17.02.2017

Experten-Interview Was sind Zwangsstörungen?

Mehr als zwei Millionen Deutsche leiden an einer oder mehreren Zwangsstörungen. Oft haben die Patienten große Hemmungen, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Foto: iStock / Highwaystarz-Photography

Mehr als zwei Millionen Deutsche leiden an einer oder mehreren Zwangsstörungen. Oft haben die Patienten große Hemmungen, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Man nennt sie auch "versteckte Krankheiten" - Zwangsstörungen. Dabei gehören sie hierzulande zu den vierthäufigsten seelischen Störungen.

Besonders tückisch: die Betroffenen wissen oft, dass sie an einer Zwangsstörung leiden und versuchen oft, sie vor ihrem Umfeld zu verheimlichen. Ein weiteres Problem: Noch immer weist die Forschung große Lücken auf. Der Psychotherapeut Burkhard Ciupka -Schön will das ändern. Mit seinem Mutmachbuch "Zwänge bewältigen" will er Betroffenen, Angehörigen und Kollegen einen Einblick in die komplexe Welt von Zwängen ermöglichen. Wir haben ihn interviewt.

bildderfrau.de: Hallo Herr Ciupka-Schön, Sie sind Psychotherapeut und Autor des Buchs „Zwänge bewältigen“. Hat nicht jeder von uns so seine „Marotten“? Wo liegt überhaupt der Unterschied zwischen einem Ritual und einem Zwang?

Burkhard Ciupka-Schön: Bestimmt kennen die meisten von uns das Ritual, dass sie vor einer längeren Reise nochmals überprüfen, ob alle Elektrogeräte ausgeschaltet, die Fenster geschlossen und die Türen verriegelt sind. Ein anderes „Ritual“ ist die wöchentliche Wohnungsreinigung. Das sind natürlich keine Zwänge.

Wenn aber Themen wie Ordnung, Sicherheit oder Sauberkeit den gesamten Alltag beherrschen, sprechen wir von einer Zwangsstörung. Typisch für Zwangsrituale ist ein extremer Zeitbedarf und eine Verbindung mit negativer Anspannung wie Scham, Ekel oder Angst. Weil Zwangsbetroffene sich darüber im Klaren sind, dass ihre Zwänge von gesunden Ritualen stark abweichen, werden Zwangsrituale in der Regel von den Betroffenen geheim gehalten.

Gesunde Rituale finden häufig in der Öffentlichkeit statt: So verstärken die Rituale, die wir von Karneval, von Weihnachten oder Ostern kennen, Freude und Gemeinschaftssinn. Bei Beerdigungen kommen Menschen zusammen, die in den Ritualen einen Weg in ihrer eigenen Trauerverarbeitung finden. Im Gegensatz dazu werden Zwangsrituale in Einsamkeit ausgeführt.

Was können Zwangshandlungen sein?

Die häufigsten Zwangshandlungen sind zwanghaftes Waschen und Kontrollieren. In meinem Therapiealltag begegnen mir aber noch mindestens 100 weitere Erscheinungsformen von Zwangshandlungen wie das zwanghafte Ordnen oder Zählen. Das Sammeln und Horten ist als Messie-Syndrom besonders bekannt geworden. Die große Vielfalt der Zwänge wirkt auf viele Einsteiger in das Thema zunächst verwirrend.

Wieso entstehen Zwänge?

Die Ursachen für die Entwicklung einer Zwangserkrankung sind noch längst nicht geklärt. In vielen Fällen sind es Ereignisse oder Beobachtungen im Verlauf der Individualentwicklung. Und haben sich Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen erst einmal entwickelt, dann vermitteln sie die Illusion, Sicherheit und Kontrolle zu ermöglichen.

In Wirklichkeit werden unangenehme Gefühle wie Angst, Schuld oder Ekel verstärkt und es entsteht ein Teufelskreis, weil das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle stetig wächst.

Welche Rolle kann eine familiäre Prägung oder Erziehung spielen?

Wenn Erziehung zu viel Wert auf Ordnung, Sicherheit und Anpassung legt, fördert dies eine Zwangsstörung. Dagegen ergibt sich aus einer wertschätzenden Erziehung zu Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung ein Schutz gegen Zwänge. Vernachlässigende Eltern sind wahrscheinlich genauso schädlich, wie Eltern, die ständig um das Kind herumschwirren und durch ein Überangebot an Unterstützung eigene Erfahrungen des Kindes verhindern.

Welche Rolle kann Stress oder Langeweile spielen?

Negative Anspannung durch Stress verstärkt Angst, Scham und Ekelgefühle, die zu Zwangshandlungen führen. Weniger offensichtlich ist, dass chronische Langeweile, verursacht etwa durch Arbeitslosigkeit, ebenfalls Zwänge fördert. Menschen, die sich im Wohlfühlbereich zwischen Überforderung und Unterforderung bewegen, sind vor Zwängen relativ sicher.

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Sind Frauen und Männer gleichermaßen von Zwangsstörungen betroffen?

Zwänge kommen wissenschaftlich gesehen bei Männern wie Frauen in etwa gleich häufig vor. Bei Frauen ist aber die Hemmschwelle, sich professionelle Hilfe zu suchen, erfahrungsgemäß niedriger.

Die Betroffenen wissen oft, dass ihr Zwang krankhaft ist, können ihn aber trotzdem nicht kontrollieren. Woran liegt das?

Das liegt daran, dass Zwangskranke der vordergründigen Illusion erliegen, dass sie durch die Vermeidung bestimmter Dinge oder durch magische Rituale die Situation kontrollieren können. Sie wollen Sicherheit und Gewissheit haben. Diese Gedanken sind so stark, dass sie sich nicht einfach verdrängen lassen.

Gleichzeitig weiß der Zwangskranke auch, dass sein Verhalten nicht dem vieler Mitmenschen entspricht, dass es nicht der Norm entspricht. Der Ausdruck „verrückt bei klarem Verstand“ beschreibt recht gut die Situation vieler Betroffener. Die Zwangssysteme, die die Betroffenen in einem Teufelskreis von Zwangsgedanken, Anspannung und Zwangshandlung über Jahre entwickelt haben, lassen eine eigene zwanghafte, bedrohliche Wirklichkeit entstehen. Das natürliche Sicherheitsbedürfnis eines jeden Menschen ist bei Zwangskranken übersteigert und führt dazu, dass sie ihr System weiter führen.

Wieso werden Zwangsstörungen auch als „versteckte Krankheiten“ bezeichnet?

Zwangserkrankte sind Menschen, die sich sehr um Anpassung bemühen. Bei der Schilderung ihrer Zwänge überwinden Betroffene große innere Hemmungen. Betroffene sagen oft: „Wir Zwangskranken sind die besten Schauspieler, weil kaum einer der Kollegen oder der Familienangehörigen etwas von unseren Zwängen ahnt.“

Hängen Zwangsstörungen auch mit anderen psychischen Erkrankungen zusammen? Etwa mit Angststörungen?

Drei Viertel der Zwangserkrankten leiden auch unter anderen seelischen Problemen, am wichtigsten sind hier Depression und Angst. Hier gibt es vielfältige Zusammenhänge. Da Depression und Angst unmittelbar spürbar und unangenehm sind, führen sie häufig zum ersten Kontakt mit einem professionellen Helfer. Gleichzeitig machen die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Zwängen, Depression, Angst und anderen psychischen Erkrankungen die Behandlung schwieriger und aufwändiger.

Welche Auswirkungen können Zwänge auf den Beruf oder das Privatleben haben?

Zunächst kann ein Mensch mit einer Zwangsstörung ein geschätzter, weil sehr verlässlicher Mitarbeiter sein. Im Laufe einer Krankheitsentwicklung verkehrt sich dieser Vorteil aber ins Gegenteil, weil einfache Routineaufgaben von Betroffenen mit wachsendem Aufwand ausgeführt werden müssen und keinen Abschluss finden. Unbehandelte Zwangserkrankungen münden sehr häufig in Schwerbehinderung und in vorzeitige Berentung.

Sind Zwangsstörungen heilbar?

Die meisten Betroffenen, die sich auf eine geeignete Therapie einlassen, können eine wesentliche Besserung erzielen. Aber auch bei sehr guten Behandlungserfolgen kann ein gewisser Rest vom Zwang übrig bleiben. In der Regel ist dieser aber nicht weiter einschränkend. Das wichtigste Hindernis für den Behandlungserfolg ist, dass die Betroffenen oft Jahrzehnte benötigen, um sich klar zu ihren Zwängen zu bekennen.

Darüber hinaus gibt heute noch große Lücken in der Versorgung. Es gibt nur wenige spezialisierte Kliniken, die alle Möglichkeiten der Behandlung von Zwangserkrankungen nutzen. Noch größer ist die Lücke der Versorgung aber im Bereich niedergelassener Therapeuten. Menschen mit einer Zwangsstörung laufen leider sehr oft von Pontius zu Pilatus, bis sie die zielführende Hilfe gefunden haben.

Zwei Millionen Deutsche sind von Zwängen betroffen, Zwangserkrankungen gehören zu den vierthäufigsten seelischen Störungen. Trotzdem ist dieses Forschungsgebiet noch immer wenig erforscht. Woran liegt das?

Da die Betroffenen Ihre Zwänge sehr lange mit Erfolg verstecken, ist jahrelang gar nicht erkannt worden, wie weit verbreitet die Zwangserkrankungen sind. Erst in den letzten 25 Jahren, parallel zur Berichterstattung in den Massenmedien, hat auch die Erforschung der Zwangserkrankung wesentlich zugenommen.

Dabei wurde deutlich, dass das persönliche Leid und auch der wirtschaftliche Schaden durch diese Art der Erkrankung immens ist. Daher ist es immer mehr Kolleginnen und Kollegen im ambulanten und stationären Behandlungsbereich wichtig, dass sie ihr Angebot um den Schwerpunkt Zwangserkrankungen erweitern. So ist zu hoffen, dass die Forschung auf diesem Gebiet bald neue Impulse erhält. Auch Berichte in den Massenmedien tragen dazu bei, Betroffene zu erreichen und sie zur Behandlung zu motivieren. Wir Psychologen sollten dem aufgeschlossen gegenüber stehen.

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Wie kann eine Zwangsstörung überhaupt erkannt werden?

Berichterstattung in den Medien, wie diese hier, ist eine sehr wichtige Möglichkeit, Betroffene zu motivieren, aus ihrem Schattendasein zu treten. Wenn Zwänge sehr fortgeschritten sind, können sie leichter erkannt werden, dann ist es aber meistens auch zu spät für eine erfolgreiche Behandlung. Therapeuten und Ärzte sollten häufiger gezielt nach Zwängen fragen und werden von Zwangskranken ehrliche und verblüffende Auskunft bekommen.

Welche Therapieformen können Sie empfehlen?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt zur Behandlung von Zwangserkrankungen sowohl bestimmte Medikamente, sogenannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), als auch die Durchführung einer Verhaltenstherapie, die häufig mit einer begleiteten Reizkonfrontation arbeitet.

Was genau ist die Reizkonfrontation und welche Rolle spielt sie in der Therapie?

Reizkonfrontation bedeutet, sich seinen Ängsten zu stellen und dabei auf Zwangshandlungen wie Vermeidung, Zwangsrituale oder Rückversicherung durch Angehörige zu verzichten. Dabei kommt es natürlich auch zu einer vorübergehenden Steigerung der vermiedenen Zwangsgedanken und zur Anspannung.

Die Kunst des Therapeuten besteht darin, Zwangskranke behutsam, aber nachdrücklich zur Durchführung von Reizkonfrontationen zu motivieren. Dabei sind wichtige Argumente, dass die Anspannung nur vorübergehend ist und dass durch Zwangshandlung stets nur eine Illusion von Sicherheit und Kontrolle erreicht wurde. In Wirklichkeit bewirken Zwangshandlungen sogar, dass Kontrolle und Sicherheit völlig verloren gehen können.

Gibt es auch alternative Therapieansätze?

Wenn eine Behandlung mit geeigneten Medikamenten (SSRIs) und beziehungsweise oder mit Reizkonfrontation stattfindet, können Entspannungsverfahren, Sport und eine Ernährungsberatung eine sinnvolle Ergänzung sein. Die Weltgesundheitsorganisation macht keine Empfehlungen für alternative Therapien. Nach meiner Erfahrung haben Zwangserkrankte eine Reihe von wenig wirkungsvollen Therapien hinter sich, bevor sie eine spezialisierte zielführende Verhaltenstherapie finden.

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Wie wichtig ist es, dass auch das soziale Umfeld von Patienten in die Therapie einbezogen wird?

Die nächsten Angehörigen werden häufig in das System des Zwanges hineingezogen: Sie werden verpflichtet, bei Zwangsritualen mitzuhelfen und sie werden angehalten, die zwanghaften Tabus ebenfalls zu respektieren. Häufig stehen Angehörige unter so großem Druck des Zwanges, dass sie selbst Hilfe benötigen.

Wenn Angehörige einbezogen werden in die Therapie, dabei das Zwangssystem durchschauen lernen und selbst Ideen bekommen für einen sinnvollen Umgang mit dem Betroffenen, dann kann dies eine wichtige Unterstützung sein und eine große Hilfe für die Unterbrechung von Zwangsritualen und –tabus.

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Es kann ein sehr langwieriger und schmerzhafter Prozess sein, Zwänge abzulegen. Wie motivieren Sie ihre Patienten?

„Hör einfach auf damit!“ haben meine Patienten von Angehörigen in der Familie schon zu Genüge gehört. Einfühlsame Motivation zur Reizkonfrontation ist der alles entscheidende Schlüssel. Ich sage stets „Der Zwang hält nicht, was er verspricht, sondern verursacht meistens das genaue Gegenteil!“

Wer sich stundenlang die Hände wäscht, wehrt damit keine Krankheitserreger ab; im Gegenteil, die Haut wird papierdünn durch exzessives Waschen und verliert ihre natürliche Abwehrfunktion gegen Viren und Bakterien. Kontrollrituale, um Unsicherheit beim Autofahren zu neutralisieren, lenken eigentlich nur ab und steigern das Unfallrisiko. Je besser Therapeuten die Nachteile des Zwanges herausarbeiten, desto größer sind die Chancen auf Erfolg.

Was würden Sie Angehörigen raten, die glauben, dass eine nahestehende Person unter einer Zwangskrankheit leidet?

Angehörige profitieren davon, wenn sie gut informiert sind. Sie müssen wissen, dass für die Behandlung einer Zwangserkrankung eine spezialisierte Klinik und ein erfahrener Therapeut erforderlich sind.

Zwangsbetroffene verlangen zur Erfüllung ihres Zwanges viele ungesunde Dinge, die Einhaltung krankmachender Regeln und Tabus. Mit einer Kombination aus Wertschätzung gegenüber dem Betroffenen und Abgrenzung von den zwanghaften Anforderung haben Angehörige die größte Aussicht auf Gesundung des Zwangskranken.

Was ist das Besondere an Ihrem Buch „Zwänge bewältigen“?

In meinem Buch „Zwänge bewältigen“ schildere ich die Strategien, mit denen ich meine Zwangspatienten zur Durchführung einer selbstbestimmten Reizkonfrontation motiviere. Dabei wird auch deutlich, wie wichtig es ist, einen Teil der Therapie in den eigenen vier Wänden des Patienten zu machen. Als niedergelassener Therapeut besuche ich meine Patienten häufig auch zu Hause, also da, wo auch viele Ihrer Zwänge wohnen. Das motiviert die betroffenen Leser sicherlich auch.

Im zweiten Teil des Buches erzählen vier meiner ehemaligen Zwangspatienten aus ihrer eigenen Perspektive den Verlauf ihrer Entwicklung, vor, während und nach unserer Therapie. Bestimmt finden die Leser Parallelen zu ihrem eigenen Leben oder dem ihrer Angehörigen oder Klienten.

Für wen ist Ihr Buch interessant?

Ich habe mich bemüht, das Buch in einer verständlichen Sprache zu schreiben, mit einem Minimum an Fachchinesisch, und gleichzeitig den neuesten Stand der Forschung darzustellen. Es enthält die wichtigsten aktuellen Informationen, die Betroffen benötigen, um ihre Zwänge zu bewältigen. Dadurch wird dieses Mutmach-Buch für alle Betroffenen und Angehörige interessant.

Gleichzeitig ermöglicht es allen Kolleginnen und Kollegen, die noch nicht so viel Erfahrung in der Behandlung Zwangserkrankter haben, sich einen schnellen Überblick über das Thema zu verschaffen und wichtige Hinweise zum Umgang mit Betroffenen zu erhalten.

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