Aktualisiert: 10.05.2021 - 16:46

EMA-Risikoanalyse Nutzen vs. Risiken: Bei wem der Nutzen von AstraZeneca überwiegt

Jetzt Vaxzevria von AstraZeneca oder mitunter noch ein paar Wochen bis Monate warten und einen der mRNA-Impfstoffe nutzen? Eine Risikoanalyse der EMA erleichtert die Entscheidung.

Foto: IMAGO / Sven Simon

Jetzt Vaxzevria von AstraZeneca oder mitunter noch ein paar Wochen bis Monate warten und einen der mRNA-Impfstoffe nutzen? Eine Risikoanalyse der EMA erleichtert die Entscheidung.

Der Impfstoff Vaxzevria von AstraZeneca steht aufgrund seltener Nebenkomplikationen noch immer in der Kritik, dennoch wollen ihn auch viele Jüngere. Die EMA hat nun eine Nutzen-Risiken-Analyse herausgegeben, die zeigt, wann und bei wem der Nutzen der Impfung überwiegt und wer durchaus noch warten kann.

Jetzt impfen lassen oder noch warten? Mit der Freigabe des AstraZeneca-Impfstoffes Vaxzevria für alle stellen sich viele derzeit die Frage. Auf der einen Seite steht der schnellere Schutz vor Covid-19, vor allem vor schweren Verläufen und Todesfolge. Auf der anderen Seite steht eine durchaus ernstzunehmende Komplikation, die zwar sehr selten ist, aber deren Risiko je nach Corona-Infektionsrisiko/Inzidenz sowie persönlichem Risiko etwa durch Alter in manchen Fällen auch überwiegen kann. Das zeigt nun eine Risikoanalyse der EMA zum Impfstoff von AstraZeneca und Covid-19.

Mit AstraZeneca impfen oder nicht? EMA vergleicht Risiken

Wer möchte, der kann schon jetzt: Vaxzevria ist für alle ab 18 Jahren freigegeben und darf damit auch an deutlich Jüngere verimpft werden, als von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen. Voraussetzung dafür ist ein beratendes Gespräch im Vorfeld inklusive individueller Risikenanalyse. Darunter fallen etwa auch die Fragen, wie hoch man das persönliche Infektionsrisiko (etwa durch Arbeit, familiäre Umgebung etc) einschätzt und ob Vorerkrankungen bestehen.

Wie hoch ist aber das Risiko, in einem bestimmten, vor allem jungen, Alter schwer an Covid-19 zu erkranken? Und wie hoch ist das Risiko, insbesondere für Jüngere, eine Sinusvenenthrombose zu erleiden? Genau das zeigt die Analyse der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) vom April nun.

Die Kernaussage: Der Nutzen der Impfung mit Vaxzevria steigt mit zunehmendem Alter und höherer Infektionsrate. Bei mittleren bis hohen Inzidenzen sei die Gefahr, schwer – inkl. intensivmedizinischer Behandlung – an Covid-19 zu erkranken, in allen Altersgruppen höher als das Thromboserisiko nach einer Impfung – und eine schnellere Impfung daher vorzuziehen.

Nutzen der Impfung überwiegt fast immer

Untersucht hatte die EMA die Risikoverteilung bei niedrigen monatlichen Infektionsraten (Inzidenzen) mit 55 Infektionsfällen auf 100.000 Personen, bei mittleren Raten mit 401 Fällen pro 100.000 Personen sowie hohen Infektionsraten mit 886 Infizierten pro 100.000 Menschen. Bezogen hat man sich dabei auf die Prävention von Krankenhauseinweisungen, Intensivbehandlung und Todesfällen im Vergleich zu einer 80-prozentigen Wirksamkeit von Vaxzevria bei vollständigem Impfschutz.

Das Ergebnis: Das Risiko der Impfung überwiegt ihren Nutzen nur im Szenario durchgehend niedriger Inzidenzen in der Altersgruppe 20 bis 50.

Anhand aktueller Inzidenzen: Nutzen überwiegt klar

Derzeit liegen die Inzidenzen deutschlandweit allerdings noch höher, nämlich bei rund 120. Auf diesen Wert hatte das Potsdamer Hardig-Zentrum für Risikokompetenz die Zahlen der EMA umgerechnet, zu finden hier auf der Seite hardingcenter.de. Schon hier zeigte sich, dass der Nutzen der Impfung das Risiko seltener Hirnvenenthrombosen in allen Altersgruppen überwiegt. Sprich: Eine Impfung mit AstraZeneca ist jetzt für jeden Erwachsenen sinnvoll – sofern keine persönlichen gesundheitlichen Gründe dagegen sprechen. Diese sind mit den impfenden Ärzten daher immer abzusprechen!

Eine ähnliche Analyse hatte übrigens im April schon das Winton Centre Cambridge für eine Inzidenz von 60 in Großbritannien aufgestellt. Auch hier zeigte sich: Der Nutzen der Impfung überwiegt bei allen das Risiko, sobald sie regelmäßigen Kontakt mit anderen haben. Quarks hatte die folgende Grafik zu den Ergebnissen aufgestellt:

Wichtig: Individuelles Risiko mit einbeziehen

Natürlich muss das individuelle Covid-Risiko mit einbezogen werden. Ein junger Mensch ohne signifikante Vorerkrankungen, der alleine lebt, kaum Besuch bekommt und das Haus selten verlässt, hat natürlich ein sehr geringes Risiko, sich irgendwo mit dem Coronavirus anzustecken, während sich etwa Menschen, die täglich zur Arbeit gehen, täglich einem Risiko aussetzen.

Zudem sind die Thrombose-Zahlen, die die EMA nutzen konnte, nur unter Vorbehalt zu verstehen. Sie unterscheiden nicht zwischen Männern und Frauen. Möglicherweise haben Frauen aber ein höheres Risiko, die seltenen Hirnvenenthrombosen zu erleiden. Das kann allerdings auch daran liegen, dass anfänglich vermehrt jüngere Frauen mit AstraZeneca geimpft worden waren. Möglicherweise waren die an die EMA übermittelten Daten auch nicht vollständig,wird derzeit kritisiert. Zudem könnte es sein, dass diese Thromboseart bei Älteren bisher einfach nicht besonders aufgefallen ist. Bei Jüngeren werde ja doch mehr hingeschaut, schreibt das ZDF.

Das sagen Experten

Der Sender hatte Expertinnen und Experten zum Thema befragt, die allesamt vergleichbarer Meinung sind: Um die Pandemie zu beenden, sei eine große Menge an geimpften Menschen notwendig, so profitiere die Gesamtheit davon, "wenn sich möglichst viele impfen lassen", zitiert das ZDF den Virologen Martin Stürmer aus Frankfurt. Er rät aber dazu, die Impfung mit Vaxzevria immer nur nach Absprache mit den persönlichen Hausärzten zu nutzen.

Dennoch solle die Einschätzung bei den Leuten persönlich liegen, zusammen mit der Rücksprache mit Hausärzten, sagte Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie an der Uni Groningen dem Sender: "Bei höherem Alter oder Vorerkrankungen, aber auch bei einem großen Risiko auf Infektion, ist das Risiko einer Erkrankung mit schwerwiegenden Folgen sicher größer einzuschätzen als das Risiko durch die Impfung."

Der Dortmunder Virologe Carsten Watzl ergänzt, dass das Risiko für diese speziellen Thrombosen sehr gering sei, das Risiko einer schweren Komplikation durch Covid-19 dagegen für viele "sehr viel höher". Er rät, dass auch Menschen unter 30 sich impfen lassen sollten, rät diesen aber dennoch eher zu mRNA-Impfstoffen.

Nicht mit einberechnet: Impfung könnte gegen Long Covid schützen

Noch nicht mit eingerechnet ist hier aber eines: Long Covid. Die Risikoanalyse der EMA bezieht sich ausschließlich auf Hospitalisierungen und Todesfälle. Außen vor ist bisher das Risiko, an Long Covid zu erkranken, und das trifft auch Jüngere, und auch die, die gar nicht so schwer erkranken. Noch ist unklar, wie gut Impfungen vor Long Covid schützen, jedoch gibt es dazu bereits erste Erkenntnisse. Offenbar sinkt aufgrund der Impfung auch das Risiko für Langzeitfolgen der Infektion. Das liegt zum einen daran, dass das Infektionsrisiko gesenkt ist.

Möglicherweise kann eine Impfung aber auch Long-Covid-Beschwerden lindern. Erste Erkenntnisse dazu gibt es bereits, jedoch muss hier noch genauer untersucht werden. Wenn man Infektions-Langzeitfolgen also mit in die Rechnung hinein nimmt, dürfte sich das Nutzen-Risiko-Verhältnis weiter verschieben – mit Tendenz zum noch höheren Nutzen der Impfungen. Klassische Langzeitfolgen nach einer Impfung sind in dem Sinne wiederum nicht zu erwarten, da Impfungen so nicht funktionieren. Komplikationen treten nach einer Impfung meist innerhalb weniger Stunden bis Tage auf, manchmal nach Wochen oder einigen Monaten. Darüber hinaus, etwa nach Jahren, können keine Schäden einer Impfung mehr auftreten, denn der gesamte Impfstoff wird schnell vom Körper abgebaut. Interessant dazu ist ein Artikel der Pharmazeutischen Zeitung zum Thema Langzeitfolgen bei Impfungen.

Wir räumen außerdem mit Impfmythen auf: Sie sind skeptisch bei der Impfung? Müssen Sie nicht – aus diesen Gründen!

Die meisten sollten jetzt zuschlagen

Als Fazit lässt sich sagen: Bei Inzidenzen wie den derzeitigen über 100 ist eine Impfung auch mit AstraZeneca für fast alle sinnvoll, insbesondere für die, die oder deren Familienmitglieder regelmäßig mit anderen Menschen zu tun haben – vor allem damit auch für Eltern, deren Kinder in Kindergarten oder Schule gehen. Sinken die Inzidenzen unter 50, verschiebt sich das ein wenig. Wer kaum Kontakt zur Außenwelt hat und dazu noch unter 30 Jahre alt ist, hat auch ein geringes Infektionsrisiko und kann mitunter noch warten, bis mehr mRNA-Impfstoffe verfügbar sind.

Wer aber Kontakt zu anderen Menschen und damit ein erhöhtes Infektionsrisiko hat, zudem noch bei hohen Inzidenzen, sollte beachten, dass Sinusvenenthrombosen und andere Thrombosearten auch bei Covid-19 vorkommen können – und zwar viel häufiger als nach einer Impfung.

Zudem weiß man mittlerweile vieles über die Symptome dieser Hirnvenenthrombosen und die erfolgreiche Behandlung. Wird die Komplikation also – dank Aufklärung – schnell erkannt, gibt es Möglichkeiten, sie erfolgreich zu behandeln.

Ganz frisch haben Bund und Länder übrigens auch die Priorisierung für den Impfstoff von Johnson & Johnson für alle ab 18 Jahren aufgehoben. Auch diesen empfiehlt die Stiko für Personen über 60, ebenfalls aufgrund seltener Hirnvenenthrombosen, die die Zahl derer nach Vaxzevria bisher aber unterbietet. Möglicherweise liegt dieKomplikation Hirnvenenthrombose an der Art des Impfstoffes: Beide sind Vektor-Impfstoffe.

Impftermin absagen – und dann?
Impftermin absagen – und dann?

EU lässt Liefervertrag mit AstraZeneca wohl sowieso auslaufen

So wie es aussieht, wird der Impfstoff von AstraZeneca mittel- bis langfristig bei uns sowieso nicht mehr verimpft. Während mehr mRNA-Impfstoffe (größere Lieferungen von Biontech/Pfizer und Moderna sowie geplante Zulassung des Impfstoffes von Curevac) geliefert werden können, will die EU den Vertrag mit AstraZeneca auslaufen lassen. Der Grund ist nicht das Vakzin, sondern die unzuverlässigen Impfstoff-Lieferungen, die, obwohl zugesagt, schon mehrfach gekürzt worden waren. Ursprünglich waren 300 Millionen Impfdosen für das erste Halbjahr 2021 vereinbart worden. Insgesamt liefert das Unternehmen in diesem Zeitraum aber wahrscheinlich weniger als die Hälfte davon aus. Die EU-Kommission hatte dagegen bereits geklagt.

Bekannt gegeben hatte die Entscheidung der EU-Binnenmarktskommissar Thierry Breton gegenüber dem französischen Nachrichtensender France Inter. Entsprechend sollen die Liefervereinbarungen mit dem britisch-schwedischen Konzert über den Juni hinaus nicht verlängert werden. Das Präparat könne trotzdem bis dahin weiter eingesetzt werden, da es sehr wirksam sei. Man setze nur zur weiteren Versorgung ohnehin verstärkt auf andere Hersteller. So sollen in den kommenden Jahren etwa bis zu 1,8 Milliarden Impfdosen allein von Biontech und Pfizer kommen.

Auch nach einer Impfdosis AstraZeneca kann mit einem mRNA-Impfstoff nachgeimpft werden. Das sei ungefährlich, sagen Experten, vielmehr scheint sich nach bisherigem Stand der Impfschutz sogar zu erhöhen.

Impfen gegen das Coronavirus werden wir wohl sowieso weiterhin müssen. Angesichts sich ausbreitender Mutationen ist der Impfschutz zwar jetzt noch hoch, das kann sich aber durchaus ändern. Zudem ist noch nicht klar, wie lange der Impfschutz anhält. Bei den beiden Impfdosen bei den mRNA-Impfstoffen sowie bei Vaxzevria oder bei der einen Impfdosis, die bei Johnson & Johnson erst einmal ausreicht, wird es daher voraussichtlich nicht bleiben.

Hier finden Sie die Risikoanalyse der EMA in englischer Sprache im Original.

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