Aktualisiert: 11.11.2020 - 20:51

Fehlende soziale Kontakte Corona-Isolation: Folgen für unser Gehirn könnten massiv sein

Die Psyche in der Corona-Krise: 6 Tipps für mentale Gesundheit

Die Psyche in der Corona-Krise: 6 Tipps für mentale Gesundheit

Der Ausbruch des neuen Coronavirus sowie die damit einhergehende häusliche Isolation machen vielen Menschen Angst. Sehen Sie im Video, wie Sie Ihre Psyche in dieser Zeit stärken.

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Ein Antarktis-Forscher verbrachte 14 Monate in Isolation – bei seiner Rückkehr kam er mit vielem im Alltag nicht mehr klar. Droht uns das nach der coronabedingten Einschränkung sozialer Kontakte etwa auch? Wissenschaftler nennen körperliche Folgen, die sich auf die Psyche auswirken.

"Da war dieses Gefühl, das wirklich lange blieb – locker über ein Jahr." So beschreibt Dr. Tim Heitland die Zeit nach seiner Rückkehr aus der Antarktis. Dort hatte der Forscher zwischen 2016 und 2018 ganze 14 Monate verbracht, mit kaum Kontakt zu anderen Menschen – und einer sehr einseitigen Natur ohne viele Farben. Das hat sein Gehirn verändert – erklären Wissenschaftler, die sich die Folgen von Isolation aufs Gehirn genauer ansehen. Lassen sich diese Erkenntnisse auch auf die derzeitige Situation übertragen?

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie versuchen die meisten von uns, ihre Kontakte weitgehend einzuschränken, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Sie gehen kaum noch raus, treffen fast niemanden. Das verändert. Welche Folgen hat diese Isolation durch Corona auf unser Gehirn?

Corona-Folgen: Isolation verändert unser Gehirn

Dass lange Isolation Folgen auf die Psyche und das Verhalten hat, ist vor allem bei Tieren bekannt. Eingesperrte Tiere neigen zu Aggression und anderen Verhaltensauffälligkeiten. Und auch Astronauten, die lange Zeit abgeschottet im Weltall verbracht haben, konnten Änderungen in ihrem Verhalten feststellen.

Tim Heitland vom Alfred Wegener Institut gibt an: Der Alltag hat ihn nach seiner Rückkehr überfordert. Vor allem, wieder unter Menschen zu sein, sei anstrengend gewesen. Doch auch die Farben und die Vegetation seien anfangs merkwürdig gewesen. Sein Gehirn hatte sich angepasst an die Isolation.

Forscher haben sich seines und die Gehirne seiner Kolleg*innen nach ihrer Rückkehr angeschaut – um zu prüfen, inwiefern solch extreme Arbeitsbedingungen, insbesondere die starke Isolation, neurologische Veränderungen hervorrufen können.

Die Erkenntnisse sind verblüffend: Tatsächlich hat sich bei den meisten Teammitgliedern der Hippocampus verändert. Die Gehirnregion, die für räumliche Orientierung sowie für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist, ist geschrumpft.

Die Erkenntnisse hat "Scientific American" noch einmal anschaulich in einem spannenden Beitrag zusammengefasst, zu sehen im Video – leider in englischer Sprache:

Scientific American: Folgen von Isolation

Dieses Phänomen ist bereits mehrmals etwa bei Insassen von Einzelzellen im Gefängnis beobachtet worden. Nicht nur der fehlende Kontakt zu anderen Menschen ist dafür ausschlaggebend, sondern auch die Umgebung: Dieser Sinnesentzug sowie die soziale Isolation haben Folgen und führen nicht selten zu posttraumatischem Stress.

Forscher arbeiten an Schadensbegrenzung

Auch wir erleben dieser Tage eine Art der Isolation. In den meisten Fällen ist sie nicht ganz so extrem, wie sie Heitland und seine Kolleg*innen oder Menschen im Gefängnis erleben. Doch gerade wenn Kindern die Freunde fehlen oder ältere Menschen plötzlich noch weniger soziale Kontakte haben, hat das Auswirkungen. Und auch zwei Wochen Quarantäne in der immer gleichen Umgebung belastet.

Forscher in diesem Gebiet wollen ihre Erkenntnisse nun dazu nutzen, Möglichkeiten zu erkennen, wie sich der Schaden, den die Isolation hervorrufen kann, wieder mindern lässt – besser früher als später, bevor langfristige Folgen bleiben.

Was jeder von uns jetzt tun kann

Soziale Distanz – eigentlich reicht ja physische Distanz. Doch wenn wir uns nicht tatsächlich mit anderen Menschen umgeben, kaum noch jemanden berühren, nicht von Angesicht zu Angesicht kommunizieren, sondern nur über Bildschirme, ist das kein vollständiger Ersatz. Dennoch muss hier eine Kosten-Risiken-Abwägung stattfinden: Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob dieses Virus uns niederstreckt oder ob es die vorerkrankte Mutter oder Oma trifft, vielleicht den Vater ins Krankenhaus bringt.

Sollten wir uns und unsere Lieben also lieber vorsorglich vor dem Coronavirus schützen und damit riskieren, unser Verhalten zu verändern? Vorerst ist das wohl die bessere Idee. Zumal signifikante Unterschiede zur vollständigen Isolation bestehen: Wir können weiterhin mit viel Abstand mit unseren Lieben kommunizieren, und das sollten wir auch noch mehr tun als sonst schon. Miteinander reden hilft – immer. Und wir dürfen rausgehen in die Natur und die Jahreszeiten genießen. Das konnten Dr. Heitland und seine Kollegen zwar auch – doch im ewigen Eis fehlen nunmal die Farben...

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Quarantäne angesagt? Dann muss auf jeden Fall für Abwechslung gesorgt werden. Strukturieren Sie sich Ihren Tag am besten durch, so dass Sie gar nicht die Chance haben, in ein Loch zu fallen. Gibt es dieses eine Projekt, das Sie seit Ewigkeiten angehen wollen? Jetzt ist die Zeit dazu! Auch regelmäßige Bewegung ist wichtig, fördert Körper und auch Geist – beispielsweise mit Yoga-Videos aus dem Internet. Ansonsten haben wir hier noch ein paar Tipps gegen die Langeweile:

Wer unter Angstzuständen leidet, hat es in Quarantäne erst recht schwerer. Wir haben Tipps für den Umgang mit der Einsamkeit. Und die Isolation kann Aggressionen fördern – häusliche Gewalt nimmt zu. Mit diesem Handzeichen lässt sie sich erkennen.

Die Beiträge kann allerdings keine professionelle Hilfe ersetzen! Auch in Krisenzeiten ist beispielsweise die Telefonseelsorge für Sie erreichbar. Wer an Angst- oder Panikstörung, an Depression leidet, keinen Ausweg mehr weiß oder sich um einen nahestehenden Menschen sorgt, kann sich unter der 0800 111 0 111 melden oder sich unter www.telefonseelsorge.de Hilfe suchen.

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