Aktualisiert: 03.06.2021 - 08:59

Einschränkungen befürchtet #Rasterpsychotherapie: Gesetzesentwurf wird abgelehnt

Psychotherapie ist nichts anderes, als nur Puzzleteile zusammenzusetzen? Mitnichten – sie ist ein hochindividueller, sich aufbauender Vorgang. Kann man den durch ein Raster jagen?

Foto: Getty Images/Carol Yepes

Psychotherapie ist nichts anderes, als nur Puzzleteile zusammenzusetzen? Mitnichten – sie ist ein hochindividueller, sich aufbauender Vorgang. Kann man den durch ein Raster jagen?

Kürzlich schlug ein Gesetzesentwurf Wellen. Ziel: Psychotherapie solle stärker reglementiert werden – um Kosten zu sparen. Psychotherapeut:innen und Betroffene befürchteten, dass dies auf Kosten der Patient:innen gehe. Es stellte sich die Frage: Kann man die hochindividuelle Psychotherapie überhaupt in ein Raster zwängen? Ein Shitstorm folgte – und trug Früchte.

Ist Ihnen dieser Hashtag schon über den digitalen Weg gelaufen? Die #Rasterpsychotherapie ist die Reaktion auf einen möglichen Gesetzesentwurf seitens des Bundesministeriums für Gesundheit, der kürzlich die Runde machte – und bei genauerem Hinsehen erschreckte. Denn Psychotherapeut:innen befürchteten, dass die Psychotherapie mit einem solchen Gesetz einer starken Reglementierung unterliegen würde: Je nach Diagnose wäre die Zahl der Therapiestunden dann festgeschrieben.

Die Vermutung: Wer nicht die passenden Symptome zeigt, fällt im schlimmsten Fall durchs Raster – oder bekommt nicht die Therapie angeboten, die nötig wäre. Denn was dem politischen Papier fehlt, ist der Sinn dafür, dass psychische Probleme und damit auch die Psychotherapie höchst individuell sind und sich die Therapie sowie die Diagnose im ständigen Prozess befinden. Die Befürchtung: Mit einem entsprechenden Gesetz zur Reglementierung würde den Therapeut:innen die Hoheit über die Behandlungsentscheidung genommen. Am Ende stünden leidende Menschen alleingelassen da.

Jetzt ist klar: Ein solches Gesetz wird es zumindest in der beschriebenen Form nicht geben.

Kritik an #Rasterpsychotherapie erfolgreich: Gesetzesentwurf abgelehnt

Update vom 3. Juni 2021: Die harsche Kritik am Vorschlag der Rasterpsychotherapie zeigt Erfolg: Die SPD hatte ihren Unmut bereits kundgegeben – nun hat die Partei dem Vorschlag zur Gesetzesänderung nicht zugestimmt. Der Änderungsantrag 49 zum Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG), den die CDU rund um Jens Spahn angeleiert hatte, ist damit vom Tisch.

Auf dem Twitterkanal der SPD-Fraktion im Bundestag wird dazu die SPD-Fraktionsvorsitzende für Gesundheit, Bärbel Bas, zitiert:

"Auch wir halten ihn nicht für zielführend im Sinne der Versorgung der Patientinnen und Patienten und haben einen solchen Eingriff in die Therapiefreiheit abgelehnt." Ohne Zustimmung der Partei aber kann die Änderung so nicht durchgeführt werden. In den Reihen der Therapeut:innen und Patient:innen ist Erleichterung beinahe spürbar.

Kritik an politischem Papier: Woher kommt die #Rasterpsychotherapie?

Original vom 26. Mai 2021: Eine psychotherapeutische Behandlung ist immer mit Hürden verbunden. Erst einmal muss sich die oder der Betroffene aktiv für Hilfe entscheiden und sich darum kümmern – eine Hürde, die enorm schwer fällt. Hat man den Mut endlich zusammenkratzen können und die erste Anfrage gestellt, kommt derzeit schnell die Ernüchterung: Kein Platz, lange Wartezeit oder gleich Absage.

Da soll das politische Papier eigentlich helfen. Doch laut Befürchtungen der Therapeut:innen würde es genau das Gegenteil erreichen. Was aber hat es mit dem Papier auf sich? Es handelt sich um eine Art Gesetzesentwurf bzw. Entwurf einer Gesetzesanpassung – also noch weit von der Umsetzung entfernt. Genauer gesagt handelt es sich um einen kurzfristigen Eintrag eines Änderungsantrags zum Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG), auf den Weg gebracht von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD. Demzufolge lautet der Vorschlag, diesen Satz in das Sozialgesetzbuch (§ 92 SGB V) aufzunehmen: "Der Gemeinsame Bundesausschuss prüft bis zum 31. Dezember 2022 unter Berücksichtigung der Versorgung nach Absatz 6b, wie die Versorgung von psychisch kranken Versicherten bedarfsgerecht und schweregradorientiert sichergestellt werden kann."

Das politische Papier ist eigentlich eine Reaktion darauf, dass dem Mangel an psychotherapeutischen Behandlungen vorgebeugt werden soll. Laut Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) wartet man in Deutschland derzeit im Schnitt etwa 20 Wochen auf einen Therapieplatz mit regelmäßigen Terminen. Da stellt sich die Frage: Wie lässt sich das optimieren? Der Vorschlag in dem Dokument lautet also: Lässt sich die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen "bedarfsgerecht und schweregradorientiert" sicherstellen?

Genau diese Formulierung aber ist das Problem, das zum Hashtag #Rasterpsychotherapie geführt hat. Zusammengefasst:

"Bedarfsgerechte Versorgung" – was heißt das überhaupt?

Der Punkt ist nämlich, dass der genannte Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) als Gremium Richtlinien aufsetzen kann, die vorgeben, welche medizinischen Leistungen von gesetzlich Versicherten beansprucht werden dürfen. Der G-BA besteht aus der kassenärztlichen Bundesvereinigung, der kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen, während Patient:innenorganisationen beratend zur Seite stehen, aber nicht mitentscheiden dürfen.

Die Begründung des Ganzen: Man könne dann, falls erforderlich, die Psychotherapierichtlinie anpassen, "um im Ergebnis die bedarfsgerechte Versorgung psychisch kranker Versicherter sicherzustellen und weiterzuentwickeln".

Klingt doch eigentlich ganz gut? Eben nicht. Mit einer solchen Regelung würde der Weg zur Psychotherapie weiter bürokratisiert. Die Bundespsychotherapeutenkammer fasst in einer Pressemeldung zusammen: "An die Stelle von individueller Diagnose und Behandlung soll künftig in der Psychotherapie eine Versorgung nach groben Rastern treten."

Psychische Probleme laufen nicht nach Schema F ab

Genau das würde bedeuten, dass nicht mehr die Psychotherapeutin oder der Psychotherapeut die Diagnose stellen und die Behandlungsdauer selbstständig individuell so planen kann, wie es die derzeitigen vorgeschriebenen Kontingente zulassen. Stattdessen würde ein Raster angewendet, das Patient:innen je nach gestellter Diagnose einem Behandlungsweg mit fest vorgeschriebener Stundenzahl zuordnet.

Was bei körperlichen Therapien bereits Anwendung findet – so müssen etwa bei Rückenschmerzen mitunter bestimmte Therapieoptionen abgearbeitet werden, Therapieziele müssen anhand der Verordnungen erreicht werden – und dort schon dazu führt, dass nicht mehr individuell behandelt werden kann, dürfte bei psychologischen Therapien noch schwerer wiegen. Psychische Erkrankungen entsprechen keinem Muster, sie laufen nicht nach Schema F ab. Oft wird die anfangs gestellte Diagnose im Behandlungsverlauf nämlich angepasst, erweitert, gar verworfen.

Das liegt unter anderem daran, dass sich die Therapie mit dem Vertrauensverhältnis zwischen Patient:in und Therapeut:in erst richtig aufbaut. Mitunter kann das dauern – abschätzen lässt sich das gleich zu Beginn der Behandlung in den allerseltensten Fällen. Die Kritik seitens Psychotherapeut:innen: Zeitlich begrenzte Behandlungen können damit gar nicht zielführend sein. Individuell passend behandelt werden kann so nämlich nicht.

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Kritik seitens Therapeutinnen und Therapeuten – und SPD

Therapeutinnen und Therapeuten kritisieren zudem eine Unterstellung: Man behandle offenbar zu lang – das sei aber "Unfug", zitiert das Redaktionsnetzwerk Deutschland etwa Barbara Lubisch, die stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV). Die Therapeuten würden die Versorgung derzeit bereits bedarfsgerecht gestalten. Und: "Auch die Patientinnen und Patienten kommen nur so lange zur Therapie, wie sie welche brauchen. Es ist schließlich ein ziemlicher Aufwand, die regelmäßigen Sitzungen ins Leben zu integrieren."

Irritation gab es dazu übrigens bereits seitens SPD-Fraktion. Der Passus sei nachträglich ohne Abstimmung vom Bundesministerium für Gesundheit eingearbeitet worden. Aber auch das Gesundheitsministerium rudert dagegen. Noch sei alles ergebnisoffen. Doch allein, dass der Passus formuliert auf einem Papier steht, stößt sauer auf.

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Petition gegen Passus läuft

Auf dem Petitionsportal "change.org" gibt es seit einigen Tagen eine entsprechende Petition zum Thema, die sich in der Überschrift bereits explizit an den Bundesgesundheitsminister wendet. Mittlerweile, Stand 26. Mai 2021, 10:45 Uhr, haben über 80.700 Menschen die Petition "Keine #Rasterpsychotherapie Herr Spahn" unterschrieben, sie wird in diversen sozialen Medien geteilt.

Unter anderem machen sich Nutzer auf Twitter unter dem Hashtag #RasterPsychotherapie Luft:

Marc Hanefeld alias @Flying_Doc ergänzt in seinem Thread: "In der Fliegerei wäre das: Losfliegen über Atlantik und unterwegs schauen, was man hätte tanken müssen. Langsam habe ich das Gefühl, im @BMG_Bund sitzen wirklich nur Ahnungslose. Oder ein Ahnungs- und Skrupelloser dominiert alles. Das wird sich zeigen."

Und auch den ersten Patient:innen setzt der Gesetzesentwurf zu, wie Diplompsychologin und Psychoanalytikerin @GrandeBettina auf Twitter zu denken gibt:

Auch, wenn der Gesetzesentwurf längst nicht durch ist, die harsche Kritik daran zeigt, dass hier viel Handlungsbedarf besteht. Klar ist aber auch, dass sich an der jetzigen Situation etwas ändern muss, um möglichst vielen Menschen leichten Zugang zu Therapiemöglichkeiten zu geben, möglicherweise etwa mithilfe von digitaler Psychotherapie oder unterstützenden Psychotherapie-Apps. Mit einer stärkeren Reglementierung dürfte das allerdings nicht klappen.

Quellen: Bundes Psychotherapeuten Kammer, Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung, RND, taz, Bezug auf § 92 SGB V, Gemeinsamer Bundesausschuss: Psychotherapie-Richtlinie, change.org

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