18.08.2020 - 13:15

Hilfe aus der Ferne Digitale Psychotherapie – ein vollwertiger Ersatz?

Ein Vorteil bei digitaler Psychotherapie: Die gewohnte Umgebung zu Hause macht es vielen einfacher, sich zu öffnen.

Foto: iStock.com/mixetto

Ein Vorteil bei digitaler Psychotherapie: Die gewohnte Umgebung zu Hause macht es vielen einfacher, sich zu öffnen.

Schon länger gibt es sie, durch die Corona-Krise rückte sie aber erst in den Fokus: Was ist mit digitaler Psychotherapie möglich – und kann sie mit der klassischen Therapie von Angesicht zu Angesicht mithalten? Eine Expertin erklärt.

Leni* fühlt sich nicht gut. Es ist nicht nur die Situation, die die Coronavirus-Krise wie ein schweres Tuch über ihr Gemüt legt. Irgendwie war da schon vorher was. Doch Hilfe suchen – jetzt? Psychologen und Psychotherapeuten sind doch sowieso schon überlastet. Und jetzt ist da auch noch die Sache mit dem Virus, bei dem doch stark davon abgeraten wird, sich über längere Zeit mit Fremden in einem geschlossenen Raum aufzuhalten. Also was tun? Bei ihrer Recherche stößt sie auf die Möglichkeit der digitalen Psychotherapie, bei der jede Sitzung online, etwa in Form einer Videosprechstunde erfolgt. Kann das funktionieren?

BILD der FRAU hat sich genau das gefragt – und in Frau M.Sc. Anna Schmied eine Psychotherapeutin gefunden, die eine der Pionierinnen der Onlinetherapie ist. Sie arbeitet mit einem System, das die digitale Therapie erst möglich macht und erklärt uns, wie das Ganze abläuft. Vielleicht helfen ihre Antworten auf unsere Fragen ja auch Leni und all den anderen Menschen da draußen, die derzeit Rat suchen, aber nicht wissen, wie...

Digitale Psychotherapie: Besser in den Alltag integrierbar

Was war der Impuls für ein digitales Therapie-Angebot?

Anna Schmied: Die Onlinebehandlung ist ursprünglich aus einem Forschungsprojekt hervorgegangen, in dem computerbasierte Psychotherapiemethoden untersucht wurden. Daraus ist die Idee entstanden, diese schnelle, direkte und wirksame Art der Hilfe den PatientInnen zur Verfügung zu stellen. Online-Psychotherapie ist wissenschaftlich untersucht und zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit. Es gibt viele praktische Vorteile, beispielsweise kann die Versorgungslücke in ländlichen Gegenden überbrückt werden und PatientInnen mit eingeschränkter Mobilität können an der Behandlung teilnehmen. Außerdem kann die Online-Therapie besser in den Familien- oder Berufsalltag integriert werden. Ich sehe es als eine moderne Alternative zur klassischen Face-to-Face-Therapie.

Die meisten Menschen durchleben einmal Phasen mit Ängsten, Sorgen sowie Einsamkeit oder Trauer. Wird der dadurch Alltag jedoch massiv gestört, sollte man handeln. Finden Sie in den Videos Informationen zu psychischen Erkrankungen wie z.B. dem Asperger Syndrom:

Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen
Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen

Für wen eignet sich eine digitale Sprechstunde bzw. ganze Therapie?

Ein digitales Therapieangebot eignet sich für Menschen, die tatsächlich unter einer psychischen Erkrankung leiden und unterscheidet sich damit von Coaching oder Beratung. Das kann in einem Erstgespräch mit ausgebildeten PsychotherapeutInnen abgeklärt werden. Aktuell behandeln wir PatientInnen mit Depressionen, Essstörungen, Angststörungen und Zwangsstörungen.

Für wen hingegen ist diese Form weniger geeignet?

PatientInnen mit akuten Psychosen oder PatientInnen, die unter so intensiven Suizidgedanken leiden, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie sich etwas antun, kommen dagegen nicht für die Videotherapie in Frage. Diese PatientInnenengruppen benötigen einen intensiveren Kontakt.

Der Selbsttest ebnet den Weg

Wie kommen Patienten genau an einen Termin – was ist dafür notwendig?

Zunächst machen die PatientInnen online auf der Website einen kurzen Selbsttest. Dieser basiert auf einem klinisch und wissenschaftlich fundierten Fragebogen und dient zur ersten Einschätzung, ob Unterstützung benötigt wird. Zusätzlich wird in diesem Schritt schon die Kostenübernahme angesprochen. Sollte Behandlungsbedarf bestehen, können sich die PatientInnen dann auf der Internetseite ein persönliches Erstgespräch vor Ort an verschiedenen Standorten über ganz Deutschland verteilt buchen. Wenn dieses Erstgespräch vor Ort ergibt, dass das Behandlungsangebot geeignet ist, kann online ein Therapietermin gebucht werden und die Therapie kann beginnen.

Welche Punkte werden im Erstgespräch geklärt?

Bei dem ersten Gespräch bekommen PatientInnen die Möglichkeit, die aktuellen Symptome zu schildern und zu erklären, warum sie Bedarf nach einer Psychotherapie haben. Wir sehen uns gemeinsam an, wie sich die Symptome entwickelt haben und was die PatientInnen schon getan haben, um mit den Schwierigkeiten umzugehen und welche Vorbehandlungen es möglicherweise gab. Zudem werden schon erste Hintergrundinformationen erfragt wie aktuelle oder vergangene Belastungen und die aktuelle Lebenssituation.

Zu Hause fällt es leichter, sich zu öffnen

Wie läuft eine Online-Therapie ab?

Der Ablauf gleicht eigentlich einer Face-to-Face-Psychotherapie mit dem einzigen Unterschied, dass die Kommunikation fast ausschließlich über die Plattform läuft. Die PatientInnen und TherapeutInnen sehen sich in einer Videokonferenz in der Regel wöchentlich. Wir arbeiten bei uns nach den Methoden der klassischen Verhaltenstherapie und integrieren neuere Ansätze wie beispielsweise die Schematherapie oder die Akzeptanz- und Commitmenttherapie. In der Verhaltenstherapie werden gemeinsam die Ursachen und die aufrechterhaltenden Bedingungen erarbeitet und darauf aufbauend eine Behandlungsstrategie mit den PatientInnen. Wie in der klassischen Therapie, werden verschiedene Übungen verwendet, die den PatientInnen dabei helfen, eine andere Sichtweise auf die Probleme zu bekommen und neue Verhaltensweisen auszuprobieren.

Welche Unterschiede gibt es zur konventionellen Behandlung?

Auf unserer Plattform bieten wir den PatientInnen an, sich anhand von Videos über Ihre Erkrankung zu informieren und Übungen online zu bearbeiten. Zudem können die PatientInnen den Chat nutzen, um mit den TherapeutInnen außerhalb der Sitzung zu kommunizieren. Wir sind der Überzeugung, dass durch das zusätzliche Angebot der speziellen Module und die zusätzlichen Kontakte eine intensivere Auseinandersetzung mit den Problemen möglich ist.

Haben Sie bereits Feedback bekommen, ob diese Therapieform Ihren Patienten hilft? Auch langfristig?

Wir untersuchen immer wieder die Ergebnisse der durchgeführten Psychotherapien und stellen fest, dass die Symptome der PatientInnen sich erheblich reduzieren und auch langfristig in Fragebögen 3, 6 und 9 Monate nach der Therapie noch eine deutliche Besserung vorhanden ist.

Aus Ihrer Sicht: Ist es über einen Videochat möglich, empathisch zu urteilen? Und haben Sie bisher den Eindruck, Ihre Patienten fühlen sich dabei wohl?

Wir fragen die PatientInnen regelmäßig nach der Beziehung zu ihren TherapeutInnen und es zeigt sich immer wieder, dass die therapeutische Beziehung auch im Online-Setting eine wichtige Rolle spielt und sich die räumliche Abwesenheit nicht negativ auf den therapeutischen Kontakt auswirkt. Meine eigene Erfahrung und die Rückmeldung meiner KollegInnen zeigt auch, dass sich die PatientInnen schnell öffnen können und sich in ihrer eigenen Umgebung während der Therapie besonders wohl fühlen. Nach unserer Einschätzung führt dieses vertraute Umfeld sogar eher dazu, dass PatientInnen bereit sind, offener zu sprechen.

Termin? Deutlich schneller als bei regulärer Therapie

Ist es einfacher, einen Therapieplatz für eine digitale Psychotherapie zu bekommen? Wenn ja, warum?

Die reguläre Wartezeit auf einen Therapiebeginn beträgt bei uns in der Regel 1-2 Wochen. Durch den deutlichen Zuwachs an Anfragen hat sich die Wartezeit inzwischen tatsächlich ein wenig verlängert, wir bewegen uns aber nach wie vor in einem ungefähren Zeitraum von nicht mehr als 3-4 Wochen, was deutlich schneller ist als in der Regelversorgung.

Die Anfragen haben sich in der vergangenen Zeit mehr als verdoppelt – aber kann denn auch allen geholfen werden – jetzt, aber auch in Zukunft, sollte sich diese Therapieform weiter verbreiten?

Das Interesse an Online-Therapie ist inzwischen sehr groß und unser TherapeutInnen-Team wächst deshalb beständig. Aktuell können wir den PatientInnen zeitnah einen Therapieplatz anbieten und wir hoffen, dass sich nicht nur mehr PatientInnen, sondern auch immer mehr TherapeutInnen für diese Therapieform begeistern können.

Bisher übernehmen wenige Krankenkassen – aber Tendenz steigend

Ein Problem ist für viele sicherlich, dass bisher sehr wenige Krankenkassen die Kosten übernehmen. Allein das Erstgespräch aber ist mit über 150 Euro doch für viele möglicherweise nicht tragbar und könnte abschrecken. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Tatsächlich ist es ein Problem, dass das Angebot bisher nur von einigen Kassen übernommen wird. Allerdings entscheiden sich immer mehr Krankenkassen dazu, ein Online-Angebot zu unterstützen. Einige PatientInnen sind aufgrund persönlicher Umstände oder großem Behandlungsbedarf aber sogar bereit, ihre Therapie privat zu finanzieren.

Denken Sie, dass nach und nach mehr Krankenkassen hinzukommen und Kosten übernehmen?

Davon gehe ich aus, ja. Ich hoffe es, da viele Menschen davon profitieren würden, die zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht auf diese Online-Angebote zugreifen können, nur weil ihre Krankenkasse die Kosten nicht übernimmt.

Corona-Krise beschert mehr Anfragen – aber nicht zwingend wegen Covid-19

Die Krise hat viele Menschen psychisch gebeutelt – oder tut dies immer noch. Drehen sich die meisten Anfragen um Probleme, die vor allem während der Corona-Zeit aufgetreten sind?

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie gibt es auf der Plattform deutlich mehr Anfragen. Möglicherweise werden sich die PatientInnen in dieser speziellen Situation ihren Belastungen besonders bewusst. Beispielsweise mussten alleinstehende Menschen sich mehr mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzen, Mütter erlebten häufig eine erhöhte Stressbelastung durch die fehlende Kinderbetreuung.

Nein, die meisten Anfragen drehen sich nicht um Belastungen, die durch Covid-19 entstanden sind. Allerdings spielt die Thematik in den Therapien eine Rolle. Beispielsweise ist der Aktivitätenaufbau teilweise schwieriger oder es gibt krankheitsbezogene Ängste in Bezug auf die Pandemie.

Glauben Sie, diese Therapieform wird sich langfristig durchsetzen und Erfolge zeigen?

Die Corona-Zeit hat die allgemeine Bereitschaft in der Bevölkerung, digitale Gesundheitsangebote in Anspruch zu nehmen, spürbar erhöht. Das gilt für die Nutzung von Health Apps, die Sprechstunde beim Allgemeinmediziner ebenso wie für die Psychotherapie. Deshalb lässt sich auf jeden Fall davon ausgehen, dass diese digitale Therapieform eine immer größere Rolle spielen wird.

Datensicherheit wird regelmäßig getestet

Datensicherheit ist sicherlich ein großes Thema: Werden die Gespräche verschlüsselt? Gibt es da seitens Patienten viele Bedenken?

Die PatientInnen, die bei uns ankommen, sind offen für das Angebot, auch wenn gerade zu Beginn natürlich Nachfragen aufkommen. Das ist natürlich verständlich. Wir arbeiten bezüglich der Datensicherheit mit hohen Standards und lassen unser Angebot von internen und externen Fachleuten überprüfen und zertifizieren. Sämtliche Kommunikation zwischen dem Benutzer und der technischen Plattform erfolgt ausschließlich auf Basis der jeweils aktuellsten Verschlüsselungstechnologie.

Zur unabhängigen Überprüfung der Systemsicherheit sowie der digitalen Plattform MindDoc werden zudem mindestens einmal jährlich durch ein extern beauftragtes IT-Sicherheits-Unternehmen Testangriffe auf die bereitgestellten Server ausgeführt und versucht, testweise unerlaubten Zugriff auf diese zu erlangen.

Frau M.Sc. Anna Schmied arbeitet zusammen mit der Plattform "MindDoc". Es gibt aber noch andere Anbieter. So bietet die Techniker Krankenkasse eine Therapie extra bei Angststörungen an. Weiter gibt es auch Apps, die bei der Therapie begleiten oder unterstützen sollen, etwa "Moodpath". Da ist dann sicherlich auch für Leni etwas dabei.

Leiden Sie unter Depression oder gar unter Suizidgedanken? Zögern Sie bitte nicht, sich Hilfe zu suchen. Schnelle Hilfe finden Sie etwa bei der Telefonseelsorge, unter den Nummern 0800 111 0 111 sowie 0800 111 0 222.

*Leni ist eine fiktive, von der Redaktion erdachte Person.

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