05.04.2020 - 19:03

Schnelle Hilfe bei Panikattacken Was tun bei Alarmstufe Rot in der Seele?

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Schweißausbrüche, unsägliche Angst: Eine Panikattacke kann jeden treffen. Wie Sie im Notfall mit der Situation umgehen können.

Foto: iStock/Tunatura

Schweißausbrüche, unsägliche Angst: Eine Panikattacke kann jeden treffen. Wie Sie im Notfall mit der Situation umgehen können.

Die Luft wird knapp, kalter Schweiß bricht aus, Kontrollverlust – eine Panikattacke kann sich anfühlen, wie der sichere Tod. Was tun?

Dass bei Panikattacken nicht wirklich Gefahr droht, ist im Akutfall höchstens ein schwacher Trost. Man ist der Angst-Spirale aber nicht wehrlos ausgeliefert, Experten und Betroffene haben wirkungsvolle Tipps für den Notfall. Die derzeitigen Ungewissheiten und zusätzlichen Stressfaktoren der Corona-Krise können für Menschen mit psychischen Problemen starke Trigger sein.

Panikattacken können jeden treffen

Psychiater nehmen nicht an, dass etwa Isolation oder die täglichen schlechten Pandemie-Nachrichten bei psychisch stabilen Menschen auf einmal psychische Krankheiten verursachen. Wer aber ohnehin mit z. B. Depressionen oder Angststörungen kämpft, wird von der schwierigen Situation psychisch viel härter getroffen. Unabhängig davon können Panikattacken praktisch bei jedem auftreten. Wer beispielsweise unter Agoraphobie bzw. Platzangst leidet, kann durch geschlossene Räume oder Menschenmengen zu einer Panikattacke getriggert werden, je nach Störung und Phobie sind zahlreiche Auslöser möglich.

"Als typische Symptome einer Panikattacke können sich plötzliche Atemnot und Beklemmung sowie Schwindel, Schweißausbruch und ein Ohnmachtsgefühl bis hin zur Todesangst entwickeln. Bei manchen Personen stehen solche körperlichen Symptome aber auch weniger im Vordergrund. Hingegen dominieren psychische Beschwerden wie ausgeprägte Angstgedanken oder auch das Gefühl völlig neben sich zu stehen," berichtet Dr. Christa Roth-Sackenheim vom Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP) in Krefeld.

Atmen und abgrenzen – DAS hilft bei einer akuten Panikattacke

Zu was die Expertin rät, um eine Panikattacke abzuschwächen:

  • Einordung: Zum einen ist es sinnvoll, sich klar zu machen, dass dieser unangenehme Zustand nicht von langer Dauer sein wird. Meist ist die Attacke nach 10 bis 30 Minuten überstanden.
  • Bauchatmung: Als weitere Sofortmaßnahme ist eine bewusste, möglichst tiefe und langsame Bauchatmung hilfreich, denn eine beschleunigte Atmung verschlimmert die Beschwerden in der Regel.
  • Muskelentspannung: Weil Angstzustände mit einer erhöhten muskulären Anspannung einhergehen, können Betroffene zudem versuchen, ihre Muskeln bewusst zu entspannen. Das gelingt umso besser, je geübter ein Mensch darin ist.

Progressive Muskelentspannung beispielsweise kann jeder ganz einfach selbst erlernen, die simple Methode hilft z. B. auch bei Schlafstörungen oder Rückenschmerzen.

Auch die Selbsthilfegruppe "DASH – Deutsche Angst-Hilfe e.V." empfiehlt, sich während einer Panikattacke immer und immer wieder die Ungefährlichkeit der Situation bewusst zu machen. Ihre "10 goldenen Regeln", sind Fakten und Tipps, die sich Betroffene einer Angststörung vergegenwärtigen können:

  1. Angstgefühle und dabei auftretende körperliche Symptome sind zwar (sehr) verstärkte, aber normale Stressreaktionen
  2. Angstreaktionen sind nicht schädlich für die Gesundheit
  3. Bleibe in der Realität, beobachte und beschreibe für dich selbst (innerlich, laut oder durch Aufschreiben), was um Dich herum wirklich geschieht.
  4. Verstärke die Angstreaktion nicht durch unrealistische Fantasie- und Katastrophenvorstellungen.
  5. Bleibe in der Situation, bis die Angstreaktion wieder abklingt.
  6. Beobachte bewusst, wie die Angst von allein wieder abnimmt.
  7. Vermeide keine Angstsituation (außer du bringst Dich damit in reale Gefahr!)
  8. Setze dich den Situationen aus – gegebenenfalls nach Schwierigkeit gestuft – die dir Angst machen
  9. Nimm dir in Angstsituationen Zeit.
  10. Sei stolz auf kleine Erfolge, auch die ganz kleinen! Lobe dich! Tut dir was Gutes!

Interessantes über Soforthilfe bei Panikattacken erklärt Dr. Wimmer:

Dr. Wimmer Panikattacken

Panikattacken loswerden – Verdrängung bewirkt das Gegenteil

Nicht wenige Betroffene versuchen Panikattacken durch Verdrängung beizukommen, vor allem, wenn die Angstzustände wiederkehrend sind. Denn man will sich ja durch die Angst nicht bestimmen lassen, "sich nicht so anstellen" und schämt sich für den Kontrollverlust. Allerdings ist das ein Vermeidungsverhalten, das letztlich alles schlimmer macht: "Die Unterdrückung von Angstgedanken kann zu einer paradoxen Verstärkung von Angst führen und damit Angstattacken auslösen oder begünstigen, zumindest aber zu einer Aufrechterhaltung einer Angststörungen beitragen", warnt Dr. Roth-Sackenheim.

Der Schlüssel, um die Neigung zu Panikattacken zu kontrollieren, ist Konfrontation: "Dagegen kann eine bewusste Auseinandersetzung mit der Angst, also die Konfrontation mit angstauslösenden Situationen zu einer sukzessiven Gewöhnung und damit zur Herabsetzung des Angstniveaus führen. Angstgedanken verschwinden zwar meist nicht völlig, aber es ist möglich zu erlernen, die Reaktion auf sie so zu verändern, dass man kontrolliert damit umgehen kann."

Panikattacken gehören zu den Angsterkrankungen und können mit Medikamenten und Psychotherapie erfolgreich behandelt werden. Dabei gibt es viele, nachweislich wirksame, Methoden, die Betroffenen ihre Lebensqualität zurückgeben können.

Wer bekommt überhaupt Panikattacken?

Menschen entwickeln oftmals dann Panikattacken, wenn sich ihre Lebensumstände negativ verändern. Wenn beispielsweise Angehörige sterben, die Beziehung scheitert oder der Job weg ist, kann nicht jeder diese extreme Stresssituation von selbst bewältigen. Der Körper reagiert auf die konstante Anspannung und – bewusst oder unbewusst wahrgenommene Bedrohung – mit einer extremen Alarmreaktion. Typischerweise tritt eine Panikstörung das erste Mal im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter auf. Ein Beginn in der Kindheit oder jenseits des 45. Lebensjahres ist eher selten. Fast vier Prozent der Deutschen – also rund 3 Millionen Menschen – haben mindestens einmal im Leben mit einer Panikstörung zu tun.

Wer besonders häufig von Panikattacken und Angststörungen betroffen ist, welche Symptome darauf hinweisen, und wo Sie Hilfe bekommen lesen Sie auch bei uns. Mehr über Agoraphobie mit Panikstörung sowie deren Ursachen und Symptome können Sie hier ebenfalls nachlesen. Zudem gibt es weitere Infos auf unserer Themenseite zu Depression.

Einen Überblick der häufigsten Angsterkrankungen und wertvolle Informationen zu ihrer Diagnostik, Behandlung und Ansprechpartnern bieten verschiedene Fachverbände unter neurologen-und-psychiater-im-netz.org

Austausch unter Betroffenen, Tipps zur Selbsthilfe uvm. gibt es bei "DASH – Deutsche Angst-Hilfe e.V."

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