21.07.2020 - 20:08

Mehr graue Hirnsubstanz Gehirne von Frau und Mann unterscheiden sich mehr als angenommen

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Frauen haben stellenweise mehr graue Hirnmasse, während bei Männern der hintere Teil der Hirnrinde dicker ist: Anscheinend sind die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern größer als gedacht, zeigen Forscher.

Foto: iStock.com/Neustockimages

Frauen haben stellenweise mehr graue Hirnmasse, während bei Männern der hintere Teil der Hirnrinde dicker ist: Anscheinend sind die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern größer als gedacht, zeigen Forscher.

Wir sind alle gleich? Anscheinend doch nicht so ganz: Einer neuen Studie zufolge unterscheiden sich die Gehirne von Frau und Mann doch deutlicher als bisher angenommen.

Die Gehirne von Frauen und Männern unterscheiden sich stärker als gedacht – auch biologisch. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler aus den USA im Rahmen einer neuen, groß angelegten Studie. Ihre Erkenntnisse: Frauen haben mehr graue Hirnsubstanz im Stirnhirn und im Stirnscheitellappen und einigen anderen Bereichen. Dagegen haben Männer mehr Volumen in manchen hinteren und seitlichen Arealen des Cortex. Und auch für die Geschlechtschromosomen spielen die Unterschiede eine Rolle.

Wie stark unterscheiden sich die Gehirne von Frauen und Männern wirklich?

Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken – die Klischees gehen geradezu ins Grenzenlose. Und doch, zumindest ein bisschen ist wohl dran an der These, dass Frauen und Männer unterschiedlich ticken. So mancher mag denken: Kein Wunder – werden wir doch noch immer zu leicht in klassische Rollenbilder hineinerzogen. Auch, wenn die Frau am Herd heute eher Teil kruder Männergespräche ist, kommt dann doch wieder der Schokoladenhersteller mit Schoki für Jungs in blauer und für Mädchen in rosa Verpackung daher.

Aber anscheinend sind doch nicht nur die gesellschaftlichen Einflüsse ausschlaggebend. Unterschiede im Verhalten, in der Wahrnehmung und in der Gesundheit sind auch biologisch geprägt. Klar ist das bereits, seit man erforscht hat, dass sich sogar Neugeborene schon leicht unterschiedlich verhalten: So ist das weibliche Gehirn auch früh schon aktiver und kann soziale Informationen anders verarbeiten als das männliche Gehirn. Frauen leiden aber auch häufiger an Depressionen – während bei Männern neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder etwa autistisches Verhalten öfter auftreten.

Hirnscans von knapp 1000 Menschen untersucht

Aber kann man wirklich so vollständig unterscheiden? Oder gibt es nicht doch Überschneidungen? Die Studienlage ist uneindeutig, Forscher streiten seit Jahren über dieses Thema. Die einen finden, geschlechtliche Unterschiede im Hirnaufbau und in der Hirnarbeit sind ein Mythos, während andere fest davon überzeugt sind. Geforscht wird noch immer. Daher haben sich Wissenschaftler vom National Institute of Mental Health in Bethesda diesem Thema erneut angenommen. Ihre Ergebnisse wurden jetzt in den "Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America" (PNAS) veröffentlicht.

Für ihre Ergebnisse haben die Forscher Hirnscans von 976 erwachsenen Frauen und Männern ausgewertet. Die Scans entstammen dem Human Connectome Project (HCP), einem wissenschaftlichen Förderprogramm, das seit 2010 läuft und bei dem die Nervenverbindungen im gesunden menschlichen Gehirn untersucht werden sollen. Hauptaugenmerk fiel dabei auf die Volumina unterschiedlicher Areale im Hirn, vor allem in der grauen Hirnsubstanz im Cortex.

Frauen haben mehr graue Hirnsubstanz, Männer eine dickere Hirnrinde im hinteren Gehirnteil

"Wir stellen fest, dass das erwachsene Gehirn ein stereotypes Muster von regionalen Geschlechtsunterschieden in der grauen Hirnsubstanz aufweist", heißt es in einer Mitteilung zur Studie. Bei Frauen ist demnach das Volumen der grauen Hirnsubstanz in Teilen des sogenannten präfrontalen Cortex, dem über diesem angesiedelten orbitofrontalen Cortex sowie in Teilen des Scheitel- und Schläfenhirns größer. Dagegen fällt bei Männern die Hirnrinde im hinteren Gehirnteil dicker aus – unter anderem im primären Sehzentrum.

Diese Erkenntnisse lassen sich direkt mit Mustern im Verhalten und der Wahrnehmung verknüpfen, erklären die Forscher: "Die Regionen, in denen das Volumen der grauen Hirnsubstanz bei Männern größer ist, sind meist an der Objekterkennung und der Verarbeitung von Gesichtern beteiligt", heißt es. Bei Frauen hingegen seien die "ausgeprägten cortikalen Regionen mit der Kontrolle von Aufgaben, der Impulskontrolle und der Konfliktverarbeitung verknüpft".

Auch Genexpression unterscheidet sich bei Männern und Frauen

Solche lokalen Unterschiede konnten in vorhergehenden Studien schon im Gehirn von Mäusen festgestellt werden. Hierbei stellte man auch geschlechtsspezifische Genexpression fest – also grob gesagt den Weg vom Gen zum Genprodukt, der sich demnach zwischen den Geschlechtern unterscheidet. Ob das auch beim Menschen so ist, haben die Forscher um Armin Raznahan anhand der Hirngewebeproben von sechs verstorbenen Spendern überprüft.

Dabei stellten sie fest, dass es auch bei der Genaktivität in den Gehirnzellen ein klares Muster gab: "Die kortikalen Regionen mit relativ hoher Expression der Geschlechtschromosomen liegen in den Bereichen, die bei Männern ein höheres Volumen aufweisen als bei Frauen“, berichten die Forscher. Bei den Frauen hingegen wurde in den dickeren Bereichen der grauen Hirnsubstanz eine geringere Aktivität der X- und Y-Chromosomen festgestellt.

Zumindest gewisse Unterschiede scheinen angeboren

Die Anatomie der Gehirne von Männern und Frauen unterscheidet sich demnach tatsächlich, schließen die Forscher daraus. Außerdem sind diese Unterschiede eng mit der Aktivität der Geschlechtschromosomen verknüpft. Sie gehen davon aus, dass diese geschlechtsspezifischen Unterschiede zumindest teilweise angeboren sein müssen. Man glaube daher nicht, dass Umweltfaktoren die Haupttriebkraft für diese wiederholt festgestellten Muster im Volumen der grauen Hirnsubstanz seien. Jetzt müsse man aber herausfinden, wie stark diese biologischen Unterschiede tatsächlich mit Differenzen in Verhalten, Wahrnehmung und mentaler Gesundheit zwischen den Geschlechtern verknüpft seien.

Klar ist aber: Wie unser Wesen geprägt wird, ist ein hochkomplexer Vorgang. Ob biologisch programmiert oder sozial erlernt – nur eines von beiden wird es wohl nicht sein. Und im Laufe des Lebens läuft ein Wechselspiel ab: Unser Gehirn beeinflusst und formt unser Verhalten, unser Verhalten formt aber genauso auch unser Gehirn. Und auch die Hormone, die bei Männern und Frauen zwar in ihrer Art gleich vorliegen, aber nicht in gleicher Konzentration produziert werden, spielen eine Rolle. Hormone steuern unser Verhalten stark – etwa unsere Impulsivität, unser Vertrauen, unser Einfühlungsvermögen in andere, unsere Fürsorge.

Unser Gehirn ändert sich ständig und jedes einzelne ist in seiner Individualität so komplex, dass ein Vergleich schwierig ist. Die neue Erkenntnis ist ein weiteres Puzzleteil in der Suche nach unserer Existenz.

Klar ist aber auch: Nur Mann und nur Frau – so einfach ist das nicht. Denn es gibt auch nichtbinäre Personen. Wir haben mit einem nichtbinären Menschen gesprochen.

Wie komplex und beeinflussbar das Gehirn ist, zeigt auch eine andere amerikanische Studie: Weniger grübeln kann das Leben verlängern!

Studie:

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