Aktualisiert: 20.05.2021 - 17:26

"Wieso ist denn der schon geimpft?!" Impfneid: Gefühl, etwas zu verpassen oder eher Angst und Wut?

Schon geimpft? Mit jedem stolz geposteten Pflaster zieht sich derzeit ein gewisser Impfneid durch die Gesellschaft. Doch ist der so schlimm?

Foto: Getty Images/VioletaStoimenova

Schon geimpft? Mit jedem stolz geposteten Pflaster zieht sich derzeit ein gewisser Impfneid durch die Gesellschaft. Doch ist der so schlimm?

Dass noch längst nicht jeder geimpft ist, merkt man derzeit in Deutschland vor allem anhand der Stimmung. Wo anfangs noch vorsichtige Skepsis stand, hat nun ein gewisser Impfneid die Spitze erklommen. Jetzt will irgendwie jeder. Woran das liegt? Nicht nur an den winkenden Lockerungen, sondern irgendwo auch am Herdentrieb.

Da wartet man im einen Bundesland noch immer auf seinen Impftermin, während anderswo bereits Menschen außerhalb der Priogruppen drankommen. Da ruft man täglich beim Arzt an, nur um vertröstet zu werden, während aus der Nachbarschaft immer mehr Frischgeimpfte freudig ihre Pflasterbilder durch die sozialen Medien jagen. In Deutschland hat eine Strömung eingesetzt, die immer mehr Fahrt aufnimmt. Wo anfangs Zögerlichkeit herrschte, wollen nun immer mehr aufspringen auf den Impfzug. Gut – aber auch mal wieder bezeichnend. Und spannend: Denn der Impfneid in Deutschland hört selbst nach der eigenen Spritze nicht immer auf.

Impfneid: Jetzt geht's schnell – aber immer noch nicht schnell genug

Erst konnte man es kaum glauben: Jetzt schon Impfungen? Irre. Erstmal Vorsicht walten lassen. Sind die überhaupt sicher? Dann ein Blick auf erste Erfahrungen hierzulande und mit Vollgas impfende andere Länder. Scheint ja großteils zu klappen. Hm. Und plötzlich die Verselbstständigung. Während gefühlt gestern noch Priogruppe 1 nicht mal vollständig durch war, prahlt nun bereits der Jungspund von nebenan mit dem frischen Pflaster auf dem Oberarm. Und man selbst? Wartet entweder noch oder findet das trotz bereits erhaltener eigener Impfung irgendwie trotzdem ganz schön unverschämt. Freude für andere? Freude darüber, dass jeder Geimpfte die Gemeinschaft weiterbringt im Kampf gegen die Pandemie? Schwierig. Aber warum?

Fomo: Da ist es wieder, das Gefühl, etwas zu verpassen

Kennen Sie noch dieses Gefühl, Urlaubsbilder anderer in den sozialen Medien zu sehen und sich zu denken "toll, ich muss im trüben Deutschland sitzen und arbeiten, während sich andere die Sonne auf den Bauch scheinen lassen"? Oder die grandiose Party zu verpassen, während Sie sich um Dinge kümmern, die man im Alltag eben so tun muss? Kinder hüten zum Beispiel? "Fear Of Missing Out", kurz "Fomo", nennt man das mittlerweile. Das Gefühl, zu kurz zu kommen, spannende oder sogar wichtige Dinge zu verpassen.

Ein Gefühl, das während der Pandemie auf fast wundersame Weise verschwunden ist. Plötzlich ging gar nichts mehr, also konnte man auch nichts verpassen. Zumindest nichts, was andere derzeit erleben konnten. Schließlich konnte zeitweise niemand groß was erleben. Das ändert sich nun, oder zumindest soll es das: Dank angekündigter Lockerungen für Geimpfte (und Genesene bis zu einem gewissen Zeitraum) winkt plötzlich doch der Sommerurlaub oder einfach das Einkaufen, ohne sich vorher ein Teststäbchen in die Nase rammen lassen zu müssen. Oder einfach – oder vor allem – die Erleichterung, dass ein schwerer Covid-19-Verlauf für Geimpfte viel, viel unwahrscheinlich ist.

Also muss er eben doch her, der Impftermin, und zwar am liebsten gestern als morgen. Oder? Und genau da liegt der Knackpunkt: Vielen, so hörte man es derletzt, wäre das alles gar nicht sooo enorm wichtig, man könne nach all den Monaten die paar Wochen jetzt ja auch noch warten. Wären da nicht die vielen freudigen Meldungen über den frischen Piks. Denn dank sozialer Medien und Co werden wir derzeit überschwemmt von Bildern von Impfpässen (Anmerkung: Bitte vermeiden, denn mit Impfpass-Bildern kann ganz schön Schindluder getrieben werden) und vor allem bepflasterten Oberarmen. Und das schürt ihn dann plötzlich doch: den Neid.

Warum Impfneid? Weil wir Herdentiere sind

Dieses Gefühl kommt übrigens nicht nur in Deutschland vor, wenngleich wir durchaus ein immer mal irgendwie gehässiges Völkchen sind. Aber ist dieser Impfneid so schlimm? Nein, zitiert die "Süddeutsche" etwa die Informatikprofessorin Gloria Mark: "Die Fear of Missing Out ist der entscheidende Faktor, alle Menschen zur Impfung zu drängen." Warum? Weil wir Herdentiere sind.

Positiv sieht's auch der Schöpfer des Begriffes Fomo, ehemals Harvard-Student, heute Autor und Anlageberater Patrick J. McGinnis. Schließlich habe sich dieser Herdendrang über Jahrtausende bewährt. Früher zu Jäger-Sammler-Zeiten bedeutete das Einzelgängerdasein oft das Todesurteil. In der Gruppe gab es die Sicherheit. Beim Impfen ist das ja irgendwie nicht so viel anders. Je größer die Gruppe der Geimpften, desto größer die Sicherheit, desto höher die Chance, doch noch irgendwie schnell aus der Pandemiesituation herauszukommen. Für Ungeimpfte hingegen lauert die Krankheit, deren auslösendes Virus nicht mehr weggeht, sagt etwa Virologe Christian Drosten. Und sehen wir es realistisch: Auch, wenn das nicht immer den Tod bedeutet, so doch ein erhöhtes Risiko dessen.

Bei vielen überwiegen Angst und Wut

Neid gehört zu uns dazu. Als "größte Form der Anerkennung" bezeichnete ihn etwa der Autor und Humorist Wilhelm Busch. Neid kann aber auch gefährlich werden und den ein oder anderen zu radikalen Mitteln greifen lassen. Aber Impfneid ist vielleicht auch die falsche Bezeichnung, was beim "Impf-Fomo" so vor sich geht. Eher treibe die Angst, zu kurz zu kommen oder so kurz vor dem Ziel doch noch an Covid zu erkranken, zitiert das ZDF die Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, Isabella Heuser. Eine Mischung aus Angst, Wut und Traurigkeit sei, was wir Neid nennen, sagt Psychoanalytiker Eckehard Pioch im "Berliner Impfradio".

Tatsächlich ist es gerade derzeit noch sehr unverständlich, wenn man von schon geimpften Menschen hört, die doch eigentlich jung und gesund sind, während andere mit Vorerkrankungen noch immer warten. Doch bedenken sollten wir: Vielleicht wissen wir einfach nicht, warum diese augenscheinlich Fitten schon geimpft sind. Vielleicht hat's doch Hintergründe? Nicht alle Krankheiten sind nach außen hin sichtbar, nicht jeder erzählt davon. Neid aus eigener Angst und Wut ist verständlich. Doch sollten wir uns immer auch fragen: Was würden wir tun? Erzählen wir allen davon, wenn wir krank sind? Und: Wenn uns jetzt jemand einen Impfstoff anbieten würde, würden wir ablehnen? So wichtig die Impfung für den Einzelnen ist, insbesondere bei Vorerkrankungen oder ab einem gewissen Alter, so wichtig ist auch unabhängig davon jeder Geimpfte für die Gesellschaft und für den Sieg über die Coronavirus-Pandemie.

Halten wir fest: Ein bisschen Impfneid schadet nicht, oder? Zumindest solange der die Impfungen vorantreibt und nicht in Handgreiflichkeiten ausartet, sondern höchstens mal in schlechte Laune resultiert. Stimmungsheber gefällig? Das Licht da hinten wird immer heller. Halten wir durch: Mehr Impfstoff ist in Sicht.

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