01.11.2016

Sinn oder Glück Ist für uns Sinnhaftigkeit wertvoller als Glückseligkeit?

Diana Pieper

Was macht uns glücklich?

Foto: iStock/Petar Chernaev

Was macht uns glücklich?

Clara Maria Bagus schreibt in ihrer poetischen Erzählung "Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen" über die Sinnsuche. Wir hatten Fragen.

bildderfrau.de: Würden Sie sich bitte kurz unseren Leserinnen und Lesern vorstellen und uns erzählen, was Sie beruflich machen?

Clara Maria Bagus: Ich habe in Deutschland und in den USA Psychologie studiert und war einige Zeit in der Hirnforschung tätig. Daraufhin lebte ich einige Monate in Australien und Neuseeland. In den vergangenen Jahren führte ich ein Unternehmen im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung und arbeitete in Europa, Südamerika und Asien. Heute bin ich glückliche Schriftstellerin.

In Ihrem Buch „Vom Mann der auszog, um den Frühling zu suchen - Eine Reise zur Leichtigkeit“ geht es um einen Mann, der in einer grauen, kalten Winterlandschaft lebt. Ein plötzlich auftauchender, farbenfroher Vogel bringt die Bäume zum Blühen und trägt den Frühling in das Leben des namenlosen Mannes. Als der Vogel davonfliegt, macht sich der Mann auf die Suche nach ihm und erlebt eine Reise voller eindrucksvoller und prägender Erfahrungen. Wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Buch?

In meiner Arbeit war ich oft mit Fragen zur Sinnsuche konfrontiert. Immer wieder sind mir Menschen auf der Suche nach sich selbst, nach dem roten Faden ihres Lebens, begegnet. Auch wenn die Lebensgeschichten unterschiedlicher Natur waren, ging aus ihnen hervor, dass die heutige, moderne Zeit von sich aus keinen Sinn anbietet.

Die Fülle an allem bringt Orientierungslosigkeit und innere Leere mit sich. Also ging ich meinen Gedanken nach, wie man persönlich Sinn finden, die Leere füllen und zu einem guten Leben finden kann. Daraus ist die Idee zu meinem Buch entstanden.

Sie haben Psychologie studiert und sind viel gereist. In ihrem Buch geht es um die Reise zu sich selbst, die Hauptfigur begegnet auf ihrer Suche nach dem Vogel unterschiedlichen Menschen und macht wichtige Erfahrungen. Wie können wir lernen, die richtigen Schlüsse aus unseren Beobachtungen zu ziehen und auch schon aus kleinen, scheinbar unbedeutenden Erfahrungen etwas Positives mitzunehmen?

Welche Schlüsse wir aus unseren Beobachtungen ziehen, hat etwas damit zu tun, wie wir die Welt sehen. Jeder Mensch konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit. Je nach Charakter, Erfahrungen, Deutungen, zimmert sich jeder seine eigene Welt. Die Haltung, die ein Mensch dem Leben gegenüber entwickelt, ist entscheidend dafür, wie er sich fühlt und wie viel Positives er einer Situation abgewinnen kann. Andersherum betrachtet: Was hindert uns daran, richtige Schlüsse für unser Leben zu ziehen?

Erstens Vergleichen: Vergleiche mit anderen führen zu falschen Schlüssen, da das Bild, was man sich von anderen macht, nie vollständig ist. Von Außen sieht man nie, was sich wirklich „hinter“ dem Leben eines anderen verbirgt. Vergleiche mit anderen Menschen funktionieren daher aus Prinzip nicht. Zulässig ist allein der Vergleich zwischen dem, der man ist, und dem, der man sein will.

Zweitens Beurteilen: Nichts ist gut oder schlecht. Keine Sache der Welt hat jenseits unserer Bewertungen Eigenschaften. Das ist eine unerhört befreiende Perspektive. Jeder Einzelne hat die Freiheit, der Welt ganz persönliche Bedeutungen zu geben.

Wie entscheiden wir, was wirklich wichtig ist im Leben und was nicht?

Wichtig im Leben sind die Dinge, die Sinn stiften. Wir verwechseln das oft mit Dingen, die uns glücklich machen. In meinen Augen ist das unentwegte Streben nach Glück überbewertet. Es gibt einige Dinge im Leben, die nicht immer glücklich machen, aber dennoch Sinn stiften. Meine zweieinhalbjährigen Zwillingsjungs zum Beispiel. Sie machen mich nicht immer glücklich, stiften jedoch Sinn.

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Sinnhaftigkeit ist wertvoller als Glückseligkeit, denn Sinn ist stabiler als Glück. Wenn man den Sinn für sich gefunden hat, ist man nicht mehr so abhängig von zufälligen Momenten. Glück hingegen ist sehr fragil. Ein glücklicher Moment taucht aus dem Nichts auf und verschwindet im Nu auch wieder. Das unentwegte Streben nach Glück bringt uns weg von uns selbst. Wir suchen im Außen und erwarten von der Welt ein gutes Gefühl.

Das macht uns von äußeren Umständen abhängig. Wenn wir hingegen Sinn suchen, konzentrieren wir uns auf uns selbst. Wir nehmen uns Zeit und Ruhe herauszufinden, was uns ausmacht. Das bringt unsere Seele ins Gleichgewicht. Und wenn wir in unserer Mitte sind, tun wir automatisch Dinge, die zu uns passen, die uns wichtig sind. Dann verschwindet die krampfhafte Jagd nach dem Glück, und die Glücksmomente stellen sich stattdessen automatisch ein.

Sie glauben an die Kraft, die in jedem von uns stecken soll. Wie kann man sich dieser Kraft und seiner eigenen Stärken bewusst werden?

Zu allererst ist ein freundlicher, nachsichtiger Umgang mit sich selbst hilfreich. Wir sind alle Opfer der modernen Zeit mit ihren Idealvorstellungen. Wir fühlen uns als die Getriebenen. In Wahrheit treibt uns niemand an, diesen Idealvorstellungen nachzujagen. Wir selbst sind es, die uns unter Druck setzen.

Darum meine Empfehlung: Seien Sie friedvoller aber gleichzeitig ehrlicher mit sich. Achten Sie darauf, was Ihnen gut tut und was nicht. Manchmal gibt es mehr Kraft, Dinge, die uns nicht gut tun, aus dem Leben zu verbannen, als das Leben mit weiteren Dingen anzureichern, die uns ein gutes Gefühl geben.

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Da unser Leben das Einzige ist, was wir haben, sollten wir alles dafür tun, um das Meisterstück unserer selbst zu sein, statt das Imitat eines anderen.

Auch Träume spielen in Ihrem Buch eine wichtige Rolle. Was können wir aus unseren Träumen lernen?

Ich glaube, jeder Mensch wird mit seinen eigenen Träumen geboren, die er auch in Wirklichkeit verwandeln kann. Vorausgesetzt, er schafft es, ganz bei sich zu sein. Ich meine damit nicht inflationäre, austauschbare Träume, die viele Menschen haben: schön, gesund, reich zu sein. Sondern ich meine damit Träume, die einzig einem Menschen zugehörig sind. Es gibt so viele einzigartige Träume, wie es Menschen gibt.

Träume – und hier meine ich bewusste Tagträume – sind unendlich reich an Möglichkeiten. Es tut gut, sich ab und zu aus der Welt der Wirklichkeit in die Welt der Träume zurückzuziehen. Während die Wirklichkeit mit eng begrenzten Spielräumen für ein glückliches, gutes Leben erlebt wird, öffnen Träume unseren Blick für neue Möglichkeiten.

Sie geben Hoffnung und sind für die psychische Gesundheit unerlässlich. Beim Träumen verlieren sich Ängste, Sorgen, Ungewissheiten. Alles wird möglich. Träume brechen den Tunnelblick auf. Sie zeigen Wege auf, wie wir uns aus dem eigenen Lebenswirrwarr befreien können. Träume helfen uns, zu einem neuen Leben aufzubrechen.

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„Eine Reise zur Leichtigkeit“ heißt es im vollständigen Buchtitel. Welche Rolle spielt Leichtigkeit in unserem Leben?

Wir Menschen laufen oft mit gebrochenen Flügeln durch die Welt. Je älter wir werden, desto mehr lädt uns das Leben oder das Schicksal auf die Schultern, das wir tragen und ertragen müssen. Leichtigkeit ist für mich, wenn es gelingt, alles, was unseren Seelenfrieden und unser inneres Gleichgewicht stört, aus unserem Leben auszusieben.

Es bedeutet nicht, ohne Sorgen, Probleme oder Nöte durch die Welt zu spazieren, denn die gehören zum wahren Leben. Aber es bedeutet, sich von Dingen, Menschen, Lebensumständen zu befreien, die nicht zu uns passen und uns nicht gut tun.

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Die Reise des Mannes ist auch von Niederlagen und Fehlschlägen geprägt. Was können wir aus Fehlern und negativen Erfahrungen lernen?

Von großer Bedeutung ist sicher erst einmal, die Polarität des Lebens zu akzeptieren, so wie sie ist. Es gibt im Leben eines jeden Menschen gute und schlechte Zeiten. Erfolge und Misserfolge. Freude und Schmerz. Dennoch spielt die eigene Haltung dem Leben gegenüber die entscheidende Rolle, wie wir mit Niederlagen und Fehlschlägen umgehen. Ein Fehler wird nur dann zu einem Fehler, wenn wir nicht daraus lernen oder nicht versuchen, Fehlentscheidungen zu korrigieren.

Negativen Erfahrungen verdanken wir oft wichtige Einsichten und Reifungsprozesse unserer Persönlichkeit. Und auch eine Niederlage muss nicht negativ sein: Der Protagonist in meinem Buch entwickelt im Laufe seiner Reise eine gesündere Haltung zu den Geschehnissen: „Vielleicht ist jede Niederlage nur das Ende von etwas Falschem und der Neubeginn von etwas Richtigem.“

Wie wichtig ist es, feste Ziele zu haben und diese auch zu verfolgen?

Ziele sind Treibstoff für die aktive Gestaltung unseres Lebens. Sie helfen, unserer Wirklichkeit die Form zu geben, die uns das Leben als ein gelungenes empfinden lässt.

Ihre Sprache ist sehr bildhaft und fantasievoll. Haben Sie ein modernes Märchen geschrieben?

Die Form des Erwachsenen-Märchens habe ich bewusst gewählt, da im Märchen alles möglich ist. Der Leser darf sich gedanklich aus Konventionen und engen Schranken befreien, den Blick öffnen, um sich nach der Lektüre auf neue Wege zu begeben. Mir war wichtig, ein sanft atmendes Buch, einen stillen Roman zu schreiben, der den Leser in eine Welt ohne Zeit und Namen entführt und bei sich selbst ankommen lässt.

Verarbeiten Sie in Ihrem Buch auch Ihre eigenen Erfahrungen?

Ich denke, in jeden Roman fließt Persönliches ein. Die „Schule des Lebens“ hat mir von klein auf einschneidende Schläge des Schicksals zugeteilt. Die haben mich tief fallen lassen aber auch das Aufstehen gelehrt.

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Der Vogel steht für den Frühling im Leben der Hauptfigur, für Neuanfang und Wärme. Verraten Sie unseren Leser/innen noch eins – wie gelingt es, den Frühling zu finden?

Frühling ist die Zeit des Erwachens und Aufbrechens. Wir Menschen brauchen immer wieder einen selbstgesetzten Weckruf, einen eigenen Aufruf, uns auf das Wesentliche zu besinnen. Mut zum Aufbruch und Neubeginn bringt uns dem persönlichen Frühling näher. Und die Vögel können uns daran erinnern, nicht mit gefalteten Flügeln durchs Leben zu gehen, sondern uns aufzuschwingen zu unseren ganz persönlichen Möglichkeiten.

Wer sollte Ihr Buch unbedingt lesen, an wen richtet es sich?

Das Buch richtet sich an Menschen, die nach Orientierung und Sinn in Ihrem Leben suchen. Die Erzählung wirft eine liebevolle Sichtweise auf den Menschen in all seinen Irrwegen und Sackgassen. Sie zeigt, dass die Lebenswinde jeden von uns irgendwann mal vom eigenen Weg abtreiben. Dass wir unweigerlich in Stürme geraten, die uns aus dem Leben reißen, fort treiben und uns dort fallenlassen, wo wir nicht sein wollen.

Das kommt in jedem Leben vor. Das Buch soll ermöglichen, mit sich selbst Frieden zu schließen. Es ist eine Anleitung zum gelingenden Leben – ganz unabhängig davon, wie alt der Leser ist und in welcher Stimmungslage er sich zu Beginn der Lektüre befindet.

Im Buch findet der Protagonist selbst heraus: „Wenn dir ein Weg verschlossen ist und du glaubst, in deinem Leben nicht vorwärtszukommen, dann dreh dich um und sieh, welche Weite sich vor dir öffnet. Niemals im Leben wird dir so viel versperrt sein, dass nicht noch unendlich mehr Möglichkeiten auf dich warten.“

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