Aktualisiert: 27.03.2021 - 21:22

Stabilisierung beibehalten Bevor die Welt zusammenbricht: Mit psychischer Erkrankung durch die Pandemie

Von der Redaktion

In der Pandemie ist für uns alle nichts, wie es war. Das bringt vor allem Menschen mit psychischen Problemen wie bipolarer Störung ins Schwanken. Was hilft?

Foto: Getty Images/Rike_

In der Pandemie ist für uns alle nichts, wie es war. Das bringt vor allem Menschen mit psychischen Problemen wie bipolarer Störung ins Schwanken. Was hilft?

Was, wenn es sowieso schon immer schwierig ist, den eigenen Alltag zu bestreiten und dann plötzlich wichtige Stützen wegbrechen? Damit sehen sich Menschen mit psychischen Erkrankungen nunmehr seit über einem Jahr konfrontiert. Wie lässt sich die Pandemiesituation dennoch überstehen?

Die derzeitige Situation nimmt uns alle mit. Doch einige von uns leiden noch mehr unter der Krise – denn es geht ihnen auch ohne Pandemie mit ihren Einschränkungen nicht immer gut. Mit einer psychischen Störung in eine so fordernde Situation zu geraten kann einiges abverlangen. Wir haben mit Dr. med. Maximilian Haas gesprochen. Er ist Neuroradiologe und Experte im Bereich Bipolare Störung und hat uns erklärt, wie man trotz psychischer Probleme mit der Pandemie besser umzugehen lernen kann und gibt wertvolle Tipps, um auch in schweren Zeiten den Halt nicht zu verlieren. Er selbst spürt am eigenen Leib, wie es ist, wenn die eigentlich so wichtigen Alltagspfeiler plötzlich ganz neu aufgebaut werden müssen.

Es gibt eine ganze Reihe an psychischen Erkrankungen, jede davon bringt für sich eigene Herausforderungen mit. Aber allen ist gleich: die Pandemiesituation macht die Lage nicht einfacher. Unser Experte beschäftigt sich selbst vor allem mit Bipolarer Störung und Schizophrenie. Daher möchten wir auf diese Erkrankungen einen besonderen Fokus legen. Die anschließenden Tipps können aber allen helfen, egal welche Erkrankung zugrunde liegt. Und auch wenn keine Diagnose besteht, können sie jedem helfen, der an der jetzigen Situation zu knabbern hat.

Mit psychischen Problemen rein in eine Pandemie

So langsam aber sicher trifft die Pandemie-Situation jeden von uns hart. Besonders aber leiden Menschen, die zuvor schon mit Extremsituationen zu kämpfen hatten. Haben Sie den Eindruck, dass die Pandemie es für Betroffene schlimmer macht?

Dr. Haas: Die Pandemie ist ein schwerer, zusätzlicher Stressfaktor. In den von mir geleiteten Selbsthilfegruppen merke ich, dass depressive oder manische Krankheitsepisoden vermehrt auftreten. Auch in unserer klinischen Studie konnten wir beobachten, dass unsere Patienten mehr depressive Phasen haben. Es fällt Betroffenen schwer, den Auslöser klar zu identifizieren. Klar ist, dass Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen zu weniger körperlicher Aktivität führt und unseren Tagesrhythmus, der auch stark durch soziale Interaktionen bestimmt wird, aus der Bahn gerät. Dies sind Faktoren, welche Menschen mit psychischen Erkrankungen beeinflussen.

Haben Sie vielleicht aber auch positive Überraschungen erlebt – etwa, dass jemand mit der Situation überraschend gut umgehen kann und vielleicht einen Weg für sich gefunden hat?

Dr. Haas: Ja, ich habe erlebt, dass manche diese Situation genutzt haben, um genauer hinzusehen. Die Pandemie hat auch sie schwer belastet. Allerdings haben sie beim Reflektieren festgestellt, was ihnen im Leben fehlt bzw. welche Träume sie bisher auf die lange Bank geschoben haben. Auch ich habe Corona als Chance genutzt, einen Traum jetzt anzupacken.

Bipolare Störung und Schizophrenie kurz erklärt

Sie selbst befassen sich vor allem mit den Themen Bipolare Störung und Schizophrenie. Was genau ist überhaupt eine Bipolare Störung?

Dr. Haas: Wir kennen sicherlich jemanden in unserem Bekanntenkreis, der schon einmal depressiv war. Bipolare Störung ist auch eine affektive Erkrankung, genau wie eine Depression. Das heißt, dass die Stimmung betroffen ist. Im Gegensatz zur Depression ist die bipolare Störung nicht nur durch Phasen der Niedergeschlagenheit und Freudlosigkeit gekennzeichnet, sondern es tritt noch ein anderer, der sogenannte manische 'Pol' auf: Das sind Phasen mit hoher Aktivität, Energie, Hochstimmung – aber auch Gereiztheit. Das ist für Betroffene und Ärzte viel schwieriger zu erkennen. Zunächst mag sich der Zustand mit viel Tatendrang oft angenehm anfühlen. Allerdings schlägt es meist um, in gefährliche Verhaltensweisen wie ungezügeltes Geldausgeben, überstürzte Lebensveränderungen oder das Zerstören von sozialen Beziehungen.

Bipolare Störungen sind zwar nicht gleichzusetzen mit Stimmungsschwankungen, unter denen jeder von uns sicher immer mal leidet. Doch sie können ein Warnzeichen darauf sein, dass etwas im Argen ist. Hören Sie auf Ihren Körper – insbesondere bei immer wiederkehrendenStimmungsschwankungen: Das hilft, wenn die Gefühle ständig Aufzug fahren.

Unter Schizophrenie verstehen viele Menschen auch dank Film und Fernsehen noch immer etwas gänzlich anderes. Was steckt eigentlich dahinter?

Dr. Haas: "Das ist doch schizophren", höre ich oft, wenn etwas widersprüchlich ist. Das klassische Symptom der Schizophrenie ist das Stimmhören, zusammen mit sogenannten Ich-Störungen und Wahn. Betroffene können davon berichten, dass andere ihre Gedanken lesen können. Sehr häufig fühlen sie sich paranoid verfolgt, beispielsweise von der CIA. Sie interpretieren ihre Sinneswahrnehmungen anders und bilden sich ein Gedankenkonstrukt über die Wirklichkeit, das sich ausdehnt und von deren offensichtlicher Falschheit sie sich nicht überzeugen lassen.

Mehr dazu: Schizophrenie früh erkennen: Die wichtigsten Symptome

Wie ähneln sich beide Krankheiten und wie entwickeln sie sich überhaupt?

Dr. Haas: Historisch wurden beide Erkrankungen klar voneinander getrennt. Doch man denkt heute nicht mehr so stark in Schubladen wie früher. Auch Patienten mit Schizophrenie zeigen Veränderungen der Stimmung und genauso können bipolare Patienten psychotische Symptome entwickeln.

Der Wahn einer bipolaren Störung zeigt sich eher synthym. Das heißt, er passt zur Stimmungslage. In der Depression tritt so zum Beispiel Verarmungswahn auf, in der Manie Größenwahn. Dies ist typischerweise bei der Schizophrenie anders.

Für beide Erkrankungen gibt es eine genetische Anfälligkeit. Hinzu kommen viele chronische Stressfaktoren in Kind-, Jugend- und frühe Erwachsenenzeit. Bei Schizophrenie wissen wir beispielsweise, dass die Art und Weise, wie in der Familie kommuniziert wird, Einfluss hat. Eine verständnisvolle Kommunikation wirkt schützend, während aggressives, beschuldigendes Sprechen krankheitsauslösend wirkt.

Betroffene haben meist in der späten Jugend bzw. frühen Erwachsenenalter erste Symptome. Eine akute Krankheitsepisode beginnt dann in der Regel nach einem konkreten Auslöser. Bei bipolarer Störung können das Orts-, Ausbildungswechsel, eine Trennung oder auch ein Todesfall sein.

Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen
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Der gewohnte Rhythmus ändert sich: Eine schwere Situation kann zu akuten Episoden führen

Warum sind Menschen vor allem in Krisensituationen vor Krankheitsphasen bzw. Rückfällen gefährdet?

Dr. Haas: Die Krisensituationen können Auslöser sein. Sie sind emotional aufreibend und stressend. Gleichzeitig ändert sich durch diese Ereignisse der gewohnte, stabile, soziale Rhythmus. Gerade bei bipolarer Störung versuchen wir durch eine Stabilisierung des Tagesrhythmus den psychischen Zustand zu stabilisieren. Indem wir bei Mindpax [Anm. d. Red.: eine digitale Hilfe, die Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen dabei helfen kann, ebensolche Akutepisoden schnellstmöglich festzustellen] den Betroffenen darauf aufmerksam machen, wenn sich sein Rhythmus verändert, können wir nun Patienten helfen, dem Rückfallrisiko aktiv entgegenzuwirken.

Wie kann ein drohender Rückfall oder vielleicht sogar ein erster Fall einer solchen psychischen Störung schnellstmöglich festgestellt werden? Gibt es da frühwarnende Anzeichen?

Dr. Haas: Die Frühsymptome sind ganz individuell und unterscheiden sich je nach Depression und Manie. Typische Beispiele für eine Depression sind erhöhter Schlafbedarf oder der Rückzug aus dem sozialen Umfeld. So werden beispielsweise häufig Treffen mit der Familie oder mit Freunden abgesagt. Vor einer Manie hingegen braucht man weniger Schlaf und ist trotzdem voller Energie, man kauft mehr ein oder – wenn nicht gerade Corona ist – geht man mehr Feiern.

Es gibt Biomarker, mit denen Schübe schnell erkannt werden können. Welche sind das?

Dr. Haas: Bei Mindpax nutzen wir Biomarker des Tag-Nacht-Rhythmus, die wir mithilfe eines Armband-Trackers erheben. Auffällige Werte der Schlaflänge und der Tagesaktivität sind wichtige Informationen, dass ein neuer Schub beginnt. Allerdings ergeben diese Biomarker alleine noch kein vollständiges Bild. Deshalb kombinieren wir sie mit anderen krankheitsrelevanten Parametern wie subjektive Stimmungseinschätzung anhand eines validierten Fragebogens, der einmal wöchentlich den Kontext zu den Biomarkern herstellt. Anhand dieser Biomarker erhält der Betroffene Empfehlungen für das Management der Erkrankung im Alltag, genauso kann der Arzt mithilfe eines Dashboards die Erkrankung in Echtzeit verstehen und früh handeln.

Tipps für Betroffene und Menschen, denen die Situation zusetzt

Was kann man tun, wenn man selbst merkt, man rutscht gerade ab? Gibt es Handlungsmuster, die Sie Betroffenen an die Hand geben können?

Dr. Haas: Idealerweise bauen sich Betroffene einen Notfallplan mit Handlungsmustern, die sie wieder in die Stabilität führen. Hier geht es um Selbstfürsorge. Wenn ich selbst merke, dass ich leichte manische Tendenzen habe, dann sage ich Termine für die nächsten Tage ab und versuche allgemein die stimulierenden Reize herunterzufahren. Dann gehe ich zum Beispiel achtsam spazieren, schlafe länger oder nehme mir Zeit abends mit voller Aufmerksamkeit zu kochen und zu essen. Andersherum gehe ich bei erster depressiver Verstimmung wandern in die Natur oder tausche mich guten Freunden aus, um eine wohltuende Aktivität zu kommen.

Eignen sich diese Handlungsmuster vielleicht auch für Menschen, denen es in der derzeitigen Situation schlecht geht, bei denen aber noch keine Störung diagnostiziert wurde?

Dr. Haas: Ich denke, dass Menschen mit bipolarer Störung oder Schizophrenie Extreme darstellen, von denen andere lernen können. Am Ende glaube ich nicht, dass jemand davor gefeit ist. Je größer die Stressoren von außen, wie aktuell die Pandemie, sind, desto eher bekommen auch andere Menschen Symptome wie Gereiztheit, Schlafstörungen oder Lustlosigkeit.

Ich bin fest davon überzeugt, dass ein regelmäßiger Tagesablauf mit sozialen Aktivitäten, Bewegung, Zeit im Freien und ausgewogener Ernährung für jeden in dieser Zeit eine Hilfe sind.

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Sollten Sie sich in den Beschreibungen wiederfinden, sprechen Sie mit Ihrer Familie oder einem Experten über Ihre Gefühle:

  • Telefonseelsorge (Tel.: 0800/ 1110111 und 0800/ 1110222)
  • Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/ 1110333)
  • Info-Telefon Depression (Tel.: 0800/ 3344533)

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Depression und andere psychische Erkrankungen betreffen mehr und mehr Menschen – nicht nur in Pandemiezeiten. Stigmata sollten endlich der Vergangenheit angehören: Über Depression muss immer geredet werden!

Über den Experten: Dr. med. Maximilian Haas studierte Medizin in Heidelberg, Coimbra (Portugal) und Sydney und promovierte in der Neuroradiologie. Sein praktisches Jahr übte er in der Psychiatrie Heidelberg aus. Heute arbeitet er mit Mindpax an der Früherkennung und gezielten Behandlung von bipolarer Störung mithilfe einer "medical app".

Er ist selbst mit bipolarer Störung diagnostiziert und erlebte insbesondere während seines Studiums schwere depressive Episoden. Diese Erfahrungen haben seinen Willen geformt, die Behandlung dieser Erkrankung zu verbessern. Heute setzt er sich auch in Selbsthilfegruppen und der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störung neben seinem Beruf ein.

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