Aktualisiert: 20.06.2021 - 21:10

Neue Erkenntnisse über Wirkungsweise Warum wirken Antidepressiva eigentlich verzögert?

Kann diese Pille glücklich machen? Vielleicht – aber erst nach einiger Zeit. Warum Antidepressiva erst verzögert wirken und ihre Wirkungsweise offenbar ganz anders ist als gedacht, haben Forschende jetzt herausgefunden.

Foto: Getty Images/Fernando Trabanco Fotografía

Kann diese Pille glücklich machen? Vielleicht – aber erst nach einiger Zeit. Warum Antidepressiva erst verzögert wirken und ihre Wirkungsweise offenbar ganz anders ist als gedacht, haben Forschende jetzt herausgefunden.

Wer Antidepressiva einnimmt, muss Geduld mitbringen. Viele der Mittel wirken erst nach Wochen, was mitunter äußerst nervenaufreibend sein kann. Aber warum ist das so? Der Wirkmechanismus der Mittel ist noch nicht ganz geklärt. Forschende sind ihm jetzt aber ein Stück mehr auf der Spur.

Mal eben eine Tablette eingeworfen, und schon werden die Beschwerden gelindert. So schnell das etwa bei einer Kopfschmerztablette klappt, so fern der Realität ist diese Aussage für viele Antidepressiva. Denn die wirken anders. Wie genau, ist allerdings nicht ganz klar bisher. Doch Freiburger Forscher sind der Wirkungsweise von Antidepressiva auf der Spur – und können nun vielleicht sogar erklären, warum die Wirkung so verzögert einsetzt.

Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen
Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen

Wie wirken Antidepressiva im Gehirn? Neuer Weg erkannt

Wer beginnt, ein Antidepressivum zu nehmen, hat noch einen gewissen Weg vor sich, bis das Medikament die Wirkung erzielt, die erhofft wird. Bislang geht man davon aus, dass bei einer Depression vor allem die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin fehlen. Aus diesem Grund zielen viele Antidepressiva darauf ab, die Konzentration dieser Neurotransmitter zu erhöhen. Sprich: Bisher dachte man, die Medikamente wirken so, wie genau, wusste man allerdings nicht.

Anscheinend gibt es aber einen anderen Mechanismus, wie Antidepressiva im Gehirn wirken. Forschende um Claus Normann, Stefan Vestring und Tsvetan Serchov von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg haben diesen Weg jetzt beschrieben und ihn in der Fachzeitschrift "Cell" vorgestellt.

Medikamente binden an bestimmtes Wachstumshormon

An Mäusen konnten sie zeigen, dass Antidepressiva direkt an den Rezeptor für ein bestimmtes Wachstumshormon binden – den "Brain derived neurotrophic Factor" (BNDF). Durch dieses Anbinden werden Hirnregionen aktiviert, die bei Menschen mit depressiven Symptomen beeinträchtigt sind.

Interessant dabei ist, dass dieses Phänomen nicht nur bei einer Art von Wirkstoffen auftritt, sondern bei verschiedenen Antidepressiva, etwa den oft verschriebenen Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI). Untersucht wurden speziell die Medikamente Fluoxetin, Imipramin und Ketamin.

Deshalb dauert es so lange, bis Antidepressiva wirken

Die neuen Erkenntnisse können auch eine Erklärung dafür sein, warum es so lange dauert, bis ein Antidepressivum wirkt: Die Medikamente greifen über den BDNF-Rezeptor in einen bestimmten zentralen Lern- und Anpassungsmechanismus im Gehirn ein, die synaptische Plastizität. BNDF und ähnliche neurotrophe Faktoren regulieren also die Gehirnentwicklung und dessen Plastizität, sprich, die Fähigkeit, sich anzupassen, aber auch Neues zu verarbeiten sowie Aufgaben umzuverteilen.

"Das Gehirn kann durch die Stimulation von BDNF neue, positive Informationen aus der Umwelt oder bei Psychotherapien wieder besser aufnehmen und erholt sich aus seinem depressiven Zustand", beschreibt die Wirkungsweise Prof. Dr. Claus Normann, der die Forschergruppe leitet.

Dabei kommt es allerdings offenbar auch auf die Lebens- und Ernährungsweise der Patient:innen an: Damit die Bindungsstelle richtig funktioniert, brauche sie einen normalen Cholesterolspiegel. Ist dieser zu hoch oder zu niedrig, könne das dazu führen, dass die Rezeptoren verformt werden und die Wirkstoffe entsprechend schlechter binden.

Wirken nicht auf die Stimmung, sondern machen empfänglicher für Umlernprozesse

Ähnliche Ergebnisse zeigten sich übrigens in einer anderen Studie von der Medizinischen Universität Wien – diesmal mit Menschen: Bei 80 gesunden Proband:innen zeigte sich, dass SSRI die Neuroplastizität erhöhen können – und das wiederum bestimmte Lernprozesse im Gehirn erleichtern könne.

Das bedeutet, dass SSRI nicht direkt auf die Stimmung wirken. Vielmehr verändern sie bestimmte Areale im Gehirn so, dass Patient:innen für Umlernprozesse empfänglicher werden. In günstigen Bedingungen könne das dann den Weg aus der Depression ebnen.

Der Leiter der Forschung, Dr. Rupert Lanzenberger beschreibt die Medikation bei Depression daher oft als nur den ersten Schritt. "Ebenfalls wichtig sind die begleitende Psychotherapie und veränderte Umwelterfahrungen", sagt er.

_____

In einer weiteren Studie wurde kürzlich übrigens herausgefunden, dass soziale Interaktion gegen Depression bei Demenz durchaus wirksamer sein kann als Tabletten. Jedoch kommt es eben immer individuell auf die Patient:innen an. Gerade in der Psychotherapie ist das enorm wichtig, weshalb es zuletzt massive Kritik am Vorschlag der sogenannten Rasterpsychotherapie gab.

Wichtig zu wissen: Das sind typische Symptome einer Depression. Nicht immer zeigt sie sich aber so, denn die Erkrankung hat viele Gesichter.

Wichtig: Sollten Sie oder jemand, der Ihnen nahe steht, unter Depressionen leiden, das Gefühl haben, dass nichts mehr Sinn ergibt, oder gar Suizidgedanken hegen, zögern Sie nicht, sich professionelle Hilfe zu holen. Akut helfen kann etwa die Telefonseelsorge unter der 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder unter telefonseelsorge.de.

Studien/Pressemeldungen:

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe