05.03.2019

Von Unwohlsein bis Ekel Trypophobie: Was hat es mit der Angst vor Löchern auf sich?

Unregelmäßige Löcher – im schlimmsten Fall auch noch mit unbekannter Füllung – ekeln Sie an? Dann könnten Sie an Trypophobie leiden. Was dahinter steckt.

Foto: iStock/CHAIWATPHOTOS

Unregelmäßige Löcher – im schlimmsten Fall auch noch mit unbekannter Füllung – ekeln Sie an? Dann könnten Sie an Trypophobie leiden. Was dahinter steckt.

Trypophobie bezeichnet die Angst vor unregelmäßigen Löchern, verbunden mit Unwohlsein bis hin zu Ekel. Was dahinter steckt – und warum der Begriff irreführend und nicht ganz korrekt ist.

Der Ekel vor dem Anblick von Löchern – manche würden sogar so weit gehen, von Angst zu sprechen. Kommt Ihnen bekannt vor? Oder haben Sie zumindest schon einmal aus dem Bekanntenkreis gehört? Dann könnten Sie oder besagte Bekannte unter Trypophobie leiden – von griechisch τρύπα (trýpa) "Loch" und φόβος (phóbos) "Angst".

Per se ist Trypophobie aber keine wissenschaftlich bestätigte Störungserkrankung. Der Begriff ist anscheinend 2005 in einem Online-Forum erstmals gefallen. Seither gibt es aber zumindest wissenschaftliche Erklärungsversuche.

Trypophobie: Forscher suchen eine Erklärung

Fakt ist: Bei manchen Menschen löst der Anblick unregelmäßiger Löcher, die unerwartet kommen oder auch einfach unerwartet angeordnet sind, Unwohlsein bis hin zu Ekel aus. Das kann von der Kapsel einer Lotosblume oder Luftschokolade über Badeschaum bis hin zu Videos von Maden- oder Parasitenbefall reichen. Und diesem Phänomen sind mittlerweile auch einige Wissenschaftler nachgegangen. In Studien bestätigt sich das Bild.

Eine der ersten Studien aus dem Jahr 2013 von der University of Essex hatte 300 Teilnehmern verschiedene Bilder gezeigt, von denen sie sagen sollten, ob sie Ekel verspüren oder nicht. 11 Prozent der männlichen und 18 Prozent der weiblichen Probanden gaben an, sich beim Anblick gewisser Bilder unwohl zu fühlen.

Eine tatsächliche Erklärung für Trypophobie gibt es noch nicht. Aber Vermutungen sind da: So könnte der Anblick von unregelmäßigen Löchern für manche einen Reiz darstellen, da der Anblick an Krankheiten erinnere – und so ein Warnsignal im Gehirn auslösen.

Dafür sprechen beispielsweise die Ergebnisse einer Studie der School of Psychology der University of Kent und des Departments of Psychology der University of Essex. Die Forscher hatten zwei Gruppen Bilder von Löchern gezeigt.

Die Gruppe derer, die sich selbst als Trypophobiker bezeichneten, reagierte wie erwartet mit Ekel und Unwohlsein. Eine Vergleichsgruppe reagierte so lediglich auf Bilder von kranken Körperteilen.

Denn auch Ausschläge oder Krankheiten wie Masern oder Windpocken bilden unregelmäßige Muster. Und Parasiten können unter Umständen unregelmäßige Löcher und Gänge in der Haut hinterlassen.

Symptome: Treten auf bei unerwarteten löchrigen Mustern

Die Trypophobie-Symptome reichen von Unwohlsein über Juckreiz bis hin zu handfestem Ekel und Erbrechen. Betroffene berichten zudem von Kälteschauern und Gänsehaut, aber auch übermäßigem Schwitzen beim Anblick entsprechender Bilder. Der Ekel scheint sich aber nicht auf alle Löcher zu beziehen, sondern lediglich auf nicht zu erwartende – oder nicht ins Bild passende. Ein löchriger Käse scheine daher keine Trypophobie-Symptome hervorzurufen.

Trypophobie: Urangst vor Tieren – oder vor Krankheiten?

All dies lässt vermuten, dass ein Warnsystem unseres Gehirns dahinter steckt, das evolutionär bedingt, aber nicht mehr bei allen Menschen vorhanden ist. Eine Art Urangst.

Auf diesen Gedanken kamen auch die Wissenschaftler der Studie der University of Essex. Sie hatten mithilfe eines Probanden festgestellt, dass eine ähnliche Reaktion auch beim Anblick gefährlicher, giftiger Tiere stattfindet – etwa dem Blaugeringelten Kraken, dessen Haut dunkle Ringe ziert, die aussehen wie unregelmäßige Löcher. Evolutionär bedingt könnte hier ein Fluchtreflex dahinterstecken, der unsere Vorfahren vor Gefahr aus dem Tierreich warnen sollte – und nun eben bei einigen Menschen noch übrig ist. "Es mag einen alten Teil in unserem Gehirn geben, der uns sagt, dass wir ein giftiges Tier sehen", erklärt Studienleiter Dr. Geoff G. Cole. "Der Ekel ist ein evolutionärer Vorteil, auch wenn uns das nicht bewusst ist, denn er sorgt dafür, dass Leute mit Trypophobie so weit wie möglich von den Löchern wegrennen."

Andere Studien vermuten, dass nicht nur die mögliche Gefahr vor giftigen Tieren dahinter stecken könnte, sondern auch die Gefahr, die von ansteckenden Krankheiten oder Parasiten ausgehen kann – vor allem solcher, die unsere Haut durchbohren und so in den Körper eindringen könnten. Und zugegeben, diesen Gedanken findet wohl niemand toll.

"Phobie" ist nicht das richtige Wort

Wirklich von einer Phobie zu sprechen, ist daher nicht ganz richtig. Das zumindest heißt es in einer Studie der Emory University aus dem Jahr 2018. Denn eine Phobie ist eigentlich eine irrationale und hartnäckige Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen. So hartnäckig die Trypophobie für den Einzelnen sein kann, so weiß man doch nicht, ob sie tatsächlich so irrational ist. Außerdem handelt es sich eben, wie in der Studie bestätigt, eher um einen Ekel. Und ein Ekel geht im wissenschaftlichen Sinne nicht zwingend mit einer Angst einher.

Eher könnte man von einer übertriebenen Form des Verhaltens sprechen, das in Menschen ausgelöst wird, wenn sie einen Kranken erblicken – der offensichtlich erkrankt und damit möglicherweise ansteckend ist. Womit wir eben wieder bei der Angst vor Krankheiten und Parasiten wären.

Ausgelöst durch das Internet?

Trypophobie scheint zusätzlich aber auch eine Art Internetphänomen zu sein. Erst durch das Netz konnten sich Bilder verbreiten, wurden Menschen darauf aufmerksam und stellten fest, ja, es gibt ja noch andere, die der Anblick ekelt.

Kurzerhand entstanden so aber auch wahre Horrorbilder von schlimmen Hautkrankheiten – die so zum Glück gar nicht existieren. Photoshop-Spezialisten hatten die Oberfläche einer Lotosblumen-Kapsel – eines jener Bilder, das Trypophobikern einen Schauer über den Rücken laufen lässt – digital in Körperteile eingefügt, etwa auf Arme, Beine oder Hände. Nun, bei diesem Anblick ekelt es uns auch. Aber das hängt dann möglicherweise tatsächlich damit zusammen, dass unser Gehirn den direkten Bezug zu einer Hauterkrankung geradezu auf dem Servierteller präsentiert bekommt. Das könnte die Trypophobie – oder zumindest den Ekel, der dahinter steckt – zumindest verstärkt haben.

Bin ich krank, wenn ich Trypophobie habe?

Die Trypophobie mag so heißen – ist aber eben aufgrund des aktuellen wissenschaftlichen Standes nicht als echte Phobie anerkannt. Sie wird zurzeit als Sonderform kurioser Phobien bezeichnet. Dennoch können Trypophobiker auch ohne die Definition als Krankheit Probleme im Alltag bekommen, wenn sie besonders heftig, etwa mit Erbrechen, auf den Anblick von Löchern reagieren. Möglicherweise stecken auch weitere Gründe hinter einer solch heftigen Reaktion. Ein Besuch zumindest beim Hausarzt, wenn nicht sogar beim Psychologen, kann helfen, den normalen Alltag wieder herzustellen. Es gibt mittlerweile zahlreiche Therapien gegen Angststörungen, die zum einen dazu beisteuern, mit der Situation besser umzugehen, und zum anderen helfen, Ängste zu überwinden.

Vor allem, wer sich panisch fühlt oder merkt, dass Depressionen auftreten, sollte nicht zögern, psychologische Hilfe aufzusuchen.

Ist der Ekel nicht ganz so stark ausgeprägt, und möchten Sie einfach lernen, damit umzugehen, kann es schon helfen, sich über die Gründe zu informieren und sich mit der Trypophobie auseinanderzusetzen. Zu verstehen, warum der Körper auf etwas reagiert, oder zumindest zu wissen, dass es anderen auch so geht, kann immer helfen.

________________________________

Studie der University of Essex 2013

Studie der School of Psychology der University of Kent und des Departments of Psychology der University of Essex 2017

Studie der Emery University 2018

Seite