Aktualisiert: 08.06.2021 - 14:21

Bessere Schutzwirkung, mehr Nebenwirkungen? Kreuzimpfung: Erst ein Vakzin, dann ein anderes

Erst AstraZeneca, später Moderna oder Biontech? Kreuzimpfungen könnten auf viele von uns zukommen. Experten erkennen sogar besseren Impfschutz.

Foto: Getty Images/Westend61

Erst AstraZeneca, später Moderna oder Biontech? Kreuzimpfungen könnten auf viele von uns zukommen. Experten erkennen sogar besseren Impfschutz.

Das Thema Kreuzimpfung beschäftigt schon seit ein paar Wochen die, die erst das Vakzin von AstraZeneca erhalten hatten und für die Zweitdosis umschwenken sollten oder durften. Es wird aber zukünftig voraussichtlich noch viel mehr von uns betreffen. Was ist zu beachten, ist der Impfschutz dann überhaupt gegeben und vor allem: Ist das gefährlich? Zumindest mehr Impfreaktionen werden vermeldet. Hier gibt's Antworten.

Erst gab es eine Impfdosis mit AstraZeneca und dann den Aufschrei: Aufgrund von Fällen einer seltenen Nebenwirkung sollten vor allem Jüngere plötzlich beim zweiten Termin einen der mRNA-Impfstoffe bekommen. Mittlerweile können Betroffene oft mitentscheiden, welcher Impfstoff für die Zweitdosis genutzt werden soll. Und langfristig wird diese Entscheidung wohl viele von uns betreffen. Aber wie ist das eigentlich mit diesen Kreuzimpfungen, oder medizinisch heterologen Corona-Impfungen? Die ersten laufen bereits und die Impfreaktionen scheinen etwas höher zu sein – sind aber bisher alle schnell vorbei.

Kreuzimpfung gegen Covid-19: Besserer Schutz, stärkere Reaktion?
Kreuzimpfung gegen Covid-19: Besserer Schutz, stärkere Reaktion?

Kreuzimpfung: Charité-Studie zeigt gute Wirksamkeit und Verträglichkeit

Aktuell kann jeder über 18 Jahre, der möchte, sich nach ausführlicher Beratung mit den Vektor-Impfstoffen Vaxzevria von AstraZeneca und Janssen von Johnson & Johnson impfen lassen. Viele lehnen diese Impfstoffe allerdings aufgrund vermeintlich geringerer Wirksamkeit ab. Davon abgesehen, dass alle Impfstoffe sehr gut vor schweren Verläufen schützen, könnten sie damit dem ultimativen Schutz gegen Covid-19 eine Absage erteilen.

Aber dazu später mehr. Vor allem wird die heterologe Impfung deshalb gewählt, weil es im Zuge der Impfungen mit Vaxzevria zu zwar sehr seltenen, aber schweren Komplikationen gekommen war. Vor allem jüngeren Menschen wird daher das Angebot gemacht, sich nach erfolgter Erstimpfung mit Vaxzevria zur Zweitimpfung für Comirnaty (Biontech/Pfizer) zu entscheiden. Das war mitunter auf Irritation gestoßen, handelt es sich doch um zwei verschiedene Impfstoffarten: Während AstraZeneca bei Vaxzevria mit einem Vektorvirus gearbeitet hat, ist Comirnaty von Biontech und Pfizer ein mRNA-Impfstoff.

Jetzt gibt es neue Daten zur Verträglichkeit, und die kommen direkt von der Berliner Charité: Man hatte hier Wirksamkeit und Verträglichkeit zur Impfkombination Erstimpfung Vaxzevria und Zweitimpfung Comirnaty (Biontech/Pfizer) überprüft. Und laut der Studie ist eine Kombination der Präparate in einem Abstand von zehn bis zwölf Wochen gut verträglich und rufe zudem vergleichbare Immunantworten zu homologen Impfserien hervor, bestätigt etwa Charité-Forscher und Seniorautor der Studie, Leif Erik Sander, auf Twitter:

Vergleichbare Reaktionen auf die Impfung

Eingeflossen in die Studie sind die Daten von 340 Mitarbeitenden des Gesundheitswesens, die zwischen Ende Dezember 2020 und Ende Mai 2021 an der Charité geimpft worden waren. Dabei war eine Gruppe zweifach mit Comirnaty im Abstand von drei Wochen geimpft worden, während die zweite Gruppe erst Vaxzevria und dann zehn bis zwölf Wochen später Comirnaty erhalten hatte.

Insgesamt zeigte sich auch bei der heterologen Impfserie eine gute Verträglichkeit, die Reaktionen auf die Impfung hätten im Großen und Ganzen denen entsprochen, die auch bei der reinen Comirnaty-Impfung auftreten können: Schmerzen an der Einstichstelle bzw. am Impfarm in mildem bis moderatem Umfang seien die häufigsten Beiwirkungen gewesen.

Generell zeigte sich, dass sich nach Erstimpfung mit Vaxzevria sowie nach homologer Zweitimpfung mit Comirnaty (nach vorheriger Erstimpfung mit Comirnaty) am häufigsten systemische Reaktionen wie Fieber, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Myalgie und Fatigue auftraten. Diese traten nach der Erstimpfung mit Comirnaty sowie nach der heterologen Zweitimpfung seltener auf. Lebensbedrohliche Ereignisse habe es keine gegeben.

Stärkere Antikörper- und T-Zell-Antwort bei Kreuzimpfung

In der Wirkung zeigte sich sogar ein gewisser Vorteil der heterologen Impfung: Die Antikörperantwort war sowohl nach homologer Comirnaty-Impfung als auch nach Kreuzimpfung sehr hoch und robust in vergleichbarem Umfang. Einen Vorteil habe es aber in der T-Zell-Antwort gegeben. Die sei nach der heterologen Zweitimpfung signifikant höher gewesen als nach der homologen Impfung nur mit Biontech/Pfizer-Vakzin.

Die Studie ist allerdings noch nicht fertig, es handelt sich derzeit noch um Zwischenergebnisse, die zudem noch nicht von unabhängigen Forschenden geprüft worden sind. Dennoch ist die Tendenz durchaus positiv.

Mausstudie beweist starken Schutz

Dass die Kreuzimpfung eine stärkere Immunantwort hervorrufen kann, zeigte bereits eine Studie an Mäusen, die der Molekularbiologe Martin Moder kürzlich unter anderem auf Facebook angesprochen hatte:

In einer Studie wurden Mäuse mit verschiedenen Corona-Impfstoffen geimpft. Zwar waren das andere als die hier zugelassenen (mRNA-Impfstoffe Biontech/Pfizer und Moderna sowie Vektorimfpstoffe AstraZeneca und Johnson & Johnson), jedoch wurde auch hier auf einen mRNA-Impfstoff und einen Vektorimpfstoff zurückgegriffen. Es wurde nun geschaut, wie gut sich ein Impfschutz aufgebaut hat, je nachdem, in welcher Kombination man die Impfstoffe gegeben hat.

Moder erklärt: "Der höchste Antikörper-Titer wurde erreicht, wenn die Mäuse als erstes mit einem Vektorimpfstoff geimpft wurden und man als zweite Dosis den RNA-Impfstoff gab. Das würde bei uns z. B. dem Schema entsprechen: erste Impfung AstraZeneca, zweite Impfung BioNTech."

Impfstoffe lösen minimal unterschiedliche Immunantwort aus

Der Molekularbiologe stellt aber auch klar, dass man diese Maus-Studie natürlich nicht 1:1 auf den Menschen übertragen könne. Erstens aufgrund der Mäuse und zweitens aufgrund der genutzten Impfstoffe. Doch das Prinzip sei das gleiche und es wäre seiner Meinung nach "nicht überraschend, wenn eine derartige Kreuzimpfung auch bei uns einen besonders guten Schutz bietet."

Der Grund dafür ist die etwas unterschiedliche Art der Immunantwort, die die beiden Impfstoffarten auslösen – auch wenn beide mit demselben Wirkprinzip arbeiten, nämlich dem Aufbau eines Spike-Proteins, auf das das Immunsystem dann reagiert. Ganz allgemein sagt Moder: "RNA-Impfstoffe lösen eine hervorragende Antikörperbildung aus. Vektor-Impfstoffe hingegen sind besonders gut darin T-Zellen zu bilden. Das wurde auch in dieser Arbeit noch einmal bestätigt. Eine Kreuzimpfung könnte besonders vorteilhaft sein." Das zeigt sich nun also auch in der Charité-Studie.

Warum die Kreuzimpfung so gut funktionieren dürfte, erklärt Dr. Torben Schiffner von der Universität Leipzig gegenüber dem mdr: "Alle derzeit zugelassenen Impfstoffe basieren auf dem gleichen viralen Protein, nämlich dem sogenannten Spike-Protein von SARS-CoV-2. Daher erwarte ich, dass eine "Kreuzimpfung" (in der Fachsprache heterologe Prime-Boost-Impfung genannt) problemlos möglich sein sollte."

Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es
Vektor, Totimpfung, mRNA? Diese Impfstoff-Arten gibt es

Das sagen andere Experten

Leif Erik Sander hatte sich zuvor schon in positiver Erwartung der heterologen Impfung gegenüber geäußert: "Aus immunologischer Sicht kann eine solche Kombination sogar vorteilhaft sein und die Impfantwort des Immunsystems sogar verstärken. Ich erwarte mir von dieser Kombination daher eine gute Sicherheit und eine sehr gute Wirksamkeit mit einem exzellenten Schutz vor der Covid-19-Erkrankung", sagt er in einem Twitter-Video:

Ähnliches Prinzip: Booster-Impfung nach Erkrankung

Ähnlich sieht das Ganze übrigens bei den Booster-Impfungen nach bereits durchgestandener Covid-19-Erkrankung aus: Auch hier wird mittlerweile empfohlen, frühestens sechs Monate nach der Infektion eine einzelne Impfdosis zu geben. Die wiederum scheint nämlich die durch die Krankheit erhaltene Immunantwort, die relativ schnell zu verschwinden scheint, weiter aufzubauen und zu verstärken.

Mehr dazu: Covid-19 überstanden? Einmalige Impfung schützt vor Varianten

Und auch zukünftig wird das Thema Kreuzimpfung wohl für viele von uns relevant werden – insbesondere dann, wenn die Studiendaten Positives zeigen. Denn die EU plant, den Vertrag mit AstraZeneca zu beenden, da diese vermehrt Probleme bei den Lieferungen gezeigt hatten. Gleichzeitig aber werden die Verträge mit mRNA-Impfstofflieferanten ausgeweitet. Zudem werden auch Folgeimpfungen gegen das Coronavirus immer wahrscheinlicher.

Aber: Ist die Mischung nicht vielleicht gefährlich?

Abschließend stellt sich dennoch eine Frage: Die Impfstoffe – mRNA und Vektor – sind ja ganz unterschiedlich aufgebaut. Könnte es zwischen den gespritzten Substanzen selbst nicht unerwünschte Reaktionen geben? Die Antwort hier ist ganz klar: nein. Denn der Impfstoff selbst baut sich sehr schnell wieder ab. Was bleibt, ist die Immunantwort des Körpers. Da die Zweitimpfung erst Wochen später erfolgt, kommen sich die Impfstoffe daher nicht in die Quere. Alles, was bei den Impfungen passiert, ist, dass das Immunsystem etwas unterschiedlich angeregt wird – und dadurch eben vermutlich einen umfassenderen Schutz gegen das Coronavirus aufbaut.

Weitere Infos: Zweitimpfung nach AstraZeneca: Das müssen Sie jetzt wissen!

_________

Studien:

Weitere Quellen: mdr.de, hna.de

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Die neuesten Videos von BILD der FRAU

Beschreibung anzeigen
Eine Webseite der FUNKE Mediengruppe