18.06.2020 - 09:02

Durch Studien belegt Emotionen: Darum sollten Sie Selbstgespräche führen

Psychologie: Fakten, Erkrankungen, Störungen

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Ist es gut, Selbstgespräche zu führen – oder nicht? Der Frage sind mehrere Studien nachgegangen. Erfahren Sie hier, warum Sie öfter mit sich selbst reden sollten.

Mehr als 90 Prozent aller Menschen reden in Gedanken mit sich selbst – und manchmal auch mit ausgesprochenen Worten. Ist das einfach nur eine komische Angewohnheit, oder warum führen wir Selbstgespräche? Wissenschaftliche Studien geben eine eindeutige Antwort: Selbstgespräche haben großen Einfluss auf das Wohlbefinden und die Zufriedenheit.

Selbstgespräche führen: Das hat mehrere Vorteile

Ein Forscherteam der Michigan State University fand heraus, dass Selbstgespräche helfen, besser mit Emotionen klarzukommen. In der Studie, die im Fachmagazin Scientific Reports veröffentlicht wurde, haben die Forscher die Probanden unterschiedlichen, kritischen Situationen ausgesetzt, während gleichzeitig eine Messung der Hirnströme durchgeführt wurde.

Das Ergebnis: Wer laut mit sich selbst – und über sich selbst – redet, betrachtet seine eigene Situation automatisch mit etwas mehr Abstand. Das kann vor allem in Krisensituationen hilfreich sein, durch das Gefühlschaos kann nämlich schnell der Überblick verloren gehen – außerdem haben viele Menschen Probleme, ihre Gedanken in Stresssituationen zu ordnen. Durch Gespräche mit sich selbst in der dritten Person kann die Situation von außen betrachtet werden. Dadurch ist eine bessere Kontrolle über die eigenen Gefühle möglich – und so auch ein strukturiertes Handeln. Ein weiterer Vorteil der Selbstgespräche: sie haben eine beruhigende Wirkung.

Darum führen Menschen Selbstgespräche

Selbstgespräche zu führen, hat also eine positive Wirkung, das konnten auch schon frühere Studien belegen. Aber aus welchem Grund fängt man überhaupt erst an, mit sich ein Gespräch zu führen? Der Buchautor und Diplom-Pädagoge Dr. Udo Baer sagt gegenüber BILD der FRAU, dass dadurch "die hohe Erregung ein Ventil bekommt und sich abbaut."

Diese Art der Kommunikation muss aber nicht nur in Stress- und Krisensituationen stattfinden. Die Gründe können unterschiedlich sein. Hier drei Beispiele, die bei einzelnen Menschen auch kombiniert sein können:

  • Manche Menschen sind einsam. Statt ganz zu verstummen, sprechen sie mit sich selbst. Sie hören dann wenigstens ihre eigene Stimme.
  • Manchmal sind Menschen emotional so "geladen", dass sie gar nicht merken, dass sie ihre eigenen Gedanken laut äußern.
  • Der häufigste Grund: oft drückt sich eine hohe Erregung darin aus, dass Menschen Selbstgespräche führen. Der erhöhte Aufregungspegel "läuft über", die Gedanken werden laut. Dann sind Selbstgespräche auch ein Versuch, sich selbst zu sortieren, sich selbst "in den Griff" zu bekommen.

Diese Themen eignen sich für Selbstgespräche

Welche Themen in den Selbstgesprächen aufgegriffen oder bearbeitet werden, bleibt jedem selbst überlassen. Grundsätzlich gibt es keine Tabus oder No-Gos im Gespräch mit sich selbst. Dr. Baer: "Man kann sogar mithilfe von Selbstgesprächen etwas lernen, beispielsweise wenn man Argumente hin- und herwälzt. So kann man sich im besten Fall neue Lösungswege aufzeigen. Aber das geht auch in Gedanken oder schriftlich. Das müssen nicht immer richtige Gespräche sein."

Selbstgespräche führen: Das sind die Nachteile

Können Selbstgespräche auch Nachteile haben? Dr. Baer: "Wenn Menschen alleine sind, gibt es keine Nachteile. Wenn Menschen zum Beispiel im Büro Selbstgespräche führen, können sie andere Menschen nerven, weil diese sich immer alles anhören müssen. Gelegentlich werden in den Selbstgesprächen auch Gedanken hörbar, die die Menschen gar nicht äußern wollten. Es kann peinlich sein, wenn jemand im Büro vor sich hin redet, dass die Papiere mal wieder schlampig abgeheftet wurden – und die/der dafür Zuständige/r daneben sitzt und das hört."

Darum sind die eigenen Fragen manchmal nicht hilfreich

Viele Menschen stellen sich Fragen, meist leise, manchmal laut und hörbar. Manche Fragen sind an sich selbst gerichtet und nachvollziehbar: 'Was soll ich heute Abend anziehen?' oder 'Soll ich XY anrufen oder nicht?'.

Die Fragen sind aber nicht immer hilfreich, um das Problem in Selbstgesprächen zu lösen. Dr. Baer erklärt: "Viele Fragen können wir Menschen nicht selbst beantworten, auch wenn wir sie in Selbstgesprächen noch so oft wiederholen. Zum Beispiel: 'Stört es Stefan, wenn ich ihn besuche?', 'Wird sich meine Tochter über den Kuchen freuen?', 'Ist mein Chef mit meiner Arbeit zufrieden?'. Solche Fragen können nur beantwortet werden, wenn sie den Personen gestellt werden, an die sie gerichtet sind."

Nur das Gespräch mit der anderen Person ist dann zielführend. Menschen, die die direkte Kommunikation mit ihren Mitmenschen eher scheuen, können in solchen Situationen Probleme bekommen, weil sie aus ihrer Gedankenspirale nur schwer herauskommen. Manchmal kann es aber durchaus hilfreich sein, die Problematik einmal laut auszusprechen, um dann zumindest eine gewisse Sicherheit zu bekommen.

Wie sollte man sich selber anreden?

Ist es besser, Selbstgespräche in der ersten oder dritten Person zu führen? Auch dieser Frage ging das Forscherteam der Michigan State University nach. Das überraschende Ergebnis: Selbstgespräche, in denen man über und zu sich selbst spricht, als sei man ein Fremder, wirken noch stärker. Die Du-Form ist demnach besser als die Ich-Form. Wer sich selbst den Satz sagt: 'Du schaffst das schon' hat demnach mehr Kraft als ein 'Ich schaffe das schon'.

Fazit: Darum sollte jeder öfter Selbstgespräche führen

Ob jemand Selbstgespräche führt oder nicht, hat übrigens gar nichts mit seiner Intelligenz oder seinem Bildungsstand zu tun.

Wer diese Art der Kommunikation nutzt, hat seine Emotionen besser im Griff und kann sein Wohlbefinden und die Zufriedenheit steigern. Durch die Kommunikation mit sich selbst können Stresssituationen besser gemeistert werden. Steht ein anstrengender Tag an, kann durch das Selbstgespräch die eigene Gefühlslage darauf vorbereitet werden. Ein paar beruhigende oder aufmunternde Worte an sich selbst können eine Menge bewirken und eine Form von Entspannung und Stressbewältigung sein.

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Studie: Michigan State University: Talking to Yourself in the Third Person May Help Self-Control

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