Aktualisiert: 12.06.2021 - 21:21

Nicht nur Corona Kinder impfen lassen oder Krankheit durchstehen? Eine Entscheidungshilfe

Pflaster drauf: Wie sinnvoll ist es, Kinder impfen zu lassen? Ist die natürliche Erkrankung nicht besser? Gewisse Skepsis ist gesund, aber sie sollte nicht zum Leid eines Kindes überwiegen.

Foto: Getty Images/Westend61

Pflaster drauf: Wie sinnvoll ist es, Kinder impfen zu lassen? Ist die natürliche Erkrankung nicht besser? Gewisse Skepsis ist gesund, aber sie sollte nicht zum Leid eines Kindes überwiegen.

"Gewisse Krankheiten sollten Kinder einfach durchmachen, um das Immunsystem zu stärken." Diesen Satz hört man immer und immer wieder. Aber ist der überhaupt so korrekt? Die Antwort ist gar nicht so einfach zu geben, auch wenn sie relativ klar ist.

Einmal durch, kommen die Windpocken nie wieder – heute wissen wir: das ist so nicht richtig. Zwar ist die Kinderkrankheit selbst nur ein einmaliges (wenn auch sehr unangenehmes) Erlebnis. Doch einmal infiziert, können die die juckenden Pusteln auslösenden Viren noch lange Zeit später schmerzhafte Probleme machen: nämlich die Gürtelrose. Ähnlich hat sich das mit diversen anderen Krankheiten auch, von denen man einst davon ausging, dass man sie als Kind einfach durchmachen muss. Das einzige, was hilft: eine Impfung, sofern sie denn existiert. Doch die wird – auch außerhalb aktueller Diskussionen um Covid-Schutzimpfungen – in manchen Kreisen noch als kritisch angesehen. Sollte man sein Kind impfen lassen oder lieber die Erkrankung in Kauf nehmen?

Kind impfen lassen? Die Krankheit ist nicht immer der bessere Weg

Akut tritt die Frage derzeit wieder im Zuge der Impfungen gegen das Coronavirus auf. Zwar hat die Ständige Impfkommission erst einmal von einer generellen Empfehlung der Impfung für Kinder ab 12 Jahren abgesehen und empfiehlt stattdessen bisher nur vorerkrankten Kindern den Piks. Ausgeschlossen sind die Impfungen für Kinder und Jugendliche in diesem Alter aber nicht: Nach vorheriger Rücksprache mit behandelnden Ärzt:innen und Risikoanalyse sowie nach Willen des Kindes und der Erziehungsberechtigten darf auch ein Kind ab 12 gegen Covid-19 geimpft werden, das eigentlich gesund ist.

Vielen stellt sich daher akut die Frage, ob man sein Kind impfen lassen soll. Für viele, insbesondere frischgebackene Eltern, ist die Frage jedoch eine generelle. Denn die Angst ums Kind wird mitunter auch von Impfskeptikern und Impfablehnern geschürt, die ihre Meinung zu Impfungen gerne sehr präsent kundtun. Da fällt eine objektive Abwägung schwer. Das dachte sich auch die Twitternutzerin @BMauschen, die zwar keine Kinderärztin oder Immunologin ist, wie sie selbst sagt, sondern im Labor arbeitet, aber das Ganze aus wissenschaftlicher Sicht einmal genauer betrachtet hat – und damit einen recht guten Leitfaden als Entscheidungshilfe mitgibt.

"Kinderkrankheiten" sind gar nicht so gefährlich? Von wegen!

Sie teilt in ihrem 26-teiligen Twitter-Thread die diversen Argumente gegen und für Impfungen von Kindern und startet mit dem wohl einfachsten: Eine "natürliche" Infektion sei besser als die "künstliche" Impfung. Das klingt erst einmal einfach zu glauben – doch sie entkräftet direkt: "So sympathisch diese Sicht manchen ist, so wenig taugt sie als Argument und kann eigentlich nur überleben, wenn man die Auswirkungen von Krankheiten unterschätzt."

Gerade bei Kinderkrankheiten ist das ein Problem. Sie gelten oft noch als harmlos, sind es aber gar nicht. Man bezieht sich dabei nämlich eher "auf die frühere Unvermeidlichkeit hoch ansteckender Krankheiten – und gerade die müssen wir heute nicht mehr hinnehmen."

Allerdings ist es tatsächlich so, dass manche dieser Krankheiten harmloser sind, wenn man sie als Kind bekommt. So können die Windpocken auch Erwachsene treffen, ebenso wie die Masern, und das ungleich härter. Ähnliches sehen wir derzeit wieder am Coronavirus: Kinder werden seltener schwer krank. Aber: Es gibt durchaus schwere Fälle, und eine Impfung kann auch diese Fälle verhindern. "Eine Impfung vermittelt die nötige Immunität, um das Kind auch als Erwachsenen zu schützen und vermeidet dabei auch die Risiken einer Infektion als Kind", schreibt @BMauschen. "Besser als Kind durchmachen als als Erwachsener" mag entsprechend zwar stimmen, aber noch besser ist es, die Infektion auch als Kind nicht erleben zu müssen, aber trotzdem langfristig geschützt zu sein – eben durch eine Impfung.

"Kinder müssen ihr Immunsystem ja aufbauen"?

Ein weiteres Argument zieht zu umfassende Hygiene heran. Kinder müssen ihr Immunsystem schließlich erst einmal aufbauen, oder? Das bedeutet also auch, dass sie Kontakt mit Bakterien und Viren brauchen. Oder? Was dabei einerseits unter den Tisch fällt: Auch Impfungen trainieren das Immunsystem, denn sie simulieren die Erkrankung oder zumindest einen Teil des Erregers. Das zeigt sich unter anderem an Allergien und Autoimmunerkrankungen. Hier lässt sich tatsächlich etwa anhand von Mäusen in sterilen Laborbedingungen zeigen, dass "zu saubere" Umgebungen anfälliger machen. Auch bei Kindern, die unter sehr hygienischen Bedingungen aufwachsen, lässt sich das beobachten.

Dass zu starke Hygiene langfristig einen Nachteil für unser Immunsystem bergen kann, lässt sich nicht von der Hand weisen. Aber das mit Impfungen zu verbinden, ist schlicht falsch. Denn Impfungen verhindern ja nicht den Kontakt mit Erregern. Sie helfen vielmehr dem Immunsystem auf die Sprünge und lehren es den Umgang mit dem Erreger, ohne den Nachteil und mögliche Folgen der Erkrankung mitnehmen zu müssen. Es zeigt sich sogar, dass Allergien und Autoimmunerkrankungen manchmal nach Erkrankungen, aber auch nach Impfungen gelegentlich kurzzeitig besser werden.

Hinzu kommt: Unser Immunsystem hat tagtäglich auch ohne diese wenigen bestimmten Krankheitserreger schon genug zu tun. Denn Impfungen betreffen nur einen geringen Teil von Erregern in unserer Umwelt. Und sind diese wenigen Erkrankungen wirklich sinnvoll für die Kindesentwicklung? Eher ist das Gegenteil der Fall – die Threaderstellerin nennt hier stellvertretend die Masern. Die nämlich können das Immunsystem sogar über Jahre schwächen. Die Masernimpfung hingegen senkt wissenschaftlich bewiesen die Sterblichkeit durch andere Erkrankungen (ext. Link zur Studie) – denn die Masern selbst bringen über Jahre hinweg viele mögliche Komplikationen mit sich.

Warum sind Masern eigentlich so gefährlich?
Warum sind Masern eigentlich so gefährlich?

Wir nennen zusätzlich die Windpocken, deren Erreger, Varizellen, im Körper ruhen kann und später die schmerzhafte Gürtelrose auslösen kann. Und diese Krankheit wiederum macht anfällig für weitere Probleme, etwa Schlaganfälle. Wer als Kind nicht an Windpocken erkrankt ist oder, noch besser, geimpft worden ist, senkt sein Risiko für Gürtelrose später drastisch. Varizellen sind eine . Ähnlich ist das übrigens auch mit dem Humanen Papillomvirus (HPV), dessen Impfung etwa vor Gebärmutterhalskrebs schützt.

Ist der natürliche Immunschutz wirklich stärker?

Dass viele Erkrankungen, einmal durchgemacht, einen gewissen Immunschutz mitbringen, ist bekannt. Bei manchen Viren etwa, wie den sehr wenig von Mutationen betroffenen Masern, stimmt das: ein zweites Mal erkrankt man nicht (abgesehen von Folgeerkrankungen durch die Maserninfektion). Auch beim Coronavirus scheint ein gewisser Immunschutz zu bestehen, der allerdings unter anderem durch die stärkere Mutationsfreudigkeit mit der Zeit sinken kann. Noch stärker ist dieses Phänomen bei der mutationsfreudigen Grippe und richtig stark beim HI-Virus – übrigens der Grund, warum es noch keine Aids-Impfung gibt.

Aktuelle Impftiter-Überprüfungen zeigen, dass der Immunschutz gegen das Coronavirus nach Covid-19 durchaus sehr hoch und langanhaltend sein kann – mitunter aber auch sehr schwach, etwa nach nur leichter Erkrankung. Die Varianz dazwischen ist sehr hoch. Bei Impfungen hingegen ist der Immunschutz auf einem relativ konstanten Niveau – zumindest bei Menschen mit normal ausgeprägtem Immunsystem. Anders sieht das etwa bei Menschen aus, deren Immunsystem durch Vorerkrankungen oder Medikamente oder aber das Alter sehr schwach ist. Umso wichtiger für die ist es, durch Impfungen der um sie herum lebenden Menschen mitgeschützt zu sein.

Gilt für alle, nicht nur für Kinder: Übrigens ist es aus diesen Gründen auch durchaus sinnvoll, sich nach bereits überstandener Covid-19-Infektion noch gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Denn auch wenn ein Grundschutz besteht, so ist er vor allem im Hinblick auf Mutanten möglicherweise nicht stark genug. Eine sogenannte Booster-Impfung hingegen scheint die Immunität stark zu erhöhen – und damit auch die Bildung weiterer Mutanten zu verhindern.

Krankheiten härten fürs Leben ab?

Der letzte Punkt, den die Twitter-Userin in ihrem Thread nennt, ist ein nicht-medizinischer: Lebenshürden wie Krankheiten härten ab und machen außerdem empathischer fürs weitere Leben. Das mag sein – aber muss es dafür unbedingt eine schwere Erkrankung wie die Masern, Diphtherie oder Polio sein? Ein Kind leidet auch unter einer Erkältung oder unter Durchfall stark, ohne davon bleibende Schäden davonzutragen – die bei den genannten Krankheiten nicht selten sind.

Sie drückt sich da sehr klar aus: "Leichte Erkrankungen als wichtigen Teil des Lebens sehen ist das eine, Kinder schweren Erkrankungen auszusetzen ist eher irgendwo zwischen Sadismus ('Ich musste das auch durchmachen') und im schlimmsten Fall an der Grenze zur Eugenik, wo man annimmt, dass sowieso nur die Schwächsten sterben. Auch hier gibt es also – zumindest nach meinem ethischen Verständnis – keinen Grund, Kinder Krankheiten auszusetzen, gegen die man hätte impfen können – wenn man der Erfahrung überhaupt einen Wert zuweist, denn auch auf andere Härten des Lebens kann man Kinder ja vorbereiten und sie empathisch für Leid machen, ohne sie erleben lassen zu müssen – kaum jemand würde heute Kriege und Hunger als wichtige Erfahrungen ansehen, obwohl diese lange als normale und teilweise wertvolle Erfahrungen galten!"

Fazit: Meist sind Impfungen die humanere und sinnvollere Wahl für Kinder

Sie fasst zusammen: "Ganz allgemein haben also zwar viele Argumente für 'Krankheit durchmachen statt Impfung' einen irgendwie wahren Kern, sind aber am Ende wenig überzeugend."

Eine Ausnahme gibt es, und die nennt @BMauschen auch zum Schluss: All die Argumente fürs Impfen gelten nur, wenn die Impfungen zugelassen bzw. empfohlen sind (darunter fällt in Zeiten einer Pandemie durchaus auch eine Notzulassung – denn die Bedrohungslage durch die Krankheit ist dann einfach viel größer als eine eventuelle Impfreaktion, die in den umfassenden Tests noch nicht aufgetreten ist). Ist ein Kind aber durch eine Immunschwäche oder z. B. eine Allergie einem höheren Risiko ausgesetzt, durch eine Impfung Schaden zu erlangen, kann man zwar davon ausgehen, dass die Erkrankung immer noch schwerer ausfallen würde. Aber dann wäre der vernünftigste Weg, das Kind (bzw. gilt das für jede Person, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden kann) besonders gut vor der Krankheit zu schützen. Und das funktioniert eben neben Hygiene vor allem dann, wenn möglichst alle Personen, die mit dem Kind Kontakt haben, geschützt sind. Und das wiederum klappt aus den genannten Gründen am besten durch Impfungen.

Am Ende kommt es immer darauf an, wie hoch das Risiko ist, überhaupt zu erkranken. Wer nicht in die Tropen fährt, muss sich hierzulande auch nicht gegen Tropenkrankheiten wie Malaria oder Gelbfieber impfen lassen. Da wären die Impfung bzw. die damit verbundene Immunreaktion quasi sinnlos. "Obwohl es auch hier besser wäre, geimpft zu sein, als die Krankheit durchzumachen", schreibt @BMauschen. Nur droht die Krankheit in diesen beiden Fällen hierzulande kaum. Bei Covid-19 sieht das im Anbetracht einer weltweiten Pandemie schon anders aus, und auch zu Masernausbrüchen kommt es immer mal wieder.

Schlussendlich bleiben Impfungen insbesondere für Kinder, aber auch für Erwachsene immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung, bei der die Einschätzungen von Institutionen wie der Ständigen Impfkommission (Stiko) allerdings helfen können. Und dann ist da immer noch das Gespräch mit (Kinder-)Ärzten, die eine individuelle Einschätzung geben können. Die oben genannten Punkte, da sind wir uns einig mit der Twitter-Nutzerin, sind aber eine wichtige Grundlage für diese Abwägung.

Leider kursieren rund um Impfungen immer wieder Falschnachrichten. Sie sind skeptisch bei der Impfung? Müssen Sie nicht – aus diesen Gründen!

Weiterlesen? Blick einmal umgekehrt: So erfolgreich und nützlich sind Impfungen.

Den gesamten Thread von @BMauschen finden Sie oben im eingebundenen Twittereintrag oder hier in der Threadreaderapp.

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