Aktualisiert: 25.10.2020 - 20:22

Wenn die Angst vor Krankheit krank macht "Aber was, wenn sie was übersehen haben…?"

Der richtige Umgang mit Hypochondern: 4 Tipps bei Krankheitsangst

Der richtige Umgang mit Hypochondern: 4 Tipps bei Krankheitsangst

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Angst vor Krankheiten ist im Menschen angelegt. Aber wann ist die Schwelle zur Hypochondrie überschritten? Ein Psychosomatik-Experte im Interview.

Krankheit, auch schwere und tödliche, ist immer Teil des Lebens. Ob es uns selbst, Angehörige oder Fremde betrifft, ob Krebs oder Pandemie – wie zerbrechlich Gesundheit sein kann, nehmen wir ständig bewusst oder unbewusst wahr. Da ist es schon fast ein Wunder, dass Hypochondrie nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist. Extreme Krankheitsängste betreffen Schätzungen zufolge sieben bis zehn Prozent der Deutschen. Noch viel mehr sind es, die mit ihren Sorgen um ihre Gesundheit an der Schwelle zur Hypochondrie stehen.

Welche Arten von Hypochonder es gibt, woran Sie erkennen, dass es Zeit für eine Psychotherapie ist und welche Verfahren am besten gegen Angst wirken, erfahren Sie hier. Im ersten Teil unserer Doppel-Geschichte erklärt unser Experte Dr. Gernot Langs, Chefarzt für Psychosomatik der Schön Klinik Bad Bramstedt, Krankheitsangst aus der Betroffenen-Perspektive. Im einem folgenden zweiten Teil gibt er Tipps dazu, wie Angehörige und Ärzte am besten mit Hypochondern umgehen und was sie lieber lassen sollten.

Was genau verbirgt sich hinter "Hypochondrie" bzw. "Hypochondern"?

Dr. Langs: "Hypochondrie wird oftmals belächelt, Hypochonder gelten als Simulanten, Menschen, die bewusst eine Krankheit vortäuschen. 'Krankheitsbezogene Ängste' ist deshalb, meiner Ansicht nach, der passendere Begriff. Denn es handelt sich um eine ernstzunehmende Angsterkrankung, die bei den Betroffenen und auch bei ihrem Umfeld die Lebensqualität stark einschränken kann.

In der Regel gibt es jeweils eine bestimmte Erkrankung, von der Betroffene befürchten, sie könnten an ihr leiden. Normale körperliche Funktionen werden überinterpretiert und als extrem wahrgenommen – z.B. wird bei Ziehen im Magen sofort an Magenkrebs als mögliche Ursache gedacht."

Wer ständig glaubt, krank zu sein, geht ständig zum Arzt, oder?

Dr. Langs: "Die pathologische Angst vor Krankheiten kann sich auf zwei Arten im Verhalten niederschlagen:"

  1. Überbeschäftigung mit Krankheit bzw. Gesundheit, was sich u.a. äußern kann durch: häufige Arztbesuche, ausführliche (Internet-)Recherche, häufige Gespräche über Krankheiten, häufiges Messen von Körperfunktionen, z.B. Blutdruck. Auch, wenn alle Untersuchungen nichts Auffälliges finden konnten, alle Gesprächspartner mit Vernunft argumentieren, führt das höchstens kurzfristig zur Beruhigung.
  2. Komplett-Vermeidung des Themas Krankheit, was sich u.a. äußern kann durch: keine Arztbesuche, auch nicht, wenn es akute Beschwerden gibt, Vermeidung von Krankheitsthemen, Ignorieren körperlicher Symptome. Hintergrund ist aber nicht die Überzeugung ohnehin gesund zu sein, sondern die Angst davor, mit der vermeintlichen Krankheit konfrontiert zu werden.

Warum geht die Angst nicht weg, wenn keine Krankheit gefunden wurde?

Dr. Langs: "Eine Angststörung geht nicht durch Abwarten oder Verdrängen weg, im Gegenteil. Bei der Krankheitsangst werden die Abstände zwischen den Arztbesuchen in der Regel immer kürzer, immer neue Untersuchungen werden gefordert. Außerdem kommt es zu einem Teufelskreis aus psychischen und körperlichen Symptomen. Der Gedanke an eine mögliche Krankheit löst Stress aus, Stress kann diverse körperliche Reaktionen auslösen, z.B. schnellen Herzschlag, Schwindel und eine stärkere Schmerzwahrnehmung. Diese Symptome werden dann wieder als Anzeichen und Bestätigung einer Erkrankung interpretiert, was wiederum psychischen Stress verursacht, usw."

Ab wieviel Angst hat man "Hypochondrie"?

Dr. Langs: "Wann die Schwelle von 'sehr besorgt' zu 'Angststörung' überschritten ist, lässt sich nur im individuellen Fall sagen. Eine Psychotherapie sollten Menschen mit Krankheitsängsten auf jeden Fall dann in Erwägung ziehen, wenn die Lebensqualität leidet – etwa, wenn sie sich zunehmend isolieren, Probleme in Beruf und Partnerschaft entstehen. In der Regel wissen Menschen mit krankheitsbezogenen Ängsten selbst, dass diese nicht 'normal' sind. Sie können sie aber trotzdem nicht selbst unter Kontrolle bringen.

Auch wenn sie sich rational bewusst sind, dass sie überreagieren, dass die Wahrscheinlichkeit für die Erkrankung gering ist, kommt trotzdem immer wieder der Gedanke 'aber was, wenn doch?' Dafür können sie nichts, es ist eben eine psychische Störung."

Wo findet man geeignete Hilfe bei Krankheitsangst?

Dr. Langs: "Erste Anlaufstelle ist in der Regel der Hausarzt, wenn Sie eine Psychotherapie in Erwägung ziehen. In der Praxis gibt es eine Liste mit Therapeuten in Ihrer Region und man kann Sie gegebenenfalls zusätzlich an einen Psychiater (Nervenarzt) verweisen. Manchmal kommt der Vorschlag zur Psychotherapie auch vom Hausarzt selbst, schließlich ist er derjenige, zu dem die Betroffenen meist schon häufig gekommen sind, um Symptome abzuklären."

SOS-Tipps: Wie Sie auf eine akute Panikattacke am besten reagieren, erklärt Dr. Wimmer im Video:

Dr. Wimmer Panikattacken

Was ist die beste Therapie gegen "Hypochondrie"?

Dr. Langs: "Mit kognitiver Verhaltenstherapie sind Angststörungen sehr gut behandelbar. Der Therapeuten geht zusammen mit dem Patient Denk- und Verhaltensmustern auf den Grund und zeigt Wege auf, diese angstauslösenden bzw. -verstärkenden Muster zu durchbrechen. Dazu kommt die Expositionstherapie, also, dass der Patient in geschütztem Rahmen mit Unterstützung des Therapeuten bewusst Angstauslöser konfrontiert.

Idealerweise sollte der Hausarzt mit in die Psychotherapie eingebunden werden. Der Angstpatient soll zu regelmäßigen, vorab festgelegten Kontrollterminen gehen, allerdings nicht sofort, wenn er ein (für sich besorgniserregendes) Symptom feststellt. Die Patienten müssen lernen, die Ungewissheit eine Zeit lang auszuhalten und sehen, dass nichts Schlimmes passiert. Die Hausarzttermine dürfen aber auch nicht ausgelassen werden, um nicht ein Vermeidungsverhalten zu fördern.

In der Klinik gehen wir ähnlich vor, mit wöchentlichen ärztlichen Gespräche, die mit allen weiteren Therapien kombiniert werden. Ein Klinikaufenthalt findet meistens nicht nur wegen Krankheitsangst allein statt, mit ihr oder in Folge von ihr treten z.B. häufig Depressionen auf, die öfter stationär behandelt werden müssen. Generell ist das Ziel, psychische Störungen so weit wie möglich ambulant zu therapieren, um die Betroffenen nicht aus ihrem Alltag zu reißen."

Wo liegen die Ursachen von krankheitsbezogenen Ängsten?

Dr. Langs: "Krankheitsangst ist eigentlich immer aus der Biographie des Betroffenen zu erklären. Wer beispielsweise mit einem ängstlichen Erziehungsstil seiner Eltern großgeworden ist, neigt eher dazu, diese Ängste zu übernehmen. Wer schon als Kind häufig Katastrophenszenarien gehört hat, wie 'zieh dich bloß warm an, dass du dich nicht erkältest, sonst bekommst du eine Lungenentzündung' kann diese Denkweisen oft auch als Erwachsener nicht abschütteln. Aber auch reale traumatische Erlebnisse können die Krankheitsangst auslösen, etwa, wer in der Kindheit selbst schwer erkrankt war oder das bei Bezugspersonen mitbekommen hat, die evtl. sogar verstorben sind. Es ist nachvollziehbar, dass solche einschneidenden Erlebnisse bis ins Erwachsenenleben hineinwirken."

Unser Experte Dr. Gernot Langs ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und der Chefarzt der Psychosomatischen Klinik der Schön Klinik Bad Bramstedt.

Viele weitere Infos und Anregungen zur Hilfe bei psychischen Problemen, wie Angststörungen und Depressionen, finden Sie auch auf unserer Themenseite.

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