05.12.2016

GEGEN DIE ERSCHÖPFUNG Mutter-Kind-Kuren gegen Burn-Out: Wenn Mamas die Puste ausgeht

Woher kommt die Erschöpfung der Mütter heute?

Foto: iStock/skynesher

Woher kommt die Erschöpfung der Mütter heute?

Job, Familie, Haushalt - jede fünfte Mutter steht kurz vor dem Burn-out. Kein Wunder, dass Mutter-Kind-Kuren ein Comeback erleben. Woher die Belastung kommt und wie eine Kur helfen kann - das erzählen Frauen hier..

Es fühlte sich irgendwann an, als sei das Stromkabel gezogen worden: Die Energie war einfach aufgebraucht. Die Erschöpfung hatte sich stückweise in das Leben von Bianca M. (37) geschlichen. „Nach der Geburt von Moritz war ich noch mit 80 Prozent an die Klinik zurückgekehrt“, erzählt die Unfallchirurgin im BILD der FRAU-Interview. „Wir brauchten das Geld. Und ich arbeite auch einfach gern.“

Doch mit den 24-Stunden-Diensten wurden schnell 70 Stunden-Wochen daraus. Dazu die Renovierung des altes Bauernhauses, die kranke Schwiegermutter, die Geburt des zweiten Kindes. „Ein Jahr später waren mein Mann und ich so fertig, dass keiner den anderen mehr entlasten konnte.“

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Jede fünfte Mutter vor dem Burn-Out

Wie Bianca geht es immer mehr Müttern in Deutschland. Laut Statistik steht jede fünfte kurz vor dem Burn-out. Manche haben Schlafstörungen und Kopfschmerzen, andere sind nervös, depressiv, können nicht mehr entspannen.

Kein Wunder, dass die Nachfrage nach Mutter-Kind-Kuren laut Müttergenesungswerk seit 2011 von 39 000 auf 49000 stieg. Bianca fuhr im Sommer in die Klinik Lindenhof am Altmühlsee. Kein Kochen, Waschen, Bügeln - dafür Rad fahren, ausruhen, das Leben reflektieren. „Wenn die Kinder mittags schliefen, bekam ich Massagen, medizinische Bäder und Kneippkuren, lernte Stressbewältigungsstrategien und wie gut Yoga meinem Rücken tut.“

Mütter wollen alles richtig machen - bis an ihre Grenzen

Woher kommt die Erschöpfung der Mütter heute? Beatrix Lichtenberger (60), Leiterin der Mutter-Kind-Klinik „Marianne von den Bosch Haus“ in Goch: „Die Gesellschaft erwartet zunehmend perfekte Kinder. Das stresst. Parallel fehlen Unterstützung und Vorbilder, wie man erzieht oder Arbeit mit dem Partner teilt, da wir aus immer kleineren, oft getrennten Familien kommen. Und: Mütter wollen immer alles richtig machen.“

Vor allem haben sie verdammt viel zu tun. Geno (41) ist alleinerziehend mit vier Kindern und Altenpflegerin. „Ich fange um 6.15 Uhr an, nachmittags koche und putze ich, fahre die Kinder zum Fußball, zum Schwimmkurs, zum Arzt, zu Freunden, wasche jede Woche acht Trommeln Wäsche.“

Ganz hart wird es, wenn dann noch die eigenen Eltern Hilfe brauchen. Arzthelferin und Vierfach-Mama Claudia pflegte jahrelang neben dem Familienalltag noch ihre Mutter. „Sie erkrankte mit 58 nach der Geburt unserer Zwillinge an Demenz. Die Mama und Oma, die immer für uns da war, wurde zum fünften Kind. Das hat mich psychisch stark belastet.“

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In der Sylter Inselklinik tankte Claudia mit zwei ihrer vier Kinder auf. „Die Jungs genossen die Zeit mit mir. Und ich konnte mal ohne schlechtes Gewissen allein spazieren oder in die Sauna gehen, mich mit anderen Müttern austauschen.“ Jetzt hab ich wieder Kraft, kann mir die Rückkehr ins Berufsleben vorstellen.“

Zahnarzthelferin Edina (34), früher so gestresst von Job, Haushalt und Kinderbetreuung, dass sie Albträume und Haarausfall bekam, erkannte im Gespräch mit der Kur-Psychologin: „Viel Druck mache ich mir selbst. Dabei muss zu Hause ja nicht alles perfekt sein!“ Heute lässt sie manche Hausarbeit einfach weg. „Ich bügele nicht mehr, lese wieder und verbringe mit jedem Kind einmal pro Woche Zeit allein. Dadurch sind alle zufriedener geworden - und ich entspannter.“ JANA HENSCHEL

So bleiben Sie bei Kräften

EXPERTENTIPPS von Beatrix Lichtenberger (60) Leiterin der Mutter-Kind-Klinik „Marianne von den Bosch Haus“ in Goch

Planen Sie Ihren Tag. Feste Zeiten fürs Essen, Schlafen und Arbeiten helfen beim Entspannt-Bleiben. Planen Sie großzügig, mit Kindern kommt oft was dazwischen.

Gönnen Sie sich Pausen. Bei aller Fürsorge für die Kinder: Nehmen Sie sich auch Zeit für eigene Bedürfnisse, machen Sie täglich kleine Pausen, und wenn es nur für einen Kaffee ist. Gönnen Sie sich Zeit für Hobbys, Sport, Entspannung, Treffen mit Freunden.

Trauen Sie sich, „Nein“ zu sagen. Entscheiden Sie, was in Ihrem Leben wichtig ist. Nehmen Sie Ihre Grenzen wahr, setzen Sie Grenzen.

Suchen Sie Unterstützung. Teilen Sie Aufgaben unter Angehörigen auf. Nehmen Sie Hilfe von Freunden und Verwandten an. Professionelle Unterstützung gibt’s kostenfrei bei Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände (z. B. Elterntraining).

Vertrauen Sie sich selbst. Haben Sie Vertrauen in eigene Fähigkeiten. Setzen Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch an. Genießen Sie bewusst die schönen Momente mit Ihrem Kind. Und: Bleiben Sie optimistisch.

INFO

Die Kosten einer Kur übernimmt die Krankenkasse, Patienten zahlen 10 €/Tag zu. Weitere Infos unter www.muettergenesungswerk.de.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in der BILD der FRAU Nr. 43.

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