Aktualisiert: 01.05.2021 - 21:16

Blackout, wenn‘s drauf ankommt? Das steckt wirklich hinter Prüfungsangst!

Von Gabriele Eisenrieder

Da naht sie, die große Prüfung – und die Welt steht Kopf. Ein Experte erklärt, woher Prüfungsangst kommt und was hilft, sie zu überwinden.

Foto: Getty Images/eternalcreative

Da naht sie, die große Prüfung – und die Welt steht Kopf. Ein Experte erklärt, woher Prüfungsangst kommt und was hilft, sie zu überwinden.

Abschlussprüfung, Führerschein, Präsentation – nervös ist jeder in solchen Situationen, aber warum werden manche von Prüfungsangst gelähmt?

Es gibt diese Momente im Leben, in denen es drauf ankommt, in denen wir unter Beweis stellen sollen, was wir wissen und können. Das können Abschlussprüfungen in Schule und Beruf sein, die über unsere Zukunft mitentscheiden, Bewerbungsverfahren, Vorträge und vieles mehr. Bei einigen Menschen lösen solche Bewertungsszenarien schiere Panik aus. Schon im Vorfeld stören Angst, Schlafstörungen und rasende Gedanken die Vorbereitung, in der Prüfung ist nicht selten der Kopf komplett leer. Vorausgesetzt, sie wird überhaupt angetreten.

Wer so sehr unter Prüfungsangst leidet, vermeidet Tests und Präsentationen häufig so gut es geht. Zu Unrecht werden diese Menschen dann als faul oder nicht ehrgeizig genug abgestempelt, z. B. wenn sie nach etlichen Semestern ihr Studium abbrechen oder im Beruf Weiterbildungen ablehnen. Dabei werden sie einfach nur von großer Angst getrieben. Hier erklärt Psychiater Dr. Gernot Langs, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Bad Bramstedt, was wirklich hinter Prüfungsangst steckt und wie Betroffene sie bekämpfen können.

Prüfungsangst: Symptome dieser speziellen Sozialphobie

"Im Prinzip ist Prüfungsangst eine soziale Angst, die speziell in Leistungssituationen auftritt. Dabei fürchten sich Betroffene vor allem davor, von anderen negativ bewertet zu werden", sagt Dr. Langs. Die Furcht komme in Situationen, in denen vor anderen gesprochen werden muss, besonders zu tragen. "Vor allem mündliche Prüfungen lösen damit bei Betroffenen sehr große Ängste aus, was sich auch körperlich, z. B. durch einen trockenen Mund oder Zittern bemerkbar macht. Nicht selten kommt es durch die Prüfungsangst zu einem ‚Blackout‘, also einer kompletten Blockade im Kopf – nichts, von dem, was vorher gelernt oder geübt wurde, ist noch abrufbar", erklärt Dr. Langs.

Lampenfieber oder Schüchternheit kennen alle, doch wo verläuft die Grenze zu sozialer Angst bzw. Sozialphobie? Die definitive Diagnose können nur Expert:innen stellen, also Fachärzt:innen für Psychiatrie oder psychologische Psychotherapeut:innen. Im Gespräch werden verschiedene Faktoren und Lebenserfahrungen ermittelt, u.a. sind die diagnostischen Kriterien für eine soziale Phobie, laut Schön Klinik folgende:

  • Die ausgeprägte Angst vor Aufmerksamkeit und Leistungssituationen, bei denen Sie sich blamieren könnten, besteht länger als sechs Monate.
  • Die Konfrontation mit einer Situation, in der Sie in der Öffentlichkeit stehen oder in der eine Leistung gefordert wird, löst bei Ihnen eine Angstreaktion oder Panikattacke aus.
  • Sie erkennen, dass Ihr Verhalten übertrieben ist.
  • Sie meiden bestimmte Situationen oder stehen sie nur unter großem Druck und Angstgefühlen durch.
  • Deutliche Einschränkung Ihrer Lebensqualität.
  • Die soziale Phobie wird nicht durch Medikamente, Drogen, andere psychische Störungen oder körperliche Erkrankungen ausgelöst.
Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen
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Prüfungsangst behandeln – wann, warum und wie?

Bei vielen psychischen Erkrankungen stellen sich Menschen die Frage: "Ab wann muss ich damit zur Therapie?" Manch eine befürchtet, es sei nicht schlimm genug und sie würde sich nur "anstellen", andere denken fatalistisch "jetzt kann mir eh keiner mehr helfen". Tatsächlich ist aber ganz einfach das eigene Empfinden der Maßstab. "Wann eine Prüfungsangst behandlungsbedürftig ist, hängt vom individuellen Erleben der Betroffenen ab. Immer, wenn eine Angst die Lebensqualität einschränkt, Sie unter ihr und den Auswirkungen leiden, sollten Sie in Betracht ziehen, sich professionelle Hilfe zu suchen", rät Dr. Langs.

Wichtig ist auch, sich die möglichen langfristigen Konsequenzen einer unbehandelten Angsterkrankung klarzumachen. "Eine soziale Angst – wie auch die Prüfungsangst – führt häufig zu Vermeidungsverhalten. Das kann sich stark negativ auf die schulischen Leistungen auswirken, die Entscheidung für oder gegen einen Bildungsweg, die Berufswahl und die Karriere. Wer sich nicht vor anderen sprechen und präsentieren traut, hat oftmals keine Chance auf eine Führungsposition, auch wenn sie oder er fachlich top geeignet wären", konnte Dr. Langs beobachten.

Er warnt auch: "Manchmal schlägt eine soziale Angst auch ins andere Extrem um und die Betroffenen wollen sie durch besonders 'selbstbewusstes Auftreten' überspielen. Allerdings führt dieses aufgesetzte Verhalten meist dazu, dass man arrogant oder pampig wirkt, was wiederum zu sozialen Problemen führt."

Wenn Behandlungsbedarf besteht – welche Therapie-Form ist geeignet? "In der Psychotherapie erzielt bei sozialen Ängsten vor allem die Gruppentherapie gut Erfolge", erklärt der Experte. "In der Gruppentherapie übt man z. B. vor anderen zu sprechen und kann sich Schritt für Schritt und mit therapeutischer Hilfe den Ängsten stellen. Übung ist das allerwichtigste."

Das mag auf Betroffene erst einmal sehr furchteinflößend wirken, aber sie müssen im Hinterkopf behalten, dass es sich um einen geschützten Rahmen handelt, in dem Therapeut:innen ihnen zur Seite stehen und sie sich in kleinen Schritten den angstauslösenden Situationen nähern. Denn: "Angst wird nicht verschwinden, wenn Sie die angstauslösende Situation immer vermeiden," gibt Dr. Langs zu bedenken.

Er weist aber auch darauf hin, dass nicht in allen Fällen eine Psychotherapie erforderlich ist. Wenn die Angst vor anderen zu sprechen nicht mit einer ausgeprägten sozialen Angst oder einer anderen psychischen Störung verbunden ist, könnten auch spezialisierte Coachings weiterhelfen, z.B. zu Präsentation und Rhetorik.

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Tipps gegen leichtere Prüfungsangst und akute Panik

Bei leichterer, gelegentlicher Prüfungsangst können außerdem bestimmte Gedankenübungen funktionieren. So rät beispielsweise das Studentenwerk der Uni Frankfurt zum "ABC der Gefühle". A steht für die Situation, B für die persönliche Bewertung und C für die emotionalen Konsequenzen, also die eigene Reaktion. Vor einer angstbehafteten Prüfung sollten Sie nach diesem Schema, vorbehaltlos einmal alle Gedanken dazu aufschreiben. Ein Beispiel:

  1. "Ich schreibe in zwei Wochen eine Klausur."
  2. "Bestimmt läuft alles schief. Ich kann keine einzige Frage beantworten und starre auf ein weißes Blatt Papier. Am Ende falle ich natürlich durch. Das wäre eine totale Blamage und persönliche Katastrophe für mich."
  3. Angst, Nervosität, Anspannung

Allerdings sind Angst, Nervosität und Anspannung ja die Folgen der persönlichen Bewertung und nicht der reinen Tatsache, dass eine Prüfung ansteht. Denn bei einer anderen Person, die vor derselben Prüfung steht, kann das "ABC der Gefühle" auch ganz anders aussehen:

  1. "Ich schreibe in zwei Wochen eine Klausur."
  2. "Ich habe gelernt und mich inhaltlich gut auf die Prüfung vorbereitet. Nun lasse ich die Situation auf mich zukommen. Selbst wenn ich nicht alle Fragen perfekt beantworten kann, ist das kein Grund zum Verzweifeln. Gegebenenfalls kann ich die Prüfung wiederholen."
  3. Leichte Nervosität, relative Sicherheit

Bei Prüfungsangst sieht das "ABC der Gefühle" höchstwahrscheinlich eher aus wie bei Person 1. Nachdem Sie erstmal völlig frei alle möglichen Gedanken und Gefühle zur anstehenden Prüfung zu Papier gebracht haben, können sie mit kühlem Kopf versuchen, destruktive Gedanken aufzuspüren. Bestimmte Schlüsselwörter wie "immer", "nie", "alle", "alles", "keiner", "nichts" sollten sie kritisch hinterfragen, auch Äußerungen, die "darf nicht" oder "muss" enthalten. Versuchen Sie, die geschilderten vermeintlichen Konsequenzen bei Punkt B so objektiv wie möglich zu betrachten: Sind sie wirklich realistisch oder haben Sie ein Katastrophenszenario entworfen? Dagegen hilft u.a. das Gespräch mit einer vertrauten Person, mit der zusammen man die Katastrophengedanken einem Realitätscheck unterziehen kann.

Außerdem sind natürlich eine gute Vorbereitung mit ausreichend Pausen und Entspannungsphasen wichtige Faktoren, um Prüfungsangst im Zaum zu halten, wie Sie im Leitfaden "Tipps gegen Prüfungsangst" des Studentenwerks Frankfurt am Main nachlesen können.

Angst vor der Angst? Wenn Sie befürchten, akut vor oder während einer Prüfungssituation eine Panikattacke zu erleiden, können Sie sich diese Soforthilfe-Tipps vergegenwärtigen.

Wie entsteht Prüfungsangst? Ursachen in der Kindheit

Prüfungsangst hat viel mit dem Grundgedanken "ich bin nicht gut genug" zu tun. Dr. Langs: "Die Ursache der Angst vor Bewertung liegt in den allermeisten Fällen in der Kindheit." Es scheine eine erbliche Veranlagung für Charaktereigenschaften zu geben – das eine Baby ist extrovertierter und mag es, unter anderen Kindern zu sein, das andere ist eher introvertiert und braucht eher seine Ruhe. "Beide Wesenstypen haben ihre Vor- und Nachteile und sind nicht an sich problematisch. Erziehung und Erfahrungen in der Kindheit haben aber sehr großen Einfluss darauf, wie wir uns selbst wahrnehmen", so Dr. Langs.

"Wenn die Eltern immer auf Höchstleistungen bestehen und davon ihre Zuneigung abhängig machen, zeigt das dem Kind: Dein Wert ist von deiner Leistung abhängig. Wenn der Selbstwert von der Bewertung durch andere abhängt, ist klar, dass Sie Angst vor der Bewertungssituation bekommen", erklärt Dr. Langs. Und natürlich ist auch – wie in den meisten Erziehungsangelegenheiten – die Vorbildfunktion von Mama und Papa nicht zu unterschätzen. "Es kann auch sein, dass Eltern ihre eigenen sozialen Ängste auf die Kinder übertragen, sie lernen, dass sich Mama oder Papa nur selbst akzeptieren, wenn sie von anderen gut bewertet werden oder 'Leistung bringen'," gibt der Experte zu bedenken.

Sein Tipp: "Eltern können ihre Kinder dadurch stärken, dass sie sie für Fortschritte und positives Verhalten loben, unabhängig vom Urteil anderer. Das muss aber auch realistisch bleiben, wenn alles lobenswert ist, bedeutet ein Lob irgendwann nichts mehr." Die berüchtigten Helikopter-Eltern tun ihren Kindern also auch hier keinen Gefallen, wenn sie ihnen alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Bei wirklichen Problemen, wie z.B. Mobbing in der Schule, müssen Eltern aber unbedingt handeln – ein Experte erklärt hier, wie Sie Kummer bei Kindern erkennen, auch wenn sie nichts sagen.

Mehr Hilfe und Infos zu psychischer Gesundheit und der Bewältigung von Ängsten und Stimmungsschwankungen gibt es auch auf unserer großen Themenseite Depression.

Unser Experte Univ.- Doz. Dr. Gernot Langs ist Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Bad Bramstedt und dort Chefarzt der Psychosomatischen Klinik & Psychotherapie.

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