Aktualisiert: 31.10.2020 - 09:12

Wenn Krankheitsangst immer Thema ist Hilfe, wie gehe ich mit Hypochondern um?

Von Gabriele Eisenrieder

Der richtige Umgang mit Hypochondern: 4 Tipps bei Krankheitsangst

Der richtige Umgang mit Hypochondern: 4 Tipps bei Krankheitsangst

Eine gewisse Angst vor Krankheiten ist völlig normal. Aber wann ist die Schwelle zur Hypochondrie überschritten und wie gehen Angehörige und Freunde mit dieser Angst um? Hilfreiche Tipps im Video!

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Ständige Angst vor Krankheiten ist belastend, auch für diejenigen, die sich die Sorgen von Hypochondern immer und immer wieder anhören müssen.

"Schau mal, sieht das Muttermal nicht komisch aus?", "Was, wenn sie bei der Untersuchung was übersehen haben?", "Der Arzt glaubt mir sowieso nicht" – wir alle haben wohl mindestens eine Person in unserem Umfeld, die regelmäßig glaubt, schwer krank zu sein. Ein leicht egozentrischer Spleen oder ausgewachsene Hypochondrie?

Wann Krankheitsangst krankhaft wird, lässt sich nicht pauschal bestimmen. Ein wichtiger Faktor ist der Leidensdruck, auch bei Partnern, Verwandten oder Freunden der Betroffenen. Wenn sie sich immer mit den Sorgen des anderen beschäftigen müssen, beruhigen sollen und trotzdem nichts an den Ängsten ändern können, führt das irgendwann zu Frust. Wie geht man am besten mit jemandem um, der an Hypochondrie leidet?

Was ist die beste Strategie, hypochondrischen Angehörigen zu begegnen: Mitleid oder Härte, Krankheitsängste durchdiskutieren oder das Thema bewusst zum Tabu erklären? Das und noch viel mehr weiß unser Experte Dr. Gernot Langs, Chefarzt für Psychosomatik der Schön Klinik Bad Bramstedt. In diesem zweiten Teil unserer Doppel-Geschichte zu Hypochondrie sagt er, wie Angehörige und auch Ärzte von Menschen mit Krankheitsangst helfen können. Im ersten Teil erklärt der Facharzt Hypochondrie aus der Betroffenen-Perspektive, wie sie erkennen, dass sie eine behandlungsbedürftige Störung haben und was hilft. Hier geht es um das Umfeld von Angstpatienten, das nicht zum Psychotherapie-Ersatz werden kann.

Warum leidet bei Hypochondern auch das Umfeld?

Prof. Langs: "Krankheitsangst kann den Alltag und die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken, und die ihrer Angehörigen. Etwa für die Partnerschaft kann es eine enorme Belastung sein, wenn der andere ständig Rückversicherung und Beruhigung braucht und wichtige Aufgaben nicht mehr übernehmen kann. Viele Angehörige fühlen sich dann hilflos und überfordert und wissen nicht, ob sie mit ihrem Verhalten vielleicht die Ängste sogar noch verstärken. Hier ist ganz wichtig, festzuhalten: der Partner kann nicht der Therapeut sein."

Besser die Krankheitsangst des anderen ignorieren?

Prof. Langs: "Natürlich können Sie als Angehöriger Menschen mit einer Angststörung unterstützen, aber niemals professionelle Hilfe ersetzen. Die Botschaft sollte sein: Ich bin für dich da, aber nicht dein Arzt. Das bedeutet, dass Sie als Angehöriger nicht wieder und wieder im Detail die vermeintlichen Krankheiten mit den Betroffenen durchkauen oder gar Laien-Diagnosen stellen sollten. Sie können den Betroffenen ernst nehmen, ohne in die Ängste mit einzusteigen. Bleiben Sie gesprächsbereit, wenn der Angstpatient das Bedürfnis hat, zu reden, aber setzen Sie ihn nicht unter Druck."

Ich vermute eine Angststörung – wie spreche ich es an?

Prof. Langs: "Wenn Sie sich Sorgen machen, etwa weil ein Angehöriger immer ängstlicher zu werden scheint, häufig glaubt, krank zu sein, obwohl nichts gefunden werden kann, etc. – fragen Sie, aber urteilen sie nicht. Man kann z.B. ehrlich sagen 'ich habe bemerkt, dass es dir in letzter Zeit nicht so gut geht, was ist denn los?' anstatt 'was ist denn jetzt schon wieder?'.

Wie kann ich bei Krankheitsangst anderer konkret helfen?

Prof. Langs: "Sie können praktisch zur Unterstützung werden, z.B. indem Sie mit zum nächsten Arzttermin gehen. Sie können sich zusammen die Befunde erklären lassen und als neutraler und unaufgeregter Zuhörer die Informationen besser einordnen und auch erinnern. Darüber hinaus dürfen Sie als Außenstehender zur Psychotherapie raten, wenn Sie es respektvoll tun, in etwa 'diese ständige Angst scheint sehr belastend zu sein, vielleicht würde es helfen, mit einem Experten darüber zu sprechen.'"

Soll ich dem Angstpatienten einen Therapeuten suchen?

Prof. Langs: "Sie können bei der Suche nach einem Therapieplatz helfen, den eigentlichen Schritt zur Kontaktaufnahme muss der Betroffene aber selbst machen, denn nur so kann man sicher sein, dass wirklich ausreichend Motivation zur Therapie besteht. Sie ist die Voraussetzung für ein Gelingen."

Was bei einer Psychotherapie zu erwarten ist, welche Verfahren es gibt und wer die Kosten trägt, erfahren Sie hier in unserem Ratgeber.

Können Ärzte Krankheitsängsten vorbeugen?

Prof. Langs: "Ärzte, vor allem Allgemeinmediziner, haben logischerweise regelmäßig mit Menschen mit Krankheitsängsten zu tun. Als Arzt kann man diese zum Teil schon dadurch mindern, indem man die Untersuchungsergebnisse und weitere Schritte eindeutig und verständlich erklärt. Gleichzeitig ist es wichtig, Beschwerden nicht wegzuwischen sobald klar ist, dass keine organischen Ursachen zu finden sind. Denn die Symptome wie Schmerzen fühlt der Patient ja wirklich, sie gehen nicht davon weg, nicht ernst genommen zu werden. Im Gegenteil, dadurch werden die Ängste nur größer, weil die Betroffenen dann denken, sie sind krank und der Arzt erkennt es nicht, weil er ihnen nicht glaubt.

Viel besser ist es, wenn Ärzte dann auf eine mögliche psychosomatische Ursache hinweisen, denn die Psyche kann tatsächlich sehr viele körperliche Symptome (mit-)auslösen. Diese Beschwerden sind real und können an ihrer Ursache bekämpft werden – mit einer Psychotherapie."

Hier finden Sie den ersten Teil der zweiteiligen Serie über Hypochondrie: "Aber was, wenn sie was übersehen haben…?"

Mehr Infos:

Viele weitere Infos und Anregungen zu möglichen Therapien bei psychischen Problemen, wie Angststörungen und Depressionen, finden Sie auch auf unserer Themenseite.

Unser Experte Dr. Gernot Langs ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und der Chefarzt der Psychosomatischen Klinik der Schön Klinik Bad Bramstedt.

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