24.03.2020 - 20:55

Psychologe erklärt Tipps für psychisch Erkrankte in Corona-Quarantäne

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Die Psyche in der Corona-Krise: 6 Tipps für mentale Gesundheit
Di, 24.03.2020, 15.08 Uhr

Die Psyche in der Corona-Krise: 6 Tipps für mentale Gesundheit

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Die Einschränkungen während Quarantäne und Ausgangsbeschränkung in Zeiten der Corona-Krise sind für alle hart. Doch für psychisch Vorerkrankte kann diese Situation eine Extrembelastung darstellen.

Für stabile Menschen ist der Stillstand des alltäglichen Lebens durch das Coronavirus nicht leicht – für psychisch Belastete kann die Situation dagegen extrem sein. Um die Verbreitung des Virus’ einzudämmen, ist ganz Deutschland dazu angehalten, zuhause zu bleiben. Eine große Herausforderung für Personen mit psychischen Störungen, weiß Diplom-Psychologe Thomas Dürst: "Was die aktuelle Situation für viele Menschen psychisch bedeutet, wird wenig beachtet."

Vor allem depressive Störungen und Angsterkrankungen sind weit verbreitet. Alleine jeder Fünfte in Deutschland erleidet laut der "Stiftung Deutsche Depressionshilfe" in seinem Leben eine Depression. Deshalb ist es gerade für viele "ein harter Kampf", so Dürst.

Im Interview mit BILD der FRAU spricht der Psychotherapeut über mögliche Gefahren in der Isolation und Quarantäne und gibt vor allem Tipps für Menschen mit psychischen Erkrankungen, wie Sie die Krise rund um das Coronavirus gut überstehen.

Coronavirus: Tipps für psychisch Erkrankte in der Quarantäne

BILD der FRAU: Selbstisolation und Quarantäne sind für gesunde wie kranke Menschen eine Belastung. Warum überhaupt?

Thomas Dürst: Um das zu erklären, müssen wir uns zwei Begriffe näher anschauen: die innere und die äußere Bewegung. Im normalen Alltag erleben Menschen ihre äußere Bewegung häufig auch als stressig und viel: die Arbeit, das Familienleben, ständige Erreichbarkeit. Deshalb suchen sie bewusst den Ausgleich, das ist vergleichbar mit einer selbst gewählten Isolation. Man geht wandern, schaltet das Telefon ab. Das Ziel ist dabei, sich wieder mit der inneren Bewegung, also dem Denken und den eigenen Gedanken auseinander zu setzen. Diese Form der Isolation ist nicht erzwungen und frei gewählt.

Anders sieht es mit der Isolation aus, der wir nun durch das Coronavirus ausgesetzt sind. Sie ist von außen bestimmt und kommt diffus daher: Man soll sich vor einem Virus, das nicht sichtbar ist, verstecken. Viele Menschen erleben das als Kontrollverlust – und das kann Angst machen.

Wie genau erleben diese Personen die Auswirkungen der Corona-Krise?

Psychisch gesunde Personen erleben Isolation und Quarantäne eher als Frustration und haben Ängste vor den wirtschaftlichen Kosequenzen. Sie haben aber sogenannte Copingstrategien aufgebaut, also psychische Ressourcen, mit denen sie die Situationen bewältigen können: Dinge objektiv einordnen, optimistisch bleiben, um nur zwei Beispiele zu nennen. Menschen mit psychischen Erkrankungen dagegen können diese Strategien kaum nutzen. Sie führen oft viele innere Kämpfe und sind mit ihren Dämonen beschäftigt. Sie neigen zum Grübeln und haben negative Glaubenssätze und ein negatives Selbstbild. Die aktuelle Situation verschlimmert das ganze nur noch für diese Menschen.

"Viele Möglichkeiten fallen durch die Isolation weg"

Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Außerhalb der eigenen Vier Wände kann man derzeit nicht viel machen. Grundsätzlich sollte man aber in diesen Zeiten soziale Kontakte pflegen, zum Beispiel Telefonieren oder skypen. Patienten mit Depressionen oder sozialer Phobie bereitet genau das im normalen Alltag schon Schwierigkeiten. Einige kommen durch einen geregelten Alltag gut zurecht. Sie machen Sport, unternehmen etwas Schönes, gehen zur Arbeit. Diese Außenstruktur wirkt für sie wie ein Korsett. Jetzt ist die Isolation erzwungen, damit fallen viele Möglichkeiten, die man sonst in Anspruch nehmen kann, weg. Das strapaziert Menschen mit psychischen Erkrankungen enorm.

Für welche psychisch Erkrankten sehen Sie in der Isolation ein besonders hohes Risiko?

Am schwersten haben es sicherlich Ängstlich-Depressive. Sie haben oft Katastrophengedanken, die nun zusätzlich durch die Medien geschürt werden. Die Bilder aus italienischen Krankenhäusern sind schon für gesunde Menschen verstörend, für sie aber ist es ein zusätzliches Szenario, das die Angst triggert und sie verstärkt. Nicht nur die innere, auch die äußere Realität macht diesen Personen jetzt Angst. Ihnen fällt es schwer, mit Gedanken dagegen zu steuern wie "Ich kann meinem Körper vertrauen" oder "Wir haben schon viel geschafft, diese Krise meistern wir auch".

Wer ist noch betroffen?

Personen mit Essstörungen. In der Isolation kommt es häufiger zu stressinduziertem Essen, wenn man alleine zu Hause sitzt. Viele kompensieren mit Essen auch familiäre Spannungen, wenn man den ganzen Tag nur aufeinander hockt. Patienten, die unter Bulimie leiden, lernen in der Therapie beispielsweise, nur einmal einkaufen zu gehen und nicht zu horten. Jetzt sehen sie im TV Berichte über Hamsterkäufe. Das macht es sehr schwierig. Auch Personen mit somatoformen Schmerzstörungen, wie zum Beispiel Spannungskopfschmerz, leiden unter der aktuellen Situation, weil die Situation bei ihnen starken Stress induziert. Dann gibt es noch Menschen mit starker Leistungsorientierung, die ihren hohen Ansprüchen in der Isolation gerade nicht mehr gerecht werden können – sie alle stehen vor einer großen Bewährungsprobe.

Besondere Schwierigkeit: die Ungewissheit

Wie lange diese Bewährungsprobe dauert, das weiß niemand. Für viele ist doch genau das vermutlich das Problem: Sie können nur von Tag zu Tag planen und sehen nicht, wann der Zustand endet.

Genau. Diese Ungewissheit ist für uns alle belastend. Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf der Autobahn und geraten in eine der unzähligen Baustellen. Gleich vorne steht ein Schild mit der Aufschrift "Noch 6 Kilometer", darunter ein trauriger Smiley. Irgendwann kommt das Schild "Noch 4 Kilometer", nun aber mit einem lächelnden Gesicht. Der Mensch braucht Orientierung, damit er antizipieren kann. Stünde dort ein Schild mit der einfachen Aufschrift "Baustelle", es wäre eine andere psychische – pessimistischere – Ausgangssituation für die Bewertung der Situation.

Die Regierung hat die stark einschränkenden Regeln für mindestens zwei Wochen aufgestellt…

Das stimmt. Aber viele Länder haben die Ausgangsbeschränkungen auch verlängert. Es fehlt die realistische Einschätzung. Das führt zu Stress – und den kann man nur für eine bestimmte Zeit akzeptieren.

Ganz besonders für Menschen mit psychischen Problemen: Welche Tipps für die Isolation und Quarantäne haben Sie und wie sollte der ideale Tagesablauf aussehen?

Auf jeden Fall früh aufstehen! Am Anfang mag es verlockend sein, mal bis 11 Uhr auszuschlafen. Doch spätestens nach drei, vier Tagen braucht der Tag Struktur. Stehen Sie zwischen 7 und 8 Uhr auf, hormonell gesehen wirkt diese Uhrzeit antidepressiv. Auch das Bett sollten Sie machen. Man legt sich nicht so schnell wieder hinein und es suggeriert so, dass die Nacht zu Ende ist. Abends sollten Sie auf Alkohol verzichten, das schwächt die Fähigkeit am nächsten Tag mit den neuen Herausforderungen und Belastungen gut umgehen zu können. Struktur und Selbstwirksamkeit vermitteln uns Kontrolle. Und das tut gut in erzwungener Isolation.

Schlaf, Bewegung und Fokus auf positive Dinge

Was können Sie noch empfehlen?

Ausreichend Schlaf und Bewegung. Angst ist ein körpernahes Phänomen. Macht man zum Beispiel eine Stunde Yoga, wirkt das spannungsentlastend auf den Körper. Ängste haben so weniger Nährboden. Ansonsten sollte man seine Gedanken auf positive Dinge richten, sich zum Beispiel die Bilder vom letzten Urlaub anschauen. Katastrophierendes sollte dagegen so gut es geht vermieden werden. Natürlich sollte man in diesen Zeiten die Nachrichten lesen, aber maximal zweimal täglich.

Sie sagten, dass man durch Beschäftigung des Körpers positive Gefühle auslösen kann. Haben Sie dafür weitere Beispiele?

Ja, jeder sollte sich nun Zeit für seine Sinne nehmen. Denn über die Sinneskanäle kann man dem Körper Positives zufügen. Arbeiten Sie in Ihrem Haushalt mit Gerüchen, benutzen Sie duftendes Shampoo oder machen Sie zum Beispiel ein Entspannungsbad mit Eukalyptus. Licht ist auch besonders wohltuend, öffnen Sie die Fenster weit oder setzen Sie sich ein Stündchen auf den Balkon. Auch Visuelles hilft: Stellen Sie sich auf Ihrem Laptop zum Beispiel einen schönen Bildschirmhintergrund ein.

Maximal zwei Stunden Fernsehen am Tag

Was ist mit Fernsehen gucken?

Das würde ich möglichst einschränken, maximal zwei Stunden am Tag. Denn es besteht die Gefahr des "Binge Watchings", also Serie für Serie hintereinander zu schauen. Auch das kann negativen Einfluss auf die Stimmung haben. Stattdessen ist Schreiben eine wirksame Alternative. Viele psychisch Kranke sind nicht nur alleine daheim, sie sind auch mit ihren Gedanken allein. Wie heißt es so schön: Schreiben Sie sich alles von der Seele. Alles, was einmal geäußert wurde, ist nur noch halb so schwer. Denn der Gedanke bekommt Raum, durch den man sich selber davon distanzieren kann, zum Beispiel mit Notizen wie "Ich bin ängstlich und fühle mich niedergeschlagen". Schreiben Sie Ihr eigenes "Corona-Tagebuch" und beantworten Sie sich selber auch Fragen, wie Sie sich Ihr Leben nach Corona vorstellen. Beschwingte Musik hören hilft auch sehr, vor allem Klassik. Auch Mandalas malen ist eine tolle Beschäftigung. Man kann sich eine Vorlage aus dem Internet ziehen, Buntstifte hat jeder im Haus. Das Malen wirkt beruhigend und stärkt die Konzentration.

So, wie Sie es beschreiben, wirkt es wie das "Geheimrezept" für viele Menschen mit psychischer Erkrankung während der Corona-Krise…

Die Grundregel lautet: Einfach machen! Doch das ist gerade das Problem bei psychisch Belasteten: Sie müssen sich erst motivieren können für diese Aufgaben.

Wie gehen Sie ganz persönlich mit der Krise rund um die Ausbreitung des Coronavirus’ um?

Wohlwissend, dass die aktuelle Situation für viele Menschen körperliches, psychisches und wirtschaftliches Leid bedeutet, erlebe ich eine gewisse Aufbruchstimmung. Kreativ und aktiv sein, ist derzeit mein Credo. Man kann das Beste aus der Situation machen:

Wenn ich erkenne, was ich tatsächlich ändern kann und was nicht, kann ich all meine Energie in das stecken, was ich ändern kann! – dann kommt man auch gut durch.

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Für all diejenigen, die dieser Zeit Fragen zum Thema Psychotherapie und Umgang mit dem Coronavirus haben, möchte Thomas Dürst mehrmals die Woche eine offene Fragestunde per Videoschalte anbieten, in der er Antworten geben und Menschen vernetzen möchte. Sollten Sie Interesse haben, können Sie sich unter info@duerst-psychotherapie.de mit ihm in Verbindung setzen.

Weitere Tipps gibts in unseren Videos:

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Angstzustände in Quarantänekönnen allerdings jeden treffen. Welche Möglichkeiten es sonst noch gibt, sowie weitere Artikel zum Thema finden Sie auf unserer Themenseite Coronavirus. Infos rund um Depression finden Sie ebenfalls bei uns.

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