Aktualisiert: 15.05.2021 - 20:52

Diabetes einfach wegoperieren? Adipositas-OP: Wem eine Magenverkleinerung wirklich etwas bringt

Von Gabriele Eisenrieder

Welche Art der Adipositas-OP die richtige ist, hängt ganz individuell von der Person ab. Ein Beratungsgespräch sowie vorherige Therapien sind daher immer notwendig. Und auch die Nachsorge sollte immer wahrgenommen werden.

Foto: Getty Images/Tetra Images

Welche Art der Adipositas-OP die richtige ist, hängt ganz individuell von der Person ab. Ein Beratungsgespräch sowie vorherige Therapien sind daher immer notwendig. Und auch die Nachsorge sollte immer wahrgenommen werden.

Wer mit starkem Übergewicht kämpft, leidet oft psychisch und körperlich unter den Folgen der Adipositas. Kann Magenverkleinerung die Lösung sein?

Übergewicht ist zwar überall präsent, aber auf seltsame Weise immer noch ein Tabu. Wer zu viel wiegt, und dadurch z.B. Typ-2-Diabetes entwickelt hat, gilt nicht als "krank", sondern "willensschwach". Nur, wenn es so einfach wäre, ein gesundes Gewicht zu erreichen und zu halten, dann wären nicht die Hälfte aller Frauen (53 Prozent) und zwei Drittel der Männer (67 Prozent) in Deutschland übergewichtig.

Ein Viertel der Erwachsenen ist sogar stark übergewichtig bzw. adipös, das sind 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen. Manche von ihnen entscheiden sich irgendwann für eine Adipositas-OP, also das, was umgangssprachlich meist Magenverkleinerung genannt wird. Manch bekannte Persönlichkeiten, wie Ex-Fußballmanager Reiner Calmund, sprechen offen über ihren Eingriff, viele wollen aber lieber nichts dazu sagen. Verständlich, denn oft herrscht das Vorurteil, eine Magenverkleinerung sei der "bequeme Ausweg", lieber OP statt Diät sozusagen. Das ist allerdings ein großer Irrtum, denn einen Magenbypass oder Schlauchmagen bekommt man in den Adipositas-Fachzentren nicht einfach so.

Warum eine Adipositas-Operation nur Teil einer Behandlungsstrategie sein kann, wie man sich für einen solchen Eingriff überhaupt qualifiziert und welche Methode sogar Typ-2-Diabetes heilen könnte, erklärt hier der Adipositas-Experte Dr. Min-Seop Son. Er ist Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie und behandelt an der AMC-Wolfartklinik täglich Adipositas-Patient:innen.

Wer kommt für eine Adipositas-OP in Frage?

Dr. Son: "Für die Therapie der Adipositas gibt es – wie für viele weitere Erkrankungen – Leitlinien, an denen sich Ärzte bei der Behandlung orientieren. Die häufigsten Methoden der Adipositas- bzw. metabolischen Chirurgie sind der Roux-en-Y Magenbypass und der Schlauchmagen. Nach den Leitlinien soll eine Operation Adipositas-Patienten mit bestimmten Voraussetzungen angeboten werden.

  • Adipositas liegt ab einem Body Mass Index (BMI) von 30 kg/m² vor, wessen BMI zwischen 30 und 34 kg/m² ist, hat Adipositas Grad 1. In diesem Fall wird noch keine Operation empfohlen.
  • Bei Adipositas Grad 2, also einem BMI zwischen 35 und 39, ist der Eingriff empfohlen, wenn es bestimmte Begleiterkrankungen gibt. Dazu zählen u.a. Diabetes, Bluthochdruck, Fettleber oder bei Frauen das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS).
  • Ab einer Adipositas von Grad 3, die ab einem BMI von 40 kg/m² vorliegt, wird auch unabhängig von Begleiterkrankungen zur OP geraten."

Sie kennen Ihren BMI nicht? So werden der Body Mass Index und die Fettverteilung berechnet.

Was sind weitere Voraussetzungen für eine Magenverkleinerung?

Dr. Son: "Nach einer sorgfältigen Diagnose zur Adipositas und weiteren Krankheiten beginnt vor einer möglichen operativen Behandlung eine sechsmonatige konservative Therapie. Dazu gehört eine Ernährungsumstellung in Zusammenarbeit mit Ernährungsberater:innen, Verhaltens- und Bewegungstherapie. Erst wenn hierdurch keine ausreichende Gewichtsreduktion zu erreichen ist, kommt als nächster Schritt die Operation. Nur wenn sehr extreme Adipositas vorliegt, verzichtet man auf diese konservative Therapie, da bei einem BMI von >50 kg/m² mit keiner ausreichenden Gewichtsreduktion zu rechnen ist. Oder die Betroffenen sind durch ihre Krankheit so eingeschränkt, dass sie die Therapie nicht mitmachen könnten, z.B. weil sie das Haus nicht mehr verlassen können. Außerdem besteht ein hohes Risiko, dass sie zeitnah schwere gesundheitliche Folgeschäden davontragen oder sogar versterben würden."

Was sind die Vor- und Nachteile von Magenbypass und Schlauchmagen?

Dr. Son: "Es ist immer eine Einzelfallentscheidung, welche OP-Methode für welchen Patienten gewählt wird. Pauschal kann man nicht sagen, ob ein Magenbypass oder ein Schlauchmagen 'besser' ist."

Die zwei häufigsten Adipositas-OP-Methoden im Überblick:

Schlauchmagen

  • Eingriff: Ein Teil des Magens wird vollständig chirurgisch entfernt. Übrig bleibt ein ca. zwei bis drei cm schmaler Schlauch (Restmagen), durch den deutlich weniger Nahrung aufgenommen werden kann.
  • Wirkung: Das Sättigungsempfinden setzt durch das kleinere Magenvolumen viel schneller ein. Außerdem weisen Studien darauf hin, dass die Produktion des sogenannten Hungerhormons Ghrelin deutlich verringert wird.
  • Nachteile: Ein Teil der Schlauchmagenpatienten kann neue Refluxbeschwerden, wie Sodbrennen, entwickeln.
  • Besonderheiten: Ein Vorteil des Schlauchmagens liegt darin, dass die Operationsdauer meist kürzer ist als bei einem Magenbypass. Die Methode wird außerdem als sogenannter Ersteingriff (Bridging) bei extrem adipösen Menschen empfohlen. Wenn sie erheblich Gewicht verloren haben, kann dann eine zweite Operation angeraten sein, z.B. die Umwandlung in einen Magenbypass.

Magenbypass

  • Eingriff: Der Magen wird deutlich verkleinert, sodass sehr viel weniger Nahrung aufgenommen werden kann. Allerdings wird dafür nur ein Großteil des Magens operativ abgetrennt, aber nicht entfernt. Außerdem wird der Dünndarm so umgeleitet (Bypass), dass sich Nahrung und Verdauungssäfte erst später im Dünndarm vermengen können.
  • Wirkung: Ein Teil der Kalorien (Fette und Zucker) können nicht verdaut werden, sondern verlassen den Körper wieder mit dem Stuhl. Zusätzlich kommt es zu einer hormonellen Umstellung, was sich wiederum positiv auf den Stoffwechsel auswirkt
  • Nachteile: Nicht nur Fette und Zucker, sondern auch Nährstoffe, Vitamine und Spurenelemente können vom Organismus durch diese operative Maßnahme schlechter aufgenommen werden.
  • Besonderheiten: Es hat sich gezeigt, dass gerade schlecht einzustellender Typ-2-Diabetes durch einen Magenbypass erheblich verbessert wird oder sogar ganz verschwindet. Das liegt nicht nur am allgemeinen Abnehm-Effekt, der vermutete Grund ist, dass die Nahrung früher bestimmte Abschnitte des Verdauungssystems passiert. Hierdurch werden gewisse Hormone noch stärker ausgeschüttet, die die Wirksamkeit von Insulin im Körper erhöhen.
Diabetes Dr. Wimmer
Diabetes Dr. Wimmer

Wie lange sind der Klinikaufenthalt und die Heilungsphase nach der OP?

Dr. Son: "Die Eingriffe erfolgen immer stationär, dafür kommen Sie am Tag vor der OP in die Klinik. Nach dem Eingriff bleiben die Patient:innen noch durchschnittlich fünf Tage zur Beobachtung. Stärkere körperliche Belastung und Sport sind in der Regel nach vier bis sechs Wochen wieder möglich."

Was sind kurz- und langfristige Risiken bei Magenbypass und Schlauchmagen?

Dr. Son: "Wie bei jeder Operation besteht auch beim Eingriff zum Magenbypass und zum Schlauchmagen das Risiko von Komplikationen, wie z.B. Blutungen und Narkose-Probleme. Allerdings können Adipositas-OPs mittlerweile in spezialisierten Zentren als Routineeingriffe bezeichnet werden, das Sterbe- und Komplikationsrisiko ist wie bei einem Eingriff zu einem Leistenbruch oder einem Kaiserschnitt. Adipositas-Chirurgie findet minimalinvasiv statt, das heißt, es wird über kleine Schnitte in der Bauchdecke operiert.

Langfristige Schwierigkeiten sind vor allem dann wahrscheinlich, wenn Patient:innen nicht mehr regelmäßig zur Nachsorge-Untersuchungen kommen. Wenn der Magen stark verkleinert wird, kann sich in ihm ein starker Druck ausbilden, was wiederum zu Sodbrennen und Speiseröhrenentzündungen führen kann. Außerdem können Nährstoffmängel entstehen, die durch entsprechende Präparate ausgeglichen werden müssen."

Welche Effekte kann man von einer Adipositas OP erwarten?

Dr. Son: "Allgemein hat sich gezeigt, dass durch Adipositas-Chirurgie die Wahrscheinlichkeit der Gewichtsabnahme steigt und bestehende Krankheiten – wie z.B. Diabetes mellitus Typ 2 – verbessert werden. Außerdem sinkt die Gefahr für Folgeschäden durch Adipositas. Allerdings hängt die dauerhafte Gewichtsabnahme sehr stark davon ab, ob die Patient:innen es schaffen, langfristig gesunde Gewohnheiten beizubehalten."

Wie kommt es zur Gewichtszunahme trotz Magenverkleinerung?

Dr. Son: "Wichtig: Magenbypass oder Schlauchmagen sind immer nur ein Teil einer multimodalen Therapie! Auch nach dem Eingriff müssen die Patient:innen in der Lage sein – immer mit fachlicher Unterstützung – einen gesunden Lebensstil beizubehalten. Deshalb ist die medizinische und psychologische Nachsorge so wichtig.

Es ist jedoch nicht richtig, den Betroffenen fehlende Disziplin oder Faulheit zu unterstellen. Adipositas ist eine komplexe Krankheit, die natürlich durch den modernen Lebensstil – mit wenig Bewegung und ständig verfügbarer, hochkalorischer Nahrung – begünstigt wird. Jedoch wird den Betroffenen oft suggeriert "selbst schuld" zu sein und deshalb gar keinen Anspruch auf medizinische Hilfe zu haben. Das ist natürlich für die Psyche und das Fortschreiten der Krankheit fatal.

Als Gesellschaft müssen wir da wirklich noch aufgeklärter und toleranter werden. Adipositas ist kein 'Lifestyle-Problem', sondern eine gravierende, chronische und v.a. lebenszeitverkürzende Erkrankung."

Menschen wie Reiner Calmund, der offen über seine Magen-OP redet, sind daher wichtig, um mit den Stigmatisierungen zu brechen.

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Unser Experte Dr. Min-Seop Son ist Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Adipositas-Chirurgie im Zentrum für Adipositas- und Metabolische Chirurgie der AMC-WolfartKlinik in Gräfelfing.

Mehr Infos zum Thema Diabetes Typ 2 und welche Rolle das Gewicht dabei spielt, finden Sie auch auf unserer Themenseite.

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