09.11.2018

Krisen und Probleme meistern Wann ist eine Systemische Familientherapie sinnvoll?

Die Systemische Familientherapie hilft, Zusammenhänge und Strukturen innerhalb des Familiensystems aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und wieder mehr Verständnis füreinander zu entwickeln zu können.

Foto: iStock/laflor

Die Systemische Familientherapie hilft, Zusammenhänge und Strukturen innerhalb des Familiensystems aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und wieder mehr Verständnis füreinander zu entwickeln zu können.

Auch in den besten Familien kommt es hin und wieder zum Streit. Aber was tun, wenn die Konflikte dauerhaft anhalten? In solchen Fällen kann eine Systemische Familientherapie sinnvoll sein. Ein Experte erklärt die Vor- und Nachteile dieser Methode.

Die Familie sollte Rückhalt und Kraft geben – in jeder Lebenslage. Manchmal kann es trotzdem zu folgenschweren Krisen kommen. Aber was tun, wenn die Lage festgefahren ist, wenn innerhalb der Familie kein normales Miteinander mehr möglich ist? In solchen Fällen kann es hilfreich sein, dass die Familie professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Eine Möglichkeit ist die Systemische Familientherapie.

Bei dieser Therapieform ist Teamarbeit gefragt. Ein Therapeut versucht zusammen mit den Familien-Mitgliedern nach Wegen aus der Krise zu suchen. Dabei kann ein neuer Blickwinkel auf die Situation und die Betrachtung von außen, durch den Therapeuten, der erste Schritt zurück zu einem normalen Familien-Leben sein. BILD der FRAU hat mit Thomas Dürst, Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, über die Systemische Familientherapie gesprochen.

Die Systemische Familientherapie

BILD der FRAU: Was ist die Systemische Familientherapie?

Dürst: Die systemische Familientherapie (auch systemische Therapie) legt den Fokus auf die Beziehungsprozesse und die Beziehungsqualität zwischen den Personen. Der Schlüssel zum Verstehen und zur Veränderung einer bestehenden Krise oder eines Problems innerhalb eines Familiensystems liegt in der systemischen Therapie nicht auf einer Person, sondern alle Beteiligten müssen bereit sein für Veränderungen.

Meist wird aber an einer Person innerhalb des Familiensystems oder in einer Partnerschaft deutlich, dass es Schwierigkeiten im Umgang miteinander gibt. Diese Person wird durch eine gewisse Symptomatik auffällig, Experten bezeichnen sie als "Symptomträger". Auch Kinder können diese Rolle einnehmen.

Welche Vorteile hat diese Therapieform?

Man kann weniger von einem Vorteil sprechen als viel mehr von einem anderen Störungsverständnis der systemischen Therapie. Bei dieser Therapieform hat jedes Problem oder jede Krise eine Funktion. Herauszufinden wie es zu der aktuellen Situation gekommen ist und welche Gründe dahinter stecken, ist das Ziel der systemischen Therapie. Beispielsweise können nicht gesehene oder nicht verstandene Bedürfnisse eine Krise auslösen. Im Verbund wird dann versucht dem auf den Grund zu gehen und wieder eine gemeinsame Basis zu schaffen.

Für wen ist sie geeignet bzw. wann ist die Systemische Familientherapie nicht geeignet?

Seit Ende 2008 wird die Systemische Therapie in Deutschland als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren anerkannt. Sie gilt als wirksame Behandlungsoption für verschiedene affektive Störungen. Hier einige Beispiele:

  • Depressionen
  • Essstörungen
  • Suchterkrankungen
  • Psychosomatische Krankheiten.

Auch Kinder und Jugendliche profitieren von einer Systemischen Therapie. Voraussetzung – wie bei jeder anderen Therapie auch – ist die Bereitschaft sich selbst und seine Rolle in Systemen wie zum Beispiel der Familie anzuschauen und zu reflektieren.

Das Ziel der Systemischen Familientherapie

Was ist das Ziel einer Systemischen Familientherapie?

Ziel ist es zunächst den Sinn und die Funktion eines Symptoms, das in Zusammenhang mit partnerschafts- oder familiären Krisen auftaucht, zu verstehen. Im weiteren Verlauf geht es dann darum nach alternativen Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Die systemische Therapie ist somit vor allem Ressourcenorientiert und legt den Fokus auf die Stärken der Menschen.

Wie viele Personen nehmen in der Regel an einer Therapie teil bzw. wer sollte alles mit einbezogen werden?

Die systemische Therapie hat als Ursprung die systemische Familientherapie. Sie arbeitet primär also mit Familien und Organisationssystemen. Ferner nehmen aber auch Paare die systemische Therapie in Anspruch, ebenso wie Einzelpersonen.

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Folgende Fragen werden bei der Systemischen Familientherapie beleuchtet

Was passiert genau bei einer Systemischen Familientherapie?

  1. Zunächst geht es darum die verschiedenen Beziehungsstrukturen und -muster aller Beteiligten zu verstehen. Folgende Fragen werden dabei in der Regel beleuchtet: Wie läuft die Kommunikation ab? Wer nimmt welche Rolle ein? Auf welche Art und Weise verhalten sich die verschiedenen Beteiligten eines Systems?
  2. Danach wird versucht, den Zweck oder die Funktion eines Symptoms zu verstehen. Was steckt zum Beispiel hinter einer ungünstigen Kommunikation, gab es früher besonders viel Kritik oder Entwertung?
  3. In dritten Schritt wird dann bereits nach alternativen Handlungsmöglichkeiten geguckt. Dabei wird der Fokus vor allem auf bis dahin nicht genutzte Stärken und Ressourcen der Beteiligten geachtet.

In der Regel finden Termine mit größeren zeitlichen Abständen statt, so dass genug Zeit bleibt die Erkenntnisse und Hausaufgaben aus den Therapiesitzungen im Alltag integrieren zu können. Das bedeutet auch, dass auf Eigen-Initiative der Klienten gesetzt wird.

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In welchen Fällen ist diese Therapieform nicht geeignet?

Bei schwerwiegenden, chronifizierten Symptomen, bei denen gegebenenfalls auch medikamentöse Unterstützung erforderlich ist, sind Einzeltherapien meistens sinnvoller. Ebenso bei schwerwiegenderen Persönlichkeits-Störungen, Zwangserkrankungen oder traumatischen Erfahrungen.

Und ganz wichtig: Natürlich muss jeder Fall individuell geprüft werden. Manchmal sind andere Therapieformen einfach erfolgversprechender. Bei singulären Symptomen, wie beispielsweise einer spezifischen Angsterkrankung, kann eine Verhaltenstherapie oder die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie besser geeignet sein. Wer unter Problemen leidet oder in einer Krise steckt, sollte einen Experten aufsuchen, dieser kann über die verschiedenen Therapieform informieren und zusammen mit dem Patienten einen individuellen Behandlungs-Plan ausarbeiten.

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Thomas Dürst arbeitet als Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut in Berlin. Seine Spezialgebiete sind vor allem psychosomatische Erkrankungen, Burn out Syptomatiken und sowie Angst- und Depressionserkrankungen. Mehr Informationen über Herrn Dürst und seine Kontakt-Daten finden Sie auf seiner Website.

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