26.04.2017

Familien-Psychologie Familientraumata: Der Schmerz anderer als seelisches Erbe

Persönliche seelische Kämpfe können auf geerbte Familientraumata zurückgehen. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden.

Foto: iStock/vgajic

Persönliche seelische Kämpfe können auf geerbte Familientraumata zurückgehen. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden.

Traumata sind vererbbar. Bestimmte Familiengeschichten können in uns weiterleben. Meist ist Betroffenen dieses belastende Erbe nicht mal bewusst.

Wussten Sie, dass unsere Familiengeschichten in uns weiterleben können? Was sich im ersten Moment vielleicht etwas unverständlich anhört, wird von dem amerikanischen Therapeuten Mark Wolynn seit mehr als 20 Jahren erforscht.

Wolynn ist Spezialist im Bereich vererbter Familientraumata. Ja, Traumata können vererbt werden. Wer unwissentlich von Eltern, Großeltern oder sogar Urgroßeltern ungelöste Traumata übernommen hat, kämpft meist mit vorerst unerklärlichen seelischen und körperlichen Leiden. Ein ganzes Leben kann unter dem Bann eines fremden Schmerzes liegen.

In seinem Buch „Dieser Schmerz ist nicht meiner. Wie wir uns mit dem seelischen Erbe unserer Familie aussöhnen“ zeigt Mark Wolynn wie er sich selbst von der Last vererbter Familientraumata befreien konnte – und wie das jedem Betroffenen gelingen kann. Ein unglaublich interessanter, aber eben auch realer und für Betroffene anfangs auswegloser Gedankengang.

>> Persönlichkeitsstörung erkennen und behandeln

Laut Wolynn richtet sich das Buch „an alle, die unter Gefühlen leiden, die sie sich nicht erklären können: Befürchtungen, Ängste, Phobien, zwanghafte Gedanken, Depressionen, Schuldgefühle.“

BILD der FRAU.de hat mit dem Therapeuten über sein Buch und das Phänomen der vererbten Familientraumata gesprochen.

Zur Forschung

BILD der FRAU: In Ihrem Buch „Dieser Schmerz ist nicht meiner“ und bei Ihrer Arbeit allgemein geht es um die Therapie von vererbten Familientraumata. Was für ein Therapieansatz ist das genau?

Mark Wolynn: Mein Ansatz ist körper- und sprachzentriert. In meinem Buch geht es um Familiengeheimnisse, mit denen wir leben, unter denen wir leiden. Es geht um unerklärliche Befürchtungen, Ängste, zwanghafte Gedanken – Dinge, die möglicherweise von den Eltern und Großeltern weiter vererbt wurden. Die Leser erfahren, wie sie zu Detektiven ihrer Familiengeschichte werden und Hinweise auf ein Trauma in ihrer eigenen Sprechweise und Wortwahl finden können. Wenn wir die Verbindung zwischen unserer Sprache und den traumatischen Geschehnissen in unserer Familiengeschichte herstellen können, ist das der erste Schritt, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

>> 8 Schmerzen, die durch Gefühle verursacht werden

Können Sie die Verbindung zwischen vererbtem Familientrauma und Epigenetik erklären?

Ein Trauma verändert uns auch körperlich, es bewirkt eine chemische Veränderung der DNA. Also verändert es unserer Gene, manchmal über Generationen. So sind wir immer dann besonders empfindlich, ängstlich oder unsicher, wenn die ursprüngliche Traumatisierungssituation berührt wird.

Ein Beispiel: Wenn unsere Großeltern den Krieg selbst erlebt haben, dann haben sie uns möglicherweise schärfere Reflexe und schnellere Reaktionen vererbt – ein Werkzeug, das uns helfen soll, die schlimmen Situationen zu überleben, die sie durchleben mussten. Das Problem ist, dass wir übertriebene Stressreaktionen zeigen, die für Katastrophen vorgesehen sind, aber nicht für unseren Alltag.

Gibt es Symptome, die auf ein vererbtes Trauma hinweisen?

Ja, zum Beispiel aus dem Nichts auftretende Panikattacken oder unerklärbare Angst. Ich hatte eine Klientin, die, als sie Mutter wurde, plötzlich unter Ängsten litt. Vorher hatte sie dieses Problem nicht. Es stellte sich heraus, dass ihre Großmutter ihr Neugeborenes nicht aus einem brennenden Haus retten konnte. In unseren Gesprächen stellte sie die Schlüsselverbindung her und erkannte, dass sie die Erfahrung ihrer Großmutter geerbt hatte.

>> Ich bin hochsensibel … aber was heißt das eigentlich?

Sie sind Direktor des Family Constellation Institute. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

Im Family Constellation Institute behandeln wir in Workshops und Trainings Familientraumata. Es geht darum, neue Erfahrungen zu machen, ein neues Selbstbild zu entwickeln. Wir nutzen unterschiedliche Methoden, unter anderem Familienaufstellung, Arbeit mit dem Inneren Kind, Arbeit mit Bildern, Dialog, Rituale, Heilsätze, körperzentrierte Übungen und andere Übungen auf neurowissenschaftlicher Basis.

Sprache als Heilungsmethode

Wie kann Sprache ein Instrument zur Heilung in der Traumatherapie sein?

Eine Traumatisierung hinterlässt deutliche Hinweise in den Wörtern und Sätzen, die benutzt werden. Wenn wir diese Wörter und Sätze gefunden haben, können wir sie mit dem ursprünglichen Trauma in Verbindung bringen und haben somit das fehlende Puzzleteil gefunden. Wir sehen nun endlich das ganze Bild sehen und verstehen, warum wir so fühlen, wie wir fühlen.

Nach welchen Schlüsselelementen suchen Sie in der Sprache von Betroffenen?

Ich suche nach ungewöhnlichen Wörtern, nach einer Sprache, die stark von Gefühlen geprägt ist. Oft sind das Wörter oder Sätze, die wir mit unserem eigenen Leben nicht in Verbindung bringen können. Wenn zum Beispiel jemand häufig den Satz „Ich verdiene es nicht zu leben“ sagt oder so über sich denkt, dann muss das überhaupt nichts mit diesem Menschen zu tun haben! Möglicherweise gehört er zur Großmutter, die sich für jemandes Tod verantwortlich fühlte.

>> Bleiben Sie souverän mit Sprachkarate

Beziehungsdynamiken

Sie beschreiben, dass unerledigte Angelegenheiten mit Familienangehörigen, vor allem mit den Eltern, spätere Beziehungen prägen. Dazu stellen Sie eine Liste von 21 beziehungshemmenden Dynamiken vor. Wie können diese aufgelöst werden?

Es geht darum, den Trauma-Teufelskreis zu durchbrechen und andere Teile unseres Gehirns zu aktivieren, neue positive Erfahrungen zu sammeln. Dazu braucht es eine Erfahrung, die so stark ist, dass sie die Traumareaktion löschen, überschreiben kann. Dieses kann eine Erfahrung von Trost oder Unterstützung sein, von Mitgefühl oder Dankbarkeit, von liebender Güte oder Großzügigkeit – im Grunde kann es alles sein, was uns gestattet, Stärke oder Frieden in uns zu spüren.

>> Liebe alleine reicht nicht für eine glückliche Partnerschaft

Wie kann vererbtes Familientrauma behandelt werden, wenn es keine Verbindung zum auslösenden Verwandten gibt – entweder weil er oder sie bereits verstorben oder schlicht unbekannt ist?

Auch ohne Informationen über unsere Familiengeschichte liegt die Lösung in unserer „Schlüsselsprache“ verborgen. Das Trauma lebt in uns weiter. Wenn wir unsere „Schlüsselsprache“ kennen und aufdecken, öffnen wir ein Fenster und können das sehen, was in unserer Familiengeschichte geschehen ist. Dann beginnt die Heilung.

BILD der FRAU.de bedankt sich bei Mark Wollyn für ein interessantes Interview.

Seite