Aktualisiert: 18.01.2021 - 18:11

Blue Monday Der traurigste Tag des Jahres: Über Depression muss immer geredet werden

Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen

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Der dritte Montag im Januar gilt als der traurigste Tag des Jahres – heißt es. Doch Depressionen und Angststörungen suchen sich keine Daten im Kalender aus. Auf das Thema muss also immer wieder aufmerksam gemacht werden. Ein guter Grund: Jetzt gibt es neue Therapiemöglichkeiten, die auch die Behandlung im Lockdown erleichtern – und die Hürden auf dem Weg zur Therapie senken.

Der dritte Montag im Januar gilt der Formel eines britischen Psychologen zufolge als der traurigste Tag des Jahres – der sogenannte "Blue Monday". Doch auch, wenn Cliff Arnalls Formel von Wissenschaftlern als "pseudowissenschaftlicher" Unsinn bezeichnet wird, so möchten wir diesen Tag doch nutzen, um dennoch auf das Thema Depression aufmerksam zu machen – ein Thema, das immer wichtig ist.

In der dunklen Jahreszeit ist es mit der Traurigkeit tatsächlich nicht weit her. Die Sonne fehlt und allein der gesunkene Vitamin-D-Spiegel lässt uns Trübsal blasen. Dazu kommt die ungewisse Lage ob der Corona-Pandemie und die Lockdown-Einsamkeit. Aber jetzt einen Therapieplatz finden? Das war schon vor der Pandemie ein Mammutakt – für viele außerdem mit großen Hürden verbunden. Psychotherapie-Apps wie Selfapy wollen diese Lücke schließen und die Hürden aus dem Weg räumen – und können in Lockdown-Zeiten eine Chance für viele sein. Aber helfen sie wirklich?

Psychotherapie-Apps: Was kann die Therapie übers Smartphone?

Die Sonne zeigt sich derzeit kaum, gleichzeitig sind wir angehalten, das öffentliche Leben weiterhin unten zu halten. Mancher steckt in Kurzarbeit oder hat gar seinen Job verloren und auch das Homeoffice stellt viele von uns vor Herausforderungen. Der klare Tagesablauf ist gar nicht mehr oder nur noch in Teilen vorhanden, muss neu gestrickt werden. All das ist nicht einfach. Manch einer rutscht durch diese Abwärtsspirale in eine psychische Erkrankung.

Doch in diesen Zeiten an einen Psychotherapie-Platz zu kommen, ist schwierig. Zumal dieser Schritt enorme Überwindung kosten kann. Aber ist es möglich, selbst etwas zu tun? Mittlerweile gibt es etwa Angebote von Online-Therapiestunden. Die lassen sich auch ganz ohne Krankenkasse gegen Selbstkosten abrechnen.

Doch eine andere Idee nimmt derzeit Fahrt auf: Psychotherapie-Apps, die Menschen durch Depression und Co begleiten können. Über eine solche App können Betroffene Online-Kurse buchen und sogar bei Bedarf einen Psychotherapeuten dazubuchen. Die Sitzungen werden dann via Videochat abgehalten.

Neues Gesetz erlaubt Krankenkassen-Übernahme

Seit Anfang 2020 läuft ein Zertifizierungsprozess für Apps, deren Nutzung sogar von Krankenkassen erstattet werden kann – laut Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG). Eine dieser nun möglichen "Digitalen Gesundheitsanwendungen", die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auch in einem Verzeichnis (DiGA) gelistet werden, ist etwa "Selfapy". Die Webanwendung hat den Zertifizierungsprozess vergangenen Dezember als erste App für psychische Erkrankungen wie Depression, Burnout oder Essstörungen und Angststörungen bestanden. Die Online-Kurse, die hier angeboten werden, basieren auf einer Verhaltenstherapie. Der Online-Kurs Depression wird nur gegen Rezept angeboten, zudem gibt es Partnerkurse zu Angst und Panik, Essstörung, Depressiver Verstimmung, Stress und Achtsamkeit sowie Chronischem Schmerz. Das kostet im Monat rund 150 bis 300 Euro.

Aber Ärztinnen und Ärzte können diese Kurse dank abgeschlossener Zertifizierung auch verschreiben. Wer sie nutzt, kann das Arzt-Rezept bei der Krankenkasse einreichen – und die erstattet die Kosten.

Aber eine App gegen Depression und Co – kann das funktionieren? Offenbar schon, wie eine Validierungs-Studie mit der Berliner Charité zeigen konnte: Demnach stellt sich eine eindeutige Verbesserung der Krankheitsverläufe ein, wird die App regelmäßig als Therapiemöglichkeit genutzt.

So funktionieren die Anti-Depressions-Apps

Das Problem: Die Zahl der psychischen Erkrankungen nimmt seit vielen Jahren zu – Tendenz durch die Corona-Krise noch einmal befeuert. Rund 18 Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an einer oder mehreren psychischen Erkrankungen – Dunkelziffer nicht einberechnet. Doch die Therapieplätze sind ebenfalls seit Jahren knapp. Es gibt einfach nicht genügend Therapeuten, so dass Patienten, die sich zu dem Schritt entschließen, oft viele Monate warten müssen, bis sie einen Therapieplatz ergattern. Zermürbend ist dabei schon die Suche, denn die zahlreichen Rückschläge nehmen den Mut noch mehr.

Selfapy zum Beispiel ist nicht als App gestartet, sondern als eine Reihe von Online-Kursen, die bei psychischen Belastungen Unterstützung geben sollen. Gegründet wurde das Unternehmen schon im Februar 2016 mit dem Ziel, den Menschen zu helfen, die monatelang auf einen Therapieplatz warten müssen – oder denen, die Angst haben, zu einer regulären Therapie zu gehen, aus Angst vor Stigmatisierung, sollte sie jemand dabei beobachten. Interessant ist das Angebot auch für die, die normalerweise viel unterwegs sind und für die ein fester Therapieplatz daher schwierig ist. Ein weiterer Vorteil: Die Therapie findet in der gewohnten Umgebung statt. Das senkt die Hemmschwelle umso mehr.

Für die Nutzer stehen diverse Lektionen bereit, bei Selfapy sind es durchschnittlich 15, aufgebaut aus interaktiven Übungen, Texten und Videos. Dafür fallen täglich etwa 20 Minuten Zeitaufwand an. Via Nachrichtenfunktion gibt es Begleitung von einer persönlichen Psychologin oder einem Psychologen. Bei Bedarf gibt es zudem die Option, einmal wöchentlich für 20 bis 45 Minuten mit der Psychologin bzw. dem Psychologen zu telefonieren.

Alle zwei Wochen wird dann der Fortschritt ermittelt. So kann auch festgestellt werden, ob die Betreuung intensiviert werden muss und ob doch ein persönlicher Kontakt hilfreicher oder gar notwendig ist.

Augen auf bei der Anwendungswahl

Nebst Selfapy gibt es in den App-Stores und Play-Stores dieser Welt noch viele andere Psychologie-Apps. Einige davon stehen ebenfalls vor der Zertifizierung als Digitale Gesundheitsanwendung. Da gibt es aber auch solche, die einfach dafür sorgen sollen, dass die seelische Gesundheit im Gleichgewicht bleibt oder solche, die den Tag strukturieren sollen oder einfach Informationen zu bestimmten Erkrankungen bieten. Und eben jene, die auf der kognitiven Verhaltenstherapie aufbauen. Nicht alle aber erfüllen die nötigen Qualitätskriterien, daher ist der wissenschaftliche Nachweis hierüber enorm wichtig. Eine schlechte App kann durchaus Schaden anrichten, statt zu helfen.

Eine Übersicht finden Interessierte im DiGA-Verzeichnis nachschauen. Dort sind nebst Selfapy derzeit noch die App "Invirto" zur Therapie von Phobien und Panikstörungen, die App und Webanwendung "somnio" bei psychisch ausgelösten Schlafstörungen sowie die Webanwendung "velibra", ebenfalls anzuwenden bei Phobien und Panik- sowie Angststörungen, gelistet.

Langfristig aufgenommen werden sollen nur Apps und Online-Programme, die auf Datenschutz, Funktionstauglichkeit und den medizinischen Nutzen hin geprüft worden sind. Doch es gibt bisher auch die Möglichkeit einer Aufnahme auf Probe für ein Jahr. Mit Aufnahme in die Datenbank können Ärztinnen und Ärzte solche Apps und Online-Dienste aber verschreiben.

Fachleute raten generell immer noch zu professionell begleiteten Therapien. Doch insbesondere in Zeiten wie diesen, wo das Angebot dafür noch schwerer zu erreichen ist als sonst, kann eine solche App durchaus hilfreich sein und Betroffene dabei begleiten, einen gesunden Weg aus Depression und Co zu finden. Die Diagnostik muss aber weiterhin ärztlich geschehen – und der persönliche Kontakt, das darf nicht vergessen werden, ist meist doch die hilfreichere Wahl. Es lohnt sich daher auch, nochmals Rücksprache etwa mit vertrauten Hausärzt*innen zu halten. Denn falsch angewendet können nicht gänzlich geprüfte Apps und Anwendungen durchaus Probleme auslösen.

Wichtig ist aber, den schwierigen Schritt hin zur professionellen Hilfe erst einmal zu gehen. Und dieser Schritt lässt sich einfacher gehen, wenn die Hürden aus dem Weg geräumt sind. Egal ob am Blue Monday oder an jedem anderen Tag im Jahr.

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Ob digitale Psychotherapie ein vollwertiger Ersatz sein kann, hat uns auch die Psychotherapeutin M.Sc. Anna Schmied erklärt. Sie arbeitet bei "MindDoc", einer Plattform für digitale Psychotherapie. Und wie ist das mit regulären Therapien? Hier lesen Sie mehr über den Ablauf einer Psychotherapie. Ebenfalls interessant: Was kostet eine Psychotherapie und wer zahlt dafür?

Sie wissen noch gar nicht, ob Sie den Schritt überhaupt gehen wollen? Hilfe vom Psychologen: Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll?

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Hier finden Sie das DiGA Verzeichnis und die bisher gelisteten Apps und Webanwendungen.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. hat im Zuge der Coronavirus-Pandemie eine Auflistung hilfreicher E-Mental-Health-Anwendungen aufgestellt. Die Übersicht finden Sie hier: Coronavirus: Empfehlungen zu E-Mental-Health

Wer sich Selfapy einmal genauer ansehen will, kann das hier tun.

Leiden Sie unter Depression oder gar unter Suizidgedanken? Zögern Sie bitte nicht, sich Hilfe zu suchen. Schnelle Hilfe finden Sie etwa bei der Telefonseelsorge, unter den Nummern 0800 111 0 111 sowie 0800 111 0 222.

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