22.03.2017

Unverblümt Depressionen: "Ich musste in den 'Krieg' ziehen"

Autorin Tanja Salkowski: "Je mehr wir über Depressionen reden, desto eher wird sich etwas verändern."

Foto: privat

Autorin Tanja Salkowski: "Je mehr wir über Depressionen reden, desto eher wird sich etwas verändern."

Tanja Salkowski leidet unter Depressionen. Lange Zeit vertraute sie sich niemandem an. Heute spricht sie offen und unverblümt über ihre Krankheit.

In ihrem autobiografischem Debüt-Roman „sonnengrau. Ich habe Depressionen – na und?“ gewährt die Journalistin persönliche Einblicke in ihr Leben mit Depressionen. Und auch in ihrer eigenen Radiosendung thematisiert sie die lebensgefährliche Krankheit – und warnt vor dem Wegschauen. Wir haben sie interviewt.

Eine Radiosendung über psychische Erkrankungen

bildderfrau.de: Hallo Frau Salkowski, Sie haben als Musikmanagerin, Marketingfachfrau, Moderatorin und Journalistin gearbeitet. Jetzt haben Sie ihre eigene, preisgekrönte Radiosendung, in der Sie sich mit psychischen Erkrankungen beschäftigen. Wie kam es dazu?

Tanja Salkowski: Weil ich selbst 2008 an einer Depression erkrankt bin. Meine Erfahrungen als Betroffene waren nicht nur schöne. Viele Kämpfe, viele Tränen, viel Schmerz. Nicht, weil es eben auch zu dieser Krankheit symptomatisch dazu gehört. Aber auch, weil ich wegen dem ganzen Drumherum in den „Krieg“ ziehen musste.

Angefangen bei den fatalen, langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz über Jobverlust, bis hin zu Freunden, die mich in der akuten Krankheitsphase nicht mehr weiter begleiten wollten. Weil es ihnen mit mir zu anstrengend war. Oder weil sie den idealsten Umgang mit einem depressionserkrankten Menschen nicht kannten und sich der Herausforderung nicht stellen wollten. Nicht, weil sie gemein waren, sondern weil Wissen und Information fehlten.

Depressionsbetroffene müssen nicht nur mit ihrer Erkrankung klarkommen, sondern auch mit ihrem Umfeld, das sich plötzlich ungewollt verändert. Wir brauchen keine Vorurteile, keine blöden Blicke und keinen Bekloppten-Stempel. Und es ist nicht nötig, das Depressive ihren Job verlieren, nur, weil sie depressiv sind.

Wir brauchen Verständnis, offene Arme, schnelle, medizinische Hilfe und Hände, die uns festhalten. Aus dieser persönlichen Erfahrung entwickelte sich eine gewisse Wut in mir. Und ich habe mir die Frage gestellt: Was kannst du tun, damit diese Lücken geschlossen werden? Die Antwort war: Reden! Und zwar so, dass es jeder hören kann. Recht schnell wurde dann „Radio sonnengrau“ geboren.

>> Depressionen: Die typischen Symptome

Oft ziehen sich dann auch die Betroffenen zurück, aus Ihrem Job und Ihrem Privatleben. Wie erlebten Sie Ihre schwersten Monate?

Genau so. Einsam. Ich war voll mit Ängsten und Scham. Ich wollte nichts nach außen dringen lassen. Ich tat so, als ob alles in Ordnung wäre und spielte einen gut gelaunten und glücklichen Menschen. Ich hätte für meine Schauspielkunst eigentlich einen Oskar verdient. Niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung gehabt, wie es mir wirklich geht.

Aber es war ja meine Entscheidung, weil ich mit aller Kraft und Macht versucht habe, alles zu vertuschen. Ich hatte sämtliche Ausreden parat, warum ich heute nicht mit ins Kino komme oder warum ich sonstige Verabredungen und Meetings absagen muss.

Also baute ich mir zu Hause meine Höhle, in der ich schlaflos war, weinte, alle Suizidarten von A-Z durchspielte, tagelang die Wand anstarrte und es nicht einmal schaffte, aufzustehen, um die Zähne zu putzen. Stattdessen Alkohol im Überfluss, um einfach alles irgendwie ertragen zu können.

Haben Sie sich jemandem anvertraut oder sich professionelle Hilfe geholt?

Beides. Der erste, der davon erfahren hat, wie schlecht es mir wirklich geht, war mein bester Freund Robert. Er hat es aber erst erfahren, als ich dabei war, mich mit Schlaftabletten umbringen zu wollen. Natürlich viel zu spät. Einen Tag später, nachdem ich den Suizidversuch mit Hilfe von Robert abgebrochen habe, bin ich zum Arzt gegangen. Weil ich wusste, dass es schon 5 nach 12 ist und ich alleine nicht mehr da rauskommen werde.

Letztendlich war ich 7 Wochen in einer Klinik und bin seitdem ambulant bei einer Therapeutin – bis heute. Aber ich bin in dem Punkt nicht vorbildlich. Denn bis dahin sind 5 Jahre vergangen, bis ich mich getraut habe, medizinische Hilfe anzunehmen. Ein viel zu langer Zeitraum. Ich kann nur sagen: Gehe sofort zum Arzt, sobald du merkst, dass etwas mit dir nicht stimmt. Rede sofort mit einem vertrauten Menschen über deine Gedanken und Gefühle. Habe keine Angst.

Gibt es Therapien gegen Depressionen?

Gibt es eine Therapie, die für Sie funktioniert?

Wenn wir von der medizinischen Therapie reden, war und ist für mich die klassische Verhaltenstherapie ideal. Mit ihr kann ich alles aufarbeiten, was mich beschäftigt.

Neben der Verhaltenstherapie habe ich für mich meine Puzzlestücke gefunden, die mir ebenfalls gut tun. Angefangen beim regelmäßig Sport machen über Selbstbelohnung mit kleinen Dingen bis hin zur bewussten, gesunden Ernährung. Jeder muss für sich herausfinden, was er benötigt, um wieder in Balance zu kommen.

Aber egal, welche Form von Therapie man für sich wählt: Das wichtigste ist, das man mitmacht. Sonst wird sich nichts ändern. Man kann nicht erwarten, dass der Therapeut oder die Art der Therapie schon alles für einen richten wird. Pustekuchen. Therapie bedeutet Schweiß, Tränen und Geduld.

Was halten Sie von Medikamenten?

Ich persönlich halte nicht viel davon. Mir war von vornherein klar, dass ich keine Tabletten nehmen werde, sondern dass ich erst alles andere versuche, um mich wieder aus diesem Loch zu bekommen. Es hat funktioniert. Es liegt vielleicht auch daran, dass ich eher der natürliche Typ bin und so oder so kaum Tabletten nehme. Wenn ich erkältet bin, trinke ich lieber Ingwer-Tee, als eine Grippostad zu nehmen. Es ist meine grundsätzliche Einstellung.

Zudem hat meine Skepsis sicherlich eine große Rolle gespielt. Als Journalistin bin ich es gewohnt, zu recherchieren und Dinge von allen Seiten zu beleuchten. Ich habe vielleicht zu viele Artikel und Studien über Nebenwirkungen und Placebo-Effekte gelesen. Ich weiß aber auch, dass viele Depressionspatienten nicht mehr leben würden, wenn sie keine Tabletten genommen hätten.

Auf der anderen Seite, kämpfen so viele mit den schrecklichen Nebenwirkungen. Und ich lerne Menschen kennen, die beispielsweise an einer leichten depressiven Verstimmung leiden und sich mit Tabletten regelrecht vollstopfen. Weil das Zücken eines Rezeptblocks für manche Ärzte einfacher und schneller ist, als sich mit dem Patienten in Ruhe auseinander zu setzen. Und ein verzweifelter Patient nimmt erstmal jede Hilfe, die er kriegen kann.

Es ist ein heikles Thema, das nicht pauschalisiert werden kann. Und es ist die völlige, persönliche Entscheidung eines jeden, ob man zu Tabletten ja oder nein sagt.

Was ist Ihrer Meinung nach das Tückischste an Depressionen?

Das diese Erkrankung lebensgefährlich sein kann. Sie kann zum Tode durch Suizid führen. Das sollte jedem bewusst sein. Betroffenen sowie Angehörigen. Dieser Prozess kann schleichend sein. Und irgendwann stehst du an dem Punkt und kennst keinen anderen Ausweg. Voller Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit möchtest du dich aus der Welt schaffen.

Daher sage ich: Bitte holt euch sofort Hilfe. Wartet nicht zu lange. Es ist keine Schande, zum Arzt zu gehen. Es ist auch keine Schande zu einem Freund zu gehen und zu sagen: „Mir geht es nicht gut. Hilf mir.“ Es ist auch keine Schande über Suizidgedanken zu sprechen. Seid authentisch. Und denkt immer daran: Depression ist eine medizinische Erkrankung. Es ist kein Makel, keine Schwäche, kein Zugticket in die Irrenanstalt. Es ist einfach nur eine beschissene Erkrankung für die es Hilfe gibt.

Erfolgreiche Menschen anfälliger für Depressionen?

Man könnte meinen, dass erfolgreiche Menschen, die „mitten im Leben stehen“, durch nichts so leicht aus der Ruhe zu bringen sind. Stimmt das oder ist es vielleicht genau andersherum?

Ich müsste erstmal zurückfragen: Was ist denn erfolgreich? Was ist „mitten im Leben stehen“? Ein dickes Bankkonto? Haus, Familie, Hund, Baum? Großer Freundeskreis? Tolle Hobbies? Immer gut gelaunt? Das ist doch diese Definition, die wir gerne benutzen, eben, weil wir es so gelernt haben. Und weil wir in diese gesellschaftlichen Normen hineingeboren wurden und das Ganze selten hinterfragen.

Ein Mensch ist ein Mensch. Und es ist völlig egal, was er hat oder nicht hat. Ich glaube: Authentizität ist der Anker. Jemand, der authentisch ist und authentisch lebt, wird zufriedener und stärker sein, als jemand, der nur so tut als ob. Sicherlich gibt es solche, die nach außen hin ihr tolles Leben präsentieren, aber innerlich zerrissen und dadurch vielleicht anfälliger sind.

Und sicherlich gibt es diejenigen, die nach außen hin ebenso ihr tolles Leben präsentieren, aber auch wirklich so sind – also authentisch. Aber um die Frage direkter zu beantworten: Es kann jeden treffen. Jeder kann eine Depression bekommen. Auch die, die authentisch sind. Auch die Reichen. Auch die „Erfolgreichen“. Auch die Ruhigen. Weil wir eben alle Mensch sind.

Haben auch Sie unter einem besonderen Leistungsdruck gelitten?

Ja. Ich wurde so hineingeboren. „Du bist nur etwas, wenn du etwas leistest, sonst bist du nichts.“ Das war das Credo. Und darauf baute sich mein ganzes Leben auf. Meine Ziele, meine Visionen, meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Tief im Inneren wusste ich stets dass es der falsche Weg ist. Aber mir fehlte der Mut, anders zu sein und aufzustehen, um ein „Nein!“ hinaus zu schreien.

Stattdessen studierte ich ein Fach, was ich nicht wollte, nahm Jobs an, die ich nicht mochte, arbeitete rund um die Uhr, um abzuliefern und Lob zu bekommen, verbrachte meine Zeit mit Menschen, die mir eigentlich zuwider waren und vergaß mich dabei selbst. Und warum? Weil alles und jeder das so von mir verlangte. Und weil ich dieses Spiel mitgespielt habe. Und weil ich nicht erkannt habe, dass nur ich dieses Spiel beenden kann.

Wenn mich jemand deswegen nicht mag oder mich dafür verurteilt, nur, weil ich nicht mitschwimmen möchte, dann ist es doch sein Problem, nicht meines. Es ist meine Freiheit zu entscheiden und zu mir selbst zu sagen: „Tanja, du musst nichts. Du darfst. Aber du musst nichts.“

Glauben Sie, dass dieses Phänomen bei Frauen besonders stark ausgeprägt ist?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Alle sprechen darüber, über die heutige Rolle der Frau. Karriere, Kind, gute Ehefrau, Haushalt. Dieses Superweib-Ding. Und ja, sicherlich gibt es Frauen, die dieses irre Spiel mitspielen und meinen, sie müssten das alles zu 100 Prozent schaffen. Ich weiß nicht, woher das kommt. Ob es in unseren Genen steckt.

Aber auf der anderen Seite beobachte ich auch Männer, die sich selbstkasteien. Die es als Scheitern ansehen, wenn sie keine 100.000 Euro im Jahr verdienen, einen Baum gepflanzt oder ein Haus gebaut haben. Die es als Scheitern ansehen, wenn sie unfruchtbar sind und keine Nachkommen zeugen können. Die es als Scheitern ansehen, wenn sie mit 17 Jahren noch keine Freundin hatten.

Wir müssen weg von diesen Zwängen und Normen und diesem vorgegebenen Irrsinn, der uns Tag für Tag eingetrichtert wird. Wir müssen hin zum Loslassen.

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Das moderne Leben und Depressionen

Glauben Sie, dass unser moderner Lebensstil psychische Erkrankungen aller Art fördert?

Das würde ich so nicht sagen. Psychische Erkrankungen sind ja nicht nur ein Resultat unserer heutigen Lebensweise, sondern können aufgrund der Genetik oder aufgrund von äußerlichen Umständen wie zum Beispiel traumatischen Erlebnissen hervorgerufen werden. Alles auf unsere moderne Art zu schieben, wäre daher falsch und zu einfach.

Aber ja, natürlich können so viele Faktoren dazu beitragen, das man in die verkehrte Richtung läuft und in Folge dessen krank wird. Zum Beispiel der Leistungsdruck, das ständige Handy-Rumdaddeln, weniger Bewegung, Fast Food, unsere fatale Einbildung, wir hätten für alles keine Zeit mehr, den selbst auferlegten Stress, das ständige Vergleichen mit anderen, der ständige Zugriff auf Medien, schlechte Nachrichten, alles wird teurer, und „Mein Freund hat nicht sofort auf meine Whatsapp-Nachricht geantwortet, obwohl ich genau gesehen habe, das er online war.“

Wir sind in einem so verrückten Strudel drin und bemerken es nicht mehr. Es geht um Ego, um Selbstliebe, um Mitrennen. Vielen täte es mal gut, einfach mal durchzuatmen. Raus zu gehen. Still zu sein. Sich und das Ganze mal zu hinterfragen. Nicht umsonst sind momentan Meditations- und Stille-Seminare, sowie Yoga-Ashrams ausgebucht. Die Menschen haben Sehnsucht.

Das Problem ist nur: Sobald sie aus dem Yoga Ashram wieder herausgehen, sind sie wieder mittendrin in diesem Strudel. Und alles ist wie gehabt. Und nichts ändert sich. Natürlich nicht. Weil wir nicht dazu bereit sind, uns zu ändern.

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Hat das vielleicht auch etwas damit zu tun, wie unsere Gesellschaft allgemein mit Fehlschlägen und Scheitern umgehen?

Wer ist denn die Gesellschaft? Die Gesellschaft sind doch wir alle. Also können wir alle auch etwas ändern. Stattdessen pinkeln wir uns selbst ans Bein und schwimmen mit, ohne zu hinterfragen, ob die Schwimmrichtung stimmt. Reißt einer aus und schwimmt in die andere Richtung, wird er doof angeschaut. Weil er anders ist. Und weil er für sich entschieden hat, nicht mehr mitzumachen. Statt ihn dafür zu loben, wird er als Versager abgestempelt. Er passt ja da nicht mehr rein in dieses riesige Puzzle.

Wir erschaffen unseren eigenen Perfektionismus. . Und erschaffen dadurch auch das Scheitern. Für mich gibt es kein Scheitern und keine Fehler. Ich bin ein Mensch. Und Leben bedeutet Achterbahnfahren. Und es bedeutet vor allem für dich herauszufinden, was du möchtest und was du brauchst. Unabhängig von dem, was alle anderen zu dir sagen oder von dir erwarten. Denn die, die das tun, sind selbst noch Gefangene. Der wichtigste Mensch in deinem Leben bist du.

Glauben Sie, dass das Thema „Depressionen“ noch immer ein Tabuthema ist?

In dem Sinne tabu, weil nicht gerne drüber gesprochen wird. Natürlich nicht. Wir sehnen uns nach heile Welt und Harmonie, nach Lachen und Freude. Und wenn jemand kommt und sagt: „Ich habe Suizidgedanken, weil ich an Depression erkrankt bin“, dann wissen viele erst einmal nicht, was sie dazu sagen sollen beziehungsweise wie sie damit umgehen sollen. Verständlicherweise!

Aber genau hier muss die Lücke geschlossen werden. Und meiner Meinung nach geht das nur übers Reden, über Information und über Wissensvermittlung. Wir brauchen mehr Menschen, die in die erste Reihe treten und darüber sprechen. Viele amerikanische Stars sprechen offen über ihre Depression oder andere psychische Erkrankungen. Die Medien sind voll davon.

In Deutschland spricht kaum jemand darüber. Oder können Sie mir spontan eine Handvoll deutsche Promis nennen, die schonmal in einem Interview über ihre Depression gesprochen haben? Mir fallen keine ein. Aber es geht ja nicht nur um die Promis. Jeder, der davon betroffen ist, ob als Patient oder Angehöriger, sollte sich trauen, zu reden. Denn je mehr darüber reden, desto eher wird sich etwas verändern. Aber auch nur, wenn nach dem Reden gehandelt wird.

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Wie mit Depressionen umgehen

Was muss sich noch ändern?

Müssen muss es nicht. Es kann ja theoretisch auch alles so bleiben. Jeder, der das Gefühl hat, dass er in die verkehrte Richtung läuft, sollte sich damit auseinandersetzen. Es sollte sich jeder selbst mal die Frage stellen: Was muss ich für mich ändern? Ist das, was ich tue, das, was ich will? Sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe, gut für mich? Und was fehlt mir im Leben?

Lesen sie „Die Regeln des Glücks“ vom Dalai Lama. Dort steht alles drin, was sie wissen müssen. Und lesen sie die Bücher von meinem lieben Freund und Reporter Andreas Altmann. Mehr Lebensschule geht nicht.

Welche Tipps würden Sie den Angehörigen von Betroffenen geben?

Der erste und wichtigste Tipp: Angehörige sind keine Therapeuten. Sie können wunderbar Alltagsdinge übernehmen, die Betroffene nicht mehr schaffen. Sowas wie: Wäsche waschen, kochen, einkaufen gehen, Post bearbeiten. Angehörige können auch behilflich sein, bei der Suche nach einem Therapieplatz. Aber alles, was tiefer geht, ist die Aufgabe von Ärzten, Psychologen und Therapeuten.

Zudem kann ich auch empfehlen, sich mit anderen Betroffenen zu vernetzen und auszutauschen. Es gibt mittlerweile zahlreiche Selbsthilfegruppen. Ich weiß, wie viel Kraft es kostet, einem Betroffenen beizustehen. Und es ist keine Schande, wenn man auch mal an sich denkt. Denn die Gefahr besteht, dass man als Angehöriger co-depressiv wird. Ich kenne viele Fälle. Also: Passt auch auf euch auf – nicht nur auf den Betroffenen.

2013 haben Sie Ihr eigenes Buch „sonnengrau. Ich habe Depressionen – na und?“ veröffentlicht. Was hat Sie dazu bewegt?

Aus demselben Grund warum ich auch die Radiosendung initiiert habe. Die Wut in mir. Der Wille nach Veränderung. Aufklärung. Menschen in den Backstagebereich eines Betroffenen mitnehmen, um einen Einblick in das Seelenchaos zu geben. Menschen, die selbst in dieser Lage sind zu sagen: „Hey, schau mal, mir geht es genauso wie dir. Du bist nicht alleine!“

Mit dem Schreiben gegen die Depression

Inwiefern hat Ihnen der Schreibprozess geholfen?

Er hat in sofern geholfen, dass ich gemerkt habe, wie sehr mir das Buchschreiben Spaß macht. Und dass ich davon mehr möchte. Aber auch das Wiedereintauchen in meine tiefsten Momente war irgendwie spannend. Alles nochmal zu durchleben. Viele haben Angst davor. Ich aber liebte die Konfrontation mit meinen Ängsten, die für mich Wachstum bedeutet.

Denn nur dadurch konnte ich mir Fragen stellen. Und nur dadurch konnte ich vieles verarbeiten. Komischerweise konnte ich nur in diesem verzweifelten Zustand am besten schreiben. Es gab Wochen, in denen ich das Manuskript nicht anrühren konnte, eben, weil es mir einfach zu gut ging. Erst in der Melancholie wollten die Buchstaben aufs Papier.

Wie geht es Ihnen jetzt? Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Was meine Depression betrifft bin ich – wie gesagt – weiterhin in therapeutischer Behandlung, die ich noch brauche. Ich bin aber weitaus stabiler geworden, kann wieder Freude empfinden, arbeiten und mich mit Freunden treffen. Ich habe Dinge hinter mich gelassen, die mich sehr beschäftigt haben und mit ein Auslöser meiner Erkrankung waren.

Ich bin zwar nicht mehr die Tanja, die es früher einmal gab. Ich kann mich zum Beispiel nicht mehr als zwei Stunden am Stück konzentrieren, brauche sehr oft Ruhephasen und ertrage manchmal große Menschenmengen nicht. Aber das macht nichts. Denn ich akzeptiere mich.

Ich habe immer noch Momente, in denen ich im Bett liege und nicht aufstehen kann. In denen ich an mir zweifle und Ängste haben. Die gibt es nach wie vor. Aber diese Phasen sind meistens nach ein bis zwei Tagen vorbei und ich gehe wieder raus und genieße mein Leben. Jeder Tag ist eine Wundertüte, die ich ganz vorsichtig und mit Neugierde öffne. Und dann lasse ich mich überraschen.

Durch meine Erkrankung habe ich einen neuen Sinn in meinem Leben gefunden. Ich habe das Buch geschrieben, halte Vorträge und Lesungen, moderiere Radio sonnengrau, kläre auf und versuche zu helfen. Das macht mir Spaß und gibt mir Energie. Das würde ich auch gerne weiter betreiben.

Ansonsten schreibe ich gerade an meinem zweiten Buch, das eine Fortsetzung vom ersten sein wird. Und irgendwann kaufe ich mir einen alten VW-Bulli und gehe auf reisen. Reisen und schreiben – das ist ein Plan.

Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen?

Jeder, der darauf jetzt neugierig geworden ist.

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