaps ist in vielen Familien echte Tradition. Aber bringt Hochprozentiges nach dem Essen überhaupt etwas, oder schadet es sogar?

Den Schnaps nach einem üppigen Mahl kennen wir tatsächlich noch von unseren Großmüttern. Er soll helfen, das schwere Essen schneller zu verdauen und das Völlegefühl zu bekämpfen. Die Frage ist berechtigt, ob dieses alte Hausmittelchen wirklich hält, was es verspricht.

Ob nun Magenbitter, Verteiler oder vornehm Digestif genannt – der Verdauungsschnaps hat bei uns eine lange Tradition. Wenn nach einer üppigen Mahlzeit der Bauch voll ist und anfängt zu zwicken, wird gern nach dem Hochprozentigen gegriffen. Doch unterstützt der Schnaps tatsächlich die Verdauung – oder ist er etwa nur eine Ausrede für den zusätzlichen Genuss?

Mythos Verdauungsschnaps: Was genau bringt er?

Prinzipiell kann ein Verdauungsschnaps, der Digestif, tatsächlich helfen – unter gewissen Umständen. Nimmt der Mensch hochprozentigen Alkohol zu sich, wird der Organismus dazu angeregt, mehr Magensäure zu produzieren. Der Speisebrei gelangt dadurch schneller vom Magen in den Darm und kann dort verdaut werden. Allerdings ist dieser Effekt nicht sofort spürbar. Wer also meint, sich direkt nach dem Schnapstrinken besser zu fühlen, hat dies wohl eher seiner Vorstellungskraft zu verdanken.

Die richtige Menge macht’s

Wie immer heißt es beim Digestif aber auch: in Maßen genießen. Gleich mehrere Schnäpse zu trinken, in der Hoffnung, die Verdauung damit noch mehr anzuregen, wird nämlich sicher nicht zum gewünschten Erfolg führen: Wer zu viel Hochprozentiges zu sich nimmt, tut sich damit keinen Gefallen. Der Alkohol gelangt ins Blut und wird zum Gehirn transportiert. Im Gehirn werden die Nerven blockiert, die dafür sorgen, dass der Speisebrei vom Magen in den Darm befördert wird. Die Verdauung wird dementsprechend verzögert und der oben beschriebene Effekt umgekehrt.

Dies wurde auch bereits durch Studien bewiesen – so zeigte etwa eine Studie aus der Schweiz, wie sich Alkohol im Vergleich zu schwarzem Tee auf die Verdauung eines fettreichen Käsefondues auswirkt. Im Ergebnis war klar: Wer mehr Alkohol trank, hatte eher mit der Verdauung zu kämpfen. Ein Teil der Probanden bekam 300 ml Wein, ein anderer einen Schnaps. Die Verdauung wurde bei der Wein-Gruppe etwas, bei der Schnaps-Gruppe schon mehr ausgebremst. Die Vergleichsgruppen, die schwarzen Tee oder Wasser konsumierten, hatten dagegen die wenigsten Verdauungsprobleme.

Also: Wenn schon Verdauungsschnaps, dann nicht mehr als 2 cl – und auch die keinesfalls regelmäßig.

Was am besten schmeckt, hilft auch am besten?

Alkoholische Getränke, denen zwecks optischer Verschönerung Zuckerkulör oder Karamell als Färbemittel zugesetzt werden, eignen sich nicht, um die Verdauung anzukurbeln. Die Verdauung wird durch die Zusätze eher gehemmt.

Kräuter- oder Anisschnaps, Korn oder Magenkümmel können aber helfen, dass wir uns nach einem schweren Essen schneller wieder fit fühlen. Verantwortlich dafür sind allerdings hauptsächlich die zugesetzten Kräuter. Das gleiche Ergebnis kann daher auch durch einen Kräutertee aus Fenchel, Anis oder Kümmel nach dem Essen erzielt werden. Es muss also nicht zwingend etwas Hochprozentiges sein.

Alternativ kann aber auch vor dem Essen bereits ein Aperitif helfen. Hier bieten sich laut Medizinern am ehesten Sherry, Portwein, Bier oder diverse Prosecco-Arten an – in moderaten Mengen, also ein Gläschen. Hier liegt die anregende Wirkung aber in den Bitterstoffen, die Zellen in der Magenschleimhaut anregen. Der Alkohol ist hier aber ebenfalls Beiwerk. Ein Espresso hat dieselbe Wirkung. Ein Aperitif sollte übrigens bereits rund eine halbe Stunde vor dem Essen konsumiert werden, da er sonst den Geschmack des Mahls verfälschen kann.

Auch Bewegung nach dem Festmahl bringt die Verdauung wieder in Schwung. Ein lockerer Spaziergang hat außerdem den Vorteil, dass man frische Luft schnuppern und gleichzeitig ein paar Kalorien verbrennen kann.

Wieviel darf's sein?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Männer nicht mehr als 20 g und für Frauen nicht mehr als 10 g Alkohol pro Tag. Ein Glas Bier (0,2 l) liefert bereits 8 g Alkohol, ein Viertel Wein (0,25 l) 20 g. Ein Glas Sekt (0,1 l) enthält 9 g Alkohol und ein Schnaps (0,02 l) bereits mehr als 5 g.

Bereits mäßiger, täglicher Alkoholkonsum kann eine starke psychische und körperliche Abhängigkeit hervorrufen und somit zum Alkoholismus führen. Aus diesen Gründen sollte auch der Verdauungsschnaps nicht täglich genossen werden.

Wir halten also fest: Zwar kann ein Verdauungsschnaps helfen – den Effekt erhalten Sie aber auch mit nichtalkoholischen Getränken oder etwas Bewegung nach dem Essen. Der Alkohol jedenfalls trägt nicht zur Verdauungsförderung bei. Im Grunde gilt also: eher Genussmittel als echte Hilfe.

Übrigens: Die DGE gibt regelmäßig Ernährungstipps heraus, die Sie bei uns nachlesen können. Und ein Blick auf unsere Themenseite Verdauung lohnt sich auch immer mal.

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