02.08.2020 - 21:08

Senioren in Isolation Depressiv im Pflegeheim – ein unausweichliches Schicksal?

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Mehr als jeder dritte Bewohner im Seniorenheim ist depressiv. Die Corona-Krise verschärft das noch. Welche Möglichkeiten es gibt und wie sich Bewohner in Krisenzeiten gegenseitig unterstützen können.

Foto: iStock.com/KatarzynaBialasiewicz

Mehr als jeder dritte Bewohner im Seniorenheim ist depressiv. Die Corona-Krise verschärft das noch. Welche Möglichkeiten es gibt und wie sich Bewohner in Krisenzeiten gegenseitig unterstützen können.

Senioren in Pflegeheimen sind fünf Mal häufiger depressiv als diejenigen, die noch zuhause leben. Corona-Isolation verschärft das Problem noch.

Die meisten Menschen wollen alt werden, kaum jemand aber alt sein. Das Älterwerden bringt viele Herausforderungen mit sich – Krankheiten, nachlassende Kraft, den Tod geliebter Familienmitglieder und Freunde, um nur einige zu nennen. Diese Faktoren führen keineswegs zwangsweise zu psychischen Problemen, sie erhöhen allerdings das Risiko. Ein großer, angstbehafteter Einschnitt ist die Erkenntnis: Es geht nicht mehr allein, ein Heim ist die beste Lösung. Das scheint sich fatal auf die psychische Gesundheit auszuwirken: 25 bis 45 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen haben Depressionen, wohingegen unter Gleichaltrigen außerhalb nur fünf bis zehn Prozent davon betroffen sind. Das zeigt eine Auswertung der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Diese Zahlen wurden aber lange vor der Coronavirus-Pandemie erhoben. Nun hat sich die Situation verschärft: Wenn das Infektionsrisiko steigt, müssen Senioren im Pflegeheim streng isoliert werden, um sie nicht in Lebensgefahr zu bringen. Was macht das mit den Menschen?

Depressionen im Pflegeheim wahrscheinlicher durch Isolation

"Bislang gibt es noch keine statistischen Auswertungen, wie sich die Beschränkungen der Coronavirus-Pandemie auf die psychische Gesundheit von älteren Menschen ausgewirkt haben", erklärt PD Dr. Marc Axel Wollmer. Er ist Chefarzt der Gerontopsychiatrie in der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll in Hamburg und erklärt hier, wie ältere Menschen – ob im Pflegeheim oder zuhause – unterstützt werden können.

"Gerade Bewohner von Pflege-Einrichtungen waren und sind natürlich besonderen Belastungen ausgesetzt. Sie alle gehören zur Risikogruppe und müssen besonders vor einer Ansteckung geschützt werden. Gleichzeitig sind sie aber auch die Leidtragenden dieser Maßnahmen, weil diese zu Isolation führen können", gibt der Experte zu bedenken. Angehörige können nicht oder nur eingeschränkt zu Besuch kommen, Veranstaltungen zum sozialen Austausch sind eingestellt. "Bei anfälligen Menschen können solche Bedingungen eine Depression fördern oder eine bestehende verschlimmern", so Dr. Wollmer.

Angehörige sollten in Zeiten, in denen physische Besuche nicht möglich sind, unbedingt alle verbleibenden Kontakt-Möglichkeiten ausschöpfen. Soweit die Medien-Kompetenzen bei den Senioren da sind, können technische Hilfsmittel weiterhelfen, z.B. durch Video-Konferenzen mit der ganzen Familie auf dem Smartphone, Tablet oder Computer. Aber auch regelmäßige einfache Anrufe oder Briefe zeigen: Wir denken an dich, du bist wichtig.

"Schicksalsgemeinschaft" im Pflegeheim kann auch helfen

Es gibt für Heimbewohner, laut Dr. Wollmer, allerdings bei weitem nicht nur Nachteile. "Was viele vergessen: In Senioren-Einrichtungen und Pflegeheimen entsteht – gerade in Krisenzeiten – eine Art Schicksalsgemeinschaft. Alle sitzen im gleichen Boot und haben den großen Vorteil, dass sie innerhalb der Einrichtung soziale Kontakte haben können, auch wenn sich die Welt 'draußen' im Lockdown befindet", beobachtet der Gerontopsychiater.

Als Arzt in der Psychiatrie hat er regelmäßig Fälle von schwer depressiven Senioren, die zuhause komplett isoliert sind. Er kann das Klischee "ins Heim abgeschoben" so nicht unterschreiben: "Im Alter können eingeschränkte Mobilität und Todesfälle zur Vereinsamung führen, die alleinlebende Menschen nicht einfach kompensieren können. Der Gang ins Pflegeheim ist für viele Senioren also nicht der in die Einsamkeit, sondern wieder aus ihr heraus."

Psychische Faktoren bei Heim-Auswahl berücksichtigen

Wenn alte Menschen von einem weitgehend selbstbestimmten Leben zu Hause in eine Pflege-Einrichtung wechseln, ist das immer ein großer Umbruch. Es ist klar: Dieser Schritt ist wahrscheinlich für immer. Betroffene und Angehörige sollten das neue Zuhause also bewusst wählen. "Je nach finanziellem Budget und geistiger wie körperlicher Fitness bieten sich verschiedene Wohnformen an. Menschen mit fortgeschrittener Demenz müssen beispielsweise in einem besonders geschützten Umfeld leben. Das findet sich dann z.B. in spezialisierten Heimen oder Stationen, wo es auch passende Therapieangebote geben sollte", gibt Dr. Wollmer zu bedenken.

Allgemein sei es für die psychische Gesundheit vorteilhaft, wenn es in einer Einrichtung viele Aktivitäten gibt, die das soziale Miteinander fördern. "Ein körperlich, geistig und sozial aktiver Lebensstil fördert die psychische Gesundheit. In Sportkursen, bei Kaffeekränzchen oder Gesangsstunden können sich Menschen aus der gleichen Generation finden. Passivität ist hingegen ein Risikofaktor für Depressionen", erklärt der Experte. Das gilt für die psychische Gesundheit aller Senioren, unabhängig von der Wohnform.

Altersdepression bei Heimbewohnern erkennen und behandeln

Die Anzeichen einer Depression im Alter sind – ob Heimbewohner oder nicht – nicht immer ganz eindeutig. Klassisch für eine Depression sind gedrückte Stimmung, Interessenverlust und verminderter Antrieb über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen. "Bei älteren Menschen äußert sich eine depressive Phase aber oft noch versteckter, etwa durch unerklärliche Schmerzen, Schlafstörungen, Gedächtnisprobleme, Reizbarkeit oder Rückzugsneigung. Daher wird die Altersdepression zunächst oft mit einer beginnenden Demenz verwechselt", erklärt Dr. Wollmer.

Werden ältere Menschen immer frustrierter und unkonzentrierter, denkt eben kaum jemand als erstes an eine Depression. Die Symptome einer Altersdepression sind vielfältig.

Klarheit kann nur eine sorgfältige medizinische Überprüfung durch einen Psychiater / Nervenarzt bringen. Auch Menschen in Pflege-Einrichtungen haben Zugang zu diesen Ärzten. In der Regel gibt es für jedes Heim neben einem zuständigen Allgemeinmediziner auch einen zuständigen Nervenarzt, der, zumeist über den Hausarzt, konsultiert werden kann. Wenn Angehörige den Verdacht haben, dass eine Person im Heim psychisch erkrankt ist, sollten sie dies behutsam beim Betroffenen und dem Pflegepersonal ansprechen. Gerade in den älteren Generationen sind psychische Krankheiten oft noch ein Tabu bzw. mit Scham behaftet. Da hilft es, konkret die Vorteile eines Nervenarzt-Besuchs hervorzuheben, z.B. "der Arzt kann dir vielleicht helfen, damit du wieder schlafen kannst."

Stationärer Aufenthalt für ältere Depressive besonders wichtig

Dr. Wollmer: "Ob und wann ein stationärer Psychiatrie-Aufenthalt notwendig ist, kann der Experte beurteilen. Das kann bei älteren Menschen mit Pflegebedarf eher notwendig sein, als bei jüngeren Menschen mit den gleichen Depressionssymptomen. Denn es ist für Pflegeheim-Bewohner logistisch kaum möglich, mehrmals die Woche zu Arzt- oder Therapieterminen oder gar täglich in eine Tagesklinik zu gehen."

Auch die medikamentöse Einstellung zur Behandlung der Depression muss bei Senioren besonders sorgfältig überwacht werden. Generell werden Depressionen bei älteren Menschen mit den gleichen Medikamenten wie bei Jüngeren behandelt. Das sind vor allem Antidepressiva wie Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI). Gerade bei älteren Menschen sollte die Behandlung mit Psychopharmaka unter Berücksichtigung der körperlichen Begleiterkrankungen und der zu deren Behandlung eingesetzten Medikamente individuell abgestimmt werden. "Es kann sein, dass mehrere Varianten durchprobiert werden müssen, was manchmal im geschützten Umfeld einer Klinik am besten gelingt. Viele Psychopharmaka erhöhen bei älteren Menschen außerdem das Sturzrisiko, das muss besonders überwacht werden", gibt Dr. Wollmer zu bedenken.

Angebote zur Psychotherapie gibt es bislang praktisch gar nicht für Menschen, die in einem Pflegeheim leben. Die Abrechnung für Psychotherapeuten ist schwierig, es gibt kein Versorgungsmodell wie bei den externen Ärzten, die sich um Heimbewohner kümmern. Das Pilotprojekt DAVOS des Hessischen Instituts für Pflegeforschung will das ändern. Im Rahmen einer Studie werden Mitarbeiter in Pflegeheimen speziell geschult, um Depressions-Anzeichen bei Bewohnern zu erkennen und sie in Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten unterstützen zu können. Ein Projekt das hoffentlich Schule macht. Psychische Gesundheit und ein zufriedenes Leben sollten schließlich keine Altersfrage sein.

Wie die Volkskrankheit Depression erkannt und behandelt werden kann, erfahren Sie auf unserer Themenseite. Neuigkeiten rund um das Coronavirus haben wir ebenfalls für Sie.

Unser Experte Dr. Marc Axel Wollmer ist als Gerontopsychiater an der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll in Hamburg auf die Behandlung psychischer Krankheiten im Alter spezialisiert.

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