Aktualisiert: 15.07.2021 - 18:02

Thermokoagulation Rückenschmerzen? Diese Behandlung wirkt ganz gezielt

Der Schmerz kann am Rücken an vielen Stellen sitzen. Oft steckt Gelenkverschleiß rund um die Wirbelsäule dahinter. Was helfen kann, ist die Thermokoagulation, bei der Schmerzfasern schonend und minimal-invasiv verödet werden.

Foto: Getty Images/pedro arquero

Der Schmerz kann am Rücken an vielen Stellen sitzen. Oft steckt Gelenkverschleiß rund um die Wirbelsäule dahinter. Was helfen kann, ist die Thermokoagulation, bei der Schmerzfasern schonend und minimal-invasiv verödet werden.

Manchmal treten Rückenschmerzen ja eher diffus auf. Dann wieder merkt man ganz genau, wo der Schmerz sitzt. Die Ursachen sind jeweils vielfältig, nicht jede Therapie aber hilft. Eine Therapieform ist noch relativ unbekannt – unser Experte schwört aber darauf.

Hand auf's Herz (oder auf den Rücken): Wie oft leiden Sie an Rückenschmerzen? Unser Kreuz ist wohl der Körperbereich, der den meisten Menschen der heutigen Zivilisation zu schaffen macht. Während bei den einen die Überlastung durch körperliche Arbeit schuldig ist, leiden andere an zu wenig Bewegung durch häufiges Sitzen oder Stehen. Verspannungen, Verdrehungen oder Überlastungen bis hin zum Verschleiß sind die Folge. Doch Operation oder Spritze muss nicht immer sein und auch das Einrenken hat nicht nur Fans unter Medizinern.

Was aber hilft? Dass Wärme gut tun, wissen die meisten. Doch ein Wärmekissen oder eine Wärmflasche sind mitunter zu schwach. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, die Dr. Reinhard Schneiderhan, Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums in München-Taufkirchen vorstellt: Die Thermokoagulation bei Rückenschmerzen kann auch jenen helfen, die bisher erfolglos jegliche anderen Therapien hinter sich gebracht haben und bereits lange Zeit an Schmerzen leiden.

Thermokoagulation: Mit gezielter Hitze gegen den Rückenschmerz

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit und dabei so individuell ausgeprägt wie jeder einzelne von uns. Kein Wunder: Unser Rücken trägt uns mit seinen zahlreichen Muskeln, Knochen, Bändern und Nerven durchs Leben. Jeder Teil davon hat seine Aufgabe – kann aber auch entsprechend Probleme bereiten, wenn er in der Ausübung seiner angedachten Tätigkeit gehindert wird oder einfach nicht mehr so mitmachen kann wie einst.

Millionen Menschen betrifft der Rückenschmerz mindestens einmal im Leben. "Sehr viele von ihnen leiden sogar chronisch und genau diesen Patienten kann die Thermokoagulation helfen", erklärt Dr. Schneiderhan. Der Clou: Es werden genau die Schmerzfasern ausgeschaltet, die die Rückenschmerzen verursachen.

Wie funktioniert die Thermokoagulation?

Chronische Rückenschmerzen rühren meist von Verschleißerscheinungen rund um die Wirbelsäule, insbesondere Gelenkverschleiß. Vor allem zu nennen sind hier Kreuz- und Darmbein und die Facettengelenke. Hier befinden sich Fasern, die Schmerz gut leiten, durch den Gelenkverschleiß aber ständig gereizt werden. Genau dort setze die Thermokoagulation an, erklärt Dr. Schneiderhan. "Die im Bereich der verschlissenen Gelenke liegenden Schmerzfasern können wir gezielt mit Hitze behandeln. Wir unterbrechen die Leitfähigkeit der dort verlaufenden Schmerzfasern und das führt zu einer sofortigen Linderung der Beschwerden und meist sogar zur völligen Schmerzfreiheit."

Der Name Thermokoagulation verrät bereits viel: Thermo kommt von griechisch thermós: warm, heiß. Koagulation wiederum kommt aus dem Lateinischen (coagulare: gerinnen). Das Verfahren beschreibt also das Gerinnen bzw. Ausflocken durch Wärme. Genauer gesagt: Durch Wärme wird hier etwas "verflüssigt". Aber was?

Durch hochfrequente elektrische Ströme entsteht punktuell Hitze im behandelten Gewebe. Durch die Temperaturen wird das Gewebe zerstört. Das klingt erst einmal grausam und gefährlich, ist jedoch genau das, was erreicht werden soll. Das Gewebe wird zerstört und verflüssigt, genauer gesagt die schmerzleitenden Fasern. Dadurch, dass die Therapie punktuell geschieht, wird kein umliegendes, nichtbetroffenes Gewebe zerstört.

Was passiert beim Eingriff?

Der Eingriff geschieht minimal-invasiv unter örtlicher Betäubung der betroffenen Wirbelsäulenabschnitte. Mithilfe bildgebender Verfahren wird dann eine Thermosonde bis zu den betroffenen Nervenfasern geführt, die den Schmerz auslösen. Wie das klappt, erklärt Dr. Schneiderhan: "Um sicherzugehen, dass wir tatsächlich an der zu behandelnden Schmerzfaser liegen, müssen wir diese kurz stimulieren." So werde ermittelt, ob auch die richtige Faser behandelt wird, die den Schmerz auslöst. Im Anschluss gibt es eine Betäubung des zuvor stimulierten Bereiches. Die Sondenspitze wird nun auf bis zu 80 Grad Celsius erhitzt. Diese Hitze verödet die schmerzenden Nervenfasern. Im Anschluss sind sie nicht mehr in der Lage, Schmerzsignale weiterzuleiten.

Da der Eingriff wie gesagt minimal-invasiv erfolgt, reicht es, kurz stationär behandelt zu werden. Patient:innen werden während der Behandlung lediglich in eine leichte Dämmerschlafnarkose gesetzt. Nach einer Stunde ist der Eingriff in der Regel überstanden und es geht ans Aufwachen.

Wie lange hält die schmerzfreie Phase?

Die Thermokoagulation wird Dr. Schneiderhan zufolge weltweit erfolgreich eingesetzt als sicheres, schonendes und wirksames Verfahren und verspricht einen Erfolg von rund 80 Prozent. Schmerzmittel sind danach in den meisten Fällen erst einmal passé, was dem ganzen Körper zugutekommt. Denn mit Schmerzmittel-Abhängigkeit ist nicht zu spaßen.

Doch es gibt einen Nachteil: Der Behandlungserfolg stellt sich zwar schnell ein, ist aber nicht von Dauer. Denn – eigentlich zum Glück – regenerieren sich unsere Nervenfasern. Das gilt entsprechend auch für die verödeten Schmerzfasern. Erneut können sie dann vom Gelenk gereizt werden und mit der Zeit wieder Schmerzen bereiten. "Trotzdem ist die Thermokoagulation einer großen Operation vorzuziehen", findet Dr. Schneiderhan, der übrigens an der Weiterentwicklung des Verfahrens mitbeteiligt war. Man könne sie schließlich dann einfach nochmal durchführen. Interessant dazu: Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten bei diagnostizierten Schmerzen.

Der Rücken schmerzt – und viele fragen sich: was tun, ohne gleich groß operieren zu müssen? Tipps gibt's im Video:

Was tun gegen Rückenschmerzen
Was tun gegen Rückenschmerzen

Für wen eignet sich die Thermokoagulation als Therapie?

Wie bei jeder Therapieform ist auch die Thermokoagulation nicht für jede:n Patient:in geeignet – leider gibt es kein Allheilmittel gegen Rückenschmerzen. Doch es gibt eine ganze Gruppe, für die das Verfahren in Frage kommt: die mit chronischen Rückenschmerzen, die mittlerweile mit keinen anderen Therapieversuchen mehr Erfolge erzielen.

Der große Vorteil: Es braucht keine lange Heilungsphase, Patient:innen sind sofort nach dem Eingriff wieder im normalen Leben und können wie gewohnt schalten und walten. Jedoch ist eine Physiotherapie im Anschluss wichtig, da die Rücken- und Rumpfmuskulatur bei Gelenkproblemen unbedingt gekräftigt werden muss. Nur so lassen sich Fehl- und Überbelastungen nachhaltig vermeiden und der Wirbelgelenkverschleiß kann nicht weiter voranschreiten. Und die Rückenschmerzen bleiben nachhaltig ein Thema der Vergangenheit.

Bei dieser Erkrankung wird die Thermokoagulation bereits regelmäßig eingesetzt: Wie das Facettensyndrom Rückenschmerzen auslöst, erklärt uns ebenfalls Dr. Schneiderhan im Gespräch. Fragen Sie am besten bei Ihren behandelnden Ärzten nach, welche Therapiemethoden für Sie infrage kommen, sollten Sie unter chronischen Schmerzen leiden, ob nun Beschwerden im unteren Rücken oder Schmerzen im oberen Rücken. Auch interessant: Daran erkennen Sie die häufigsten Rückenleiden!

Zum Experten: Dr. Reinhard Schneiderhan ist bereits seit 1993 niedergelassener Orthopäde. 1996 gründete er die MVZ Praxisklinik Dr. Schneiderhan & Kollegen als interdisziplinäres Kompetenzzentrum für Wirbelsäulenschmerzmedizin. Mehr Infos finden Sie unter www.orthopaede.com.

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