26.10.2018

Ungesunde Feindseligkeit Wie Vorurteile entstehen und wie wir sie vermeiden können

Wir wollen alle dazugehören. Müssen dafür andere ausgegrenzt werden? Was hat es mit Vorurteilen auf sich und wie können wir sie vermeiden?

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Wir wollen alle dazugehören. Müssen dafür andere ausgegrenzt werden? Was hat es mit Vorurteilen auf sich und wie können wir sie vermeiden?

Vorurteile sind vorschnelle Urteile, die wir über Menschen, Situationen und Sachverhalte treffen. Doch wie entstehen sie und wie lassen sich Vorurteile vermeiden? Das sagt eine Soziologin zu dem Thema...

Vorurteile prägen unseren Alltag. Wir hantieren mit übereilten und unzureichend belegten Schlüssen über unsere Mitmenschen und über ganze Gruppen. Wir haben kein genaueres Wissen über einen Sachverhalt und aktivieren instinktiv für wahr hingenommene Allgemeinplätze und als allgemeingültig angesehene Erfahrungen. In Zeiten immer schnellerer Berichterstattung in den Medien und Reaktionen darauf in den sozialen Medien und auf den Straßen, brechen Antipathien und Sympathien ungefiltert heraus und richten oft großen Schaden an. Doch wie entstehen Vorurteile eigentlich und lassen sich Vorurteile vermeiden?

Laura Wiesböck (31) hat über das Thema ein Buch geschrieben. Sie arbeitet als Universitätsassistentin am Institut für Soziologie der Universität Wien mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheit. In ihrem Fachbuch "In besserer Gesellschaft: Der selbstgerechte Blick auf die Anderen" setzt sich die Autorin mit den psychologisch-emotionelen und sozialen Dynamiken auseinander, die Vorurteile entstehen lassen und zur Identitätsbildung eines Menschen und einer Gruppe beitragen. BILD der FRAU hat mit der jungen Wissenschaftlerin über das schwierige Thema gesprochen...

Was sind Vorurteile?

BILD der FRAU: Was sind Vorurteile nach der soziologischen Definition und wie lassen sie sich abgrenzen von Meinungen und Überzeugungen?

Laura Wiesböck: Vorurteile sind ungeprüfte Einstellungen gegenüber Gruppen oder Personen, die dieser Gruppe angehören. Sie zeichnen sich durch ein vorschnelles Urteilen ohne genauere Kenntnis des Sachverhaltes aus. Häufig beruhen sie nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern werden übernommen. So haben die meisten Menschen, die Geflüchtete ablehnen, im Alltag kaum Berührungspunkte mit ihnen. Fremdenfeindlichkeit ist dort am höchsten, wo man den vermeintlichen Feind nur aus der Zeitung kennt.

Vorurteile sind auch eng mit einem positiven Selbstbild verbunden. Wenn ich eine bestimmte Gruppe als "faul" abwerte, dann bewerte ich mich damit im Vergleich automatisch als "fleißig". Deshalb neigen besonders Menschen dazu, die ihren Selbstwert nicht aus ihrer Persönlichkeit oder ihren Leistungen beziehen. Zudem wissen wir aus der Forschung: Wenn ich eine Gruppe abwerte, tue ich das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei einer anderen. Ein junger Mann, der Frauen für weniger Wert hält, wird das wahrscheinlich auch bei Homosexuellen tun. Man kann dieses Verhalten also als Syndrom bezeichnen.

Lassen sich Vorurteile vermeiden?

Wie lassen sich Vorurteile vermeiden? Und ist das die richtige Frage, die wir uns stellen sollten?

Meiner Ansicht nach mit einem stetigen selbstkritischen Blick auf sich selbst. Die Fähigkeit zur Kritik der eigenen Weltanschauung spielt bei Vorurteilen nämlich eine untergeordnete Rolle. Manchmal hilft auch eine Umkehr. Nehmen wir das Beispiel Geschlecht. Hier gibt es zum Beispiel Awards für "Power-Frauen" in der Kategorie "Kind & Karriere".

Sie werden offiziell dafür honoriert, dass sie Familie und Beruf erfolgreich unter den Hut bekommen. Eine derartige Auszeichnung für Männer wäre absurd. Durch die Umkehr tritt die drastische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sehr deutlich hervor. Dadurch lässt sich das Vorurteil, dass mittlerweile Männer diskriminiert werden, wirksam zerlegen.

Wo können Vorurteile uns auch helfen im Alltag? Warum brauchen wir vielleicht Vorurteile?

Abgrenzung ist ein wichtiger menschlicher Prozess, der dazu dient Struktur in die eigene Umgebung zu bringen und seine Zugehörigkeit zu definieren. Soziale Gemeinschaften bauen auf Grenzziehungen auf, also auf der Konstruktion eines Unterschieds zwischen "Wir" und "die Anderen". Nur selten werden die Anderen lediglich als andersartig eingestuft, viel häufiger jedoch auch als geringerwertig.

Können Vorurteile gefährlich werden?

Ja, sobald eine Ideologie der Ungleichwertigkeit befördert wird und bestimmten Bevölkerungsteilen Mitgefühl, Würde, oder sogar Rechte aberkannt werden. Das sehen wir heute unter anderem beim Thema Arbeitslosigkeit, bei dem nicht die Ursachen sondern die Betroffenen bekämpft werden. Oder auch im Bereich Flucht und Migration.

Welches spezielle Vorurteil fanden Sie bei Ihren Forschungen besonders interessant?

Besonders interessant finde ich wie exakt gleiche Verhaltensweisen bei Frauen kritisiert und bei Männern bewundert werden. Gibt es einen abwertenden Begriff für heterosexuelle Männer, die mit vielen Frauen schlafen? "Schlampe" oder "Flittchen" sind nur zwei von vielen Bezeichnungen, die sexuell freizügig lebende Frauen herabwürdigen.

Sie sollen Frauen einen unehrenhaften Charakter verleihen, sie darin beschämen, sich das Recht herauszunehmen, einen eigenverantwortlichen Lebensstil zu verfolgen. Eine gleichwertige Beleidigung für Männer sucht man vergeblich. Im Gegenteil: Bei ihnen wird es nicht als billig und sittlich anrüchig wahrgenommen, sondern als es ein Zeichen von Männlichkeit und Attraktivität.

Welche Macht haben Vorurteile heute?

Wir bewegen uns als Gesellschaft immer mehr in Richtung einer politischer Korrektheit, die althergebrachte Sprache, Gepflogenheiten, Rituale und andere Elemente unseres kulturellen Selbstverständnis in Frage stellen und nach einer Neusortierung und Redefinition verlangen. Identitätskategorien wie Rasse, Klasse und Geschlecht befinden sich in einem Neubewertungsprozess. Ist das der Weg zu einer Welt ohne Vorurteile und mit mehr Toleranz für Differenzen oder wird es immer Vorurteile geben?

Zukunftsprognosen sind immer schwer zu treffen. Was wir aber beobachten können, ist ein steigendes Bedürfnis nach Vereinfachung und einer klaren Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt. Der Wunsch nach übersichtlicher Einfachheit hängt mitunter auch mit dem ermüdenden Überangebot an Daten und Informationen zusammen, die aus allen medialen Kanälen fluten.

Die Reduktion von Komplexität dient dann zur Erholung der gestressten Wahrnehmung. Das Bedürfnis, hinter allem Unverständlichen und Unsicheren eindeutig verortbare Strippenzieher zu kennen, zeigt sich besonders deutlich in Verschwörungstheorien, die aktuell an Bedeutung gewinnen.

Welche Wechselwirkung erfahren Vorurteile durch soziale Medien und die Möglichkeit, sich immer schneller eine Meinung zu bilden und diese auch in die Welt zu schreien? Verbreiten sich Vorurteile jetzt schneller und kann man sie nicht gleichzeitig auch schneller abbauen, indem man verschiedene Perspektiven akzeptieren lernt?

Der Einfluss des öffentlichen Diskurses ist nicht zu unterschätzen. Nehmen wir das Beispiel Armut. In der Soziologie ist bekannt, dass eine Vielzahl an Faktoren in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Verstärkung von Armutsrisiken geführt hat, etwa die Zunahme an prekären Arbeitsverhältnissen, der Abbau des Sozialstaates oder der Bedeutungsgewinn von Familienformen, die verglichen mit der "Normalfamilie" weniger materielle Sicherheit bieten.

Im öffentlichen Diskurs sehen wir allerdings eine sehr einseitige Darstellung von "leistungsunwilligen" Einzelpersonen, die es sich auf Kosten des Staates gemütlich machen. Das kann die Wahrnehmung und Bewertung von Bürgerinnen – wie auch von Arbeitslosen selbst – beeinflussen und Solidarisierungsprozesse hemmen.

Erfahren Sie mehr über das Fach der Soziologie und Frau Wiesböcks Buch auf der nächsten Seite...

 

Aus dem Alltag einer Soziologin

Würden Sie uns einmal erklären, was eine Soziologin genau macht?

Mich interessieren Lebensaspekte, die man nicht beeinflussen kann, die aber das Leben stark beeinflussen, z.B. mit welchem Geschlecht oder welcher Nationalität man geboren wird. Meine Tätigkeiten als Soziologin kann man grob in drei Bereiche einteilen:

  • ich eigne mir Wissen an, ich halte mich auf dem Laufenden über aktuelle Forschungsergebnisse in meinem Feld,
  • ich produziere Wissen, ich erhebe Informationen über die Bevölkerung in Form von Fragebögen oder Interviews und analysiere Datensätze und
  • ich vermittle Wissen, ich schreibe wissenschaftliche Publikationen, unterrichte Studierende und verbreite meine Erkenntnisse in der Öffentlichkeit, etwa in Form von Kommentaren in Tageszeitungen.

Im beruflichen Alltag setze ich mich mit vielen aktuell relevanten Themen auseinander, das macht es für mich besonders interessant. Zudem ist das Arbeitsumfeld sehr international ausgerichtet. Im Zuge meines Studiums hatte ich die Möglichkeit, Erfahrungen als Gastwissenschafterin an Universitäten in Belgien, New York, Oxford und Ghana sammeln zu können. Das hat mich persönlich und beruflich enorm bereichert.

Wie sind Sie zum Fach gekommen? Was fasziniert Sie an der Betrachtung und Beschreibung sozialer Dynamiken?

Als ich nach dem Abitur Soziologie studieren begonnen habe, wusste ich eigentlich nicht wirklich, was es mit dem Fach auf sich hat. In der Schule lernten wir über Psychologie und Philosophie, Soziologie kam hingegen nie vor. Es waren die Themen der einzelnen Seminare im Vorlesungsprogramm, die mich angesprochen haben.

Heute weiß ich: Soziologie ist die Wissenschaft der Gesellschaft. Überall da, wo Menschen zusammenkommen, wird es für Soziologinnen interessant. Das kann in der Arbeit, im Familienleben oder in der Stadt sein. Auch die Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens mit Blick auf Migration, Kultur, Kriminalität, Religion und Geschlecht spielen eine große Rolle. Ziel von Soziologinnen ist es, wichtige gesellschaftliche Themen aufzuzeigen und zu verstehen – statt diese einfach als "gut" oder "schlecht" zu bewerten oder gar zu verurteilen.

Dieses kritische Prüfen von Sachverhalten, die am ersten Blick banal erscheinen, sollte eine zentrale Kompetenz von allen aufgeklärten Bürgerinnen sein. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre es Soziologie als Schulfach zu etablieren.

Wie kamen Sie zur Idee zum Buch "In besserer Gesellschaft: Der selbstgerechte Blick auf die Anderen"?

Für mich war es wichtig aufzuzeigen, dass die bewusste oder unbewusste Herabsetzung von Menschengruppen in allen Schichten verbreitet ist – und nicht nur in den unteren, wie es häufig dargestellt wird. Bildungsbürger wähnen sie sich zwar als Hüter der Wahrheit, die genau hinsehen und verstehen, doch sie verfolgen häufig genau dieselben Prinzipien derjenigen, die sie verurteilen. Rechtspopulistische Wähler für dumm zu halten ist exakt dasselbe Schema wie Migranten für Sozialschmarotzer zu halten.

Haben Sie durch Ihre Arbeit an ihrem Buch zu mehr Toleranz über Menschen und ihre Vorurteile gefunden oder stehen sie menschlicher Zivilisation skeptischer gegenüber?

Ich würde mich als prinzipiell hoffnungsvoll bezeichnen, jedoch bin ich dem Optimismus abgewandt, denn dieser würde mich mit Zuversicht in die Passivität schaukeln. Passivität können wir uns angesichts der aktuellen Krisenherde allerdings nicht leisten. Deshalb ziehe ich es vor hoffnungsvolle Realistin - und manchmal auch Pessimistin - zu sein.

An wen richtet sich Ihr Buch? Was soll der Leser, die Leserin Ihres Buch nach der Lektüre mitnehmen?

Es ist explizit an eine breite Leserinnenschaft gerichtet. Natürlich ehrt es mich, wenn ich eine Besprechung meines Buchs in den Feuilleton-Seiten finde. Aber die größte Auszeichnung ist es, dass mein Onkel, der Zeit seines Lebens Bauer in einem 400 Einwohnerdorf war, sich heute in der Pension meiner Lektüre widmet. Was Leserinnen mitnehmen können ist, dass wir den strengen Blick, den wir auf andere richten, des Öfteren auch einmal auf uns selbst verlagern sollten. Denn frei von Vorurteilen ist niemand. Zumindest auf der Ebene sind wir alle gleich.

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"In besserer Gesellschaft: Der selbstgerechte Blick auf die Anderen" ist erschienen bei Kremayr & Scheriau am 01.09.2018, 22 €.

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Auch Prominente sind nicht gefeit vor Vorurteilen. So sprach Eurovision-Siegerin Netta mit uns über die Vorurteile gegenüber übergewichtigen Frauen. Und Ilka Bessin fordert: "Wir sollten unsere Kurven lieben" Diese Frauen stellen sich den Vorurteilen mit inspirierenden Plus Size-Body Positivity-Projekten.

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