Aktualisiert: 05.06.2021 - 10:59

Expertin klärt wichtige Fragen Tag der Organspende: Wir müssen endlich mit Unklarheiten aufräumen!

"Ich schenk dir mein Herz" kann lebensrettende Bedeutung haben: Organspende ist wichtig, doch kaum jemand weiß um die Notwendigkeit. Zum Tag der Organspende klärt eine Transplantationsmedizinerin wichtige Fragen.

Foto: Getty Images/vchal

"Ich schenk dir mein Herz" kann lebensrettende Bedeutung haben: Organspende ist wichtig, doch kaum jemand weiß um die Notwendigkeit. Zum Tag der Organspende klärt eine Transplantationsmedizinerin wichtige Fragen.

Organspende rettet Leben – doch kaum jemand kennt sich wirklich damit aus, was für die Entnahme von Spenderorganen eigentlich wichtig ist. Mancher hat vielleicht sogar Angst davor, gar nicht "richtig" tot zu sein. Eine Transplantationsmedizinerin beschreibt im Interview, welche strengen Voraussetzungen gelten müssen und warum man keine Angst vor der Organspende haben muss.

Bald soll abgestimmt werden über die sogenannte doppelte Widerspruchslösung zur Organspende. Wer zu Lebzeiten nicht aktiv widerspricht, wird automatisch zum potentiellen Spender, sofern die Angehörigen nicht noch widersprechen. Gleichzeitig soll ein Organspenderegister entstehen, das bislang nicht existiert. Der Grund: Jährlich fehlen Tausende Organe, die Menschen das Leben retten könnten. Der Tag der Organspende am 5. Juni ist ein Grund mehr, über das Thema zu informieren.

Rund um die Organspende gibt es aber viele offene Fragen und Unklarheiten, nicht selten mit Ängsten verbunden. Dr. Ebru Yildiz ist Leiterin des Westdeutschen Zentrums für Organtransplantation der Universitätsmedizin Essen, plädiert für umfassendere, neutrale Aufklärung rund um das Thema und kann mit vielen Ängsten aufräumen. Im Interview mit BILD der FRAU erklärt sie, warum Organspende so wichtig ist und die Entscheidung dafür oder auch dagegen schnelleres und pietätvolleres Handeln ermöglicht.

Fragen rund um die Organspende: Eine Transplantationsmedizinerin gibt Auskunft

Kurz zusammengefasst: Warum ist das Thema Organspende so wichtig?

Dr. Ebru Yildiz: Eine Organspende ist oft die letzte Möglichkeit, sehr kranken Patient:innen zu helfen. Wir können ihnen durch ein neues Organ nicht unbedingt ihr altes Leben zurückgeben, aber wieder ein großes Stück normale Lebensqualität ermöglichen oder sogar ein Leben retten. Aktuell fehlt es jedoch oft an einem passenden Spenderorgan. Stellen Sie sich einmal vor, dass wir einem Krebspatienten eine heilende Chemotherapie vorenthalten müssten, weil die Wirkstoffe nicht verfügbar sind. Wenn kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht, fühlen wir als Transplantationsmediziner:innen uns genauso hilflos.

Postmortale Organspende ist nur in ganz bestimmten Fällen möglich

In welchen Fällen kann eine Organentnahme für die Organspende überhaupt in Betracht gezogen werden?

Yildiz: Die Organe für eine Transplantation werden nur entnommen, wenn Spender:innen dem zu Lebzeiten zugestimmt haben. Oder Angehörige beziehungsweise Bevollmächtigte tun dies nach dem Tod, wenn ein Nachweis über eine solche Zustimmung nicht vorliegt. So ist die aktuelle Rechtslage. Die Organspende kann entweder postmortal, also nach unumkehrbarem Ausfall aller Hirnfunktionen, der eine zwingende Voraussetzung ist, oder noch zu Lebzeiten erfolgen. Dann spricht man von einer Lebendspende, die beispielsweise bei einer Nierentransplantation möglich ist. Generell prüfen Mediziner:innen dann im Einzelfall, ob der Gesundheitszustand eine Organspende zulässt.

Bei einer postmortalen Organspende muss bei dem oder der Spender:in ein Hirntod vorliegen. Was genau bedeutet das?

Yildiz: Von einem Hirntod spricht man, wenn die gesamte Hirnfunktion unumkehrbar ausfällt. Das heißt, sämtliche Funktionen des Groß- und Kleinhirns sowie des Hirnstamms sind für immer erloschen. Da das Hirn alle elementaren Lebensfunktionen steuert, fallen diese dann aus. Ursache für einen Hirntod können direkte Schädigungen des Gehirns, wie Hirnblutungen, schwere Verletzungen des Kopfes oder ein Hirntumor sein. Es gibt aber auch indirekte Hirnschädigungen, die zu einer Minderversorgung des Gehirns mit Sauerstoff führen, wie zum Beispiel im Rahmen einer Reanimation.

Damit Organe entnommen werden können, müssen noch gewisse lebenserhaltende Maßnahmen laufen. Mancher Mensch hat daher die Befürchtung, dass man die Organentnahme spürt bzw. sogar mitbekommt und die Entnahme damit ein Eingriff in den lebenden Organismus ist. Manche sprechen hier sogar davon, dass der Mensch erst durch die Organentnahme getötet wird. Können Sie beruhigen?

Yildiz: Ja, voll und ganz. Wie gesagt, der unumkehrbare Ausfall aller Hirnfunktionen ist eine zwingende Voraussetzung für die Organentnahme. Mit der Diagnose Hirntod ist der Tod des Menschen nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt.

Als Transplantationsmediziner:innen haben wir genauso eine Verantwortung gegenüber Spender:innen wie gegenüber Empfänger:innen eines Organs. Wir fühlen uns dem Wohle aller Patient:innen gleichermaßen verpflichtet.

"Abstimmung 21": Was die doppelte Widerspruchslösung bedeutet

Entschieden werden soll nun über die doppelte Widerspruchslösung. Was genau bedeutet das?

Yildiz: Im Rahmen der "Abstimmung 21", der ersten selbst organisierten Volksabstimmung in der Bundesrepublik Deutschland, soll zeitglich mit der Bundestagswahl 2021 unter anderem über die doppelte Widerspruchslösung ein Volksentscheid erfolgen.

Diese Regelung besagt, dass im Falle eines unumkehrbaren Ausfalls der Hirnfunktion erstmal jeder als Organspender:in gilt, der nicht zu Lebzeiten aktiv widersprochen hat. Mit doppelt ist gemeint, dass Angehörige oder Bevollmächtigte entscheiden müssen, falls kein Widerspruch des Verstorbenen nachweisbar ist.

Das Entscheidende an dieser Regelung ist aus meiner Sicht, dass zugleich eine Entscheidung zu Lebzeiten zur Verpflichtung gemacht und ein bundesweites Register eingeführt werden soll. Ich begrüße das sehr. Als Transplantationsmediziner müssen wir den Willen der Verstorbenen in jedem Fall befolgen. Dafür müssen wir aber wissen, wie er oder sie sich zu Lebzeiten entschieden hat. Ich halte es zudem auch nicht für richtig, diese Entscheidung Angehörigen oder Bevollmächtigen aufzubürden – erst recht nicht in einer Zeit der Trauer.

Ob nun für oder gegen die Organspende – in erster Linie ist es meiner Meinung nach wichtig, dass es verpflichtend ist, zu Lebzeiten überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Diese Entscheidung sollte gut informiert erfolgen und muss natürlich auch festgehalten werden. Das wäre für die Transplantationsmedizin sehr hilfreich. Wie bereits erwähnt, sieht die doppelte Widerspruchslösung der "Abstimmung 21" auch die Einführung eines Registers vor. Das heißt, Mediziner:innen müssten dann – per gesetzlicher Pflicht – die Zustimmung oder den Widerspruch für dieses Register erfragen.

Organspende rettet Leben – und zwar so:
Organspende rettet Leben – und zwar so:

Warum gibt es in Deutschland noch kein Organspenderegister?

Yildiz: Dass Deutschland bei der zentralen Erfassung von Gesundheitsdaten im Vergleich zu anderen Ländern doch noch Boden gut zu machen hat, ist durch die Corona-Pandemie besonders deutlich geworden. Und leider gilt das eben auch im Hinblick auf ein Organspenderegister. Aber gemäß der aktuellen Planung des Bundesgesundheitsministeriums, soll das neue Organspenderegister zum 1. März 2022 starten.

Wird im Rahmen der "Abstimmung 21" für die doppelte Widerspruchslösung gestimmt, ist aber ebenfalls ein Register vorgesehen. Hier soll dann hinterlegt werden, ob der Organspende nach dem Tod widersprochen wurde oder eben nicht. Wie bereits erwähnt, sollen Mediziner:innen dann die Pflicht haben, den Zu- bzw. Widerspruch zu erfragen.

Es gab übrigens schon einmal eine Abstimmung zum Thema Organspende – im Bundestag. Damals zog Gesundheitsminister Jens Spahn den Kürzeren und die Organspende in Deutschland blieb nur mit expliziter Zustimmung möglich.

Aufklärung ist wichtig: "Ängste und Vorurteile im Hinblick auf die Organspende abbauen"

Ab welchem Alter und wie oft sollte über Organspende informiert werden und was muss dabei auf jeden Fall geklärt werden?

Yildiz: Für eine informierte Entscheidung zur Organspende ist weit mehr notwendig, als Flugblätter, die im Briefkasten stecken oder in Ämtern zum Mitnehmen bereitliegen. Ich denke, schon Jugendliche sollten bereits während ihrer Schulzeit umfassend und neutral über das Thema aufgeklärt werden, um Ängste und Vorurteile im Hinblick auf die Organspende abzubauen. Dabei sind insbesondere die medizinischen Zusammenhänge relevant, aber sicher auch rechtliche Fragestellungen. Ich empfehle jedem, sich mit dem Thema Organspende aktiv auseinanderzusetzen, um eine fundierte, persönliche Entscheidung treffen zu können.

Teilweise wird übrigens schon in Schulen informiert: In Bayern sollte das Thema Organspende schon 2020 auf dem Lehrplan landen.

Wer darf Organe spenden? Gibt es ein Höchstalter und/oder ausschließende Vorerkrankungen?

Yildiz: Ob die Organe eines Spenders gespendet werden können oder nicht, hängt vom Gesundheitszustand des Verstorbenen und dem Zustand der Organe ab. Es gibt kein Höchstalter. Im Kindesalter treffen die Erziehungsberechtigten die Entscheidung. Ab dem 14. Geburtstag können Jugendliche ihren Widerspruch erklären und ab dem 16. Geburtstag die Bereitschaft zur Organspende.

Von der Organspende ausgeschlossen sind Menschen mit einer aktiven und nicht behandelbaren Infektion sowie mit einer aktiven, bösartigen Tumorerkrankung. Das heißt, es gibt nur sehr wenige Ausnahmen, die eine Organspende per se ausschließen. Liegen andere Erkrankungen vor, wird im Einzelfall medizinisch geprüft, welche Organe gespendet werden können.

"Der Erhalt des Lebens steht immer an erster Stelle"

Wird man anders versorgt, wenn man der Organspende zugestimmt hat? Wird dann trotzdem noch alles getan, um das Leben zu retten?

Yildiz: Als Mediziner:innen sind wir dem Wohl aller Patient:innen verpflichtet. Alle medizinischen Maßnahmen zielen immer darauf ab, Leben zu retten. Dabei spielt es definitiv keine Rolle, ob wir es mit einem potenziellen Organspender oder einer Organspenderin zu tun haben oder nicht. Der Erhalt des Lebens steht immer an erster Stelle.

Auch wenn Sie Ihre Bereitschaft zur Organspende erklärt haben, werden Sie selbstverständlich bestmöglich versorgt: Eine Organspende ist nur bei optimaler intensivmedizinischer Versorgung möglich und somit ein Zeichen des besonderen Einsatzes für den Patienten.

Kann man seine Entscheidung für oder gegen die Organspende noch ändern?

Yildiz: Aktuell kann die Entscheidung jederzeit geändert werden, weil sie an keiner Stelle zentral dokumentiert wird. Wer seine Entscheidung ändert, kann einfach einen neuen Organspendeausweis ausfüllen oder muss gegebenenfalls die Patientenverfügung anpassen. Es ist davon auszugehen, dass auch wenn ein Organspende-Register eingeführt wird, die Entscheidung nachträglich geändert werden kann.

Einen Organspendeausweis zum Ausdrucken gibt es hier zum Download.

Zur Expertin: Dr. Ebru Yildiz ist Leiterin des Westdeutschen Zentrums für Organtransplantation der Universitätsmedizin Essen.

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